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Engagiert und widerspenstig: Wer wars? (75)

Von Brigitte Matern
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Die unermüdliche Internationalistin

Für den Stadtpfarrer von Chur war sie „das leuchtendste weibliche Wesen, das ich je gesehen“, und er fürchtete „den Neid der Götter“, sollte sie ihn erhören. Vielleicht ließ er sich deshalb für seinen Heiratsantrag sieben Jahre Zeit. Als er sich endlich durchgerungen hatte, bekam er jedoch eine Abfuhr: Die 1874 geborene Bündner Bürgertochter glaubte, dem sozialistisch orientierten Gottesmann keine ebenbürtige Mitstreiterin zu sein – dabei war sie bereits Pazifistin geworden, als dieser noch vor Soldaten predigte. Es brauchte ein Jahr und viele werbende Briefe, bis sie schließlich einwilligte. 1901 wurde die sprachgewandte Hauslehrerin, die im Ausland fließend Französisch und Englisch gelernt hatte, Pfarrfrau.

Sie folgte ihrem Mann nach Basel, wurde dort Mitbegründerin des Bunds abstinenter Frauen, gab Arbeiterinnen Nähunterricht und führte das Sekretariat der fortschrittlichen Union für Frauenbestrebungen; daneben managte sie den Haushalt, in dem bald zwei kleine Kinder herumsprangen. 1908 zog die Familie nach Zürich, da ihr Mann, der „liebe Leu“, eine Professur an der Theologischen Fakultät erhalten hatte.

Ihr Engagement für eine gerechte und friedfertige Welt, als deren Voraussetzung sie die völlige Gleichstellung der Frau ansah, intensivierte sich. Unter anderem organisierte sie im Namen der Sozialen Käuferliga – einer Vereinigung zur Schärfung des sozialen Bewusstsein von Konsument:innen – mit großem Elan die erste Schweizer Heimarbeitsausstellung, auf der die Zürcher Bürger:innen nicht nur die in Heimarbeit hergestellten Güter besichtigen konnten, sondern auch von den erbärmlichen Produktionsbedingungen erfuhren. 

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde sie Präsidentin des Schweizer Zweigs der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit IFFF. Drei Jahrzehnte lang setzte sie ihr Organisationstalent nun für Völkerverständigung und Abrüstung ein, während ihr Haus im Quartier Außersihl zu einem Hort für Arbeiter:innenbildung und Friedensarbeit wurde. 

Wer war die humorvolle religiöse Sozialistin, die im Zweiten Weltkrieg die Fäden der internationalen Friedensfrauenbewegung zusammenhielt und 1957 dreiundachtzigjährig verstarb?

Auflösung des Rätsels

Am vergangenen Freitag fragten wir nach der Schweizer Friedensaktivistin und Feministin Clara Ragaz-Nadig (1874–1957). Der „liebe Leu“, wie sie ihn in Briefen ansprach, war Leonhard Ragaz, Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung. Nach der Heimarbeitsausstellung von 1909 fand, ebenfalls von Clara Ragaz organisiert, der erste Heimarbeiterschutzkongress statt; auf ihm formulierten Gewerkschafter:innen, Politiker und Frauenvereine Vorschläge zur Verbesserung der Lage der Heimarbeiter:innen, die teilweise umgesetzt wurden.

Zur Sozialen Käuferliga siehe Wer wars? (69) sowie das Buch von Anina Eigenmann, „Konsum statt Klassenkampf“. 1916 übernahm Clara Ragaz-Nadig das Präsidium der Schweizer Sektion der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit IFFF; fast zwanzig Jahre (bis 1946) saß sie auch in deren internationalem Vorstand. Zu Geschichte und Gegenwart der IFFF siehe unter anderem Wer wars? (37) und die Website der Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF).