Fahrraddemo 2026 07 24 rheinbrücke © privat

„Platz zum Leben, Platz zum Radeln“ – Konstanzer Fahrraddemo fordert Umverteilung öffentlicher Flächen

Von Miriam Nagel
Fahrraddemo 2026 07 24 rheinbrücke © privat

Die Entscheidung zum Fahrradparkhaus muss bis November warten – ein Symbol für mangelnde Priorisierung des Radverkehrs in Konstanz? Erst am Freitag demonstrierten Radler*innen für Flächengerechtigkeit, sichere Infrastruktur und Klimaschutz.

Es ist eine Entscheidung, die keine ist: Der Konstanzer Gemeinderat hat am Dienstag beschlossen, die Zukunft des Fahrradparkhauses nicht selbst zu verantworten, sondern an einen Bürger*innenentscheid weiterzureichen (seemoz berichtete). Statt eines klaren Bekenntnisses zur Verkehrswende, gibt es einen Termin: Am 29. November sollen die Konstanzer*innen selbst entscheiden, ob gebaut wird oder nicht. Nur wenige Tage vor diesem Beschluss waren Radfahrer*innen bereits auf die Straße gegangen, um genau das einzufordern, worüber jetzt monatelang weiterverhandelt wird: Eine radikale Neuverteilung des öffentlichen Raums.

Wir sind hier, wir sind laut

Am letzten Freitag um kurz vor vier färbte sich die Nordhälfte des St.-Stephans-Platzes bunt: Warnwesten, Helme in allen Farben, ein Kinderanhänger neben dem nächsten, dazwischen Transparente, die im Nachmittagswind flattern. Trillerpfeifen zerschnitten die Luft, Klingeln ersetzten den Applaus – und dann setzte sich der Zug in Bewegung. Am 24. Juli wurde auf Zweirädern demonstriert, um zu zeigen, wem der öffentliche Raum eigentlich gehören sollte.

Rund 160 Menschen folgten dem Aufruf eines breiten Bündnisses bestehend aus ADFC Kreis Konstanz, BUND, Ciclo e.V., Fridays for Future Konstanz, Greenpeace-Jugend Bodensee, Students for Future Konstanz, TINK und dem Verkehrsclub Deutschland Kreisverband Konstanz. Ein generationenübergreifendes Orga-Team vom Rentner zur Schülerin zeigt: Dieses Thema geht alle etwas an.

Fahrradfahren bedeutet Freiheit

Die 16-jährige Mascha Richter eröffnete die Auftaktkundgebung, und schon in den ersten Minuten wurde klar: Hier ging es nicht um Verzicht, sondern um Selbstbestimmung. Amy von Fridays for Future Konstanz brachte es auf den Punkt: Viele würden bei „Mobilitätswende“ sofort an ein Auto-Verbot denken, an Einschränkung. Dabei sei es genau umgekehrt – aktuell seien wir vom Auto abhängig, während echte Mobilitätswende bedeute, sich endlich sicher und frei bewegen zu können, egal mit welchem Verkehrsmittel. „Es gibt kein Recht, einen SUV zu fahren“, tönt es durch die Megafone.

Fahrraddemo 2026 07 24 stephansplatz © privat
Auftakt auf dem Stephansplatz

Pauline Amann, ebenfalls von Fridays for Future, ergänzte diesen Gedanken mit spürbarer Begeisterung für die Fahrradstraße als sicheren Rückzugsort im Verkehr. Veränderung sei anstrengend, sagte sie – aber sie könne so viel Schönes erschaffen. Man merkte den beiden jungen Rednerinnen an, dass sie nicht nur über abstrakte Verkehrspolitik sprachen, sondern über ihren Alltag, ihre Wege zur Schule, ihre Freiheit. 

Die Verkehrswende ist schon da

Marco Knöpfle ist seit einem Jahrzehnt Fahrradaktivist in Konstanz und Mitbegründer von TINK, einem der ersten öffentlichen Lastenrad-Mietsysteme Europas. Er lieferte die Fakten zur gefühlten Ungerechtigkeit: Der Radverkehrsanteil in Konstanz habe sich in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt, auf mittlerweile rund vierzig Prozent aller Wege – während der Autoanteil sich im gleichen Zeitraum halbiert habe. Eine Verkehrswende, die längst stattfindet. Nur eben nicht in der Verteilung von Fläche und Geld.

Als Beispiel nannte er das geplante Fahrradparkhaus, das trotz vergleichsweise geringer Kosten erbittert bekämpft werde – während niemand mit der Wimper gezuckt habe, als 17 Millionen Euro in ein Parkhaus für Autos flossen. Es gebe durchaus Fortschritte, sagte Knöpfle: Fahrradstraßen, die Z-Brücke beim Bahnhof Petershausen, kleine Abstellanlagen, ein eigener Fahrradbeauftragter der Stadt. Aber an vielen Stellen – etwa an der alten Rheinbrücke oder in der Konzilstraße – klaffe die tatsächliche Flächenverteilung noch immer weit auseinander von dem, was die Zahlen längst hergeben. „Es wäre demokratisch und gerecht, wenn sich diese Entwicklung auch in der Verteilung der Verkehrsflächen und der Finanzen widerspiegeln würde“, fordert Knöpfle.

