Gemeinderat, ratssaal 2026 07 28 05 © harald borges

Trickser, Heuchler, wack‘re Demokraten – Der Rat beschließt den Bürgerentscheid

Von O. Pugliese
Gemeinderat, ratssaal 2026 07 28 05 © harald borges
© Harald Borges

Weit mehr als zwei Stunden benötigte der Rat gestern, um den Bürgerentscheid zum Fahrradparkhaus zu debattieren und zu beschließen. Dabei trafen nicht nur unterschiedliche politische Absichten, Ansichten und Positionen aufeinander, sondern es enthüllte sich gelegentlich auch das charakterliche Unterfutter des politischen Geschehens.

Wer nicht im gut gefüllten Publikumsbereich des Ratssaals saß, sondern sich etwa am Hörnle oder im Rhein tummelte, hat einiges verpasst: Die Meinungen zum Bürgerentscheid waren quer durch die politischen Lager gespalten, und so manche Rät:innen argumentierten sich um Kopf und Kragen beim Versuch zu begründen, warum ihre Prinzipien von gestern heute und in diesem Fall ausnahmsweise nicht gelten sollten.

OB ganz pragmatisch

Der OB, der in seiner Einleitung daran erinnerte, dass sich der Gemeinderat bereits seit 2009 immer wieder, und oft mit großer Mehrheit, für Schritte hin zum Fahrradparkhaus ausgesprochen hat, kündigte an, selbst ganz pragmatisch abstimmen zu wollen: Er sei zwar ein Befürworter des Hauses, ziehe aber aus praktischen Gründen einen Bürgerentscheid am 29. November 2026 einem aufwändigen Volksbegehren irgendwann im März oder April 2027 vor, denn mit dem Bürgerentscheid könne man – die Zustimmung des Wahlvolkes vorausgesetzt – schneller mit dem Projekt fortfahren.

Die Verwaltung will jetzt die nächsten Schritte tun und eine juristisch wasserfeste Frage für die Stimmzettel formulieren. Außerdem soll eine Informationsbroschüre verfasst, dem Gemeinderat vorgelegt und gemeinsam mit den Wahlunterlagen am 8. November verschickt werden. Trotz des patriarchalischen Namens „Bürgerentscheid“ sind übrigens auch Frauen und andere Geschlechter dabei wahlberechtigt.

Das alles mag noch lange hin sein, aber angesichts der Sommerferien, der Komplexität des Themas und der tiefen Spaltung unserer Stadt in dieser Frage hat der Wahlkampf bereits vor einigen Tagen begonnen. Die Sachwalter:innen der ökonomischen Vernunft kämpfen dabei gegen die ökologisch verseuchten „moralisch Erleuchteten“, die sich lächerlicher Weise auch noch „für oberschlau und geil“ halten, wie es in unserer Fanpost im Internet so putzig heißt.

Förderung ist nicht gefährdet

Natürlich dürfen jetzt, ehe das Abstimmungsergebnis vorliegt, keine Bagger rollen, aber das war ohnehin noch nicht vorgesehen. Derzeit sitzt man noch am Abschluss der planerischen und juristischen Vorarbeiten. Da die Bahn dem Vernehmen nach niemanden gefunden hat, der die nötige Versetzung einiger Oberleitungsmasten übernehmen will, dürfte sich der Baubeginn weiter verzögern.

Zumindest die Finanzierung des Projekts, so es denn kommt, wird durch die Verzögerung durch den Bürgerentscheid nicht gefährdet (obwohl dies einige Befürworter insgeheim erhofft zu haben scheinen). Das Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) hat signalisiert, dass es der Stadt Konstanz angesichts der besonderen Situation Fristverlängerung gewährt. Sollte die Abstimmung allerdings gegen das Fahrradparkhaus ausgehen, könnte das BALM eventuell eine Rückzahlung bereits ausgezahlter Gelder fordern.

Die Diskussion verlief teils langatmig, teils verworren. Ausgerechnet Roger Tscheulin (CDU), der selbst nie um einen verletzenden Prankenhieb in Richtung seiner Gegner verlegen ist, warf in die Debatte, dass eine Entscheidung durch den Gemeinderat allein statt durch einen Bürgerentscheid die Gesellschaft schmerzlich spalten würde, schnuff. Ohne den Bürgerentscheid werde die Politikverdrossenheit nur zunehmen, die Bevölkerung wolle bei Großprojekten nun mal mitentscheiden, statt Entscheidungen nur aus dem Gemeinderat entgegenzunehmen.

