
Der Siegener Medienwissenschaftler Sebastian Gießmann hat unter dem Titel „Das Kreditkartenbuch“ ein Buch über die „Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens“ verfasst. Sie kann als medienwissenschaftliche Einführung in den digitalen Kapitalismus gelten.
„Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“
J.R.R. Tolkien: Herr der Ringe
Als Kind hatte ich eine blau lackierte Sparbüchse aus Metall, in die ich Münzen warf, die ich beim Kartoffelkäfersammeln verdient hatte. Pro Käfer einen Pfennig. Sie hatte einen Mechanismus, der verhinderte, dass man Münzen wieder herausangeln konnte.
Am Weltspartag wurde diese Büchse dann feierlich in der Bank geöffnet, das Geld in eine Maschine geschüttet, die all die Pfennige und das ein oder andere goldfarbene Zehnpfennigstück in Windeseile zählte – es war meist weniger als erhofft, erdacht, erträumt. Oben im Dachstuhl des Gasthofs „Zur Linde“ wurden dann Donald-Duck-Filme auf 16 mm gezeigt. Das Geld verblieb auf dem „Sparbuch“. Und vermehrte sich, ach, lang ist’s her, dort sogar einfach so, ohne jedes Dazutun …
Das ganze Verfahren war buchstäblich hardware, also Eisenwaren-basiert, und diente der Initiation in die Welt des Geldes, die lange Zeit in Deutschland eine Welt des Sparens war. So war auch meine kleinbürgerliche Welt geprägt: man macht keine Schulden. Man kommt mit dem aus, was man hat. Und was man hat, das erwirbt man auf anständige Weise. Zum Beispiel eben durchs Sammeln von Kartoffelkäfern.
Identitätsprüfung
Später wurde meine Welt dann größer. Um auf Klassenfahrten nach Sudbury, Rom oder Wien zahlen zu können, gab es zwar immer noch den Brustbeutel voll Bargeld, aber auch – für alle Fälle und damit der Brustbeutel nicht allzu viel Klaubares enthielt, man wusste ja, wie’s einem auf Reisen so ergeht (mir ist es nie so ergangen) – ein Postsparbuch. Das Postsparbuch war ein kleines blaues Heft. In jeder Postfiliale konnte man einzahlen und auch europaweit sich das Geld wieder auszahlen lassen in der jeweiligen Landeswährung zum Tageskurs per Kugelschreibereintrag, Stempel und Identitätsprüfung. Dazu gab es einerseits eine Postsparbuchkarte, die einen als Besitzer des Büchles auswies, und andererseits den Personalausweis oder Pass, der einen auch als denjenigen auswies, der zu sein man vorgab. Aus staatlicher Sicht muss man nicht mit sich selbst, sondern mit der einem behördlich zugewiesenen Identität identisch sein, um als Bürger:in zu gelten.
Unter dem Feld „Identitätsprüfung“ konnten Postbeamt:innen aber auch eines auswählen, das die zusätzliche Beglaubigungskarten überflüssig machte: „persönlich bekannt“ stand da. Ich fand das immer besonders toll, auch wenn es nur bei uns im Dorf funktionierte. „Persönlich bekannt“ war so etwas wie eine nicht medientechnisch hergestellte, sondern in der Beziehung von Dorfbewohner:innen verankerte Kreditwürdigkeit. Meine Oma hob stets nur durch einen Gang zum Schalter der dörflichen Volksbank ab, sie brauchte sich nicht auszuweisen, sie musste auch keine Formulare ausfüllen, sie brauchte nur zu sagen, wieviel Geld sie wollte – den Rest erledigte die Bank. ‚Tante Änne‘ war schließlich im Dorf bekannt. Jeder und jedem.
Das langsame Verschwinden
In Sebastian Gießmanns „Kreditkartenbuch“ kann man nachlesen, wie sich die Glaubwürdigkeit historisch von der Präsenz von Körpern löste und einwanderte in kleine Plastikkärtchen, die weltweit genau diesen Körper mit genau diesem Konto verbanden. Dadurch wurde, basierend auf vernetzter Buchhaltung, ein ganzes Bündel sozialer und technischer Praktiken in Gang gesetzt, die, und damit fängt Gießmanns Buch an, die alleralltäglichste Praxis des Bezahlens, die Minimaleinheit kapitalistischer Systeme, globalisierte und frei flottierbar machte. Weshalb die Kreditkarte, der Gießmann mit seinem Buch ein Denkmal setzt, auch das letzte jener Medien zu sein scheint, die tatsächlich als Objekte – Landkarten vergleichbar, weltweit beweglich, weil unveränderlich, sogenannte „immutable mobiles“, wie der Kulturanthropologe Bruno Latour das nennt – vorhanden sind. Wir sehen gerade ihrem langsamen Verschwinden zu.