Problemzonen abfahren

Was diese Demo von einer klassischen Kundgebung unterschied: Sie war höchst mobil. Statt an einem Ort zu verweilen, rollte der Demonstrationszug gezielt an jene Stellen in der Stadt, die für Radfahrende seit Jahren Ärgernisse sind – mit kurzen Zwischenstopps, um die Probleme direkt vor Ort sichtbar zu machen.

An der Sankt-Gebhardstraße, wo der Fahrradweg aus dem Paradies über die Radbrücke Richtung Z-Brücke weiterführt, sorgen zwei Rechts-vor-links-Kreuzungen regelmäßig für brenzliche Situationen – die längst geplante Fahrradzone für das Petershausener Quartier lässt weiter auf sich warten. Am Zähringerplatz wurde zwar kürzlich eine erleichterte Radquerung von der Allmansdorfer Straße eingerichtet, doch wer von der Universität kommend in die Fahrradstraße möchte, braucht Geduld: unübersichtliche Routenführung, mehrere Ampelrotphasen, kreuzende Fußwege. Ein Kreisverkehr, so die Forderung des Bündnisses, würde hier spürbar entlasten.

Besonders deutlich wurde die Forderung an der alten Rheinbrücke: Seit Jahren ist die Umwidmung einer Autospur zur Radspur beschlossen – umgesetzt ist sie nicht. Ohne sie bleibt der Radweg unter der Norm und für breite Lastenräder schlicht unpassierbar. Auf der Marktstätte schließlich zeigte sich das Problem ganz praktisch: Weil Fahrradstellplätze fehlen, werden abgestellte Räder zum Hindernis für den Fußverkehr. Die Forderung des Bündnisses ist eindeutig: mehr Stellplätze, ein Fahrradparkhaus im öffentlichen Raum – jetzt.

Ungleichheit, an die wir uns gewöhnt haben

Auf der Marktstätte ergriff auch die Soziologin Claudia Diehl das Wort – und lieferte einen unbequemen Befund. Sie hatte Konstanzer*innen gefragt, wie viel Platz Rad- und wie viel Autofahrende im Straßenverkehr tatsächlich einnehmen. Das Ergebnis: eine kollektive Fehlwahrnehmung. „Nahezu alle unterschätzen dramatisch den Platz, den Autos einnehmen, und überschätzen den Platz, den Radfahrer einnehmen. Das ist ein Befund, der aus der Forschung zur Wahrnehmung ökonomischer Ungleichheit bekannt ist. Wenn Ungleichheit sehr stark ist, kommt sie allen normal vor. Wir gewöhnen uns an sie.“ 

Fahrraddemo 2026 07 24 fahrspurrheinbrücke © privat
Endlich Platz!

Diehl zog die Parallele bewusst aus der Forschung: Je krasser ein Missverhältnis, desto unsichtbarer wird es im Alltag. Man gewöhnt sich an die extrabreite Autospur, an den Parkplatz statt Gehweg, bis er als Normalzustand erscheint. Genau deshalb, so Diehl weiter, halte sich auch die Erzählung, die Lage in Konstanz sei doch „gar nicht so schlecht“. Damit solle man sich keinesfalls zufriedengeben.

Zum Abschluss auf der Marktstätte richtete Norbert Wannenmacher von der Radorganisation „Ciclo“ den Blick nach vorn. Es fehle nicht an öffentlichem Raum, sondern an der Vorstellungskraft, diesen Raum neu zu denken, sagte er und rief dazu auf, an der Basis aktiv zu werden: Nur wer ins Tun komme, könne auch etwas bewegen. Mascha Richter schloss die Demonstration mit den Worten, die den ganzen Nachmittag getragen hatten: „Wir brauchen mehr Platz zum Leben, Platz zum Radeln!“

Es war ein Protest, der laut war, sichtbar viel Raum einnahm und genau damit seine Forderung selbst vorführte: Wer mehr Platz will, muss ihn sich auch nehmen. Im November wird sich schließlich zeigen, ob die Stadt Konstanz bereit ist, diesen Platz freiwillig umzuverteilen.

Fotos: privat

Ein Kommentar

  1. Claudia Diehl

    // am:

    Ein schöner Bericht, nur eine ganz kleine Korrektur: die Zahlen, die ich berichtet habe, stammen aus einer Befragung aus ganz Deutschland. Der entsprechende Fachzeitschriftenartikel und ein verständlich aufbereitetes Policy Papier erscheinen im Herbst.

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