Ausstellung radolfzell so oder anders 2026 © jennifer gajewiak

Was wird künftig aus Radolfzell?

Von Julian Waibel (Text) und Jennifer Gajewiak (Fotos)
Ausstellung radolfzell so oder anders 2026 © jennifer gajewiak

In der Villa Bosch in Radolfzell ist derzeit die Ausstellung „So! Oder anders?“ zu sehen. Sie wurde von Student*innen der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz (HTWG) und der Universität Konstanz entwickelt und ist Teil des 1200-jährigen Stadtjubiläums. Besucher*innen sind eingeladen, sich Fragen zur Radolfzeller Geschichte, zu Gegenwart und Zukunft zu stellen.

Anhand von Schlüsselmomenten der Vergangenheit beschäftigt sich die Ausstellung mit der Frage, wie anders die Geschichte Radolfzells hätte verlaufen können. Besucher*innen erhalten am Eingang eine Pappkarte mit Marken, mit denen sie in großen Gläsern abstimmen können, welche alternativen Wege die Geschichte der Stadt in der Vergangenheit hätte gehen können. Im oberen Stockwerk werden dann ähnliche Fragen zur Zukunft der Stadt gestellt. Was wäre, wenn Radolfzell eine Universitätsstadt geworden wäre? Was wäre, wenn die Stadt Bundeswehrstandort wäre? Oder für die Zukunft etwa: Was wäre, wenn Radolfzell zur Musikstadt wird? Soll Radolfzell sich auf Extremwetter vorbereiten? 

Weite Teile der Bilder der Ausstellung sind mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) hergestellt worden, sowohl in den historischen als auch in den futuristischen Teilen. Einerseits steigert KI-Technik das Potenzial an Pracht und lässt die Räume opulenter wirken. Andererseits besteht bei angeblich historischen Darstellungen die Gefahr, dass neben tatsächlichen Quellen auch Klischees in die gezeigten Bilder wandern.

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Bei der ausgestellten Figur des sogenannten Stadtgründers und Heiligen Ratold, die der Kirchengemeinde entliehen wurde, wird noch betont, dass die Wahrnehmung des 19. Jahrhunderts die Darstellung bestimmt. Die von einer KI erzeugten Bilder entstehen auf Basis einer großen Menge vorhandener Bilder und Informationen, auf die das Modell zurückgreift. Dadurch können sich teils von Klischees überformte Bildmuster im KI-generierten Ausstellungsteil niederschlagen.Die Ausstellung verdeutlicht andererseits auch, dass deren Macher*innen sich dessen bewusst sind, indem sie in dem Bereich, der sich mit Potenzialen der nahen und fernen Zukunft beschäftigt, selbst Möglichkeiten zur Reflexion anbieten.

Nachdenken für die Zukunft

Aus der persönlichen Darstellung der Ausstellungsgestaltenden auf Instagram (https://www.instagram.com/sooderanders.ausstellung/) wird sichtbar, wie die Arbeit von Student*innen teils das ersetzt, was bei manch anderer Ausstellung teures technisches Handwerk erfordert hätte: ECTS-Punkte ersetzen – wie es in verschiedenen Bereichen der HTWG üblich ist – Entlohnung. Diese praktische Möglichkeit der Ausstellungsgestaltung als Studieninhalt gab viel Raum zum Ausleben der eigenen Kreativität und führte Studierende aus technischen Bereichen mit Geisteswissenschaftler*innen zusammen.

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Sichtlich viel Energie und Leidenschaft haben die Student*innen beider Hochschulen in diese Ausstellung gesteckt, die bis ins Detail technisch, künstlerisch, pädagogisch und inhaltlich durchdacht erscheint. Sie glänzt gestalterisch, ist bunt und überlegt konzipiert und bietet viele Möglichkeiten, sich selbst zu beteiligen. Da steht zum Beispiel ein Schreibtisch, an dem man sich in die Rolle eines Kommunalpolitikers hineinversetzen kann; da sind Hörstationen mit Experteninterviews zu historischen Themen; da kann man auch Klavier spielen. Oder wollen Sie sich lieber mit einer KI über die Zukunft der Stadt austauschen?

Ein Ausstellungsbesuch bietet auch die Gelegenheit, Nachrichten in die ferne Zukunft zu schicken. Die Zeitkapsel, in die Besucher*innen ihre Botschaften werfen können, soll erst im Jahr 3226 geöffnet werfen, wenn weitere 1200 Jahre vergangen sind. Eigene Vorschläge für die ferne Zukunft, die aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit entstehen, könnten so in weiter Ferne wieder auftauchen – und dann vielleicht sogar für einen kurzen Moment des Nachdenkens sorgen.

Die Villa Bosch (Scheffelstr. 8, Radolfzell) ist Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 17:30 Uhr geöffnet. Die Ausstellung ist bis zum 15. November zu sehen.

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