
Nun endlich wird auch in Konstanz NS-Opfern gedacht, die Jahrzehntelang ignoriert worden waren: den Misshandelten und Ermordeten von Zwangssterilisierung und „Euthanasie“-Programmen. An sie und die Täter erinnern jetzt fünf Stelen. Bei der Einweihung einer dieser Stelen am Montag wurde klar, wie aktuell das Thema ist. Und wie gefährlich.
„Wir stellen uns heute einer historischen Wahrheit, die es lange schwer hatte, überhaupt ins Bewusstsein der Gesellschaft zu gelangen.“ Mit diesem Satz fasste die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann zusammen, worum es bei der Einweihung ging, zu der am Montag rund hundert Menschen auf der Marktstätte zusammengekommen waren. „Die Bereitschaft zur Erinnerung an die Opfer von Zwangssterilisierungen und „Euthanasie“-Morde“ komme spät, so Assmann: „Sie wurde von einer Generation auf die andere verschoben.“ Aber durch den zeitlichen Abstand habe sie „nicht an Gewicht verloren: Diese Mahnung ist eine wichtige Stütze für unsere Zukunft“.

Die beste Beschreibung der Erinnerung, erläutert die Konstanzer Wissenschaftlerin, habe sie beim polnischen Philosophen Leszek Kołakowski gefunden: „Wir lernen aus der Geschichte, um die Gesichter derer um uns herum zu erkennen, die am meisten unter ihr gelitten haben.“ Und zu denen gehören die lange Zeit namenlosen Opfer von Konstanzer Einrichtungen wie dem ehemaligen Gesundheitsamt (an der Marktstätte 22), dem früheren Erbgesundheitsgericht an der Unteren Laube, der alten Frauenklinik oder dem Krankenhaus. Und das, so Assmann, sei das Neue an den Stelen: „Sie lenken den Blick auf Behörden und Institutionen; damit kommt hier auch einmal die Täterseite mit ins Spiel.“
Und Täter gab es in Konstanz genug: Ferdinand Rechberg zum Beispiel, der besonders eilfertige Leiter des Gesundheitsamts, Kurt Welsch, Chefarzt der Konstanzer Frauenklinik, Freiherr Hofer von Lobenstein und Walter Hermann, beides Chefärzte des Krankenhauses. Mit dabei auch die Herren Amtsgerichtsräte Heidlauff, Sturm, Gerbel, Binder. Sie und andere Mediziner und Juristen hatten die Zwangssterilisierungen und Krankenmorde angeordnet oder umgesetzt , die Nazi-Vorgaben also bereitwillig erfüllt. Dass auf diese Weise die Namen der Täter und ihre Taten jetzt öffentlich sind, ist ein großer Schritt nach vorn.

Drei Grußworte
Vor Aleida Assmann hatte der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt gesprochen, der sich bei vielen bedankte und hervorhob, dass das Stelen-Projekt vom Bürgerbudget der Stadt Konstanz finanziert wurde – ohne allerdings zu erwähnen, dass dieses Bürgerbudget, das einmal zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements gedacht war, in diesem Jahr sang- und klanglos gestrichen wurde. Ein Grußwort kam auch von Katrin Brüggemann, die für die Initiative Stolpersteine sprach, ebenfalls Lob verteilte und daran erinnerte, dass bei einer Stolperstein-Veranstaltung vor zwei Jahren zum Buch „Es konnte alle treffen“ die Idee zu den Stelen aufkam.

Der nächste Grußwortredner Philipp Gärtner, stellvertretender Leiter des Landratsamts, wies darauf hin, dass auch das Landratsamt an den Zwangssterilisierungen beteiligt war: Die damals relativ kleine Behörde mit Sitz im Bezirksamt am Lutherplatz war seinerzeit „zuständig für die Kostenübernahme der Zwangssterilisierungen“. Es sei damit „ein Teil des Geflechts verschiedener Stellen“ gewesen, „die das Verbrechen ermöglichten und ausführten“.
Und dann fügte Gärtner noch ein besonderes Lob hinzu. Er wisse, dass Erinnerungsarbeit „immer Teamwork ist und viele beteiligt sind“, aber einer Person möchte er dann doch „ganz besonders danken“: Sabine Bade, die mit ihrem Aktenstudium und der langjährigen Recherche „dem Gedenken heute den Weg bereitet“ habe. Von Bade stammen übrigens auch die Texte auf den Stelen.
Lange Zeit ausgeblendet
Mit den fünf Stelen, die an die Verfolgung, Verstümmelung und Ermordung von psychisch und physisch eingeschränkten, sozial unerwünschten Menschen erinnern, ist nun ein Thema in der Öffentlichkeit präsent, das in Konstanz lange Zeit im Verborgenen blieb. Während an anderen Orten – wie beispielsweise im politisch eher konservativen Oberschwaben – dieser Nazi-Verbrechen längst gedacht wird, blieben sie in Konstanz im Schatten der institutionellen Geschichtsschreibung, und auch in der im Juni 2022 eröffneten Dauerausstellung des städtischen Rosgartenmuseums „Konstanz im Nationalsozialismus 1933–1945“ wurde die sehr große Opfergruppe unter dem eher verharmlosenden Schlagwort „Repression im Alltag“ abgehandelt.

