
In letzter Zeit protestierten Fachkräfte und Studierende immer wieder gegen Gesetzesvorlagen der Regierung im Sozialbereich. seemoz sprach mit den Psychologischen Psychotherapeutinnen Johanna Fiess und Mareike Ott über Kürzungen, Wartelisten und den Protest für ein starkes Gesundheits- und Sozialwesen.
seemoz: Ihr habt in den vergangenen Monaten eine Reihe von Aktionen organisiert: eine Rede auf der Maifeier der Gewerkschaften im Stadtgarten, Kundgebungen und Demonstrationen am 20. Mai und am 10. Juni – und nun die BUGS-Mahnwachen jeweils dienstags auf der Marktstätte. Worum geht es?
Johanna Fiess: Die Aktionen wurden von unterschiedlichen Menschen und Gruppen organisiert. Sie haben aber ein gemeinsames Anliegen: Wir wollen verhindern, dass die Versorgung im Gesundheits- und Sozialwesen weiter verschlechtert wird. Bei den Mahnwachen am Dienstag geht es deshalb nicht nur um Psychotherapie, sondern auch um die Folgen von Kürzungen und Sparmaßnahmen für Krankenhäuser, Rettungsdienst, Pflege, soziale Angebote und viele weitere Bereiche.
Mareike Ott: Wir vom Aktionsbündnis Psychotherapie Bodensee bringen dabei vor allem die Perspektive der ambulanten Psychotherapie ein. Ein zentraler Anlass ist das auf Bundesebene beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Ab 2027 werden bislang extrabudgetär vergütete psychotherapeutische Leistungen wieder in ein begrenztes Budget überführt. Es gibt klare Hinweise darauf, dass Praxen deshalb künftig weniger Therapieplätze anbieten können – obwohl die Wartelisten schon jetzt lang sind.
Dr. Johanna Fiess und Mareike Ott
sind Psychologische Psychotherapeutinnen in Radolfzell und Stockach. Fiess ist seit Kurzem niedergelassen und arbeitet außerdem als Honorardozentin an der Universität Konstanz. Ott betreibt ihre Praxis seit rund zweieinhalb Jahren. Beide engagieren sich im bundesweiten Aktionsbündnis Psychotherapie e. V. und haben die Regionalgruppe Aktionsbündnis Psychotherapie Bodensee gegründet. Kontakt: aktionsbuendnis.psychotherapie.bodensee@posteo.de
seemoz: In welchem Umfang könnte das geschehen?
Fiess: Berufsverbände rechnen vor, dass das ambulante Angebot insgesamt um bis zu ein Viertel zurückgehen könnte. Wir bekommen fast täglich Anfragen und müssen Menschen abweisen, die einen Therapieplatz suchen. Wenn zusätzliche Behandlungsplätze nicht mehr verlässlich finanziert sind, verschärft sich diese Lage weiter.
seemoz: Hat das mit der Honorarkürzung zu tun?
Ott: Das ist ein zweites Problem. Der Erweiterte Bewertungsausschuss hat im März beschlossen, die Bewertung fast aller psychotherapeutischen Leistungen zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent abzusenken. Das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg hat die sofortige Vollziehung dieses Beschlusses im Eilverfahren ausgesetzt. Die Kürzung wird deshalb derzeit nicht angewandt; über die Klage in der Hauptsache ist aber noch nicht entschieden. Die Budgetierung durch das Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist davon unabhängig.

seemoz: Ist das ein schmerzhafter Einschnitt? Psychotherapeut:innen haben studiert und verdienen doch gut – kommt es da auf ein paar Prozente an?
Ott: Ich bin seit etwas mehr als zwei Jahren niedergelassen und hatte anfangs tatsächlich gedacht, dass es leichter wäre, wirtschaftlich zurechtzukommen. Studium und psychotherapeutische Ausbildung sind teuer. Über unser Einkommen kursieren viele Modellrechnungen, die mit der Realität einer Praxis wenig zu tun haben. Von den Einnahmen gehen Miete, Versicherungen, Fortbildungen, Kammerbeiträge, Praxissoftware und weitere laufende Kosten ab. Wir sind nicht automatisch privat versichert oder wirtschaftlich mit einer ärztlichen Praxis vergleichbar.
seemoz: Und die Ausgaben sind zuletzt gestiegen?
