
Im Paradies ist in einem Innenhof eine massive Nachverdichtung mit zwei hohen Wohnblocks geplant. Auf einer Versammlung sprachen sich gestern Anwohner:innen deutlich für eine Reduzierung des angedachten Bauvolumens aus. In der überraschend sachlichen Aussprache erläuterte auch der Bauherr seine Pläne.
Zusammengefasst: Viel Neues war am Freitagabend bei der Informationsveranstaltung nicht zu erfahren, der Ton war sachlich, die Argumente hielten sich im Rahmen des Erwartbaren. Wer mit einer offenen Feldschacht und beherzten Tritten unter die Gürtellinie des jeweiligen Gegners gerechnet hatte, zog schließlich enttäuscht von dannen.
Zur Erinnerung: Die geplanten Neubauten auf dem Areal Muntpratstraße 18 zwischen Muntprat- und Brauneggerstraße (seemoz berichtete) beunruhigen viele Anwohner:innen. Die Investoren, die die fraglichen Grundstücke erworben haben, legten dem Beirat für Architektur und Stadtgestaltung der Stadt Konstanz – Gestaltungsbeirat (GBR) im Juni bekanntlich drei Entwürfe zur Auswahl vor. Der kleinste, der die Anwohner:innen am wenigsten behelligt (bzw. verschattet) hätte, fand im Beirat aus ästhetischen Gründen keine Zustimmung. Stattdessen empfahlen die dort versammelten Architekturfachleute den Bauherren, eine Maximallösung zu verwirklichen, die sich an der Höhe der umliegenden Gebäude orientiert und das Bauen wirtschaftlicher macht.
Allerdings hat der Beirat nichts zu bestimmen, Bauherren können seinen Rat einholen (müssen dies aber nicht tun) und sind an seine Empfehlungen nicht gebunden.
Unruhe im Paradies
Die Anwohner:innen – gerade in der Wallgutstraße, wo die Wohnungen und Balkone nach Süden gewandt sind – befürchten zumindest in den unteren Stockwerken der benachbarten Häuser eine massive Verschattung durch die Neubauten nebst einem entsprechenden Wertverlust der Immobilien . Dazu erwarten sie erheblichen zusätzlichen Lärm durch den Verkehr, den die geplante Tiefgarage direkt an ihren Grundstücksgrenzen und an der Einfahrt Muntpratstraße erzeugen könnte.
Bald einhundert Menschen und einige Tiere waren schließlich am Freitagabend zu einer Informationsveranstaltung zum Thema erschienen, zu der die Interessengemeinschaft (IG) Nachverdichtung Paradies eingeladen hatte.

Qualität statt Quadratmeter
Dass die IG das Projekt kritisch sieht und am liebsten eine möglichst kleine Lösung verwirklicht sähe, war absehbar. Allerdings betonte ihre Sprecherin Andrea Bernhardt, dass man keineswegs jede Art von Nachverdichtung ablehne, sondern dass sich der Protest allein gegen die Größe der Bauten richte. Sie erinnerte an das städtische Stadtentwicklungsziel „Qualität statt Quadratmeter“ und zeigte einen städtischen Rahmenplan aus dem Jahr 1998, der für diesen Hof eine andere Bebauungsform vorsieht.
Sozialbauten
Im Mittelpunkt stand natürlich Bauherr Daniel Horne, Geschäftsführer von Horne Immobilien aus Villingen-Schwenningen. Er gab sich als vor allem am Gemeinwohl orientierter Mensch, der die Wohnungsnot in Konstanz mindern möchte. Er versprach, ausschließlich Mietwohnungen zu schaffen und keine einzige Eigentumswohnung, er will barrierefrei bauen und dies nach dem hohen ökologischen Standard KfW 55. Dieser Standard kann das Bauen eines Hauses übrigens dank staatlicher Förderung verbilligen (siehe hier).
Der Clou aber ist, dass er die 74 geplanten Wohnungen zu 100% mit der maximalen Sozialbindung von 40 Jahren auf den Markt bringen will. Sozialbindung heißt, Mieter:innen müssen einen Wohnberechtigungsschein vorweisen und zahlen geringere Mieten als sonst auf dem freien Markt üblich. Dafür gibt es für die Bauherrn besondere staatliche Vergünstigungen (hier mehr dazu). Eine Sozialbindung von 100% ist übrigens eine für private Investoren ungewöhnlich hohe Quote.
Ganz selbstlos ist dies alles angesichts der öffentlichen Fördermittel also nicht, aber gegenüber anderen Bauträgern, die beispielsweise auf hochpreisige Eigentumswohnungen setzen, hat der weniger betuchte Teil der Bevölkerung von diesem Konzept einfach mehr – bezahlbaren Wohnraum nämlich.
Zeitplan offen
Wichtig war Horne zu betonen, dass die dem Beirat für Architektur und Stadtgestaltung vorgelegten Pläne rein vorläufig waren und dass bisher noch keine endgültigen planerischen Festlegungen getroffen wurde, so dass er auch keinen Zeitplan für die Baustelle nennen könne. Man befinde sich einfach noch in einer sehr frühen Phase der Planungen, in der vieles noch im Fluss sei, die Details auch der Geschosszahl müssten sich also noch finden.

Die Gegenrede hielt ein Architekt. Nach seinen Angaben hat die Nachverdichtung noch in keiner Stadt die Mieten gesenkt, und es sei zweifelhaft, ob in Konstanz derart viel Wohnraum wie derzeit geplant (Hafner etc.) überhaupt benötigt werde. Er warnte daneben nachdrücklich vor den Tücken des instabilen Baugrundes wie Grundbrüchen, die bei Kanalarbeiten in der Brauneggerstraße vor geraumer Zeit große Schwierigkeiten bereitet hätten. Er schlug professionelle Beweissicherungsverfahren vor, um Schäden an Nachbarhäusern, die etwa beim Bau der geplanten Tiefgarage entstehen könnten, dokumentieren zu können. Schließlich verwies er noch auf die Verschattung zahlreicher Wohnungen und zusätzlichen Lärm, der durch Schallreflektionen der neuen Hauswände entstehen könne.
Der Abend klang unerwartet friedlich aus. Jetzt bleibt abzuwarten, was geschieht, wenn Daniel Horne eines Tages seine endgültigen Pläne vorlegt.
Quelle: Sitzungsunterlagen des GBR
Kontakt zur Interessengemeinschaft per E-Mail hier.


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