
Rund um die Bodensee-Therme nimmt ein Pionierprojekt der Konstanzer Wärmewende Gestalt an. Die Stadtwerke Konstanz wollen gemeinsam mit dem Energieunternehmen Iqony einen Wärmeverbund aufbauen, der einen Großteil seiner Energie direkt aus dem Bodensee beziehen soll. Hausbesitzende im östlichen Musikerviertel sind nun gefragt, ihr Interesse an einem Anschluss zu bekunden.
Das Prinzip ist technisch anspruchsvoll, aber erprobt und leicht zu erklären: Dem Bodensee wird Umweltwärme entzogen. Mit Strom betriebene Großwärmepumpen bringen diese Energie anschließend auf ein Temperaturniveau, mit dem Gebäude beheizt und mit Warmwasser versorgt werden können. Das dadurch um einige Grad abgekühlte Wasser des Primärkreislaufs wird wieder in den See zurückgeleitet. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Für die Spitzenlast an besonders kalten Tagen setzten die Stadtwerke auf einen Gaskessel.
Großabnehmer sind der Schlüssel
Vorgesehen sind zunächst rund 55 Hausanschlüsse mit einem Wärmebedarf von etwa 15 Gigawattstunden. Etwa 80 Prozent dieses Wärmebedarfs entfallen auf die drei Ankerkunden Parkstift Rosenau, Kliniken Schmieder und Bodensee-Therme, die damit das wirtschaftliche Rückgrat des Projekts bilden. Die Investitionskosten werden mit ungefähr 20 Millionen Euro angegeben. 40 Prozent davon werden über die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze finanziert. Nach aktuellem Planungsstand könnte das Netz ab 2028/29 gebaut werden und bis 2030 vollständig in Betrieb gehen.
Auf der Informationsveranstaltung für die Anlieger:innen Ende Juni überraschten die Stadtwerke mit der Idee eines Erweiterungsgebiets. Finden sich genug Abnehmer:innen, könnte das Wärmenetz bis hin zur Hebelstraße erweitert werden. Dies würde rund 200 zusätzliche Hausanschlüsse ermöglichen. Dafür wären allerdings weitere Investitionen von etwa elf Millionen Euro nötig.
Für Hauseigentümer:innen wird es jetzt konkret
Für die Stadt ist der Wärmeverbund Bodensee-Therme ein Testfall dafür, ob Konstanz seine Wärmeversorgung tatsächlich in großem Stil von fossilen Energieträgern lösen kann. Für die Anwohner:innen wirft das Projekt andere Fragen auf: Was bedeutet der Wärmeverbund für mein Gebäude, für meine Heizkosten und für die Betriebskosten einer von mir eventuell vermieteten Wohnung? Wie abhängig mache ich mich vom Monopolisten Stadtwerke? Welchen Schutz habe ich vor Preiserhöhungen?

Man hätte erwartet, dass solche Fragen im Mittelpunkt der von rund hundert Interessierten besuchten Infoveranstaltung stehen würden. Doch hier galt das Interesse des Publikums vor allem den einmaligen Investitionskosten. Exakt 14.042 Euro verlangen die Stadtwerke für den Anschluss, also für die notwenigen Tiefbauarbeiten, die Kernbohrung ins Haus und die Wärme tauschende Übergabestation im Keller.
Da die Stadt den Anschluss mit 2000 Euro bezuschusst, fallen für die Hausbesitzenden allerdings nur 12.042 Euro an. Also deutlich weniger als für eine Wärmepumpe. Für Gebäude in der zweiten Reihe, die mehr als zwölf Meter von der entlang der Straße verlaufenden Hauptleitung entfernt sind, kommen pro zusätzlichem Meter weitere 655 Euro Anschlusskosten dazu. Als Zuckerl schenken die Stadtwerke ihren Nahwärmekunden die kostenlose Installation eines Internet-Glasfaseranschlusses.
Nahwärme oder Wärmepumpe?
Für die vermutlich kapitalkräftigen Eigenheim-Besitzenden und Eigentümergemeinschaften im Musikerviertel sollten aber weniger die Erstinvestition als vielmehr die laufenden Kosten darüber entscheiden, ob sie mit Nahwärme oder einer Luft-Wärmepumpe günstiger heizen. Die Stadtwerke stellen Privathaushalten für die Nahwärme einen Verbrauchspreis von 20,18 Cent/kWh zuzüglich einem Grundpreis von monatlich 56,07 Euro in Aussicht.
Für künftige Preiserhöhungen müssen die Stadtwerke gestiegenen Kosten nachweisen und sich auch am Wärmepreisindex des Statistischen Bundesamts orientieren. Wer später doch noch auf eine Wärmepumpe umstellen will, dem räumt die Fernwärmeverordnung eine nur zweimonatige Kündigungsfrist ein. Womit die Kosten für den Nahwärmeanschluss dann allerdings verloren sind.
Die Orientierung am Wärmepreisindex mag die Kunden gegen übermäßige Preiserhöhungen absichern. Sie ist für mit regenerativen Energien betriebene Wärmenetze aber insofern widersinnig, als dieser Index bisher weitgehend die Marktpreise für fossile Brennstoffe abbildet. Hier ist die Politik gefragt, die gerade ein Wärmenetzgesetz vorbereitet.
In ihrer Werbebroschüre kalkulieren die Stadtwerke in einer Beispielrechnung für ein Vierfamilienhaus über 20 Jahre hinweg einen Preisvorteil von knapp einem Cent/kWh für die Nahwärme gegenüber der Wärmepumpe. Geht man jedoch davon aus, dass die Erstinvestition nicht über Kredite, sondern aus Eigenmitteln finanziert wird, schneidet die Wärmepumpe um 3 Cent günstiger ab.
Doch wer kann schon heute die Strom- und Wärmepreise der nächsten 20 Jahre vorhersehen? Sicher ist nur, dass fossile Energien immer teurer werden und zur Neige gehen – und bis dahin das Klima weiter aufheizen. Man darf gespannt sein, wie viele Hauseigentümer:innen im Gebiet des neuen Wärmeverbunds sich für die Nahwärme entscheiden werden.
Am Hafner gemeinsam mit solarcomplex
Werfen wir noch einen Blick auf zwei andere Konstanzer Nahwärmeprojekte. Für Bau und Betrieb des Wärmeverbunds im Neubaugebiet Hafner setzen die Stadtwerke auf die Kooperation mit der solarcomplex AG und haben dazu eine gemeinsame Projektgesellschaft „Wärmeversorgung Hafner GmbH“ gegründet, an der die beiden Partner je zur Hälfte beteiligt sind. Eine Photovoltaik-Freiflächenanlage soll den Strom zum Betrieb der Großwärmepumpen erzeugen, die ihrerseits den neuen Stadtteil mit Wärme zum Heizen und Duschen versorgen werden.
„Die Leistung des Wärmeverbundes wird ausreichend dimensioniert, um auch den Bestandsgebäuden im nördlichen Stadtteil Wollmatingen die Möglichkeit eines Anschlusses anzubieten“, schreiben die Stadtwerke Konstanz in einer Pressemitteilung. Sie rechnen ohne Förderung und Anschlusskostenbeiträgen mit etwa 17 Millionen Euro Investitionskosten für Wärmepumpen, Verteilnetz und PV-Anlage. Baubeginn ist für 2027 geplant.
Die solarcomplex AG hat bisher rund 20 Wärmenetze in kleinen und eher ländlichen Gemeinden realisiert. „Jetzt gehen wir die Wärmewende in einer mittelgroßen Stadt an. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Konstanz“, so Vorstandsmitglied Edgar Kunz. In Eigenregie baut solarcomplex bereits das mit Energie aus einer Seewärmepumpe gespeiste Wärmenetz in den Konstanzer Vororten Dingelsdorf und Wallhausen. Am ehemaligen Sportplatz Klausenhorn entsteht die Wärmezentrale, unweit davon soll die erforderliche Freiflächen-Photovoltaik-Anlage errichtet werden.
