
Trotz neuen Verkehrspolitiker:innen und einem neuen Bahnvorstand steht es nicht gut um den Schienenverkehr in der Region. Zwar lässt die S21-Verschiebung bis weit in die 2030er Jahre hinein noch Zeit für Korrekturen – doch die Verantwortlichen hauen weiter Pflöcke ein, die in die falsche Richtung weisen. Deswegen mobilisiert das Pro-Gäubahn-Bündnis für eine Protesttour, die morgen beginnt.
Für einen kurzen Moment keimte Hoffnung auf. Das war, als die Deutsche Bahn die Eröffnung des Tiefbahnhofs Stuttgart 21 (S21) in die dreißiger Jahre hinein verschob. Angesichts des baulichen und finanziellen Desasters, so dachten viele, würden sich die Verantwortlichen besinnen und den bestehenden Kopfbahnhof nicht nur vorübergehend, sondern auf Dauer erhalten. Dann, das war die Erwartung, könne die Bahnverbindung weiter über die „Panorama-Strecke“ (mit Blick auf den Stuttgarter Kessel) laufen – eine Option, die weiterhin existiert. Aber nicht für die zuständigen Instanzen.
Denn diese haben (in Form des Lenkungsausschusses) im Juni beschlossen, den Fern- und Regionalverkehr zwischen Zürich/Singen und Stuttgart ab März 2032 in Stuttgart-Vaihingen enden zu lassen. Fahrgäste müssen dann dort, falls nichts dazwischenkommt, in die S-Bahn umsteigen, wenn sie den Hauptbahnhof oder die Innenstadt erreichen wollen. Diese Gäubahn-Kappung in Vaihingen hat viele Proteste ausgelöst; auch die – zumeist konservativen – Oberbürgermeister von Konstanz über Radolfzell und Singen bis Böblingen kritisieren seit langem das Vorhaben.
Der Unterbruch, der 1,4 Millionen Menschen von der Landeshauptstadt abhängt, sei notwendig, argumentieren Bahnmanager:innen und Landespolitiker:innen (wenn sie nicht gerade Wahlkampf führen müssen). Denn die Gäubahntrasse müsse ja in den Pfaffensteigtunnel geführt werden, und das dauere halt.
S21-Fans in den Verkehrsministerien
Eine vernünftige und kostengünstigere Verkehrsplanung sähe ganz anders aus:
- Beibehaltung des Kopfbahnhofs in Kombination mit dem kapazitätsschwachen Stuttgarter Tiefbahnhof – das Kombibahnhof-Konzept.
- Erhalt der bisherigen Panoramastrecke von Stuttgart-Vaihingen statt Gäubahn-Kappung. Das erspart den Bau des elf Kilometer langen und über drei Milliarden Euro teuren Pfaffensteigtunnels, der verkehrspolitisch unsinnig ist.
- Dafür könnte endlich der längst überfällige zweigleisige Ausbau des Gäubahnabschnitts zwischen Tuttlingen und Horb angegangen werden.
Kurzum: „Nicht unsinnige Großprojekte, sondern sondern Erhalt und Verbesserung der vorhandenen Infrastruktur sind das Gebot der Stunde.“ Das schrieben Mitte August das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und die Schutzgemeinschaft Filder in einem gemeinsamen offenen Brief an den neuen Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU). In ihm erläutern sie dem ehemaligen Adjutanten des früheren Verkehrsministers Andreas Scheuer (CSU), wie eine gute und effiziente Verkehrspolitik aussehen könnte. Seine bisherige Haltung zu Stuttgart 21 und dem von ihm stets vorangetriebenen Pfaffensteigtunnel werde den „Beton-Lobbyisten“ Bilger im „neuen Amt nun mit Wucht einholen“, warnen sie. Und rechnen dem württembergischen Politiker vor, welche Kosten auf ihn zukommen werden.
Nicht minder kritisch sehen die S21-Gegner:innen die ebenfalls noch recht neue Landesverkehrsministerin Nicole Razavi (CDU). Sie hat vor kurzem die geplante Reaktivierung der grenzüberschreitenden Bahnverbindung Breisach–Colmar gestoppt. Die Wiederinbetriebsetzung war 2019 von der deutschen (Angela Merkel) und der französischen Regierung (Emmanuel Macron) beschlossen worden.
„Wenn Frau Razavi selbst bei so hochrangigen Reaktivierungsvorhaben die Axt ansetzt, wird sie bei Reaktivierungen, die weit weniger im Blick der Öffentlichkeit stehen, sicher noch weniger Skrupel haben“, heißt es in einer Pressemitteilung des Bündnisses Pro Gäubahn. Von Kürzungen in diesem Bereich wäre unter anderem die Reaktivierung der Bahnstrecke Singen–Etzwilen betroffen.

Vier Tage Bahnhofsbesuche
Um ihrer Forderung „Wir wollen zum Hauptbahnhof Stuttgart“ Nachdruck zu verleihen, hat Pro Gäubahn nicht nur eine Petition auf change.org lanciert. Sondern nun eine Staffelfahrt per Fahrrad organisiert. Sie führt in vier Tagen von Konstanz bis Stuttgart und beginnt am Dienstag, den 8. September.
Mit dieser Aktion in vier Etappen will die Rottweiler Initiative auf die Bedeutung der Gäubahn hinweisen. Auf dem Weg nach Stuttgart werden alle Bahnhöfe entlang der Gäubahn angefahren: Radolfzell, Singen, Engen, Tuttlingen, Spaichingen, Rottweil, 0berndorf, Sulz, Horb, Ergenzingen, Herrenberg, Böblingen, Stuttgart-Vaihingen. Am Ziel in Stuttgart findet dann vor dem Rathaus die Abschlusskundgebung statt.
Wer von Anfang an die Bewegung für einen durchgehenden zweigleisigen und umweltfreundlichen Bahnverkehr hier im Süden unterstützen mag: Die Aktion beginnt am Dienstag um 10 Uhr beim Bahnhof Konstanz.
Text: diverse Medienmitteilungen / pw
Abbildungen: Landesbündnis Pro Gäubahn

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