Dabei war vom Konstanzer Erbgesundsheitsgericht die Unfruchtbarmachung von über tausend Menschen angeordnet worden (darunter mindestens 291 aus Konstanz), und aus der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz (heute ZfP Reichenau) waren 508 Patient:innen deportiert und in den Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar ermordet worden.
Sehr spät dran mit der Aufarbeitung waren auch die Politiker:innen in Berlin: Erst im Januar 2025, also fast achtzig Jahre nach Kriegsende, anerkannte der Bundestag die Opfer des Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und der NS-„Euthanasie“ offiziell als Verfolgte des Naziregimes.
Die langsame Aufarbeitung der Krankenmorde
Noch früher als die zumeist bürgerschaftlichen Initiativen in Ravensburg, Tübingen oder Ulm hatte sich Michael von Cranach, bis 2006 leitender ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, mit der „Aktion T4“ und den Zwangssterilisierungen beschäftigt. Er begann kurz nach seinem Amtsantritt 1980 mit der Aufarbeitung der Geschichte der nationalsozialistischen Psychiatrie-Verbrechen vor Ort. In seiner beeindruckenden Rede zur Konstanzer Steleneinweihung, über die auch im SWR berichtet wurde, skizzierte er, wie es dazu kam, dass „zwischen 1939 und 1944 rund 230.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen von Ärzten, Krankenschwestern und Krankenpflegern ermordet“ wurden. Die Krankenmorde seien der „Probelauf für den Holocaust“ gewesen, sagte von Cranach und erinnerte daran, dass ab 1942 meist dieselben „Teams von Ärzten, Schwestern und Pflegern in Polen in den Konzentrationslagern auftauchten“.

Doch wie ging es nach dem Krieg und der Befreiung vom NS-System weiter? Von Cranach beschrieb in seiner Rede ausführlich den Bericht von drei US-Offizieren, die nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 die Anstalt Kaufbeuren aufgesucht hatten (nachzuhören hier), und schilderte, wie lange es dauerte, bis der westdeutsche Staat begann, Lehren aus der Geschichte zu ziehen: Über drei Jahrzehnte habe es eine „Kontinuität in der ärztlichen, pflegerischen und auch in der gesellschaftlichen Betreuung von psychisch kranken Menschen“ gegeben; erst Mitte der 1970er Jahre wurde eine Psychiatriereform angestossen, deren Umsetzung dann noch mal fünf Jahre dauerte.
1980 dann „sind mehrere von uns jungen Psychiatern in die Anstalten gegangen, um diese Reform umzusetzen“, sagte von Cranach und erzählte, was er dort erlebte (mehr dazu in der Tonaufnahme), dass die Aufteilung in höher- und minderwertige Menschen keine NS-Erfindung war und wie mühsam sich die Aufarbeitung der Nazi-Gräuel auch aufgrund bürokratischer Vorschriften gestaltete. Und selbst heute, so von Cranach, „verstehen wir noch nicht richtig, was Inklusion ist.“ Behinderte seien nicht „Menschen, denen etwas fehlt. Behindertensein ist Ausdruck der Vielfalt des Menschen.“
Gefahren heute
Vielleicht, so hofft von Cranach, werde man bald erkennen, „dass Behinderte einfach Menschen sind, denen man mehr oder weniger helfen muss, wie man uns allen helfen muss, wenn es uns nicht gut geht“. Diesen humanen Blick auf die Gesellschaft teilen jedoch längst nicht alle. So bezeichneten im Januar mehrere Bürgermeister um den Stuttgarter OB Frank Nopper (CDU) die Regelungen zugunsten von Menschen mit physischen und psychischen Einschränkungen als „Schlaraffenland“, von dem man sich aufgrund der prekären Finanzlage der Kommunen verabschieden müsse.

In den USA wiederum plädieren einflussreiche Milliardäre wie Elon Musk und Peter Thiel inzwischen laut- und medienstark für eine Unterscheidung zwischen „wertvollem“ und „weniger wertvollem“ Leben. Um ihre Welt vor dem Untergang zu retten, brauche es vor allem weiße, wohlhabende, gesunde Familien mit traditionell-christlichen Anschauungen und möglichst vielen Kindern. Für sie müssten ausschließlich Menschen mit „guten Erbanlagen“ die Entwicklung bestimmen – eine „makabere Renaissance eugenischen Denkens“.
Und hierzulande? Was passiert, wenn die AfD weiterhin stärker wird? Auf der Grundlage ihrer national-völkischen Vorstellungen von einer „homogenen Volksgemeinschaft“ verfolge die Partei das Ziel, „bestimmen zu können, wer dazugehört und wer nicht“, heißt es in einer Studie des Instituts für Menschenrechte: „Dabei hat sie bereits klar erkennen lassen, dass auch die Abwertung von Menschen mit Behinderungen im Gedankengut der Partei verankert ist.“


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