Ott: Ja. Praxismieten, Büromaterial und die verpflichtenden digitalen Systeme werden teurer. Dazu gehört etwa die Telematikinfrastruktur: Sie ermöglicht die sichere Kommunikation und Abrechnung im System der gesetzlichen Krankenversicherung.
seemoz: Ältere Psychotherapeut:innen sagen allerdings, früher sei noch deutlich weniger verdient worden.
Fiess: Psychotherapie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung ist ein vergleichsweise junges Feld. Psychotherapie wurde 1967 in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen. Kolleg:innen haben lange dafür gekämpft, dass die „sprechende Medizin“ fachlich angemessen vergütet wird. Gleichzeitig wurde das Angebot ausgeweitet; auch ganze Versorgungsaufträge konnten geteilt werden. Das war ausdrücklich von politischer Seite gewollt, damit mehr Behandlungsplätze entstehen. Nun droht diese Entwicklung durch die Rückkehr zur Budgetierung wieder ausgebremst zu werden.
seemoz: Was ändert sich durch die Budgetierung konkret?
Fiess: Entscheidend ist nicht, wie viele Stunden wir theoretisch anbieten dürften. Entscheidend ist, ob wir es wirtschaftlich verantworten können, weitere Menschen in Behandlung aufzunehmen.
Bisher konnten wir einen zusätzlichen Therapieplatz anbieten, wenn jemand dringend Hilfe brauchte und wir die Kapazität dazu hatten. Wir wussten: Die geleistete Behandlung wird zu einem festen Preis vergütet. Mit der Budgetierung wird daraus ein Risiko. Für psychotherapeutische Leistungen steht dann nur noch ein begrenzter Geldtopf zur Verfügung. Ob die Behandlung außerhalb dieses Rahmens vollständig vergütet wird, ist für die einzelne Praxis nicht mehr verlässlich planbar.

Ott: Eine Praxis kann aber nicht dauerhaft Behandlungen anbieten, wenn unklar ist, ob sie dafür am Ende kostendeckend bezahlt wird. Wie gesagt müssen Miete, Versicherungen, Personal, verpflichtende digitale Infrastruktur und die eigene Arbeit finanziert werden. Deshalb werden viele Praxen zusätzliche Therapieplätze aus wirtschaftlicher Verantwortung nicht mehr anbieten können – nicht, weil sie weniger helfen wollen, sondern weil sie das Risiko nicht tragen können.
seemoz: Was bedeutet das für Patient:innen?
Ott: Weniger zusätzliche Therapieplätze bedeuten längere Wartezeiten. Gerade Menschen, die neu anfragen oder dringend Unterstützung brauchen, werden es noch schwerer haben, einen Platz zu finden. Die Budgetierung trifft also nicht nur die Praxen. Sie führt dazu, dass sich die Versorgung stärker danach richtet, was finanziell abgesichert ist – und weniger danach, was Menschen tatsächlich brauchen.
seemoz: Aber hat das nicht auch Auswirkungen auf euer Einkommen?
Ott: Natürlich. Eine Psychotherapiesitzung dauert in der Regel 50 Minuten. Wir können die Behandlung nicht nach zehn Minuten an eine Assistenz weitergeben. Neben den Sitzungen fallen Terminorganisation, Dokumentation, Abrechnung, Berichte und der gesamte Praxisbetrieb an. Wenn wir mehr arbeiten, ohne sicher zu wissen, ob diese Arbeit angemessen vergütet wird, trägt die Praxis das wirtschaftliche Risiko.
seemoz: Würdet ihr dann gratis arbeiten?
Fiess: Nicht unbedingt vollständig gratis. Aber wenn das Budget ausgeschöpft ist, kann die Vergütung für zusätzlich erbrachte Leistungen sinken. Genau diese Unsicherheit ist das Problem: Man nimmt einen Menschen mit dringendem Behandlungsbedarf auf, weiß aber nicht verlässlich, ob die Behandlung am Ende kostendeckend bezahlt wird. Das kann keine gute Grundlage für eine Versorgung sein, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert.
seemoz: Welche Kosten tragt ihr außerdem?
Fiess: Wer gesetzlich Versicherte behandeln will, benötigt einen Versorgungsauftrag. Dieser wird bei einer Praxisübernahme häufig von den Vorgänger:innen übernommen und muss finanziert werden. In unserer Region lag der Preis bei uns bei rund 30.000 Euro für einen halben Sitz. Ich habe meinen Sitz im März zugesprochen bekommen, im April wurde die Honorarkürzung beschlossen, seit 1. Juli arbeite ich mit dem Sitz – und kurz darauf wurde das Beitragssatzstabilisierungsgesetz verabschiedet. Das ist schwer kalkulierbar.
Ott: Viele Kolleg:innen nehmen für die Übernahme einer Praxis Kredite auf und planen ihre Niederlassung langfristig. Wenn sich die Rahmenbedingungen unmittelbar danach verändern, ist das ein erhebliches Risiko.

seemoz: Auf den Konstanzer Protestkundgebungen war auch von einer weiteren Gesetzesreform die Rede. Worum geht es?
Ott: Es geht um die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung. Johanna und ich haben noch Diplom-Psychologie studiert und anschließend eine psychotherapeutische Weiterbildung absolviert, an deren Ende die Approbation stand. Ein Teil dieser Ausbildung bestand aus längeren Tätigkeiten in Psychiatrie und Psychosomatik, die damals häufig unzureichend oder gar nicht vergütet wurden.
Seit der Reform können Menschen Psychotherapie studieren und mit der Approbation abschließen. Danach folgt eine mehrjährige Weiterbildung zur Fachpsychotherapeutin oder zum Fachpsychotherapeuten – vergleichbar mit der fachärztlichen Weiterbildung. Der Aufbau von Weiterbildungsstätten ist derzeit jedoch kaum darstellbar, weil die notwendigen Voraussetzungen fehlen. Für Weiterbildungsambulanzen gibt es zwar inzwischen einen ersten gesetzlichen Ansatz. Er reicht jedoch bei Weitem nicht aus, um die Weiterbildung verlässlich zu organisieren. Supervision, Theorie und Selbsterfahrung werden weiterhin nicht angemessen refinanziert. Deshalb entstehen zu wenige Weiterbildungsstellen – und es ist absehbar, dass künftig qualifizierte Psychotherapeut:innen in der Versorgung fehlen werden.
Fiess: Das verschärft sich durch die bevorstehende Ruhestandswelle. Wenn zu wenige junge Kolleg:innen nachkommen, wird die ambulante Versorgung weiter unter Druck geraten.
seemoz: Gegen Honorarkürzung, Budgetierung und die unzureichend finanzierte Weiterbildung habt ihr zahlreiche Aktionen organisiert. An wen richtet sich der Protest?
Fiess: An die politischen Verantwortlichen, die diese Entscheidungen treffen oder getroffen haben, und an die Parteien. Wir wenden uns besonders an die Abgeordneten der Regierungsfraktionen, weil sie die beschlossenen Regelungen noch nachbessern können. Die Koalition hat zusätzliche Ausnahmen von der Budgetierung für Kinder und Jugendliche, für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und für dringliche Fälle angekündigt. Entscheidend ist, dass daraus verbindliche und wirksame Regelungen werden.
Ott: Der zweite Schwerpunkt ist die Information der Öffentlichkeit. Die Folgen betreffen alle gesetzlich Versicherten. Viele Menschen merken erst im Gespräch, wie komplex die Zusammenhänge sind. Die Kundgebungen sollen deshalb sichtbar machen, was auf dem Spiel steht – und Menschen zum Mitmachen ermutigen.

seemoz: Hat die Politik inzwischen reagiert?
Ott: Wir haben viel kommuniziert, auch schriftlich. Es gab Online-Petitionen und eine bundesweite Postkartenaktion an das Bundesgesundheitsministerium. Allein aus unserer Region wurden rund 500 Karten verschickt. Eine unmittelbare Antwort darauf haben wir nicht erhalten. Wichtiger waren die direkten Gespräche: Zweimal konnten wir der SPD-Bundestagsabgeordneten Lina Seitzl unsere Anliegen schildern.
seemoz: Und wie war die Antwort?
Ott: Wir haben gemerkt, wie komplex die Sachverhalte auch für Politiker:innen sind. Gerade deshalb ist es wichtig, die konkreten Folgen für Praxen und Patient:innen verständlich zu erklären. Entscheidungen sollten erst dann getroffen werden, wenn ihre Folgen für die Versorgung ausreichend geprüft sind.
seemoz: Ihr habt viel Zeit und Energie investiert – und dennoch sind die zentralen Beschlüsse gefasst worden. Wie geht es euch damit?
Fiess: Es ist sehr frustrierend. Wir versuchen, nicht den Optimismus zu verlieren, und nehmen auch kleine Fortschritte ernst. Die Proteste haben sichtbar gemacht, dass Psychotherapeut:innen nicht bereit sind, eine Verschlechterung der Versorgung still hinzunehmen. Bei den angekündigten Ausnahmen von der Budgetierung für bestimmte Gruppen sehen wir Ansatzpunkte – aber Ankündigungen reichen nicht. Gleichzeitig gibt es große Müdigkeit und das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Wir möchten Menschen behandeln, die Unterstützung brauchen, und müssen doch immer wieder absagen, weil die Kapazitäten fehlen.
seemoz: Auf euren Demonstrationen betont ihr, dass Prävention und rechtzeitige Behandlung gesellschaftliche Folgekosten senken können. Warum wird dennoch gekürzt?
Fiess: Ich kann mir kaum vorstellen, dass der Zusammenhang nicht verstanden wird. Vielleicht liegt es auch daran, dass unterschiedliche Töpfe und Zuständigkeiten betroffen sind. Die Folgen zeigen sich häufig erst später.
Ott: Wir weisen zum Beispiel darauf hin, dass die Behandlung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen nicht eingeschränkt werden darf. Wenn ambulante Hilfe zu spät oder gar nicht verfügbar ist, kann sich eine Erkrankung verschlimmern oder chronifizieren. Dann steigt auch der Bedarf an aufwendigeren Behandlungen.
seemoz: Warum nimmt der Bedarf zu?
Ott: Einerseits trauen sich mehr Menschen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen; das ist weniger stigmatisiert als früher. Andererseits haben die Folgen der Corona-Pandemie, gerade bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, viele Menschen belastet. Hinzu kommen gesellschaftliche Unsicherheiten und Krisen. Das kann Ängste verstärken. Gewalt und Belastungen im familiären Umfeld sind ebenfalls weiterhin Realität. Wenn Menschen dann keinen ambulanten Therapieplatz finden, verschlechtert sich ihre Situation oft. Gleichzeitig stehen auch psychiatrische Kliniken unter erheblichem finanziellen Druck.

seemoz: Was hält euch unter diesen Bedingungen im Beruf?
Fiess: Die Arbeit macht unglaublich viel Freude. Es ist ein Privileg, Menschen ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten, wenn sie sich öffnen und lernen, mit ihren Problemen anders umzugehen.
Ott: Und gerade weil diese Arbeit so verantwortungsvoll ist, muss sie verlässlich finanziert werden. Gute Versorgung darf nicht davon abhängen, ob Praxen dauerhaft über ihre wirtschaftlichen Grenzen gehen. In der Diskussion über Bezahlung spielt auch der Geschlechteraspekt eine Rolle. Psychotherapie ist heute ein überwiegend weiblich geprägter Beruf. Die Frage, wie gesellschaftlich wichtige Sorge- und Beziehungsarbeit bewertet und vergütet wird, ist deshalb auch eine Gleichstellungsfrage.
seemoz: Derzeit baut ihr jeden Dienstagnachmittag einen Stand auf der Konstanzer Marktstätte auf. Warum?
Fiess: Um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir sind nicht allein: Das Beitragssatzstabilisierungsgesetz und weitere Sparpläne betreffen unterschiedliche Bereiche des Gesundheits- und Sozialwesens. Deshalb haben wir BUGS gegründet, das „Bündnis für unser Gesundheits- und Sozialwesen“.
Ott: Dabei sind Beschäftigte aus Krankenhäusern, dem Rettungsdienst und der ambulanten Psychotherapie, Studierende sowie weitere Engagierte. Das Aktionsbündnis Psychotherapie Bodensee und ver.di unterstützen die Mahnwachen. Wir wollen nicht locker lassen. Für November ist ein bundesweiter Laternenlauf geplant – damit sich wieder Licht durch Deutschland zieht.
Fotos: Pit Wuhrer
Nächste Aktion
Mareike Ott und Johanna Friess sind am kommenden Dienstag noch einmal auf der Marktstätte in Konstanz aktiv und diskutieren dort über Neugestaltungsmöglichketten in unserem Gesundheits- und Sozialwesen. Thema diesmal: „Wer hilft uns, wenn wir alleine nicht weiterkommen?“ Dienstag, 13. Oktober, 16 Uhr, Kaiserbrunnen auf der Marktstätte Konstanz.
Weitere Informationen
● Pressemitteilung der Regionalgruppe Aktionsbündnis Psychotherapie Bodensee zur ersten Beratung des Bundestags über das Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) am 8. Oktober.
● Diagnose: Krankes System – Protest der Psychtherapeutinnen im Mai 2026
● Pschotherapie retten! – Demo und Kundgebung im Juni 2026


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