
Der karibische Bewusstseinslyriker
Jahrhundertelang hatten die französischen Kolonisatoren Deportierte aus Afrika auf ihre Plantagen gezwungen, „Menschen, die man ihren Göttern, ihrer Erde, ihren Sitten, ihrem Leben, dem Tanz, der Weisheit entriss (…), denen man geschickt das Zittern, den Kniefall, die Verzweiflung“ beigebracht hatte. Und nun kündigte ausgerechnet Nicolas Sarkozy sein Kommen an? Jener Innenminister, der den Schulbuchverlagen gerade per Gesetz eine positivere Darstellung des französischen Kolonialismus verordnet hatte? Das kam für den Ex-Bürgermeister der martinikanischen Hauptstadt Fort-de-France überhaupt nicht infrage! Zwar übte er seit drei Jahren keine politische Funktion mehr aus, doch seine Stimme hatte noch immer Gewicht: Sarkozy wurde zur unerwünschten Person erklärt. Das war 2004, im 91. Lebensjahr des streitbaren Antikolonialisten.
Zur Welt gekommen war der Sohn eines schwarzen Kolonialbeamten und einer Schneiderin 1913 in Basse-Pointe auf der Antilleninsel Martinique. Er besuchte das Gymnasium, sog begeistert die französische Sprache und Kultur ein und ging mit achtzehn Jahren, ein Stipendium in der Tasche, nach Paris. Dort schloss er sich einem Zirkel diskutierfreudiger schwarzer Student:innen an, gab mit Léopold Senghor die Zeitschrift L’Étudiant noir heraus, um schließlich zur Lyrik und zu seinem Thema zu finden, dem Konzept der Négritude: Das Aufspüren der eigenen, schwarzen Identität verstand er als Akt der Rebellion, was ihn bald zu einem der wichtigsten Wortführer des antikolonialen Widerstands machte.
Zunächst blieb sein Einfluss jedoch begrenzt. 1939 kehrte er auf die Insel Martinique zurück, unterrichtete Philosophie (einer seiner Schüler war Frantz Fanon) und schrieb weiter an dem Gedichtepos „Cahier d’un retour au pays natal“ („Aufzeichnung von einer Rückkehr ins Land der Geburt“), einer sprachmächtigen Kritik an der europäischen Zivilisation, der er eine eigenständige schwarze Kultur entgegenstellte. Für den Surrealisten André Breton war das Epos „nicht mehr und nicht weniger als das größte poetische Monument dieser Zeit“; als Breton es 1947 mit einem begeisterten Vorwort versah und veröffentlichte, war der schwarze „Wortwühler“ bald in aller Munde.
Nach dem Krieg stieg der gefeierte Lyriker in die Politik ein, nahm im französischen Parlament Platz (das er bis 1993 wortgewaltig als Bühne nutzte) – und stimmte für den Verbleib der Insel bei Frankreich. Seine Hoffnungen auf einen positiven Einfluss der KP auf die Regierungspolitik zerschlugen sich jedoch bald, und nach dem erdrosselten Ungarnaufstand 1956 gab er sein Parteibuch ab. Allerdings nur, um eine neue linke Partei zu gründen, den Parti progressiste martiniquais, dem er fast ein halbes Jahrhundert vorstand.
Wie heißt der karibische Wortakrobat, der Dramen über die haitianische Revolution und den Freiheitskämpfer Patrice Lumumba verfaßte und an dessen Beerdigung Sarkozy, nunmehr Präsident, noch immer keine Rede halten durfte?
Die Auflösung erscheint am kommenden Montag

