
Heute vor 86 Jahren trieben die Nazis in ganz Baden, der Pfalz und im Saarland Juden und Jüdinnen zusammen – und deportierten sie ins südfranzösische KZ Gurs. Die Aktion sei „von der Bevölkerung kaum wahrgenommen“ worden, sagten die Verantwortlichen später. Von wegen.
„Davon haben wir nichts gewusst“ – diese Behauptung wurde nach 1945 zu einem zentralen Bestandteil der gesellschaftlichen Selbstentlastung in Deutschland. Doch die Vorstellung, die deutsche Bevölkerung habe von der Verfolgung ihrer jüdischen Mitmenschen nichts mitbekommen, lässt sich historisch nicht aufrechterhalten. Vieles geschah vor aller Augen.
Eine Fotoausstellung in der Universitätsbibliothek Konstanz dokumentiert gegenwärtig die Deportation der badischen Jüdinnen und Juden am 22. und 23. Oktober 1940. Die gemeinsam vom Förderverein Mahnmal und dem Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim erarbeitete Wanderausstellung zeigt 45 historische Fotografien aus sieben badischen Gemeinden.
Am frühen Morgen des 22. Oktober 1940, um 6 Uhr, erteilte Reinhard Heydrich als Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) den Gestapoleitstellen in Karlsruhe, Neustadt und Saarbrücken den Befehl zur Deportation der jüdischen Bevölkerung. Für die Verschleppung wurden insgesamt neun Sonderzüge eingesetzt. Auch die Konstanzer Jüdinnen und Juden wurden über den Güterbahnhof Petershausen zunächst nach Singen gebracht, wo sie einen der Sonderzüge besteigen mussten.
Endstation Auschwitz
Innerhalb von zwei Tagen wurden aus 138 Orten in Baden und weiteren Orten der Saarpfalz etwa 6540 Jüdinnen und Juden gefangen genommen und in das Konzentrationslager Gurs im Südwesten Frankreichs deportiert. Viele von ihnen wurden ab Sommer 1942 weiter nach Auschwitz und Sobibor verschleppt und dort ermordet. Andere starben bereits in Gurs an den katastrophalen Lebensbedingungen.
Zur Strategie des Nicht-wissen-Wollens in der BRD gehörte auch das absichtliche Unterschlagen von Fotografien. Einige Aufnahmen wurden nach dem Krieg vernichtet. Erst in den 1990er Jahren kamen andere, lange unbekannte Fotos wieder ans Licht, die nun in der Ausstellung gezeigt werden. Schritt für Schritt sind die Verhaftungen zu sehen, die Häuser, aus denen Jüdinnen und Juden entführt wurden, die Transporte zu den Bahnhöfen und die Züge, mit denen die Menschen verschleppt wurden.

Die Fotografien der Ausstellung verdeutlichen auch, dass die Deportationen keineswegs allein von Angehörigen des Sicherheitsdienstes der SS durchgeführt wurden. Der Verschleppung ging eine umfassende organisatorische Vorbereitung voraus, in die neben den Gemeindeverwaltungen auch Notare, Landesbeamte und Richter eingebunden waren.
Die Verantwortung beschränkte sich also nicht auf die nationalsozialistischen Sicherheitsorgane, sondern reichte weit in die lokale Gesellschaft hinein. Die Aufnahmen dokumentieren auch die Anwesenheit zahlreicher Zuschauer:innen, die das Geschehen unmittelbar mitverfolgten. Die Ausstellung bietet ein klares Zeugnis dafür, dass die Behauptung, nichts gesehen und nichts gewusst zu haben, eine Lüge war.
Die Ausstellung „…von der Bevölkerung kaum wahrgenommen“ ist noch bis 13. November in der Universitätsbibliothek Konstanz zu sehen. Weitere Infos bietet die Webseite der Stolpersteine Konstanz.
Fotos: Ausstellung an der Uni Konstanz © Julian Wabel / Deportation in Lörrach © Stadtarchiv Lörrach
Aktuell: Gedenkweg und Mahnwache heute
Am heutigen Donnerstag, 22. Oktober, laden Konstanzer Schülerinnen und Schüler und die Initiative Stolpersteine zu einem Gedenkweg in Erinnerung an die aus Konstanz deportierten Menschen ein. Der Gedenkweg startet um 11:30 Uhr am Bodanplatz und führt zum Petershauser Bahnhof.
Um 18:15 werden auf einer Mahnwache der Synagogengemeinde am Gedenkobelisk hinter der Dreifaltigkeitskirche (Ecke Bahnhofstraße/Sigismundstraße) die Namen der 112 Jüdinnen und Juden verlesen, die aus Konstanz deportiert wurden.


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