Hebammen demo1 rheinbrücke 2026 05 05 © pit wuhrer

Wie Hebammen die Arbeitsgrundlage entzogen wird

Von Albert Kümmel-Schnur
Hebammen demo1 rheinbrücke 2026 05 05 © pit wuhrer

Am 5. Mai versammelten sich im Herosépark auf Einladung der Beleghebammen von Konstanz etwa 1000 Menschen, um gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Belegsystem durch den im November 2025 in Kraft getretenen „Hebammenhilfevertrag“ zu demonstrieren. Denn Hebamme sein ist weder ein Hobby noch ein Ehrenamt. Worum ging’s?

Das Wetter ist fantastisch, das Eis gesponsort. Kinder, Lastenräder, bemalte und gedruckte Schilder und Banner. Ein Stoffstorch verendet still, auf Pappen werden Kondome als günstige Alternative zur Geburtshilfe beworben: es ist der 5. Mai, der Internationale Hebammentag, der seit 1991 in 50 Ländern weltweit gefeiert wird. Die Beleghebammen des Konstanzer Klinikums haben aus diesem Anlass zu einer Demonstration eingeladen. Sie wollen aufmerksam machen auf die neuerliche Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen durch den im November 2025 in Kraft getretenen „Hebammenhilfevertrag“.

„Im Hebammenhilfevertrag wird geregelt, wie die freiberuflichen Hebammen mit den Krankenkassen abrechnen“, erklärt mir Ruth Hofmeister, erste Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg, die eigens aus Stuttgart für die Konstanzer Demonstration anreiste. Früher verstand man unter einer ‚Beleghebamme‘ eine freiberuflich tätige Hebamme, die eine Frau in ihrer Praxis während der Schwangerschaft betreute und bei der Geburt in einer Klinik begleitete.

Heute gehört dieses System weitgehend der Vergangenheit an. Beleghebammen ersetzen an vielen Kliniken – so auch an der Konstanzer Frauenklinik – die festangestellten Hebammen komplett. Man spricht in solchen Fällen von „Dienst-Beleghebammen“, denn sie arbeiten in Schichtarbeit und betreuen sowohl Frauen, die sie aus ihren Praxen kennen als auch solche, die spontan zur Geburt eine Klinik aufsuchen.

Doppelte Benachteiligung von Beleghebammen

Durch eine systemische Überlagerung kommt es dabei zu harten wirtschaftlichen Einbußen, denn der neue Hebammenhilfevertrag verspricht zwar auf der Oberfläche Verbesserungen wie etwa eine 1:1-Betreuung Gebärender, leistet diese aber nur für freiberuflich arbeitende Hebammen. Die „Dienst-Beleghebamme“ dient jedoch buchstäblich zwei verschiedenen Systemen: sie ist Freiberuflerin mit allen Risiken und Pflichten, muss sich also selbst haft-, renten- und sozialversichern, muss ihre Arbeit selbständig dokumentieren und abrechnen. Sie arbeitet aber eben nicht mehr nach dem alten Belegprinzip, sondern so, als sei sie festangestellt, bekommt also das Schlechteste beider Seiten.

Hebammen demo2 herosepark 2026 05 05 die hebammen © pit wuhrer
Konstanzer Hebammen beim Protest im Herosépark: unverzichtbar, aber unterbezahlt

Ana Luca Dreßler vom Dienst-Beleghebammenteam der Konstanzer Frauenklinik erläutert in ihrer Rede zum Auftakt der Veranstaltung:

„Der neue Hebammenhilfevertrag ist am 1. November 2025 in Kraft getreten. Bis dahin haben wir gekämpft und alles gegeben, dass das nicht passiert. Aber wir konnten ihn nicht aufhalten. Also haben wir unsere Arbeit umgestellt und an den Vertrag angepasst. Doch das, was vorausgesagt wurde, ist auch eingetroffen. Wir verdienen seit dem 1. November 2025 rund 20 % weniger als davor. Das stellt viele Hebammen vor große Herausforderungen. Existenzen sind bedroht. Ganz akut und hier vor Ort. Die geburtshilfliche Versorgung in unserem Land, in unserer Stadt ist bedroht. Auch ist der bürokratische Aufwand unserer Arbeit enorm gewachsen. Was uns Zeit braucht, die wir gerne mit unserem Hebammenhandwerk füllen würden.“