Wer wärmt Litzelstetten?
Eine Umfrage des vom Litzelstetter Ortschaftsrat eingesetzten Arbeitskreises (AK) Energie hat ergeben, dass auch in diesem Konstanzer Vorort genug Interesse seitens der Hausbesitzenden besteht, um ein Nahwärmenetz errichten und wirtschaftlich betreiben zu können. Auch hier käme wohl Seewärme infrage, der Strom für den Betrieb der Pumpe könnte mittels Agri-PV-Anlagen in den ans Dorf grenzenden Obstplantagen gewonnen werden. Agri-PV meint die Überdachung von landwirtschaftlichen Flächen mit Photovoltaikmodulen. Diese würden dann auch den Hagel- und Sonnenschutz übernehmen.
Jedoch wollen sich sowohl solarcomplex wie auch die Stadtwerke auf absehbare Zeit nicht für ein Wärmenetz in Litzelstetten engagieren. Den einen fehlt es an freien Kapazitäten, die anderen konzentrieren sich auf den Netzbau in der dichter besiedelten Kernstadt.
So werden sich die Litzelstetter:innen für ihr Nahwärmenetz einen neuen Investor suchen müssen.
Bundesregierung bremst Wärmewende
Noch hält die Stadt Konstanz am 2021 beschlossenen Ziel fest, bis 2035 weitgehend treibhausneutral zu werden – ein ambitioniertes Ziel, das viele Beobachter:innen inzwischen für unerreichbar halten. Hinkt doch die Treibhausgasreduktion dem vom Gemeinderat vorgesehenen Absenkungspfad weit hinterher. Die Bundespolitik mit der fossilwirtschaftsaffinen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) tut ihren Teil dazu, dass sich der Ausstieg aus Kohle, Gas und Erdölprodukten verlangsamt.

Die kommunale Wärmeplanung sieht weiterhin vor, künftig mindestens die Hälfte des Wärmebedarfs der Stadt durch Wärmenetze mit regenerativer Energie zu decken. Neben der Seewärme kommen dabei auch die Abwärme aus der Kläranlage, der Kehrrichtverbrennungsanlage Weinfelden sowie die Außenluft als regenerative Energiequelle infrage. Für die übrigen Gebäude sollen dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen zum Einsatz kommen.
Für ihre Wärmenetze rechnen die Stadtwerke mit einem Investitionsvolumen von mindestens 550 Millionen Euro. Und glauben, dies nur gemeinsam mit kapitalkräftigen Investor:innen stemmen zu können.
Das neue Heizungsgesetz [https://www.gesetze-im-internet.de/geg/] erlaubt auch weiterhin den Betrieb und Neueinbau von Öl- und Gasheizungen. Diese müssen, Stichwort Bio-Treppe, nur einen mit den Jahren zunehmenden Anteil klimaneutral erzeugter Brennstoffe verbrennen, etwa Biomethan, Bioöl, biogenes Flüssiggas oder „grünen“ Wasserstoff. Wer Solarthermie oder eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung installiert hat, darf gar weiterhin mit konventionellem Gas oder Öl heizen.
Doch zu welchem Preis? Die Börsenpreise selbst für fossiles Erdgas sind dieser Tage so hoch wie seit Jahren nicht mehr, Deutschlands Gasspeicher auf einem historischen Tiefstand.
Wann kommt der Gasausstieg?
Dabei prognostizieren die meisten Fachkundigen, dass der Markt die geforderten Mengen klimaneutral erzeugter Brennstoffe (ab 2040 60 Prozent Anteil an Heizgas und -öl) gar nicht werde liefern können. Der Mannheimer Energieversorger MVV wird hier deutlich: „Die Umstellung der Gasversorgung von Letztverbrauchern im Niederdruckbereich auf Wasserstoff ist aus Kapazitäts- und Kostengründen leider nicht realisierbar. Denn Wasserstoff ist für diesen Zweck nicht ausreichend effizient und sehr teuer. Außerdem wird Wasserstoff in absehbarer Zeit nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen und deshalb – ebenso wie Biomethan – primär eine Lösung für die Industrie sein.“
Die Stadtwerke Konstanz äußern sich gegenüber seemoz zur künftigen Gasversorgung vorsichtiger: „Die SWK werden ihren Versorgungsauftrag so lange ausführen, wie dieser besteht, und dabei das Gas nutzen, das durch den Vorlieferanten bereitgestellt wird. Wann die Abkehr vom Erdgas durch [den Vorlieferanten] terranets bw erfolgt, ist keine Entscheidung der SWK. Einen Ausstieg aus der Erdgasversorgung kann es aber generell erst geben, wenn andere Optionen tatsächlich zur Verfügung stehen.“
Buchhalterisch schreiben die Stadtwerke ihr Gasnetz bis 2045 vollständig ab. Wobei ein vollständig abgeschriebenes Netz dann nicht unbedingt stillgelegt werden muss.
Weiter verweisen die SWK darauf, dass neben dem Bau der Nahwärmenetze auch die Stromversorgung ertüchtigt werden muss. „Da gerade im Bereich der Wärmeversorgung das Thema Wärmepumpen als Alternative gesehen wird, so muss die hierfür notwendige Leistung durch die Stromnetze auch bereitgestellt werden können. Diese zusätzliche Bereitstellung von elektrischer Leistung erfordert als Voraussetzung – neben der eigentlichen Energiebereitstellung – auch den massiven Netzausbau im Verteilnetz, aber auch im vorgelagerten Übertragungsnetz. Beide Ausbauszenarien erfordern Zeit und hohe Investitionen.“
Anschlusszwang oder die beste Lösung?
Manche:r Hausbesitzende mag sich auf die Regierungsmär der klimaneutralen Gase verlassen und bei seiner Gasheizung bleiben. Oder lieber auf eine Wärmepumpe setzen. Beides bringt die Stadtwerke in die Bredouille: Je weniger Anlieger sich an ein Wärmenetz anschließen, desto höher werden die Kosten für die Angeschlossenen, was wiederum den Anschluss unattraktiver macht – eine Abwärtsspirale für die Nahwärme.
Um das zu vermeiden, arbeiten einige Gemeinden, etwa die Stadt Frankfurt, mit einem durch Satzung festgelegten Anschluss- und Benutzungszwang. Grundstücke in Gebieten, in denen eine Fernwärmeleitung verlegt wird, müssen sich anschließen.
Dies darf die Satzung aber nur zum Erreichen eines Gemeinwohlziels (hier die Treibhausgasreduktion) bestimmen. Wirtschaftliche Interessen, etwa zur Sicherung der Auslastung eines Netzes, reichen nicht. Deshalb müssen die Städte, in ihre Fernwärmesatzungen Befreiungstatbestände für jene aufnehmen, die auf andere Art, etwa mit Wärmepumpen, emissionsfrei heizen.
Verbraucherschütze:innenr sehen einen Anschlusszwang generell skeptisch. Fernwärme sollte so attraktiv gestaltet werden, dass Bürger:innen den Anschluss nicht als Zwang, sondern als beste Lösung empfinden.
Werden indes viele Häuser weiterhin mit Gas beheizt, steigt der Druck auf die Politik, den in Baden-Württemberg schon für 2040 vorgesehen Ausstieg aus der Erdgasversorgung ad ultimo hinauszuschieben. Die örtlichen Energieversorger müssten dann, parallel zu ihren neuen Wärmenetzen, auf unabsehbare Zeit weiterhin die Gasnetze unterhalten. Der parallele Betrieb beider Netze würde hier wie da auf die Endkund:innen umgelegt und deren Netzkosten erheblich verteuern.
Schlechte Aussichten für Klima und Portemonnaie.
Abbildungen: Grafik und Hausanschluss © Stadtwerke Konstanz / Infoveranstaltung im Juni © Ralph-Raymond Braun

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