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„Brandmauer“ gegen die AfD: Ein irres und waghalsiges Instrument?

Von Wolfgang Storz
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Auf EU-Ebene ist es zwar längst durchlöchert, aber hierzulande gilt es noch: Das Verbot, mit der AfD auch nur zu verhandeln. Aber ist das sinnvoll? Geholfen hat diese Strategie bisher wenig. Wie also mit der rechtsextremen Partei umgehen? Hier der zweite Teil unserer Debatte.

Es ist das Ziel des demokratischen Lagers, die AfD als demokratiegegnerische bis rechtsextreme Partei möglichst klein zu halten. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde das Instrument „Brandmauer“ erfunden, um mit ihr diese Partei von der Regierungsmacht fern zu halten und politisch zu schwächen. Heute ist festzustellen: Dieses Instrument taugt sehr wenig bis nichts. Zwar ist die AfD an politisch-operativ bedeutenden Machtpositionen kaum beteiligt, obwohl sie in vielen Stadt-, Regional- und Landesparlamenten in Ost und West zwischen 15 bis 40 Prozent der Wahlstimmen erreichte und deshalb vor Ort oft mitregieren und in zahlreichen Verwaltungen und öffentlichen Unternehmen mitmischen könnte. Das tut sie nicht — wegen der „Brandmauer“. Aber ihr politischer Einfluss steigt und steigt.

Klaus Lang hat in seinem Beitrag „Brandmauer stabilisieren, Verbotsantrag initiieren“ positive Aspekte der „Brandmauer“ dargelegt. Trotzdem wächst der AfD-Einfluss, da sie es aufgrund der Höhe ihrer Wahlerfolge und ihres Abschneidens bei Umfragen vermag, in der Öffentlichkeit und bei den anderen Parteien ihre Themen auf die Tagesordnung zu setzen: ob die Verringerung der Migration, den Schul- und Kulturkampf, die Sicherheitsfrage. Die einen passen sich ihr an, die anderen sehen schon die Tür zur Hölle geöffnet — entscheidend ist, alle beschäftigen sich fast nur noch mit der AfD.

Zum Autor

Wolfgang Storz (*1954) studierte in Konstanz, schrieb und recherchierte als Journalist für die Badische Zeitung, leitete danach die Medienabteilung der IG Metall und war anschließend Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Er arbeitet als Publizist, Kommunikationsberater und Coach und schreibt regelmäßig für den Blog Bruchstücke – und für seemoz

Sie wächst und wächst (vor allem in Umfragen, aber auch bei Wahlen), als sei kein Kraut gegen sie gewachsen – trotz oder wegen der „Brandmauer“. Und in Bundesländern wie Sachsen-Anhalt bereitet sie sich bereits auf die „Regierungsübernahme“ vor und niemand lacht darüber, viele gruselt es.

An Zielen festhalten, nicht an Instrumenten

Ist es also nicht endlich Zeit zu erkennen: Der Griff zur „Brandmauer“ war zumindest bisher ein eklatanter Fehlgriff, haben wir uns mit diesem Instrument doch dem Ziel, der politischen Schwächung der AfD, nicht genähert, sondern von ihm entfernt. An Zielen muss man festhalten. Aber doch nicht an nicht-funktionierenden Instrumenten.

Umfrage sachsen anhalt anfang juli2026 ©screenshot infratest
Sonntagsumfrage Wahlabsichten in Sachsen-Anhalt, Anfang Mai 2026

Konkret: Warum in dem machtpolitisch unbedeutenden Bundesland Sachsen-Anhalt — mit gerade mal 1,7 Millionen Wahlberechtigten — die Landes-CDU nicht darin unterstützen, mit der AfD nach den Wahlen ernsthaft mit dem Ziel zu verhandeln, sie in eine zweifelsfrei gewaltfreie, pluralistische und demokratische Landesregierung einzubinden? Mit Sicherheit kommt bestenfalls eine reale Politik heraus, wegen der Linke sowieso, aber auch Liberale und Liberal-Konservative in die Tischkante beißen werden. Auch das ist Demokratie. Denn es wäre dann eine Politik, das sagen bisher die Umfragen, die von mindestens 60 Prozent der dortigen Wahlbürgerschaft gewollt wäre.