Das klingt bitter und ist es auch. So wurden die Pauschalierungen des alten Vertrags, die in halbstündigen Arbeitspaketen dachten, durch eine minutiös zu belegende 5-Minuten-Taktung ersetzt. Tanja Brembs, Hebamme und Vertreterin der AZH, eines Abrechnungsdienstleisters für Hebammen, erklärt als zweite Rednerin des Tages, warum ein Denken in Minuten nicht zur Betreuung einer Geburt passt: „Geburt ist nicht planbar, Geburt ist nicht linear und sie passiert nicht in Minuten. Sie passiert im richtigen Moment und in der richtigen Entscheidung.“

Ruth Hofmeister legt genauer auseinander, was der 5-Minuten-Takt bei der konkreten Arbeit bedeutet: „Es ist unglaublich kompliziert aufzuschreiben: alle Tätigkeiten auf Zeitfenster von fünf Minuten herunterzubrechen und dann immer an die 80%- vs. 30%-Aufteilung zu denken, die bei der Parallelbetreuung zweier Gebärender in der Abrechnung anzusetzen ist. Es war sehr viel einfacher, in halben Stunden pauschal zu denken, die überdies gleichwertig bewertet werden, egal, ob sie sich bei der ersten oder zweiten simultan betreuten Gebärenden ansammeln. Die Hebamme muss also alle fünf Minuten festhalten, wo sie grad ist und bei wem und was sie grad gemacht hat. Außerdem gibt es sehr genaue Vorgaben, wie die Papierformulare auszufüllen sind. Wenn ich da Schreibfehler mache, dann verwirft die Kasse den kompletten Bogen.“

Man darf davon ausgehen, dass der neue Vertrag genau diese hohe in Überforderung begründete Störanfälligkeit der Dokumentation gezielt als verstecktes Kürzungspotential mitdenkt. So kann eine Geburt in voller, für die 1:1-Betreung vorgesehenen Höhe von 85,40 Euro nur dann abgerechnet werden, wenn das Betreuungszeitdeputat von zwei Stunden vor und zwei Stunden nach Ankunft einer Gebärdenden auf die Minute genau eingehalten wird. Auf der Website des Deutschen Hebammenverbands kann man nachlesen, wie man das Honorar von Dienst-Beleghebammen damit an von ihnen selbst nicht zu kontrollierende Bedingungen knüpft:

„Beleghebammen erhalten auch unter der Geburt den Eins-zu-eins-Betreuungszuschlag nicht, wenn

  • eine Frau weniger als zwei Stunden vor der Geburt in die Betreuung in den Kreißsaal kommt,
  • aus arbeitsorganisatorischen Gründen ein Hebammenwechsel stattfindet,
  • innerhalb dieser Zeitspanne eine zusätzliche Frau in den Kreißsaal kommt, die unverzüglich Hilfe braucht. Auch, wenn das nur 5 Minuten bis zur Beendigung der zwei Stunden nach der Geburt fehlen.“ (Siehe hier)

Patriarchale Strukturen gefährden die Geburtshilfe

„Wenn Männer Kinder gebären würden oder mehr Männer als Hebammen arbeiten würden, würden wir heute nicht hier stehen“, erläutert Ana Luca Dreßler. Es sind die patriarchalen Strukturen, die solche Regeln in einem (fast) ausschließlich weiblichen Berufsfeld hervorbringen. Und das System damit an den Rand des Zusammenbruchs bringen – oder bereits darüber hinaus. Die Aufrechterhaltung der Geburtshilfe in Deutschland ist durch den neuen Hebammenhilfevertrag akut gefährdet. Und an die Bereitschaft der Politik zuzuhören oder gar den Vertrag noch einmal zu überarbeiten, glaubt unter den Hebammen niemand.

