Schulstreik gegen musterung konstanz 2026 09 25 © julian waibel

Wer entscheidet über Leben?

Von Julian Waibel
Schulstreik gegen musterung konstanz 2026 09 25 © julian waibel

Nachdem die Bundeswehr öffentlich gemacht hatte, dass bereits vor dem für 2027 angekündigten Beginn der verpflichtenden Musterungen 18-jährige Männer gemustert werden, kam es erneut deutschlandweit zu Protesten. Auch in Konstanz traten einige Schüler*innen in den Schulstreik gegen die Wehrpflicht.

Der vierte bundesweite Schulstreik richtete sich insbesondere gegen den vorgezogenen Beginn der Musterungen. Flächendeckend sollen die verpflichtenden Musterungen eigentlich erst im Juli 2027 beginnen. Doch bereits jetzt werden im Zuge des Aufbaus der dafür nötigen Infrastruktur Männer des Geburtsjahrgangs 2008 zur Musterung herangezogen. In mehr als hundert Städten beteiligten sich nach Angaben der Organisator*innen über 45.000 Menschen, darunter viele Jugendliche, am Schulstreik.

In Konstanz war davon allerdings nur wenig zu sehen. Beim ersten bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht im Dezember 2025 waren hier noch etwa 250 Menschen auf die Straße gegangen. Diesmal kamen nur wenige Dutzend Demonstrierende zusammen, darunter wohl kaum mehr als eine in den Streik getretene Schulklasse. Einige Schüler*innen, die zuvor an ihren Schulen für den Streik mobilisiert hatten, zeigten sich sichtlich frustriert über die geringe Beteiligung ihrer Mitschüler*innen. Dabei ist die Wehrpflicht seit dem ersten Protest nicht weiter in die Ferne gerückt, sondern konkreter geworden.

Die Konstanzer Kundgebung war deutlich sozialistisch geprägt. An der Spitze des Demonstrationszuges wurde ein Banner mit der Aufschrift „no war but class war” getragen. In den Redebeiträgen reichte die Systemkritik teils weit über die Wehrpflicht selbst hinaus.

Machtinteressen und Wachstumsdruck

Der streikende Schüler Eli von der Linksjugend [’solid] kritisierte zunächst, was er als antirussische Feindbilder bezeichnete. Er wandte sich gegen das „Bild des durch und durch bösen Russen“ und sprach von zunehmendem Rassismus gegen Russ*innen. Statt der Herrschenden würden zunehmend alle Russ*innen zum Feindbild erklärt.

Im weiteren Verlauf wurde seine Kritik grundsätzlicher. Krieg sei nicht nur das Ergebnis einzelner Regierungen oder Politiker. Vielmehr entstehe er aus Machtinteressen, Konkurrenz und wirtschaftlichem Wachstumsdruck. „Diese Demo ist nicht einfach gegen Wehrpflicht“, sagte er. „Wehrpflicht ist nur ein Symptom der Aufrüstung, ist nur ein Symptom des Imperialismus, ist nur ein Symptom des Kapitalismus. Wenn wir nicht dagegen vorgehen, dann tun wir nichts anderes als Ibus schlucken und an Krebs verrecken. Hoch die internationale Solidarität!“

Baks vom BiPoC-Kollektiv stellte die Ablehnung der Wehrpflicht in einen Zusammenhang mit deutscher Geschichte und gesellschaftlichen Vorstellungen von Frieden: „German history teaches us that true peace is never built on coercion or militarisation“, erläuterte er mit Bezug auf die Vergangenheit. „Therefore, we say no to compulsory military service for young people. Peace is built on dialogue, social justice and service to humanity—not on forcing people to learn how to wage war.” Dialog und soziale Gerechtigkeit seien die Voraussetzungen für den Frieden.

Neue Beratungsstrukturen

Lars Hoffmann von der Partei Die Linke stellte stärker die Lebensplanung junger Menschen in den Mittelpunkt. In der Debatte über den personellen Aufwuchs der Bundeswehr werde von „Personalbedarf“, „Reserve“ und „Jahrgangsstärken“ gesprochen, während hinter diesen Begriffen individuelle Biografien verschwänden. „Eure Lebenszeit ist keine militärische Verfügungsmasse“, hieß es in seiner Rede. Junge Menschen hätten eigene Pläne, wollten eine Ausbildung oder ein Studium beginnen, arbeiten und selbst darüber entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten.

Ein Redner der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) berichtete von der Arbeit der Friedensbewegung. Nachdem die Wehrpflicht jahrelang ausgesetzt war, baut auch die DFG-VK wieder Beratungsstrukturen auf, die Menschen bei der Kriegsdienstverweigerung unterstützen sollen. Zugleich verwies er auf die Milliardenbeträge, die gegenwärtig für militärische Aufrüstung bereitgestellt werden, und stellte ihnen mögliche Investitionen etwa in Gesundheitsversorgung und soziale Infrastruktur gegenüber.

Nur 1,7 von 10

Die geringe lokale Beteiligung am Schulstreik bedeutet allerdings nicht, dass die Bundeswehr bei den betroffenen Jahrgängen auf große Begeisterung stößt. In ihrer Kampagne für den freiwilligen Wehrdienst bezeichnet sie junge Menschen inzwischen als „Generation Wehrdienst“. Bei einer Befragung von rund 80.000 Jugendlichen nach ihrem Interesse an einem Eintritt in die Bundeswehr – auf einer Skala von null bis zehn – lag der Durchschnittswert im Frühjahr jedoch lediglich bei 1,7.

Aus mangelndem Interesse an einem freiwilligen Dienst lässt sich nicht unmittelbar auf die Haltung zur Wehrpflicht oder auf die Bereitschaft zu Protest schließen. Die Zahlen zeigen aber, dass die geringe Beteiligung an solchen Demonstrationen nicht mit einer breiten Begeisterung für den Wehrdienst verwechselt werden sollte.

Sollten verpflichtende Musterungen künftig auf ganze Jahrgänge ausgeweitet werden oder eine tatsächliche Einberufungspflicht wieder näher rücken, wird sich die Frage nach dem Widerstand neu stellen. Ob sich dieser dann hinter denselben politischen Symbolen formiert wie derzeit in Konstanz – wo dem Demonstrationszug ein Hammer-und-Sichel-Banner voranging – ist offen.

Fotos: Julian Waibel und Sibylle Röth

Plakat kleine aufloeung 2

Demohinweis:

Wer die Konstanzer Aktion verpasst hat: Am Samstag findet in Stuttgart eine von zwei bundesweiten Demonstrationen gegen Hochrüstung, Kriegswirtschaft und Sozialabbau statt. Zu den Forderungen gehören unter anderem auch ein Nein zur Wehrpflicht, Stopp aller Waffenlieferungen und Schließung der US-Militärstützpunkte: 3. Oktober 2026, 13 Uhr Schloßplatz.

Infos zur gemeinsamen Anreise gibt es auf der Webseite der Konstanzer Friedensinitiative.

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