Gießmann betont aber, dass die Kreditkarte nicht nur rückwärtsgewandt, sondern auch auf eine – inzwischen bekannte, wenngleich keineswegs abgeschlossene – Zukunft verweist. Sie ist nicht nur das letzte (in einer Reihe immutable mobiles), sondern auch das erste einer Reihe, die heute unser Handeln in digitalen Welten prägt, nämlich eine App: „Sie ermöglicht die Entstehung dessen, was mittlerweile als multi-sided market beziehungsweise Plattformökonomie verstanden wird, indem sie zwischen den beteiligten Händler:innen, Kund:innen und Banken vermittelt.“
Netzwerke
Gießmann, der als Medienwissenschaftler an der Universität Siegen arbeitet, beschäftigt sich schon lange mit Netzwerken. Seine Dissertation hat er mit einem dicken Wälzer mit dem schönen Titel „Die Verbundenheit der Dinge“ geschrieben, das von der Kanalisation von Paris bis in die Verschwörungstheorien des Internets führt. Das jetzige, mit 200 Seiten sehr griffige und gut lesbare Kreditkartenbuch ist die Auskoppelung des dritten Teils seiner sehr viel ausführlicheren Habilitationsschrift, die sich mit kooperativen Medienpraktiken beschäftigt, aber einen so sperrig-akademischen Titel trägt, dass ich ihn hier flugs unterschlage.
Die Netzwerke, die Kreditkarten knüpfen (und aus denen sie entstehen), verbinden Personen, Zeichen und Dinge durch nahtlose Übergänge in sequenziellen Operationsketten, die zwischen den unterschiedlichen Akteur:innentypen gebildet werden. Gießmann zeigt sich in einem Interview selbst erstaunt, wie gut das von Bruno Latour vorgegebene Denken in Operationsketten zu der Geschichte passt, die er erzählt.
Sein Kreditkartenbuch verwendet die Trias aus Personen, Zeichen und Dingen jedoch nicht einfach analytisch, sondern macht sie konsequent zur Darstellungsmethode. Eben darin liegt seine besondere Stärke. Souverän bewegt sich Gießmann gleichermaßen durch Material-, Technik- und Sozialgeschichte, verknüpft biographische Details mit massenmedial verbreiteten Anekdoten und zeigt, wie Fiktionen Einfluss nehmen.
Trias aus Personen, Zeichen und Dingen
„Kapitalismus ist kaum besser zu verstehen als anhand der vermeintlichen Selbstverständlichkeit, mit der menschliche Körper, ihre Kreditwürdigkeit und vernetzte Buchhaltung ineinander übergehen.“ Die Geschichte, die „Das Kreditkartenbuch“ erzählt, erstreckt sich zwischen 1832 und 2014. Sie beginnt mit einem Bericht des Rechenmaschinenpioniers Charles Babbage über das Londoner clearing house, eine Einrichtung, die die Zirkulation von Bargeld durch das wechselseitige Abgleichen von Zahlungspflichten zwischen kreditgebenden Banken reduzieren sollte, aus dem Jahr 1832.
Am Ende der Geschichte steht die Einführung des digitalen Bezahldienstes Apple Pay mit Fingerprintidentifizierung in den USA am 20. Oktober 2014. Hie und da wird sie sich einen Vergleich bis in die Tokenpraktiken des antiken Mesopotamiens leisten. Sie ist eine Geschichte der langen Dauer bzw. großen Bögen, wie sie die französische Annales-Schule entworfen hat. Die Wirtschaftsgeschichten des die Annales-Schule mitbegründenden Mittelmeerhistorikers Fernand Braudel gehören zu den erklärten Vorläufern und -bildern Gießmanns. Auf diese Weise kann er „(ökonomische) Praktiken als Invarianten […] und alle technischen infrastrukturellen Medieninnovationen als abhängige Variable“ verstehen. Die Erzählung der langen Dauer arbeitet also Tiefenstrukturen heraus und muss nicht alles glauben, was Apple-CEOs (und andere) für innovativ erklären.
Agenten im Feld
Wie also, das ist ja immer das Problem von Kredit, stelle ich Vertrauen in potenziellen Schuldner-Gläubiger-Verhältnissen her? Einen ersten Versuch stellen die credit reports der Brüder Arthur und Lewis Tappan durch eine Skalierung persönlicher Bekanntheit dar. In zentral einsehbaren Folianten wurden dort Berichte über Glaubwürdigkeit und Geschäftsverhalten einzelner, hier darf man beim männlichen Genus bleiben, Geschäftsmänner gesammelt. Die Tappan-Brüder, deren Idee die Basis heutiger Ratingagenturen ist, schickten tatsächlich Agenten hinter Geschäftsleuten her, die diese beobachten und ihr Verhalten notieren sollten. „Allein 1871 wurden 70.000 neue Namen hinzugefügt, während 40.000 Dateien wegen Konkurs, Tod oder Ruhestand geschlossen wurden. An normalen Geschäftstagen empfing die Agentur sechshundert credit reports aus dem Feld und beantwortete vierhundert Anfragen.“
Die medientechnische Geschichte der Kreditkarte wird nun also diejenige der Ablösung menschlicher Agenten durch technische Akteure sein – und damit natürlich auch die Transformation persönlicher Glaubwürdigkeitsberichte durch die Sicherstellung persönlicher Zurechenbarkeit. Bis zu 1200 Prozessschritte braucht etwa Apple Pay, um eine aus Sicht der Beteiligten, hinreichend lückenlose – und deshalb glaubwürdige, Gießmann schreibt mit Latour „reale“ – Akteurskette zur Freischaltung einer Zahlung ‚in Echtzeit‘ zu bewerkstelligen.
Freilich garantiert die massenhafte Adressierung durch einen Sender noch lange nicht die wohlwollende Aufnahme einer Botschaft durch einen Empfänger. Die Akzeptanz von Massenmedien geht ihrerseits nur über Massenmedien. Sebastian Gießmann stellt ausführlich vor, wie Kreditkarten durch gezielte Werbung einerseits und mitlaufende, aber stetige Inszenierung andererseits in der Popkultur verankert wurden. Da ist etwa die Geschichte von Tilly, der automatischen Bankangestellten. Tilly ist noch heute ein populärer Name für Bankautomaten in den USA – die Werbefigur Tilly ist eine Variante der beliebten männlichen Fantasie, die reproduktiven Fähigkeiten von Frauen technisch ersetzbar zu machen, ein umgekehrter Pygmalioneffekt.
Wir lieben Tilly
Tilly, the automated teller, war dazu da, Bankautomaten so zu vermenschlichen, dass ihre Akzeptanz erhöht wurde. Da ist auch die Geschichte des besten Hundes der Welt, erzählt von den unsterblichen Simpsons, der gelbsten Familie der Welt. Bart entdeckt im Werbemüll eine Kreditkarte, meldet sich mit dem Namen des Familienhundes an und tätigt, nachdem ihm im Comicshop – ein Backlash seiner persönlichen Bekanntheit – der Kredit verweigert wird, telefonische Einkäufe aller Art, die schließlich sehr körperliche Geldeintreiber auf den Plan rufen.
Gießmann nennt diese Geschichte „nichtlinear“, weil sie keinem einsinnigen oder eindeutigen kausalen Erzählstrang folgt und sich auf viele Akteur:innen, die sich untereinander weder abgesprochen haben noch überhaupt kennen, verteilt. Eines wird dennoch deutlich: es ist eine durch und durch US-amerikanische Geschichte über eine Welt, die Mastercard und VISA untereinander aufzuteilen versuchten. Für Europäer:innen ist deshalb ein besonders lehrreiches Kapitel das, in dem Gießmann Aufstieg und Fall der Eurocard beschreibt, denn die Frage, wie sich Europa aus US-amerikanischer Hegemonie befreien kann, ist derzeit aktueller denn je.
„The world at your hand“
Manchmal werden Techniken jedoch nur disruptiv skalierbar. Die moderne Kreditkarte wird erst in dem Moment von einem exklusiven zu einem Massenzahlungsmittel, als sich die Bank von America (Kalifornien) 1958 zu so ungefragten wie ungeprüften Massenversendungen von Kreditkarten entschließt. Der zunächst auf die Stadt Fresno begrenzte Testballon wächst sich 1977 zur global verfügbaren VISA-Karte aus. Jetzt erst wird das Versprechen „The world at your hand“ wahr. Und damit allerdings auch das amerikanische Modell eines Dreiecks der Schulden, deren Eckpunkte der Staat, die Unternehmen und die Endkunden sind, geeint als eine credit card nation, die in schöner Regelmäßigkeit Blasen und Zusammenbrüche erlebt. Treiber ist dabei das Konsumbedürfnis einer angeblichen oder tatsächlichen Mittelschicht.
Meine kindliche Spardosenwelt gibt Zeugnis von einer Gesellschaft, die sich um den Mangel sorgt, eine strukturell genügsame und durchaus kleine und überschaubare Welt. Die Finanzwelt meiner Oma folgt durchaus derselben Logik: das Konto ist eine Art von der Sparkasse verwaltete Spardose – die Währung Vertrauen. Die Welt der Gegenwart ist eine der fortwährenden Begehrensproduktion nach Konsumgütern, nach sozialem Status. Es ist eine große, unüberschaubare und durch und durch gierige Welt.
Ich würde mir wünschen, jemand schriebe auf Basis der Recherchen und Analysen Gießmanns mit neurophysiologischem Wissen über fortwährend getriggerte Hirnaktivitäten („limbischen Kapitalismus“, nennt das Milena Barton) – schon der Psychoanalytiker Jacques Lacan erkannte im Fernsehen die ideale Begehrensmaschine. Was hätte er zu ihrer Perfektion durch die Dauersimulation von ‚Aktivität‘ mittels digitaler Medien gesagt?
The Art of the Deal
„Flood the zone with shit“, dieser inzwischen berühmt gewordene und politisch leider völlig folgenlos dauerzitierte mediale Imperativ Steve Bannons, den Donald Trump sich ohne jede Einschränkung mit dem Willen zum überschäumend narzisstischen Irrsinn zu eigen gemacht hat, ist die logische Konsequenz aus der Einsicht in ein schrankenloses und nie zu befriedigendes Begehren, wie es die US-amerikanische Ideologie bis hinein in ihre Softdrinks hegemonial selbst dort erfolgreich gemacht hat, wo scheinbar die Feinde der USA regieren. Gerade sie legt Zeugnis ab von jener Zukunft, die in Gießmanns Buch mit der Analyse von Apple Pay nur angedeutet wird, nämlich der tiefen „Finanzialisierung des Alltags“, die sich politisch in Donald Trumps Überzeugung, Politik sei nichts anderes als „the art of the deal“ – so hat Trump das bereits 1987 genannt – artikuliert.
„Auf die Frage, was die Entwicklungen des digitalen Bezahlens antreibt, wäre eine mögliche Antwort: der Versuch, jedwede Interaktion – inklusive derer von Maschinen mit Maschinen – zum Zweck der Handlungsverkettung registrierbar und identifizierbar zu machen.“ Das Kapitel, das Gießmann mit diesen Sätzen (fast) beendet, beginnt mit einem Zitat des PayPal-Gründers Peter Thiel „a business that’s implementing our plans for world domination“. Die Fassungslosigkeit, die einen bei der Lektüre dieser Sätze aus dem Jahr 2000 ergreift, ergänzt sich gut mit der Erkenntnis, dass Faschisten gern und völlig unmissverständlich ihre Ziele benennen. Es ist weder strittig, was sie wollen, noch machen sie irgendein Geheimnis daraus. Womit sich auch die Begeisterung nicht nur von Superreichen für den Faschismus, sondern auch umgekehrt der von Faschist:inne:n für Überreichtum erklärt.
Auch wenn das Buch diese konkreten politischen Kosten nicht direkt beschreibt, endet es doch mit einem politischen Appell an die politisch Verantwortlichen der EU, nämlich der Forderung nach einem neuen „Geld der Öffentlichkeit“ „angesichts der gegenwärtigen politischen Krisen“. „Wenn wir keine europäische Zentralbankwährung schaffen, bliebe uns mit den prägnanten, bereits 1978 geäußerten Worten der Eurocard-Bankiers lediglich ‚weiterhin US-Dominanz‘ im digitalen Bezahlen. Sie würde allenthalben um den geoökonomischen Einfluss chinesischer Angebote vermehrt werden. Das für alle Bürger:innen gedachte Bargeld würde als letztes an demokratische Repräsentation gekoppeltes Massenmedium im Zuge dessen verschwinden. Auf unsere alltägliche Frage ‚Bar oder mit Karte?‘ muss eine in Zukunft selbstverständliche Antwort also lauten: ‚Mit dem digitalen Euro!‘“
Sebastian Gießmann: Das Kreditkartenbuch. Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens, Berlin: Kadmos 2026, 256 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3865996046.


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