Hebammen demo3 2026 05 05 schilder herosepark © pit wuhrer

„Wäre der Kreißsaal eine Autowerkstatt, so hätten wir ideale Bedingungen“, spitzt am Ende der Veranstaltung Thomas Weisz, der Vertreter der Gewerkschaft ver.di, die die Veranstaltung unterstützt hat, das Argument noch einmal zu. „Große Teile der Entscheidungsträger haben selber nicht geboren – das sind überproportional Männer, viele von denen 60 Jahre alt oder älter. Bei denen darf man annehmen, dass sie auch ihre Frauen nicht begleitet haben bei der Geburt und auch als Politiker zuhause nicht präsent waren“, führt Ruth Hofmeister aus.

So ist es kein Wunder, dass bei der Demonstration, die vom Herosépark über die Fahrradbrücke, Laube und Münsterplatz zur Abschlusskundgebung auf der Marktstätte führt, neben „Beleghebammen müssen bleiben“ auch immer wieder der Satz „Väter brauchen Hebammen“ skandiert wird.

Tanja Brembs betont, dass der neue Arbeitsvertrag nicht nur Verdiensteinbußen mit sich bringt, sondern auch die Qualität der Arbeit selbst bedroht und bringt ein Beispiel:

„Eine Hebamme betreut in 8 Stunden 2 Frauen. Dafür bekommt sie 450 Euro. Zwei Hebammen betreuen dieselben zwei Frauen, erhalten durch den 1-zu-1-Bonus etwa 700 Euro. Das klingt erstmal gut. Aber tatsächlich bedeutet das pro Hebamme ca. 100 Euro weniger. Für eine Betreuung, die in der Praxis nicht besser ist. Und da stellt sich die Frage, was wird hier eigentlich gefördert? Nicht bessere Versorgung, sondern eine Konstellation, die ins System passt. Und gleichzeitig passiert noch etwas. Das Gesundheitssystem wird zusätzlich belastet. Es wird Personal bezahlt, ohne einen echten Mehrwert zu bieten. Und genau hier liegt der Widerspruch. Wenn das System funktionieren würde, dürften die Einnahmen nicht sinken. Und die Versorgung müsste besser werden.“

Hebammen demo4 2026 05 05 markstätte © pit wuhrer
Hebammen-Protest auf der Marktstätte

Das System funktioniert aber eben immer schlechter. Der Deutsche Hebammenverband hat alle 150 Dienst-Beleghebammen-Teams in Deutschland befragt. 107 Teams haben auf die Umfrage geantwortet. Das Ergebnis spricht eine deutliche Sprache: „Alle Teams bewerten die Auswirkungen des neuen Vertrags auf ihre Arbeit negativ, 92,5 % sehr negativ und 7,5 % eher negativ.“ Deshalb plant ein „erheblicher Teil der Beleghebammen […] bereits konkret oder mittelfristig den Ausstieg aus der Geburtshilfe“. 49,5 % aller Befragten geben an, innerhalb der nächsten sechs Monate aussteigen zu wollen, 10,3 % wollen das innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre tun. 31,8 % sind sich unklar und nur 10,3 % wollen definitiv bleiben. Zu dieser Dynamik passen die Schließungen von Kreißsälen, die vom neuen Vertrag deutlich befeuert wird.

Auch der Chefarzt der Konstanzer Frauenklinik, Dr. Andreas Zorr, und die in seinem Team arbeitende Ärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Dr. Annekathrin Hoffmann, ergreifen deshalb besorgt und unterstützend bei der Abschlusskundgebung das Wort. Vonseiten der Politik sprachen anstelle von Dr. Lina Seitzl, die sich entschuldigen ließ, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Konstanzer Gemeinderat, Petra Rietzler, und der Rettungssanitäter und Vertreter der Linken John-Eric Löser.

Unter den Demonstrierenden befindet sich auch eine Gruppe von Psychologiestudierenden. Sie ruft am Ende der Demonstration dazu auf, am 20. Mai erneut auf die Straße zu gehen, um gegen die Einsparungen bei der seelischen Gesundheitsfürsorge gemeinsam die Stimmen zu erheben. Treffpunkt ist wieder im Herosépark um 17 Uhr.

Fotos: © Pit Wuhrer

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert