
„Hoppla, wir spielen noch“, könnte eines der Mottos des Konstanzer Theaters lauten, oder „Hoppla, wir hoffen noch“, „Hoppla – wir fragen noch“, „Hoppla – wir träumen noch!“ Präsentiert werden zu Spielzeitbeginn zwei gelungene Inszenierungen. Auch wenn die Thematiken nicht verwundern, halten Textvorlagen und Umsetzungen Überraschungen bereit. Also, hoppla: Wir lassen uns noch verblüffen.
„Hoppla“, das diesjährige Motto, handelt vom Stolpern und Aufstehen, vom Leben in all seinen Facetten, vom Spaß am Denken und der Lust am Spielen; es stellt eine Einladung zum Mitdenken und Mitfühlen dar. Angelehnt ist das Motto an Ernst Tollers expressionistisches Theaterstück „Hoppla, wir leben!“. Und ganz frech wurde ein „noch“ angehängt. Ein Motto, das Kontinuität in der Programmgestaltung verspricht, werden doch nicht weniger als die großen Fragen unserer Gegenwart behandelt
„Wir haben alles verloren. Erst haben wir unsere Würde verloren. Dann den Rest.“
Im Stadttheater startete am 25. September das Endzeit-Roadmovie „Garland“ von Autorin Svenja Viola Bungarten, deren skurriles Stück „Tot sind wir nicht“ 2022 in der Spiegelhalle gespielt wurde. Angekündigt als die Verbindung des Krisen-Dauermodus unserer Zeit mit einer witzigen Persiflage des „Zauberer von Oz“.

Es ist heiß – Hot-Hot-Hot. Die Klimakatastrophe ist angekommen – in Amerika, bei Penig in Mittelsachsen. Die Hitze hat das Land im Griff, kein Regen in Sicht, kein wolkenbringender Wind. Die Zeit tickt, die Sanduhr rieselt. Für Farmerin Em und Farmer Henri, die alles verloren haben genauso wie für Salvatore Brandt, den erfolglosen Lkw-Fahrer und Filmemacher, für seinen Bruder Gus Brandt, den ebenso gescheiterten Polizisten, und natürlich für Dorothee Sturm, die das Unglück anzieht und die Welt retten will. Hoffnungslose Leben und doch voller Hoffnung! Mittendrin Radio Garland mit der aufdringlich munteren Moderation von Lorna Luft, und dann ist da auch noch Judy Garland, die von Sehnsucht, Verlust und Hoffnung spricht und singt! Nicht zu vergessen: die geheimnisvolle Phantomtruckerin.
„Es geht genau darum, dass man es trotzdem versucht. Gegen alle Widerstände.“
Skurrile Figuren hat die Autorin ersonnen, denen Simone Geyer (Regie) und Nehle Balkhausen (Bühne und Kostüm) Raum und Zeit geben. Feiner Humor, der aus dem Unglück aufblitzt, Slapstick-Elemente – niemals albern oder bloßstellend. Wir lachen nicht über sondern mit den Menschen dort oben auf der Bühne. Liebenswert erscheinen Tante Em und Onkel Henri trotz ihrer Verzweiflung und ihrer Hintertriebenheit, auf Kosten anderer, auf Kosten von Dorothee, doch noch ihren Schnitt zu machen, durch das feine Spiel von Anna Eger und Ingo Biermann.
Ebenfalls für großartige Komik sorgen Jonas Pätzold (Salvatore Brandt) und Ulrich Hoppe (Gus Brandt). Sarah Siri Lee König, die sich als Dorothee der Rettung der Welt verpflichtet fühlt, ist auf der Bühne selbst eine Naturgewalt, davon halten sie auch die kostümlich bedingten Anklänge an Greta Thunberg nicht ab. Ganz und gar nicht unsichtbar: Michaela Allendorf als Judy Garland, die wieder einmal durch ihr Spiel als auch stimmlich in den Songs zu punkten weiß. Ganz entgegen ihrer Warnung „Machen Sie sich auf was gefasst. Man wird als Frau im Alter ganz und gar unsichtbar. Wie ein Phantom.“ Kurzfristig eingesprungen für Alicia Bischoff ist Neuzugang Valentin Kleinschmidt als überdrehte, überforderte, unter- beziehungsweise unbezahlte Radiomoderatorin Lorna Luft. Gratulation zu diesem überzeugenden Einstand.
Ein Stück, das trotz oder gerade wegen seines Humors den in Konstanz ausgerufenen Klimanotstand einmal mehr in den Blick rückt. Vor allem aber eine großartige Ensembleleistung zum Spielzeitstart.

„Eine Bewegung gründet sich auf Liebe“
Deutsche Doppel-Erstaufführung feierte die queere Widerstandslovestory „Verbranntes Land“ von Eva Leigh, die im vergangenen Jahr mit einer Produktion des Wiener Schauspielhauses den Nestroy gewann, und das am 26. September auf der Werkstattbühne und zeitgleich im Theaterhaus G7 in Mannheim aufgeführt wurde.
Eine sensibel erzählte Geschichte der Begegnung und Annäherung von Eirini und Anna, während gleichzeitig in ihrem Viertel Migranten getötet werden oder verschwinden. Jeden Tag wird die Gefahr größer, doch die Polizei scheint tatenlos zuzusehen. Die beiden Frauen wollen dem etwas entgegensetzen, wollen selbst auf einem Nazi-Treffen ermitteln. Eine Aktion, die zum Scheitern verurteilt ist. Und dennoch: Sie scheitern nicht! Sie erkennen, was es wirklich braucht, um dem Faschismus entgegenzutreten.

Rote Seile beherrschen das Bühnenbild (Lukas Sander) und zu Beginn rollen Kristina Lotta Kahlert (Anna) und Zoubeida Ben Salah (Eirini) einen roten Erzählfaden auf, der das Publikum in der intimen Atmosphäre der Werkstatt magisch ins Geschehen zieht. Es wird viel erzählt und dennoch entfaltet sich eine leise Liebesgeschichte, so authentisch wie ergreifend! Und man will ihnen zurufen: „Nein, ihr müsst nicht auf dieses Fascho-Festival. Auch nicht aus falsch verstandener Solidarität.“
Aber man hält im Publikum natürlich die Klappe und befürchtet das Schlimmste. Eirini und Anna treffen auf Jana, ebenfalls überzeugend gespielt von Jana Alexia Rödiger, die ihnen klar macht, wer Zutritt zum inneren Nazi-Kreis erhält. Die Aktion der beiden ist nicht von Erfolg gekrönt und doch bleibt ein Hoffnungsschimmer – sie erkennen, was zu tun ist, um im eigenen Umfeld etwas zu bewirken. „Es geht darum, Gleichgesinnte zu finden und ihretwegen wiederzukommen und das ist scheißlangweilig, aber anders geht es nicht.“
Regisseurin Rebekka Bangarter und ihrem Team ist es gelungen, aufzuzeigen, wie das Private mit dem Politischen verbunden ist. Zu zeigen, wie viel Kraft in Liebe und Solidarität schlummert.
Fotos: Ilja Mess / Stadttheater Konstanz
Die nächsten Termine:
„Garland“ wird im Stadttheater Konstanz noch bis zum 29.10.2026 gespielt:
1./2.10. (19.30 Uhr), 4.10. (18 Uhr), 6.10. (19.30 Uhr), 7.10. (15 Uhr), 9.10. (19.30 Uhr), 10./17./24./27./29.10. (jeweils 20 Uhr)
„Verbranntes Land“ wird in der Werkstatt des Theater Konstanz noch bis zum 13.11.2026 gespielt:
2./8.10. (20 Uhr), 9./11.10. (18 Uhr), 21./22.10. (20 Uhr), 25.10. (18 Uhr), 10./13.11. (20 Uhr)
Infos: www.theaterkonstanz.de


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