Cinestar Konstanz, Warnstreik, Plakate im Dezember 2022 (c) Pit Wuhrer

„Unser Streik hat sich gelohnt“

Cinestar Konstanz, Warnstreik, Plakate Dezember 2022 (c) Pit Wuhrer

Im Dezember letzten Jahres legten die Beschäftigten des Kinounternehmens Cinestar Konstanz zwei Mal die Arbeit nieder (seemoz berichtete). Fast die gesamte Belegschaft beteiligte sich an den beiden Warnstreiks für höhere Löhne. Danach zogen sich die Verhandlungen um einen neuen Haustarifvertrag lange hin. Aber was ist daraus geworden? Haben die Kolleg:innen ihre Ziele erreicht?

Die Stimmung war beeindruckend gut an jenem ersten Samstag im Dezember 2022. Kaum hatte das Großkino im Lago-Center die Pforten geöffnet, standen über drei Dutzend Cinestar-Beschäftigte vor dem Bau und schwenkten ihre Plakate. „Hier wird Wertschätzung klein geschrieben“, stand auf einem der handgemalten Kartons, „Popcorn kann versalzen sein, unser Lohn ist es immer“, auf einem anderen. Oder: „Cinestar – ein unsozialer Star am Himmel“.

Und es wurden immer mehr, die hier mit einem Warnstreik ihre Forderung nach einem akzeptablen Entgelt bekräftigten. Manche hatten sogar ihre Freizeit oder den Urlaub unterbrochen, um dabei zu sein. Zwei Wochen später dann das gleiche Bild – nur dass der Ausstand diesmal nicht einen Tag dauerte, sondern gleich das ganze Wochenende.

Die Belegschaft war empört über das magere Angebot der Cinestar-Gruppe, zu der das Konstanzer Großkino gehört – und das nicht ohne Grund. In der laufenden Tarifrunde ab Frühherbst hatte das Unternehmen für die unteren Lohngruppen gerade mal einen Stundenlohn von 12,05 Euro offeriert. Und hielt auch dann noch daran fest, als der gesetzliche  Mindestlohn Anfang Oktober 2022 auf 12 Euro angehoben wurde. Gerade mal 5 Cent mehr – und das bei einer Inflation von über zehn Prozent? Von Wertschätzung konnte da in der Tat keine Rede sein.

Nicht akzeptabel

Während die Belegschaften der anderen Cinestar-Häuser das kaum spürbare Lohnplus hinnahmen, akzeptierten die Konstanzer:innen die karge Offerte nicht. Schließlich sind die Lebenshaltungskosten hier höher als anderswo, schließlich gab es beim Konstazer Cinestar jahrelang einen Haustarifvertrag (mit höherem Entgelt), und schließlich waren sie gut organisiert: Fast alle gehörten der Gewerkschaft ver.di an. „Also haben wir die Arbeit niedergelegt“, sagt Marcel Uhrig, Mitglied der Tarifkommission von Cinestar Konstanz und Betriebsratsvorsitzender. „Und damit deutlich gemacht, dass wir das nicht akzeptieren werden.“

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Marcel Uhrig während der Streiks

Doch wie in einem Unternehmensverbund bessere Bedingungen durchsetzen, wenn andere nicht mitziehen? „Es war bald klar, dass wir allein an der bundesweiten Entgelttabelle nichts ändern können“, erläutert Uhrig, der seit acht Jahren bei Cinestar Konstanz arbeitet. Also habe die betriebliche Tarifkommission beschlossen, die steuer- und abgabenfreie Inflationsausgleichsprämie ins Spiel zu bringen. Und begann mit dem Hinweis auf eine beträchtliche Streikbereitschaft bei den Haustarifverhandlungen.

Diese Entschlossenheit entging der Geschäftsleitung nicht. Dabei war (und ist) ein kollektives Vorgehen bei einer Belegschaft wie der von Cinestar nicht einfach. Rund achtzig Prozent der Beschäftigten haben nur einen Minijob, etwa fünfzehn Prozent sind studentische Teilzeitkräfte, den Rest machen gerade mal drei Vollzeitangestellte aus. Wie kriegt man da gemeinsames Handeln hin? „Wir haben es trotzdem geschafft“, sagt Uhrig nicht ohne Stolz. „Wir haben funktionierende Gremien und stehen per Whatsapp ständig in Kontakt.“

„Ein Schlag ins Gesicht“

Die Solidarität untereinander zeigte Wirkung. Als das Unternehmen bei der ersten Verhandlungsrunde ein Angebot vorlegte, waren sich alle sofort einig. „Die Geschäftsleitung bot den Minijobbern unter uns eine Einmalzahlung von 90 Euro an, den Teilzeitstudenten 160 Euro und den Vollzeitkräften 300 Euro“, erinnert sich Uhrig. „Für uns war das ein Schlag ins Gesicht.“ Es folgten weitere Gesprächsrunden, danach die beiden Dezemberstreiks und mit jedem ergebnislosen Aufeinandertreffen wuchs die Kampfbereitschaft. Auch danach zogen sich die Verhandlungen über Monate hinweg, jeweils begleitet vom für den Medienbereich zuständigen langjährigen ver.di-Sekretär Franz-Xaver Faißt.

Angesichts weiterer Streikdrohungen erhöhte die Konstanzer Unternehmensleitung schrittweise ihre Offerte. Zuletzt bot sie eine Einmalzahlung von 390 Euro für die Minijobber:innen, 800 Euro mehr für die Teilzeitktäfte und 1600 Euro Inflationsausgleichprämie für die Vollzeitarbeitenden an. „Das hörte sich nicht schlecht an“, sagt Marcel Uhrig, „immerhin machte die Zulage mehr als das Vierfache dessen aus, was anfangs auf dem Tisch lag“.

Was möglich war

Aber war es das letzte Wort? Schließlich hatten sich angesichts der unsicheren Situation schon etliche der vorwiegend jungen Beschäftigten verabschiedet. „Du musst heutzutage nicht lange suchen, um einen besser bezahlten Job zu finden“, sagt Uhrig: „Ein paar Meter weiter zahlen selbst im Lago die meisten Geschäfte und Gastrobetriebe 14 Euro in der Stunde und mehr.“

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Die Cinestar-Belegschaft während der Streiks im Dezember 2022

Also ließ die Tarifkommission nicht locker – zumal sich das Prämienangebot der Firma auf eine Regelarbeitszeit von 160 Stunden im Monat bezog, die aber selbst die Vollzeitbeschäftigten nicht leisten. „Und so unterbreiteten wir unsere endgültige Forderung: 1600 Euro, bezogen auf eine monatliche Arbeitszeit von 120 Stunden. Andernfalls würden wir in den unbefristeten Streik treten.“

Die Drohung saß. Im August unterschrieben die beiden Parteien den neuen Tarifvertrag für Cinestar Konstanz. Mit ihm bekamen alle, die 120 Stunden arbeiten, im darauffolgenden Monat 1600 Euro ausbezahlt. Heruntergerechnet auf die anderen Lohngruppen gab es 520 Euro für die Minijobber:innen und 1050 Euro für die Teilzeitkräfte. „Unter dem Strich entsprach das einem 13. Monatslohn“, so Uhrig. Das sei mehr gewesen, als sich anfangs viele erhofft hatten. Außerdem wurde die Prämie – so der Deal – an alle ausgezahlt, also auch an jene, die bei Vertragsabschluss angestellt waren, das Unternehmen zwischenzeitlich aber verlassen hatten.

„Der Kampf hat sich gelohnt“, resümiert der Betriebsratsvorsitzende. Das sieht auch der inzwischen pensionierte Gewerkschaftssekretär Faißt so: „Die Belegschaft hat herausgeholt, was möglich war“, sagt er, „mehr war nicht drin“.

Den Mindestlohn im Blick

Wie geht es weiter? Die Belegschaft hat sich verändert. Viele der studentischen Mitarbeiter:innen sind weg, weil sie das Studium beendeten oder die Uni wechselten. Andere arbeiten anderswo zu höheren Löhnen. An ihre Stellen treten Schüler:innen, die ab dem Alter von 17 Jahren eine begrenzte Anzahl von Stunden arbeiten dürfen. „Die Fluktuation ist hoch“, so Uhrig, es falle Cinestar Konstanz zunehmend schwer, neue Leute zu finden. Etliche der erfahrenen Kräfte sind jedoch (noch) geblieben – weil sie Freude an Filmen haben und ihnen die Gemeinschaft mit den Kolleg:innen gefällt, die auch durch den Arbeitskampf stärker geworden ist.

Inzwischen stehen die nächsten Tarifverhandlungen im Cinestar-Verbund an – und es sieht ganz danach aus, als würden die Konstanzer ver.di- Mitglieder bei Cinestar nicht wieder für einen eigenen Haustarifvertrag kämpfen können. Umso wichtiger ist eine spürbare Anhebung des normalen Entgelts, und das nicht nur in den unteren Lohngruppen. Wer beispielsweise zwanzig Jahre dabei ist, bekommt zwar ein bisschen mehr als die 12,05 Euro, aber eben nur 13,25 Euro. „Bei diesem Niveau kannst du ausrechnen, wie viel Rente du einmal kriegst“, sagt Marcel Uhrig.

Im übrigen empfiehlt er den Tarifparteien, die Mindestlohnentwicklung im Blick zu haben. „Es hat wenig Sinn, uns jetzt ein Angebot von 12,10 € vorzulegen, wenn der Mindestlohn im Januar auf 12,41 Euro erhöht wird und demnächst weiter steigt.“ Wer engagierte Leute gewinnen wolle, so der Gewerkschafter, müsse deutlich mehr bieten.

Text und Fotos: Pit Wuhrer

„Die spannende Welt des Journalismus“

Noch schlechter bezahlt als die Kinobeschäftigten sind übrigens die Minijobber:innen des Südkurier-Verlags. Der bietet momentan Aushilfsjobs für Korrekturleser:innen an, die „Artikel, Berichte und redaktionelle Inhalte auf Rechtschreibung, Grammatik, Stil und Inhalt“ überprüfen sollen. So steht es in einer Stellenanzeige des Medienhauses, die auch im Konstanzer Anzeiger veröffentlicht wurde (siehe Bild).

Stellenanzeige Sk 231104 Korrekturleser

Erwartet werden von den Bewerber:innen „hervorragende Kenntnisse“ sowie eine „qualitativ hochwertige“ Arbeit – und „die Bereitschaft, abends und auch an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten“. Geboten werden dafür „Einblicke in die spannende Welt des Journalismus“. Und „ein Stundenlohn von 12,00 Euro brutto.“ Doch ein Trost bleibt: Nach einem halben Jahr ist man den Job („befristet auf sechs Monate“) wieder los. pw

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