Demo Tarifkampf Handel Konstanz25.11.23 ©pitwuhrer

„Her mit der Kohle!“

Demo Tarifkampf Handel Konstanz25.11.23 ©pitwuhrer

Zu den Tarifkonflikten, die sich derzeit lange hinziehen, gehört auch der im Einzelhandel. Wie bei der Bahn oder im öffentlichen Dienst der Länder haben die Chefs bisher nur ein miserables Angebot vorgelegt. Dabei müssten gerade die profitablen Handelskonzerne wissen, wie sehr auch sie die Preise in die Höhe getrieben haben.

Es ist schon eine Weile her, dass der Konstanzer Stadtteil mit dem bezeichnenden Namen „Unterlohn“ eine solche Demonstration erlebte. Der letzte Marsch durchs Industriegebiet war möglicherweise die Protestaktion der Stromeyer-Belegschaft, die in den 1980er Jahren um ihre Jobs kämpfte. Doch nun zogen hier Beschäftigte durch die Straßen, die zum Teil mit Bussen aus dem Schwarzwald, dem Neckarraum und von der Alb angereist waren.

Sie hatten ver.di-Fahnen dabei, nutzten die mitgebrachten Trillerpfeifen und hoben in ihren gelben Warnwesten handgemalte Schilder in die Höhe. „Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben!“, stand auf einem Pappkarton. „Es ist nicht deine Schuld, dass das Gehalt ist, wie es ist. Es ist nur deine Schuld, wenn es so bleibt!“, hieß es auf einem anderen. Und vorneweg trugen Streikende ein Transparent mit Bezug zum Black-Friday-Konsumrausch-Wochenende: „BLACK STREIK-DAY“.

Die kollektive Gegenwehr ist angesichts der Unnachgiebigkeit des Handelsverbands HDE auch nötig. Seit acht Monaten laufen die Verhandlungen schon – und noch immer bieten die Handelsunternehmen nur eine Reallohnkürzung an. Mehr noch: Zwei Tage vor der Konstanzer Demo hatte der HDE in einer konzertierten Aktion beschlossen, bereits vereinbarte Verhandlungstermine abzusagen und die Gespräche in regionalen Tarifrunden zu beenden. Damit untergraben die Unternehmen die Autonomie der basisnäheren Lohnkommissionen in den Bundesländern.

Schilder Tarifkampf Handel Konstanz 25.11.23 ©pitwuhrer
Demoschild während des Tarifkampfes im Konstanzer Einzelhandel. Bild: Pit Wuhrer.

Und dann sind da die Spaltungsversuche mancher Konzerne. So hat beispielsweise Kaufland, Teil des Handelsimperiums der inzwischen global agierenden Schwarz-Gruppe, den Vollzeitarbeitskräfte eine Sonderprämie in Höhe von 500 Euro geboten. „Aber wie viele Vollzeitkräfte gibt es überhaupt?“, fragte ver.di-Sekretärin Caroline Kirchhoff auf der Abschlusskundgebung vor dem Bodensee-Forum. „Zahlen wir Teilzeitbeschäftigten nur eine Teilzeitmiete, essen wir nur die Hälfte?“

Streikbruch bei Kaufland

Das Unternehmen wolle die Streikenden nur auseinanderdividieren. „Aber das wird ihm nicht gelingen“, sagte Kirchhoff  – und erhielt dafür viel Applaus auch von den streikenden Konstanzer Kolleg:innen. An diesem Shopping-Samstag (es waren viele Schweizer Autos unterwegs) hatten Beschäftigte der hiesigen Filialen von H&M, Zara, Esprit und Media-Markt die Arbeit niedergelegt. Ebenfalls im Streik standen zudem Lohnabhängige der zwei Konstanzer Kaufland-Filialen.

Diese hatten bereits besondere Erfahrungen mit dem Management gemacht: Es bietet, so eine Mitteilung von ver.di im August, Streikbrecher:innen eine Prämie in Höhe von 110 Euro pro Arbeitstag, wenn sie sich in bestreikten Kauflandfilialen einsetzen lassen. Vor allem aus der Filiale in Bad Dürrheim sollen schon Streikbrecher:innen nach Singen, Radolfzell oder Konstanz geschickt worden sein. Daher kam es dort am 21. August zu einer speziellen Protestaktion.

Allen Widrigkeiten zum Trotz: Die Beschäftigten im Einzelhandel werden so schnell nicht lockerlassen. Und ihre Streiks fortsetzen. „Wie heißt die Parole?“, lautete einer ihrer Sprüche auf dem Weg durchs Industriegebiet: „Her mit der Kohle!“. Und auch das stand (an die Adresse der Konzerne) auf einem der selber bemalten Kartons: „Eure Ware ist discount-billig. Wir nicht!“

Text und Fotos: Pit Wuhrer

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