Ein irres und waghalsiges Experiment? Immerhin besser als stoisch auf dem Irrweg der „Brandmauer“ weiterzumarschieren. Eine „Brandmauer“, die längst zu einem „Damm“ (so treffend der Publizist Christoph Schwennicke) geworden ist, hinter dem sich ständig steigende Pegel an normalem Unmut, tiefer Unzufriedenheit, Rassismus, Rechtsextremismus, Fremden- und Zukunftsängste, überholtes Deutschtum und was auch immer an schauerlichen Werten, Haltungen und Kritikpunkten unterschiedslos mischen und buchstäblich zu einer Art politischer Urgewalt aufstauen.

Was spricht für dieses politische Experiment? Zuerst ist das demokratische Lager zu diesem Experiment gezwungen. Weil die demokratische Politik zu lange an dem Instrument „Brandmauer“ festgehalten hat, weil es ihr vom Instrument zum Dogma wurde — denn selbstverständlich war sie ein Versuch wert, mehr aber auch nicht —, obwohl die Nachteile immer deutlicher überwogen.

Machen wir uns nichts vor: Dieses Experiment ist die einzige Möglichkeit für das demokratische Lager, kurz vor der strategischen Blamage von Sachsen-Anhalt, dem offensichtlichen krachenden Scheitern des „Brandmauer“-Instrumentes, die Kurve zu kratzen.

Unglaubwürdige Koalitionen

Und warum wirkte dieses Instrument nicht, wurde nach und nach sogar zum Eigentor? Vor allem weil mit diesem Instrument zweimal die grundfalschen Fronten zusammengeschmiedet wurden. Zum einen zwang die „Brandmauer“ nahezu alle demokratischen Parteien zusammen, um die politisch auch unmöglichsten Koalitions-Regierungen gegen die AfD zu bilden. Damit machten sich diese Parteien teilweise lächerlich, nie glaubwürdiger und die von diesen Bündnissen produzierte reale Politik war meist auch noch schlechter als die bereits gängige Politik der Demokraten. Abgesehen davon, dass sich der demokratische „Brandmauer“-Politiker dem Ruf aussetzt, er habe nicht einmal den Mumm, die AfD mit dem Instrument der konkreten Koalitionsverhandlungen herauszufordern.

Brandmauer demo berlin 2. februar 2025 © ldeonhard lenz wikimedia commons

Und zum anderen schweißt die „Brandmauer“ die von Widersprüchen durchpflügte AfD und deren Wähler:innen zusammen. Wahrscheinlich sammeln sich hinter der AfD reine Protestwähler:innen, verärgerte Rechtsliberale, Konservative, Rechts- und Nationalkonservative, enttäuschte Sozialdemokrat:innen, Linke-Wähler:innen, Rechte, Rechtsradikale und Rechtsextreme — die „Brandmauer“ schmiedet aus dieser Vielfalt eine (ebenso künstliche wie fragile) Einheit. Dabei liegen zwischen diesen Gruppen wahrscheinlich Welten. Und obendrauf spendiert die „Brandmauer“ der AfD noch ein politisches Bonbon obendrauf: den Status des ausgegrenzten, gar verfolgten Opfers.

Regiert und blamiert

Es kommt noch anderes hinzu: Als die „Brandmauer“ zum Dogma wurde und deshalb gegen Kritik um beinahe jeden Preis gerechtfertigt werden musste, verführte es die Befürworter:innen zu Fehleinschätzungen, zumindest zu Dramatisierungen, die eventuell unhaltbar sind. Ob die AfD die Teufel stellt, welche Deutschland in die politische Hölle führen, das gilt noch nicht als gesichert. Gerade das demokratische Lager muss präzise analysieren, um glaubwürdig zu bleiben. Das Beispiel Ungarn zeigt, wie es nicht geht: Victor Orban war für viele, auch für das Europa-Parlament, gesichert ein Faschist, der mindestens eine Beinahe-Diktatur errichtet hatte, der zudem gekommen war, um an der Macht zu bleiben; eben wie alle Faschisten dies tun. Und dann: Er verlor krachend die Wahl und ging, einfach so. Diese Erfahrung sollte eine Lehre im Umgang mit der AfD sein.

Wird sie mit der „Brandmauer“ ausgegrenzt, darf beziehungsweise muss sie nirgends mitregieren, wird damit zwangsläufig noch attraktiver. Denn: Die AfD hat damit als einzige aller realexistierenden Parteien das Glück, noch nie an einer Regierung beteiligt gewesen zu sein. Da außer ihr alle anderen bereits irgendwo/irgendwann schon einmal regiert und sich entsprechend blamiert haben, kann sie allein glaubwürdig den Nimbus pflegen: Wir können es besser als alle anderen. Die „Brandmauer“ hilft also der AfD, dieses Glück zu verlängern. Ist das sinnvoll?

Und noch eines: Alle Wähler:innen können unbeschwert und politisch leichtsinnig die AfD wählen, ohne jegliche Verantwortung. Obwohl dieser Partei, vor allem dessen Führungskader zurecht Rassismus, Nationalismus, Inhumanität, tendenzielle Gewaltbereitschaft, Autoritarismus und mehr vorgehalten wird. Ich kann als Staatsbürger:in diese Partei unbeschwert wählen, weil das demokratische Lager ja immer dafür sorgt, dass die nie regieren werden. So leicht sollte man es der Wähler:innenschaft in einer erwachsenen Demokratie doch nicht machen. Es wird Zeit, dass jeder Wähler, jede Wählerin der AfD auch die Folgen für seine/ihre Wahl trägt.

Verhandlungen klären, unterscheiden, spalten

Aber nicht nur das Scheitern der „Brandmauer“ spricht für dieses neue, sicher auch riskante Instrument des Verhandelns. Es spricht viel dafür, dass dieses Instrument stärker wirkt. Denn: Die Konflikte würden damit ins Lager der AfD getragen – auf die Funktionärsebene ebenso wie in die Mitglied- und Wähler:innenschaft. Denn Verhandlungen klären, unterscheiden und spalten.

Endlich konkret von den Demokrat:innen in einer konzentrierten Offensive herausgefordert, könnte es so kommen: Die von der „Brandmauer“ übertünchten Risse in der AfD kommen auf die Tagesordnung. Und aus diesen rissigen Teilen entstehen möglicherweise nach und nach eine demokratische rechtskonservative bis rechte Partei, faktisch eine bundesweite CSU, und eine zwar gewaltnahe-gefährliche, aber machtpolitisch zu vernachlässigende rechtsextreme Splitter-Partei.

Das unterstellt jedoch: Ähnlich wie bei der „Brandmauer“, bei der bisher alle demokratischen Parteien so leidlich wenigstens zusammengehalten haben, müssten die demokratischen politischen Konkurrenten der CDU diese beim Experiment in Sachsen-Anhalt stützen und begleiten – und dürften nicht versuchen, ihr egoistisches politisches Süppchen („aha, wir wussten es doch, die CDU, das sind verkappte Nazis, verhandeln die doch mit der AfD!“) daraus zu kochen.

Auf diese Weise könnte ein Prozess in Gang gesetzt werden, der erstmals die Lage umkehrt. Es begänne ein Prozess der Schwächung der AfD, nicht der weiteren Stärkung.

Unter den Augen der Öffentlichkeit

Um was würde es denn gehen? Die AfD will in Sachsen-Anhalt die öffentlich-rechtlichen Medien, Vereine, Verbände und Kirchen schwächen und Kultur und Bildung einen strengdogmatisch-deutschnationalen Charakter verleihen. Das ist den diversen Regierungs- und 100 Punkte-Programmen zu entnehmen, siehe zum Beispiel

● Klaus Vater schreibt darüber im Blog Bruchstücke: „Der offene Antihumanismus der AfD“
● Kurt Hübner analysiert ebenfalls im Blog Bruchstücke, wie dürftig die Wirtschaftskompetenz dieser Partei ist: AfD-Labor Sachsen-Anhalt: Deutschland über alles, Deutsche über allen
● Und Jutta Roitsch hat sich das gesamte Programm dieser S-A-AfD angetan: „Mit braunem Volldampf gegen ‚linken Ungeist’“

Alles richtig. Na und? Dann wird eben darüber verhandelt. Über einen Vertrag für eine mehrjährige Regierungsarbeit. Unter den Augen einer starken demokratischen Öffentlichkeit. Von einer hoffentlich selbstbewussten demokratischen Landes-CDU, mit dem Backup aus Berlin.

Was könnte politisch wirksamer sein, als die AfD in einem Koalitionsvertrag selbstverständlich auf dieses Grundgesetz, den Pluralismus, die Gewaltenteilung, die Gewaltfreiheit und Humanität und Achtung aller Minderheiten als Grundlage jeglicher Zusammenarbeit zu verpflichten. Und wenn es daran scheitert? Dann scheiden sich nach heftigen, auch öffentlichen Koalitions-Auseinandersetzungen zwischen einem selbstbewussten demokratischen Lager und einer dann offenkundig demokratiefeindlichen Gesamt-AfD die Geister neu. Das Ergebnis: wenigstens eine produktive demokratisch-politische Klärung.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog Bruchstücke. Debattieren Sie mit!

Abbildungen: Handschlag (© Ambre Estève Unsplash) / Umfrage Sonntagswahl (Screenshot Infratest dimap / Brandmauer-Demo am 2. Februar in Berlin (© Leonhard Lenz Wikimedia commons

15 Kommentare

  1. Pauli heinzelmann

    // am:

    Warum brauchen wir die Brandmauer gegen die Afd? Weil die AfD Säuberungsfantasien pflegt und von „ausmisten“ und „aufräumen“ spricht. Weil auch die NSDAP in einer Koalition mit den National Konservativen (Franz von Papen) legal zur Macht kam. Darum müssen sich die Parteien von der AfD abgrenzen und eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen ausschließen. Darum brauchen wir die Brandmauer, besser noch wäre ein Verbot.

  2. Christina Herbert-Fischer

    // am:

    zu Peter Krause
    Genau darum geht es. Meiner Erfahrung nach sind viele der AfD-Wähler weder grundsätzlich gegen Demokratie, noch sind sie rechtsextremistisch. Aber wenn wir nicht aufpassen werden sie es.
    Ein AfD-Verbot muss geprüft werden, wenn uns unsere Demokratie wichtig ist. Ich gehöre genau zu diesem Lager. Unzufrieden bin ich allerdings auch und ich denke die Unzufriedenheit der Bevölkerung muss ernst genommen werden.

    Es wäre an der Zeit, dass die Politik zuhört, was nicht heißen soll, dass wir unsere ausländischen Fachkräfte in der Pflege und vielen anderen Bereichen raus werfen sollten, die Folgen wären fatal. Und Flüchtlinge raus werfen, das sollten wir genauso wenig.

    Statt Sozialabbau wäre eine Erhöhung der Spitzensteuersätze, eine Reformation des Erbrechtes und die Wiedereinführung der Vermögenssteuer der richtige Weg um die von der Politik für notwendig erachtete Aufrüstung zu finanzieren. Zu Zeiten von Adenauer bis hin zu Brandt hat Deutschland deutlich mehr für Rüstung ausgegeben, als heute. Aber eben nicht einseitig auf Kosten der Niedrigverdiener und des unteren Mittelstandes.

    Adenauer würde sich im Grab herum drehen, wenn er sehen könnte, wie das heute läuft. Um das zu sagen, muss man keine CDU-Anhängerin sein.

  3. Pauli heinzelmann

    // am:

    Wenn ich mir die Rethorik der AfD von „aufräumen“ und “ vor Gericht stellen“ so ankucke, verstehe ich, daß die Linke von Sachsen -Anhalt Szenarien prüft, für den Ernstfall einer Regierung von BSW und AfD. Sind demokratische Parteien der Gewalt von Ungesetzlichkeit und Gesetzeswidrigkeit überhaupt gewachsen? Ich fürchte – nein! Die These, sie sind ja gewählt und werden sich mit Realpolitik blamieren – ist naiv.

  4. Paul Andres

    // am:

    @Peter Krause

    Meiner Ansicht nach muss die Zeit dann genutzt werden, um eine positive Zukunftsvision zu verfolgen. Das meiste, was die AfD herbeifantasiert, sind doch gar keine echten Probleme.

    Stattdessen müssen die Probleme angegangen werden, die die Arbeiterklasse wirklich betreffen, die absurderweise ja tatsächlich der Kern der Wählerschaft dieser neoliberalen Partei ist.

    Diesen Schuh muss sich übrigens auch ganz klar die Linkspartei anziehen. Wie kann es sein, dass es eine linke Partei nicht schafft, die Arbeiter abzuholen, von denen sie ständig redet?

    Im Kern stimme ich Ihnen also zu, allerdings lieber mit einem Ausblick auf eine echte Alternative.

    Denn:
    Die „Sorgen“ der AfD-Wähler ernst zu nehmen, passiert doch bereits viel zu lange, was die CDU/CSU vollständig an den rechten Rand getrieben hat. Dass die Politik nicht auf die Forderungen der AfD-Anhänger hören würde, ist deren Narrativ. Die AfD-Forderungen wurden längst 1:1 übernommen, und der Einfluss auf die konservative Gesellschaft ist längst zu sehen, vor allem wenn man die Grenzen des Sagbaren betrachtet (trotz all dem „Man darf ja nichts mehr sagen“-Nonsens).

    Wer und aus welchen Gründen jemand AfD wählt, ändert für mich nichts, denn der Impact bleibt derselbe. So war es 1933, so ist es heute.

  5. Peter Krause

    // am:

    @Paul Andres
    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Es ist durchaus ein bedenkenswertes Argument, dass Sie hier vorbringen: Ein AfD-Verbot würde Zeit verschaffen. Die Frage ist, aber wofür würde bzw. soll diese Zeit genutzt werden? Wenn diese Zeit dafür genutzt werden würde, auf die unzufriedenen Bürger, die die AfD u.a. aus Protest wählen, zuzugehen und deren Wünsche und Interessen ernst zu nehmen, dann könnte dies evtl. funktionieren. Wenn man aber einen Teil der Debatte verfolgt, so habe ich eher den Eindruck, dass in Teilen der „AfD-Verbots-Fraktion“ gar kein Interesse daran besteht, „die“ politischen Interessen und Forderungen von AfD-Wählern ernsthaft zu diskutieren. Ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass nicht wenige dieser Forderungen nahezu absurd sind und auch meinen politischen Interessen zuwider laufen (z.B. u.a. die Reaktivierung der Gasgeschäfte mit Putin-Russland) oder ggf. gar an den Grundfesten der Demokratie rütteln. Aber ich glaube nicht, dass jeder, der die AfD wählt, ein Putin-Versteher und Antidemokrat ist. Wahrscheinlich sind viele von diesen Mitbürgern mit Dingen und Zuständen unzufrieden, die sich beheben lassen könnten, auch ohne die Demokratie in Deutschland zu beschädigen. Oder um es anders auszudrücken: Wenn unser Land besser funktionieren würde, wäre die Unzufriedenheit vielleicht nicht ganz so groß und es würden weniger Menschen radikale Parteien wie die AfD wählen – das ist ein Gedanke, der mir so durch den Kopf geht.

  6. Wolfgang Storz

    // am:

    Wer das Ziel hat, die AfD politisch möglichst schwach zu halten, muss sich heute schon fragen (lassen): Was taugt dieses Instrument überhaupt? Wen führt die Brandmauer eher in die Sackgasse: die AfD oder deren ErbauerInnen?
    Immerhin wächst — gemessen an Wahlergebnissen, Umfragen, Einfluss auf öffentliche Debatten — gerade in Zeiten der (wenigstens leidlich funktionierenden) Brandmauer die politische Macht der AfD stetig.

    Was mich deshalb bei dieser Debatte irritiert: Alle halten fast schon dogmatisch an einem Instrument fest, dessen Mängel doch unübersehbar sind.
    Was viele Befürworter der Brandmauer auch eint: Es ist für sie offenbar kein Thema, dass beispielsweise in Sachsen-Anhalt zusammen etwa 60 Prozent der Wahlbevölkerung (AfD plus rechtsgestrickte Landes-CDU) eben eine grundsätzlich andere Politik wollen als die Brandmauer-ErbauerInnen selbst. Aber das darf doch in einer Demokratie, soll sie noch Demokratie sein, nicht einfach weggewischt werden. Zumal diese Wählerschaft nicht die Abschaffung der Demokratie will, sondern „nur“ eine Politik (streng-deutsche Lehrpläne, mehr Fleisch, keinen Umweltschutz, russische Energie, weniger Geflüchtete etc.), bei der jeder liberal-humane Demokrat in die Tischkante beißt.

    Mir ist wichtig, dass mehr Brandmauer-Befürworter als bisher genauer unterscheiden:
    Befunde der Wahlforschung legen nahe, dass zwischen der Wählerschaft der AfD, deren Mitgliedschaft und Funktionärskader eventuell sogar Welten liegen. Diese drei Welten werden mit der Brandmauer künstlich zusammengehalten. Die müssten jedoch im Gegenteil auseinandergesprengt werden.

    Meines Erachtens sollten deshalb die Gegner der AfD mindestens von einem Dogma lassen: Die Brandmauer sollte nicht länger ihr Ein-und-Alles sein, sie sollten nicht länger versuchen, sie allerorten und um jeden Preis durchzusetzen.
    Es spricht doch viel mehr dafür, dass das demokratische Lager untereinander vertraut und in verlässlicher Absprache untereinander, gegen die AfD, gegen den von ihr verkörperten Rechtspopulismus, gegen den mit ihr eng verbundenen (auch gewalttätigen) Rechtsextremismus nicht nur mit einem, sondern mit verschiedenen Instrumenten kämpft: zwischen Tolerierung, Kooperation, Abgrenzung, Ausgrenzung und Verboten wählend, je nach konkreter politischer Lage. Jedoch gilt bei jeder Verhandlung, jeder Zusammenarbeit, auch auf kommunaler Ebene, selbstverständlich diese Devise: den AfD-Fraktionen wird als erstes politisches Entgelt immer dieses grundsätzliche Bekenntnis zu Gewaltfreiheit, Pluralismus, allen wichtigen demokratischen Regeln abverlangt. Das verspricht harte, aufklärende konkrete öffentliche Debatten.
    Also: Mit riskanter Vielfalt gegen die AfD, nicht mit der Einfalt der Brandmauer.

  7. Paul Andres

    // am:

    @Peter Krause
    Niemand sagt, dass diese Leute einfach verschwinden, aber es jetzt einfach geschehen zu lassen, ist definitiv keine Option. Ein AfD Verbot wird die Probleme nicht lösen. Aber es wird die Zeit verschaffen, die so dringend gebraucht wird, weil die Politik das Problem bisher nicht nur versucht hat auszusitzen, sondern es durch den massiven drall nach rechts auch noch verschärft hat.

  8. Peter Krause

    // am:

    @Herbert-Fischer
    Es bleibt eine Frage:
    Die AfD wird inzwischen von einem erheblichen Teil der Bevölkerung gewählt: 15, 20, 30 oder gar noch mehr als 30% der Stimmen können für die AfD bei Wahlen gezählt werden oder werden für diese Partei bei den nächsten Wahlen erwartet. Somit ist die AfD zumindest was die Wähler angeht keine kleine Partei mehr.
    Wenn die AfD verboten wird, was machen dann deren Wähler – oder auch Wähler:innen? Verschwinden diese einfach? Oder wählen diese plötzlich die „bürgerlichen demokratischen“ Parteien oder gar die LINKE oder das BSW? Oder gehen sie gar nicht zur Wahl?
    Man sollte diesen Menschen doch ein Angebot machen können, wenn man sie nicht für die Demokratie verlieren will.

  9. Christina Herbert-Fischer

    // am:

    Die Brandmauer sollte nun nicht symbolisch sein (zu Herrn Krause). Ich stimme Rudy Haenel vollumfänglich zu. Sicher ist es aber auch richtig, dass sich viele Menschen im Land weder gehört noch wahrgenommen fühlen, die Ernte trägt die AfD ein.

    Vielleicht sollten die demokratischen Parteien einfach mal den Menschen zuhören und nicht nur Teile der AfD-Forderungen übernehmen, denn dass das nicht funktioniert, sehen wir.

    Die Brandmauer allein wird es nicht richten, eine Politik, die zu Lasten der kleinen und mittleren Einkommen geht, die Reichen aber schont, leider auch nicht.

    Ich kann nur an die bürgerlichen demokratischen Parteien appellieren aufzuwachen, zuzuhören, gerechtere Politik zu machen, die Brandmauer aufrecht zu erhalten und endlich ein AfD-Verbot prüfen zu lassen.

    Und ja, dass das anders geht hatten auch von Papen und seine Mitstreiter gedacht, was draus wurde, wissen wir. Das Murmeltier lässt grüßen.

  10. Peter Krause

    // am:

    Die beste Brandmauer wäre es, wenn die anderen Parteien bzw. die regierenden Parteien es schaffen würden, den Bürgern – oder zumindest der überwiegenden Zahl – zu vermitteln, dass sie deren Probleme und Bedürfnisse wahrnehmen, und sie dann eine Politik machen, die Probleme löst.
    Nun ist auch mir klar, dass nicht jeder die gleichen Probleme und Bedürfnisse hat, und auch nicht jeder die gleichen Lösungswege befürwortet – dafür haben wir ja unterschiedliche Parteien. Aber wenn ein großer Teil der Bürger den Eindruck hat, dass die Parteien eben dies nicht leisten (können), dann wird es schwierig mit dem Vertrauen.
    Um es gleich ganz klar zu sagen:
    Dass die AfD die Kompetenz hat, „die“ Probleme zu lösen, daran habe ich sehr große Zweifel.
    Das ist aber nicht der Punkt. Der Punkt ist, wem traue ich als Wähler zu, meine Interessen zu vertreten und am Ende – auch mittels Kompromiss – Entscheidungen herbeizuführen, die zur Problemlösung beitragen. Und daran sollte in erster Linie gearbeitet werden – und nicht an einer mehr oder weniger symbolischen „Brandmauer“.

  11. Rudy Haenel

    // am:

    Die Behauptung des Autors: Sie (die AfD) wächst und wächst (vor allem in Umfragen, aber auch bei Wahlen), als sei kein Kraut gegen sie gewachsen – trotz oder wegen der „Brandmauer“, ist zunächst einmal so falsch wie die Behauptung: Es sei undemokratisch, eine Partei zu verbieten, die demokratisch gewählt wurde.
    Die Brandmauer ist zuallererst die unmissverständliche öffentliche Erklärung einer demokratischen Partei für den Wähler, sie werde mit Rechtsextremen nicht zusammenarbeiten.
    Die CDU (deren Sympathisant ich nicht bin) begründet dies so überzeugend in ihrer
    Broschüre- AfD: Abstieg für Deutschland. Demokratieschädlich. Antisemitisch. Völkisch. (7,50 EUR im CDU-Shop), dass man sich allenfalls fragen muss, weshalb sie sich immer noch ziert, ein AfD-Verbotsverfahren zu unterstützen.
    Der Vorschlag, die Brandmauer fallen zu lassen und mit der AfD zu verhandeln, damit „jeder Wähler, jede Wählerin der AfD auch die Folgen für seine/ihre Wahl trägt, ist, wie der Autor selbst zugibt, nicht nur ein riskantes Instrument, sondern eröffnet, entgegen unserem Grundgesetz, die Möglichkeit, weiterhin eine verfassungswidrige Partei zu wählen und sie auf demokratischem Wege an die Macht zu bringen, um die Demokratie abzuschaffen.
    Deshalb darf die Brandmauer nicht fallen, und es muss auf der Grundlage des im Juni 2026 veröffentlichten Gutachtens der Gesellschaft für Freiheitsrechte ein Verfahren zur Überprüfung der Verfassungswidrigkeit der AfD beim BVerfG eingeleitet werden !

  12. Paul Andres

    // am:

    Franz von Papen lässt grüßen.

    Die gesamte „Argumentation“ missachtet, dass die Brandmauer von Anfang an nie stabil war, und die CDU längst die Inhalte der AfD übernommen hat – und dann am Ende das Original gewählt wird. Das ist hinlänglich bekannt und wissenschaftlich untermauert.

    Die Alternative zur Brandmauer ist ganz sicher keine Regierungsbeteiligung. Sondern verdammt noch mal endlich ein Verbot. Spätestens das Gutachten der GFF sollte hier auch noch das letzte „Argument“ dagegen ausgeräumt haben.

  13. Daniel Schneider

    // am:

    Ich, als Mensch mit einem systemrelevanten Beruf im Öffentlichen Dienst, der sich die Wohnungspreise, in der Stadt, für die er arbeitet mit seinem Einkommen alleine nicht leisten kann und mit Interesse an einem ordentlichen und zukunftsfähigen Umgang mit unserer nahezu komplett zerstörten Umwelt, warte seit vielen Jahren darauf, dass irgendeine Partei auch nur im Ansatz seine Interessen vertritt.
    Bis dahin warte ich weiterhin mit meinem Gang zur Wahlurne ab. Vielleicht gründet sich ja irgendwann einmal eine Partei, die zum einen glaubwürdig ist und zum anderen nicht ausschließlich Konzerninteressen vertritt.

  14. Klaus Vater

    // am:

    Überzeugt bin ich davon, dass die AfD politisch und stimmenmäßig nur dann zu besiegen ist, wenn die bürgerlichen Parteien es gelernt haben, sich gegenseitig zu vertrauen. Bürgerliche Parteien – die C-Parteien, die Freien Demokraten, die SPD, auch die Linke (die ist weiß Gott von einer Arbeiterpartei so weit weg wie Papst Leo von der Vielweiberei). So lange stets das Ende der Demokratie befürchtet wird, wenn ein Unions-Vertreter dummes Zeug redet, so lange wird das nichts mit dem Vertrauen. Das gilt auch in die andere Richtung. Dieses Vertrauen ist der wichtigste Grundstoff, die wichtigste Ressource, um das oben genannte Ziel zu erreichen.

  15. Christina Herbert-Fischer

    // am:

    Ich sehe viele „Schönheitsfehler“ an dieser Argumentation. Zwei Fragen möchte ich dazu stellen.

    1. Wie sollte sich die CDU in einer Koalition durchsetzen, in der sie der schwächere Part ist?

    2. Wie könnte sie dabei den unwiederbringlichen Schaden durch die AfD-Politik für Sachsen-Anhalt und die Demokratie in Deutschland in einer Koalition realistisch abwenden?

    Aller Streit und alle Skandale innerhalb der AfD hat ihr bisher nicht geschadet. Wahrscheinlicher wäre, dass sich die CDU zerlegt und die AfD für Zauderer dann wirklich wählbar würde.
    Das Zentrum hatte auch geglaubt, dass es funktionieren könnte. Wie wir wissen, wurden sie des Gegenteils belehrt.
    Eine Partei, die nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht, sollte kein Koalitionspartner für eine demokratische Partei sein oder sie müsste sich fragen lassen, ob sie denn selber noch auf dem Boden des Grundgesetzes steht.

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