Mehrere seiner politischen Gegner erinnerten ihn in ihren Redebeiträgen allerdings daran, dass die CDU für andere Großprojekte wie das Bodenseeforum oder die Umgestaltung des Stephansplatzes niemals einen Bürgerentscheid gefordert habe, so dass sie ihr Herz für die Bürgerbeteiligung unerklärlich plötzlich entdeckt habe.

Der Gemeinderat ist für Entscheidungen gewählt worden

Gisela Kusche (FGL) vertrat eine Gegenposition: Der Gemeinderat sei ja gerade dafür gewählt, Entscheidungen zu treffen, da könne er sich schlecht, nachdem er ein Projekt fünf Jahre lang vorangetrieben habe, in allerletzter Sekunde vor einer Entscheidung drücken, indem er sie an die Bürger:innen delegiere. Dass der Gemeinderat sich wegducke, werde die Bürgerschaft nicht verstehen.

Jan Welsch nutzte in seiner viel zu langen, unnötig wendungsreichen Rede die Gelegenheit, mit kämpferischem Elan eine „Ohne Wenn und Aber fordere ich entschlossen ein standhaftes Sowohl als Auch“-Position zu beziehen. Er sollte vielleicht beim Schreiben einer Rede, deren Manuskript sich gut und bündig lesen mag, sorgfältiger prüfen, ob sie auch für von Natur aus minder begabte Geisteswissenschaftler:innen und ähnliche Normalos intuitiv verständlich sein könnte. Welsch wies nicht zu Unrecht darauf hin, dass die Befürworter:innen des Bürgerentscheides das Parkhaus selbst bis vor ein paar Tagen im Gemeinderat mitgetragen haben und jetzt plötzlich so aufträten, als hätten andere das gegen ihren Willen durchgedrückt. Er war nicht der Einzige an diesem Abend, der bezweifelte, dass es den Antragstellern aus dem bürgerlichen Lager bei dem Bürgerentscheid um gelebte Demokratie gehe. Vielmehr sei der Bürgerentscheid nur ein Mittel für sie, ihre inzwischen geänderte politische Haltung contra Parkhaus durchsetzen. Gabriele Weiner (JFK) schlug in dieselbe Kerbe: Hier werde ein demokratisches Werkzeug als Mittel zum politischen Zweck missbraucht.

Verhinderungsdemokratie

Mehrere Stimmen kritisierten, dass die Forderung nach dem Bürgerentscheid erst jetzt, Jahre nach Planungsbeginn, nach erheblichen Vorleistungen und erst direkt vor der entscheidenden letzten Abstimmung über das Projekt erhoben wurde. Holger Reile (LLK) brachte dies so auf den Punkt: Er habe nichts gegen Bürgerentscheide, aber in diesem Fall handele es sich um ein politisches Macht- und Ränkespiel, das das Projekt Fahrradparkhaus handstreichartig erlegen solle. Der „homo fatalis konstanciensis“ übt sich in Desinformationskampagnen und vermutet hinter jedem Fahrradbügel einen Anschlag auf seine körperliche und geistige Gesundheit“. Er schlug – damit war er an diesem Abend nicht ganz allein – einen Bürgerentscheid zum Bodenseeforum vor, wo sich richtig fett Geld einsparen lasse.

Wolfgang „Moses“ Moßmann (LLK) sprang ebenfalls über seinen Schatten, allerdings in die andere Richtung als sein Fraktionskollege Reile. Für ihn ist Bürgerbeteiligung derart wichtig, dass er dem Antrag auf einen Bürgerentscheid zustimmen werde, und das – in diesem Moment richtete Moßmann einen stechenden Blick auf Tscheulin, – „obwohl der Antrag von Ihnen kommt“.

Freie Bahn für Behinderte

Ganz andere Aspekte brachten zwei weitere Redner:innen ein: Alena Dias Vieira von der Jugendvertretung fragte, ob ein Fahrradparkhaus angesichts maroder Schulen und Sportmöglichkeiten denn wirklich so wichtig sei und begrüßte einen Bürgerentscheid, damit auch die jungen Menschen mitbestimmen können, die für das Fahrradparkhaus noch in Jahrzehnten, wenn die meisten – im Schnitt doch eher älteren – Entscheider:innen längst aus dem Rennen seien, immer noch zahlen müssen. Schließlich erinnerte der Behindertenbeauftrage Stephan Grumbt mit allem Recht an all jene Menschen, die heute im gesamten Berich um Marktstätte, Bahnhof und Lago mit ihren Rollstühlen, Krücken oder Kinderwägen an den überall abgestellten Fahrrädern schier verzweifeln.

Was bleibt von dieser Debatte?

Es gab ein paar erheiternde Lösungsvorschläge wie jenen aus der stets am kleinen Mann sparsamen FDP, man könne in der Innenstadt doch einfach und kostengünstig auch mehr Fahrradbügel aufstellen, es gebe noch viele bügelfreie Zonen dort.

