Valda Wilson (Sopran), aufgenommen von Luis Zeno Kuhn

Als-ob, das ist ein sperrig Ding

Valda Wilson (Sopran), aufgenommen von Luis Zeno Kuhn
Valda Wilson (Sopran), aufgenommen von Luis Zeno Kuhn

Nicht alle Komponisten waren tatsächlich Komponisten von Beruf. Erst, nachdem er abends seine Pferdemetzgerei zugesperrt und all das Blut abgeduscht hatte, verwandelte sich etwa Erik Satie in den Meister heiterer musikalischer Freiübungen … halt, das ist gelogen. Tatsache hingegen ist, dass sich Charles Ives lieber eine goldene Nase als Versicherungsunternehmer verdiente, statt heldenhaft als bahnbrechender Komponist zu verhungern.

Und dann ist da noch Mahler, der als genialer Dirigent und Musikorganisator einfach nicht zum Komponieren kam und das als eine Art lebensrettender Freizeitbeschäftigung vor allem in der Sommerfrische erledigte. Immerhin, er hat es so auf neun Sinfonien und einige weitere bedeutende Werke gebracht. Die vierte davon spielt die Südwestdeutsche Philharmonie in ihrem nächsten Konzert sowie einer Matinee.

„Ein Meisterwerk wie die Vierte Symphonie ist ein Als-Ob von der ersten bis zur letzten Note“, behauptete Adorno in seiner bekannt unverständlichen Art. Und so mag man sich denn fragen, worum es in diesem Werk letztlich geht, insbesondere in Hinblick auf den Schlusssatz, der einen massiven romantischen Überschuss besitzt, verwendet er doch (wie Mahlers 2. und 3. Symphonien) Text aus „Des Knaben Wunderhorn“, der allen möglichen Deutungen offensteht.

Eine Kostprobe gefällig? [Triggerwarnung: Für Veganer*innen nicht geeignet!]

Kein weltlich Getümmel
Hört man nicht im Himmel!
Lebt alles in sanftester Ruh‘!
Wir führen ein englisches Leben!
Sind dennoch ganz lustig daneben!
Wir tanzen und springen,
Wir hüpfen und singen!
Sankt Peter im Himmel sieht zu!
Johannes das Lämmlein auslasset,
Der Metzger Herodes drauf passet!
Wir führen ein geduldig’s,
Unschuldig’s, geduldig’s,
Ein liebliches Lämmlein zu Tod!

Da lässt sich’s vergnügt von einem Als-Ob raunen, dem niemand zu widersprechen wagt.

Krawumm

Natürlich kann man dem US-Amerikaner Charles Ives (1874-1954) ein frühkindliches Trauma nachsagen, kam er doch – wie so viele bedeutenden Komponisten – aus einer musikalisch aktiven Familie. Aber seine Familie war scheint’s etwas anders als all die Bachs, Beethovens oder Brahmsens, die es in deutschen Gauen zu zwölft auf ein Dutzend gab. Es wird berichtet, sein klangfreudiger Vater, Leiter einer Blaskapelle der Armee, habe von einem Kirchturm aus mehrere Blasorchester gleichzeitig dirigiert. Dass er diese Bands dabei simultan unterschiedliche Stücke spielen ließ, habe bei den Bewohnern von Danbury (Conn.) zwar für Missmut gesorgt, weil ihnen dabei die Milch sauer wurde, dem jungen Charles aber habe diese Vieltönerei aber einen Heidenspaß bereitet und ihn fürs Leben geprägt.

„Heiden“spaß passt hier natürlich nicht ganz, denn im Connecticut des 19. Jahrhunderts war man ziemlich religiös, daher denke man sich Ives schon als Kind wie auch später als Erwachsenen besser als depressiven Menschen, außer in jenen Momenten, in denen die Musik sein Leben besonnte. Er war früh ein guter Organist und schrieb bereits als Teenie etwas unbeholfene „Variations on ‚America’“, die sich stark nach Zirkusorgel anhören. Der Kirchengesang blieb eine hörbare Inspiration in seinem Werk, ebenso die Blasmusik. Weltliche Blasorchester waren in den USA ja mit der Religion bestens vereinbar, wenn man wieder einmal mit ordentlich Schmackes das Nationale feierte. Hoch das Bein fürs Vaterland! Nicht umsonst reimen sich „Nation“ und „Religion“, wenn man das nur will.

Frag mich was

Die Anekdote mit Vater Ives auf dem Kirchturm gibt es so ähnlich auch in weniger herzerfrischenden Varianten ohne Kirchturm. Sie ist durch und durch glaubhaft, denn Charles, nur 37 Tage nach Schönberg geboren und damit Zeitgenosse der frühesten europäischen Avantgarde-Generation, liebte es Zeit seines Lebens, musikalisch ziemlich schräge Dinge zu tun.

Auf das Konto dieses zu Lebzeiten kaum anerkannten kompositorischen Genies geht auch „The Unanswered Question“, ca. 1906 für Trompete, vier Flöten und Streichquartett geschrieben, später für Orchester bearbeitet und erst 1946 uraufgeführt.

Ives selbst beschrieb sein Opus (allen Ernstes) so: „Die Streicher spielen durchweg pianissimo ohne Tempowechsel. Sie sollen ‚Das Schweigen der Druiden‘ darstellen, ‚die nichts wissen, nichts sehen und nichts hören‘. Die Trompete intoniert ‚Die ewige Frage des Seins‘ und stellt sie jedes Mal im gleichen Tonfall. Die Jagd nach der ‚Unsichtbaren Antwort‘, auf die sich die Flöten und andere menschliche Wesen begeben, wird immer lebhafter. Im Lauf der Zeit und nach einer ‚Geheimen Besprechung‘ scheinen die ‚Kämpferischen Antwortenden‘ die Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen einzusehen und beginnen, ‚Die Frage‘ zu verspotten – der Streit ist für den Augenblick beendet. Nachdem die antwortenden Stimmen verschwunden sind, wird ‚Die Frage‘ ein letztes Mal gestellt, und man hört ‚Das Schweigen‘ in ‚Ungestörter Einsamkeit‘.“

Diese Musik von Ives ist ein echtes Kleinod der frühen Moderne: Wenige Minuten dahingetupfter Klänge von bezwingender Einfühlsamkeit, turbulenter Klarheit und impressionistischer Logik.

Praktische Informationen

Programm

Charles Ives 1874‒1954: The Unanswered Question
Richard Strauss 1864‒1949: Vier letzte Lieder, Malven (Orchesterfassung von Oliver Gruhn)
Gustav Mahler 1860‒1911: Symphonie Nr. 4 G-Dur

Mitwirkende

Südwestdeutsche Philharmonie, Valda Wilson (Sopran), Gabriel Venzago (Chefdirigent)

Konzerte

Freitag, 8. Dezember, um 19.30 Uhr
Sonntag, 10. Dezember, um 18.00 Uhr
Mittwoch, 13. Dezember, um 19.30 Uhr
Jeweils im Konzil Konstanz. Eine Stunde vor Konzertbeginn findet eine Einführung mit Gabriel Venzago im Studio der Philharmonie, Fischmarkt 2, statt.

Matinee

Sonntag, 10. Dezember, um 11 Uhr, ebenfalls im Konzil. Die Musikschule Konstanz bietet zeitgleich eine musikalische Betreuung im Studio der Philharmonie an. Einfach bis spätestens 12.00 Uhr freitags vor dem Konzert anmelden unter musikvermittlung@konstanz.de.

Karten

– Karten- und Abobüro, Fischmarkt 2, 78462 Konstanz, Telefon: 07531 900-2816. Fax: 07531 900-122816, Mail abo@konstanz.de, Öffnungszeiten Mo. bis Fr. 9–12.30 Uhr, http://www.philharmonie-konstanz.de
– Theaterkasse im KulturKiosk, Wessenbergstr. 41, 78462 Konstanz, Telefon: 07531 900-2150, Mail Theaterkasse@konstanz.de, Öffnungszeiten Di. bis Fr. 10–18.30 Uhr, Sa. 10–13 Uhr.
– Tourist-Information Konstanz, Bahnhofplatz 43, 78462 Konstanz, Öffnungszeiten April bis Oktober: Mo bis Fr. 9:00–18:30 Uhr, Sa. 10:00–16:00 Uhr, So. 10:00–13:00 Uhr; November bis März: Mo. bis Fr. 9.30–18 Uhr, Mail counter@konstanz-tourismus.de
– Ortsverwaltungen Dettingen-Wallhausen, Dingelsdorf und Litzelstetten (jeweils Schalterverkauf)
– Internet: Über die Seite der Philharmonie.

Quellen

– Booklet zur CD „Charles Ives: Holidays Symphony“ mit Chicago SO & Chorus, Michael Tilson Thomas.
– Hörtipp: Charles Ives, „Majority“, eines der allerschönsten jemals geschriebenen Lieder.
– Renate Ulm (ed.), Gustav Mahlers Symphonien. Entstehung – Deutung – Wirkung, München/Kassel 2001.
– Herta Blaukopf (ed.), Gustav Mahler, Briefe, Wien 1996.

Text: Harald Borges, Foto: Luis Zeno Kuhn
(Für das gestrenge Auge der Zensorin, die eisern über die strikte Einhaltung der journalistischen Standards wacht: Es ist wie immer alles gnadenlos abgekupfert, ich verrate aber nicht, wo.)

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