1943 bombardierung leningrad © rian archive wikipedia

Wiedergelesen (1): „Die Wolga entspringt in Europa“

Von Helmut Reinhardt
1943 bombardierung leningrad © rian archive wikipedia
Folgen der deutschen Belagerung von Leningrad (Sept. 1941 bis Jan. 1944): Bombenangriff 1943

Am 22. Juni war der 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, der Beginn des als Vernichtungskrieg geplanten „Unternehmens Barbarossa“. Dieses Menschheitsverbrechen lässt zurückblicken – auch auf  fast vergessene Bücher.

„Die Wolga entspringt in Europa“ lautet der Titel einer Sammlung von Kriegsberichten, das 1943 auf Italienisch und 1951 in Deutschland erschienen ist. Sein Verfasser war der Journalist und Autor deutsch-italienischer Herkunft Curzio Malaparte, der – als Curt Erich Suckert 1898 auf die Welt gekommen – als Kriegskorrespondent des Corriere della Sera über den deutschen Angriff auf die Sowjetunion berichtete. 

In der Uniform eines italienischen Offiziers – „embedded“ heißt das heutzutage – war er dabei, als Einheiten der deutschen Heeresgruppe Süd von Rumänien aus über Bessarabien* in die Ukraine vorstießen. Er berichtete darüber so unverfälscht und realitätsnah, dass er nach einigen Wochen Schreibverbot bekam – auch weil er damals schon andeutete, dass dieser Feldzug trotz der anfänglichen Erfolge der gewaltigen deutschen Kriegsmaschinerie und der mit ihnen im Süden verbündeten rumänischen scheitern könnte.

Malaparte war „ein Kriegsberichterstatter, der die Gegenseite kennt und Sympathien für sie hegt“, was an den Lebens- und Reiseerfahrungen seiner früheren Jahre lag, und nun „in einer Gewissensklemme“ steckt, „aus der nur eine schmale Gratwanderung herausführt: Er beseitigt jegliches Parfüm von ,Ideologie’ aus seiner Sprache und macht das Streben nach rein beschreibender Objektivität zu seinem Grundprinzip.“ So charakterisierte Susanne Kebir  in ihrer taz-Besprechung mit dem Titel „Wir siegen uns zu Tode“ das 1990 wieder aufgelegte Buch. 

Ein Krieg zweier Arbeiterheere

„Malapartes Berichte von der ukrainischen Front erschienen in Italien nur wenig zensiert“, heißt es in der Rezension weiter. „So konnte Mißtrauen der Deutschen nicht ausbleiben, und im September 1941 wurde er auf Intervention von Goebbels hin aus dem Frontbereich ausgewiesen. Nach Italien zurückgekehrt, drohte ihm Mussolini mit erneuter Verbannung nach Lipari“, wo Malaparte wegen antifaschistischer Tätigkeit schon einmal festsaß. Der italienische Diktator und Faschist „ließ ihn aber nur vier Monate in Quarantäne versetzen“.

In der Zwischenzeit aber wendete sich die Kriegslage entscheidend. „Nachdem das deutsche Heer sich vor Moskau geschlagen geben und nach Smolensk zurückziehen mußte und sich Malapartes Vorhersagen eines längeren Krieges mit ungewissem Ausgang zu bestätigen schienen, erreichte er es, erneut an die russische Front geschickt zu werden“, schrieb Susanne Kebir in der taz – „wenn auch nicht zu deutschen Einheiten, sondern zu den finnischen Truppen, die vor dem blockierten Leningrad lagen.

 Eine „Arbeiterfestung“ sei das gewesen, so wie Malaparte den Krieg überhaupt „als das gigantische Aufeinanderprallen zweier Arbeiterheere“ (Sabine Kelin) schilderte. Leningrad sei, so Malaparte in einer seiner Reportagen, „ein Beispiel jeder Kunst“ gewesen, „in der sich die Kommunisten auszeichnen“: Eine „moderne Stadt in eine Festung zu verwandeln“. Das zeige, dass man auf den Erfahrungen von Madrid aufgebaut habe – jenem Madrid, das während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) lange die Angriffe der von deutschen und italienischen Faschisten unterstützten Truppen des Putschisten Fanco abwehren konnte.

In seinen Berichten notierte Malaparte, der sich mit seinem Pseudonym bewusst den Bonapartes früherer Zeiten entgegengesetzt hatte, auch den Zustand sehr junger russischer Soldaten, die in finnischer Kriegsgefangenschaft geraten waren. Ihnen waren die Folgen der Einschließung und Belagerung der sich zäh verteidigenden Stadt deutlich anzusehen. Dass auch die finnische Armee an der Hungerblockade, einem Kriegsverbrechen unvorstellbaren Ausmasses, im Norden von Leningrad teilgenommen hatte, wird oft übersehen. Im Jahr 1944 wechselte Finnland die Seiten und beteiligte sich an der Vertreibung der Wehrmacht. 

Neuauflage nach dem Mauerfall

Der Erscheinungstermin von Malapartes Kriegsberichten Anfang 1990 als Taschenbuchausgabe war kein Zufall und hatte mit der politischen Entwicklung in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten und der Sowjetunion zu tun. Sie kam auf Anregung und mit einem Vorwort des Schriftstellers Heiner Müller zustande, herausgegeben vom Verlag Kiepenheuer & Witsch. 

Auf dem Büchermarkt sind diese wie frühere Ausgaben von „Die Wolga entspringt in Europa“ inzwischen nur noch antiquarisch zu erhalten. Über dreißig Jahre nach der Neuauflage zur Jahreswende 1989/90 gewinnt dieses Buch erneut an Aktualität, eine weitere Auflage wäre wünschenswert. Die Objektivität, mit der Malaparte berichtete, sollte gegenwärtigen Kriegsberichterstatter:innen ein Beispiel sein, und nicht nur ihnen. Schon sind wieder Schlagworte und Formulierungen zu lesen und zu hören, die aus dem Notizbuch des vom Nazi-Regime ausgegrenzten und bedrohten Literaturwissenschaftler Victor Klemperer stammen könnten, der Lingua Tertii Imperii (LTI). In ihm hatte Klemperer die Sprache des Dritten Reichs analysiert. Heute deutet vieles darauf, als wäre die Aufarbeitung der Verbrechen des Nazi-Regimes vergessen, oberflächlich und umsonst gewesen.

Buchcover
Cover des Buchs auf Niederländisch

Ein Hinweis auf eine neue, letztes Jahr erschienene umfangreiche Veröffentlichung zum deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, der ein Krieg wie kein anderer war, folgt demnächst.

Abbildungen: deutscher Bombenangriff auf Leningrad (RIA Novosti archive, Boris Kudoyarov, Wikimedia commons) / Malaparte 1943 in der Verbannung (Wikimedia commons)

*Anmerkung

Die Hauptstadt von Bessarabien war Kischinew. Als im Juni 1940 die Sowjetunion Bessarabien besetzte, stieg deren jüdische Bevölkerung auf etwa 60.000 bis 65.000 Menschen an, hauptsächlich bedingt durch die Flucht von Juden und Jüdinnen vor dem faschistischen rumänischen Regime. Am 22. Juni 1941 wurden viele Einwohner:innen während der Luftangriffe von Deutschland und Rumäniens auf die Sowjetunion getötet. Vor ihrem Rückzug setzten die Sowjets die Stadt in Brand. Drei Tage und Nächte wütete das Feuer. Auf den Ausfallsstraßen wurden rund 10.000 Juden und Jüdinnen, die zu fliehen versuchten, von rumänischen und deutschen Truppen erschossen. Am 17. Juli 1941 besetzten deutsche und rumänische Armeeeinheiten Kischinew. Kurz darauf kam die deutsche Einsatzgruppe D und trieb die Juden und Jüdinnen, die bis dahin überlebt hatten, in ein Ghetto. 

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