Es bleibt auch einige Verwunderung: Jahrzehntelange Überzeugungen wurden in allen Lagern ins Gegenteil umgebogen, auf der anderen Seite glänzten einige Stadträt:innen durch ihre unerwartete Ehrlichkeit.

Am Ende bleibt dann auch noch der fade Beigeschmack, dass der Bürgerentscheid für so manche Gemeinderät:innen aller Seiten nur der Durchsetzung ihrer politischen Interessen in diesem aktuellen Fall dienen soll.

Es ist jetzt Sache der Bürgerschaft, diese Politiker:innen, die gegen ihr sonstiges Reden und Handeln heute die direkte Demokratie in der Schweiz verherrlichten, beim Wort zu nehmen, und in Zukunft einen Bürgerentscheid über alle größeren Projekte von ihnen zu fordern.

Da wird sich die Spreu der Heuchler:innen und Taktiker:innen dann schnell vom Weizen der überzeugten Demokrat:innen trennen lassen.

9 Kommentare

  1. Christina Herbert-Fischer

    // am:

    zu Herrn Schneider
    Sie haben völlig recht und es ist so, dass man die Ergebnisse von Abstimmungen nicht vorher festlegen kann. Das gibt es zwar auch, aber nicht in Demokratien.

    Demokratie ist manchmal anstrengend, die Ergebnisse sind nicht immer sinnvoll oder in Hinblick auf die Zukunft am Besten. Ich erinnere an den neuen Bahnhof in Stuttgart. So gut wie alle Bedenken der Gegner zu Kosten und Hindernissen hatten sich als richtig erwiesen. Es ist immer noch eine Baustelle und zudem ein Milliardengrab. Aber so ist es mit der Demokratie.
    Ich finde, sie ist am Ende doch noch die beste aller Möglichkeiten unterm Strich, auch wenn es manchmal zu Fehlentscheidungen kommen kann, die Vorteile sind andere und wiegen mehr.

    Hoffen wir das Beste!

  2. Daniel Schneider

    // am:

    Es ist doch immer wieder lustig mitanzusehen, wie Menschen, die immerzu „Demokratie“ schreien, diese letztendlich auch nur gut finden, wenn diese, die eigene Meinung und eigenen Interessen vertritt.
    Aber umgekehrt Kritik anderer, gegenüber demokratischer Entscheidungen, mit dem Verweis auf eben jene, so hochgelobte Demokratie, entkräften möchten.

    Demokratie ist eben nur so gut, wie die Menschen, welche sie machen und daher nicht zwingend sinnvoll, logisch oder gar intelligent.

  3. Christina Herbert-Fischer

    // am:

    Ich denke, die getroffene Entscheidung ist die kostengünstigere und schnellere Möglichkeit, also das kleinere Übel. Was mir eher Sorgen macht ist, dass es das Aus für das Projekt bedeuten könnte, was zwar eine demokratische, aber auch sehr unvernünftige und rücksichtslose Entscheidung wäre.

    Mobilitätseingeschränkte Personen haben ihre Mühe durch die überall abgestellten Fahrräder, für Rollatoren und Rollstühle (aber auch für Kinderwägen), ist die Innenstadt teils zum Hindernislauf geworden. Barrierefreiheit und das Mitdenken für andere, die vielleicht nicht so gut zu Fuß sind, ist scheinbar bei den Gegnern nicht im Fokus.

    Vielleicht kann man ja die Kosten für den Bürgerentscheid mit einer weiteren Erhöhung der Parkgebühren gegenfinanzieren. So viel sollte uns doch unsere Demokratie auch als Autofahrer
    wert sein.

  4. Bernd Eisenbarth

    // am:

    @ Peter Schenkenburger
    Dass die Stadt beim Parkhaus jetzt einen Bürgerentscheid macht, erfolgt nur wegen dem Druck, der dadurch entsteht, dass ein alternatives Bürgerbegehren das Ganze noch mehr verzögern würde. Von Einsicht in der Sache kann also eher nicht die Rede sein. Marienschlucht war wohl nicht so sehr im Fokus des Volkes, und die Stadt hat da wahrscheinlich auch nicht explizit die finanziellen Folgen plakatiert, sonst hätte es da wohl auch mehr Zoff gegeben. Dass die Stadt viel Geld für diverse Dinge ausgibt, ist hinreichend bekannt. So z.B. für dieses fragwürdige „Smartphone Green City“ -Projekt, das von der Stadtverwaltung erst ein wenig beschnitten wurde, nachdem trotz horrender bereits aufgewendeter Summen keine entsprechenden Ergebnisse nachgewiesen werden konnten, und von dem auch kaum jemand so recht weiß, was das überhaupt soll. Ein paar Wassersprüher und „Wohlfühlorte“ im Sommer können’s doch wohl nicht sein. SGC läuft aber trotzdem weiter. Das BoFo ist so ein weiteres Sorgenkind, von dem man auch nicht die Finger lassen will. Es besteht künftig also offensichtlich ausreichend Anlass, zumindest bei finanzstärkeren Projekten Bürgerentscheide zu fordern und durchzuführen, und ich würde begrüßen, wenn das Usus wird.

  5. Pauli heinzelmann

    // am:

    Auch Asylant/?innen und Flüchtlinge wären lt. Gem. Ord. ausgeschlossen, wenn sie keine deutsche oder andere EU- Staatsbürgerschaft besitzen.

  6. Peter Schneckenburger

    // am:

    Der Bürgerentscheid kostet ja nix! Seltsam empfinde ich im Falle des Parkhauses den Umstand, daß im Falle des Steges in der Marienschlucht nie der Kostenfaktor bemängelt wurde. Dieses pompöse Bauwerk kostet die Stadt KN für den Bau fast 1 Million EUR und ca. 120 000 EUR Unterhalt im Jahr. Und das wurde kritiklos befürwortet. Und nur weil so ein Analphabet das Verbotsschild beim alten Steg nicht lesen konnte und deshalb zu Tode kam. Ist dieses Bauwerk in dieser Form nötig gewesen? Unnötig wie ein Kropf – sagt der Konstanzer.
    .

  7. Pauli heinzelmann

    // am:

    Die juristischen Implikationen für einen Bürgerentscheid sind nach Gem.ord. noch garnicht benannt. So wäre eine simple ja/nein Option höchst undemokratisch, auch die Teilnahmeberechtigung nur für Wahlberechtigte ab 16 Jahre wirft Fragen auf. Nach den Empfehlungen der Experten bin ich für den Bau des Fahrradparkhauses.

  8. Bernd Eisenbarth

    // am:

    Zum Thema Bürgerbeteiligung:
    Die jetzige Entscheidung des Gemeinderates für einen Bürgerentscheid begrüße ich und danke dafür! Denn dass der Gemeinderat ein demokratisch gewähltes Gremium ist, heißt doch nicht, dass deren Wähler in jeder Sachfrage mit dessen Meinung übereinstimmen. Das würde die Wähler zu einer Herde Schafe reduzieren, die ihren Anführern bedingungslos hinterher zu rennen hat. Nein, eine gewisse Mitsprache und Entscheidungsfähigkeit sollten die Machthaber dem Wahlvolk wenigstens bei wichtigen Fragen schon zugestehen, wenn sie es ernst nehmen. Ähnlich verhält es sich mit der sog. Parteiräson: Mir sind Politiker, die auch mal eine von Ihrer Fraktion abweichende Meinung vertreten, lieber als die die ewigen Ja-Sager, die mir generell suspekt sind.

  9. Richard Bartscher

    // am:

    Die Argumentation der Bürgerlichen, dass „wir uns das Fahrradparkhaus angesichts klammer Kassen nicht leisten können”, ist längst widerlegt. Wie Marco Knöpfle in seinem Seemoz-Kommentar vom 27. Juli vorrechnete, erhält die Stadt dank großzügiger Fördermittel für rund 2,5 Millionen Euro eine Immobilie in allerbester Lage im Wert von 8,5 Millionen Euro und mit bester Wertzuwachsprognose. Jeder Immobilieninvestor würde sich die Finger danach lecken. War wirtschaftliches Denken nicht immer die Domäne der Parteien mit F im Namen?

    Und dann das mit „Bürgerbeteiligung” und „direkter Demokratie”. Die Bürgerlichen lehnen Bürgerbeteiligung regelmäßig ab, selbst wenn diese als BürgerInnenrat mit weniger als 10.000 Euro Kosten nur als Barometer vorgeschlagen wird. „Wir wissen, was die Bürger wollen, und wir sind ihre gewählten Repräsentanten.” Ein Bürgerentscheid mit Kosten von fast 600.000 Euro wird jedoch in einer Nacht-und-Nebel-Aktion am Tag vor der Entscheidung ins Spiel gebracht.

    Dass in der gestrigen Sitzung ausgerechnet seitens der FDP das Goethe-Zitat „Die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht mehr los“ fiel, kann inzwischen nur noch als Selbstironie gewertet werden, denn vor diesem Hintergrund stuft es die Bürgerlichen als selbsternannte Lehrlinge statt als Meister ein. Nun sind die Geister gerufen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert