Ausstellung zwiefalten in kn © ralph raymond braun

Station auf dem Weg ins Gas: NS-Psychiatrie in Zwiefalten

Von Ralph-Raymond Braun (Text und Fotos)
Ausstellung zwiefalten in kn © ralph raymond braun

Nach ihrer „Euthanasie“-Ausstellung im März 2024 widmet sich die Stolpersteininitiative erneut dem Thema und zeigt im Gewölbekeller des Konstanzer Kulturzentrums die Wanderausstellung „Psychiatrie und Nationalsozialismus im deutschen Südwesten am Beispiel Zwiefalten 1933–1945“.

Die mit EU-Mitteln geförderte Ausstellung wurde von einem Team um den Medizinhistoriker Professor Thomas Müller am Forschungsbereich Geschichte und Ethik des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg entwickelt. Müller leitet auch das Württembergische Psychiatriemuseum in Bad Schussenried und Zwiefalten und ist quasi Baden-Württembergs oberster Psychiatriehistoriker, indem er die historische Forschung an allen ZfPs im Ländle koordiniert.

Die Ausstellung konkretisiert die aus der NS-Rassenlehre abgeleiteten Verbrechen der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ an einem regionalen Beispiel. Sie ist in gut verständlicher Sprache so konzipiert, dass sie auch Besucher:innen ohne umfassende historische Vorkenntnisse anspricht. Die mit umfangreichem Bildmaterial illustrierte Texte sind auch für Jugendliche verständlich, die Ausstellung ist damit auch für den Besuch von Schulklassen (ab Klasse 9) geeignet. 

Auf die Frage, warum man sich mit den doch nun schon lange zurückliegenden „Euthanasie“-Verbrechen heute noch beschäftigen soll, hat Müller gleich drei Antworten parat. Angehörige der damaligen Opfer ringen noch immer um Aufklärung. Es ist zudem ein ethisches Gebot für die einzelne Kliniken, für die Psychiatrie und schließlich die gesamte Gesellschaft, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Und last not least: Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch medizinisches Personal mögen in Deutschland lange zurückliegen. Doch Harasta (Syrien), Sde Teiman (Israel) und Guantanamo sind hoch aktuelle Fälle für die Beteiligung der Ärzteschaft an staatlich verordneter Folter.

Vorhölle der Tötung

Die 1812 am Rande der Schwäbischen Alb im verstaatlichten Benediktinerkloster Zwiefalten gegründete Heilanstalt war die erste psychiatrische Einrichtung Württembergs. In der NS-Zeit diente Zwiefalten zudem als „Zwischen- und Zulieferungsanstalt“ für die Tötungen in Grafeneck. Die im Rahmen des „Euthanasie“-Programms (Codename „Aktion T4“) zur Vergasung bestimmten Menschen mussten hier warten, bis in der Grafenecker Gaskammer Kapazitäten frei waren.

Helene Volk, 1937/38 Volontärärztin in Zwiefalten, die im Sommer 1940 noch einmal ihren früheren Wirkungsort besuchte, schilderte später vor Gericht die Zustände: „Ich ging durch die ehemals von mir betreuten Stationen und fand folgendes schreckliche Bild: Der lange, ehemalige Klostergang war übervoll mit Patienten gestopft. Sie lagen auf der Erde, auf den Stühlen, auf Strohsäcken, auf Tischen bunt durcheinander, Alte und Junge, unförmige, missgestaltete, völlig kahl geschorene Menschen, denen mit blauer Farbe eine Nummer auf die Vorderstirn und auf den Unterarm aufgeschrieben war. Auch die Krankensäle waren mit diesen unglücklichen Nummern vollgepresst.“

Zwiefalten in der Maschinerie des Massenmords

Die Reihe der im Gewölbekeller aufgestellten Roll-Ups – 19 an der Zahl, mehr ließen die beengten Verhältnisse nicht zu – beginnt mit der Entwicklung der Psychiatrien besonders in Zwiefalten vor 1933. Sodann erfahren wir, wie die NS-Ideologie und ihre Vollstrecker auch in der Anstalt die Macht übernahmen und hier etwa die Zwangssterilisationen durchsetzten.

Im unteren Bereich des Kellers geht es zunächst um die Rolle Zwiefaltens in der Maschinerie der Deportationen und des organisierten Massenmords im Rahmen der Aktion T4. Bis zu 1800 Menschen nahmen von Zwiefalten aus ihren Weg in die Gaskammer von Grafeneck. Mehrere Roll-Ups beleuchten dazu Einzelschicksale, von der Stolpersteininitiative erstellte Banner erinnern uns an Opfer aus Konstanz.

Doppelt stigmatisiert waren jüdische Psychiatriepatient:innen. Zwiefalten war in den ersten Kriegsjahren Sammeleinrichtung für alle jüdischen Psychiatriepatient:innen aus Württemberg. Von den 41 durch die Nazis als jüdisch eingestuften Patient:innen wurden 29 in Grafeneck oder später im Osten vergast, zehn starben an der „stillen Euthanasie“ in Zwiefalten selbst. Besonders tragisch das Schicksal des im Oktober 1939 gerade noch aus der Heilanstalt entlassenen Rechtsanwalts Albert Erlanger: Am 6. April 1941 nahm er sich in Frankfurt angesichts der bevorstehenden Deportation das Leben.

„Stille Euthanasie“

Ende 1940 hatte Grafeneck die Todeslisten mit Patient:innen der südwestdeutschen Psychiatrien weitgehend abgearbeitet. Die Vergasungen wurden eingestellt, das Tötungspersonal bekam Urlaub, um dann ins hessische Hadamar umzuziehen und seine Arbeit dort fortzusetzen. Damit endete indes nicht das Sterben für die Patient:innen der nun euphemistisch „Heil- und Pflegeanstalt“ genannten Zwiefaltener Psychiatrie. Es begann vielmehr die Phase der dezentralen oder „stillen Euthanasie“, bei der die Patient:innen in der völlig überbelegten Anstalt an gezielter Unterernährung („Hungerkost“), an Tuberkulose, Typhus oder einfach nur an vollkommener Vernachlässigung starben. Bis Kriegsende hatte Zwiefalten die höchste Sterberate aller Einrichtungen in Baden und Württemberg.

Unmittelbar verantwortlich war dafür Martha Fauser. Von der Weißenau kommend hatte sie im Sommer 1940 die Leitung in Zwiefalten übernommen und war dort die einzige Ärzt:in. Im Dezember 1940 ließ sie es sich nicht nehmen, eine der letzten Vergasungen in Grafeneck live mitzuerleben. Wie viele ihrer Patient:innen auf Anordnung von Dr. Fauser oder gar von ihr persönlich mit erhöhten Dosen Morphium oder Luminal totgespritzt wurden, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.

Patient Josef „Pepi“ Demetz erinnerte sich: „Am abends um ½ 5 rum, da war Visite. Da kam Frau Doktor Fauser mit dem Pflegervorsteher Frankenhauser und dem [Oberpfleger] Acker. Die kamen. Da sagt die Frau Doktor: ‚O, der hat auch so gläserne Augen, schau, der hat auch so gläserne Augen. Da ist auch nicht mehr viel dabei.‘ So ging es bei drei, vieren hintereinander. Dann, eine Viertelstunde drauf, kamen die zwei Oberpfleger mit Spritzen. Und die wurden gespritzt. […] Und so hat man in der, dieser Nacht vier Männer rausgetan.“

Verschubt und vertuscht

Drei Roll-Ups erzählen von den umfangreichen Patientenverschiebungen von Anstalt zu Anstalt. Sie dienten des NS-Schergen auch dazu, gegenüber den Angehörigen Todesort und Todesursache der Ermordeten zu verschleiern. So wurde die komplette Pflegeanstalt Rastatt kurz nach Kriegsbeginn 1939 nach Zwiefalten verlegt. Von den 579 Patient:innen waren neun Monate später nur noch etwa zehn Prozent am Leben.

Im Mai 1941 wurden 98 Patient:innen aus Hamburg nach Zwiefalten verschoben, um in der Hansestadt angesichts der beginnenden alliierten Luftangriffe Platz für Hilfskrankenhäuser und zur Unterbringung von Zwangsarbeiter:innen zu schaffen. Nur 18 von ihnen überlebten Zwiefalten.

Auch 299 norditalienische Psychiatriepatienten, allesamt Männer, landeten als „Volksdeutsche“ in Zwiefalten. Ein Sonderzug brachte sie am 26. Mai 1940 aus der Anstalt Pergine Valsugana (bei Trient). Viele Südtiroler:innen, vorzugsweise aus den Städten und Besitzlose, optierten damals für den Umzug ins Reich, wo sie der Italienisierung zu entgehen trachteten und sich ein besseres Leben erhofften. Die entmündigten Patienten wurden indes nicht gefragt, ob sie als „Optanten“ gehen oder als „Dableiber“ bleiben wollten.

Aus politischen Gründen blieb den Zwiefaltener Deutschitalienern die Vergasung in Grafeneck erspart. Gleichwohl war bei Kriegsende im Mai 1945 nur noch jeder zweite am Leben. Erst ab den 1970er Jahren, als ausgehend von Italien auch in Deutschland eine Bewegung zur Reform der Psychiatrie mehr und mehr Anhänger:innen gewann, konnten einige wenige der noch Lebenden in ihre Heimat zurückkehren – gegen den Widerstand der Südtiroler Behörden.

Die Grenzen der Aufarbeitung

Auf den letzten Roll-Ups geht es um die Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit nach 1945. Die Besatzungsmacht betraute den französisch-marokkanischen Psychiater Robert Poitrot mit der Aufsicht und Entnazifizierung der psychiatrischen Anstalten im Südwesten. Sein umfangreicher Bericht an die Militärverwaltung erschien 1946 in einer gekürzten Version als Büchlein für deutschsprachige Leser:innen unter dem (ironisch gemeinten) Titel „Die Ermordeten waren schuldig?“

Poitrot benennt hier nicht nur mit klaren Worten die in der jungen Bundesrepublik dann schnell vergessenen „Euthanasie“-Verbrechen. Er erklärt auch, warum nur so wenige der an diesen Verbrechen Beteiligten zur Rechenschaft gezogen wurden: „Bevor ich jemanden entlassen und Gericht stellen kann, brauche ich qualifizierten und politisch unbelasteten Ersatz – und der ist kaum zu finden.“

So wurden denn in Württemberg nur etwa ein Dutzend Personen, in erster Linie aus dem Kreis der leitenden Ärzt:innen, für die Krankenmorde vor Gericht gestellt. Martha Fauser wurde 1949 im Tübinger Grafeneck-Prozess wegen dreier vom Gericht als bewiesen angesehenen Tötungen zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt, abgebüßt durch die Untersuchungshaft. Das Gericht hielt ihr zugute, aus „Nächstenliebe“ gehandelt zu haben. Ein Berufsverbot wurde nicht verhängt. Im Genuss ihrer Beamtenpension starb sie 1975 in Ravensburg an einem Schlaganfall.

Alfons Stegmann, Fausers Vorgänger als Anstaltsleiter, verurteilt zu zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung. Er verlor Beamtenstatus und Ruhegehalt samt der Leitung der Zwiefaltener Anstalt bereits 1940 wegen einer Liebesaffäre mit der Gattin des zum Kriegsdienst eingezogenen Bürgermeisters. 1943 entzog ihm die Ärztekammer wegen illegaler Abtreibungen auch die Approbation. Als angeblich NS-verfolgungsbedingt wurde der Entzug der Approbation in der jungen Bundesrepublik annulliert; Stegmann praktizierte von 1954 bis 1968 als Arzt in Bad Waldsee. Er starb 1984 in Riedlingen.

Auch die oben als „Totspritzer“ erwähnten Pfleger Frankenhauser und Acker standen im Grafeneck-Prozess vor Gericht – nicht als Angeklagte, sondern als Zeugen.

Zeitenwechsel 1945. Auch für die Patient:innen?

Kein Thema ist der Ausstellung, wie es nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes für die Patient:innen in Zwiefalten weiterging. Überliefert sind uns die auf Band gesprochenen Erinnerungen von Josef Demetz. Das Ende der Nazizeit erlebt er nicht als Zeitenwechsel.

„Es blieben das alte Pflegepersonal, die schlechte Ernährung, die Schlafsäle, die nur alle paar Wochen gewechselte Bettwäsche, die Kälte, die Arbeit, die mit Draht geflickten Schuhe, die Kleider aus der Kleiderkammer und die Schläge und Schikanen, denen die Patienten immer wieder ausgesetzt waren“, urteilt der Journalist und Autor Hans-Volkmar Findeisen.

Immerhin dürfte die Sterblichkeit in der Anstalt drastisch gesunken sein. Und damit auch das Trinkgeld, das Josef Demetz von den Pflegern für seine Mithilfe beim Verbringen der Toten ins Leichenhaus bekam.

Die Ausstellung im Gewölbekeller des Kulturzentrums Konstanz ist noch bis 1. März geöffnet Di–Fr: 10–18, Sa, So und Feiertag: 10–17 Uhr. Eintritt frei.

Die bei der Vernissage ausgefallenen Vorträge von Thomas Müller und Bernd Reichelt werden am Dienstag, 10. Februar, um 18:30 Uhr im Wolkensteinsaal des Kulturzentrums nachgeholt. 

Zum Thema:

● Mehr zu Zwiefalten in der NS-Zeit lesen Sie im Beitrag 24 unserer Reihe Ausflüge gegen das Vergessen: Die ehemalige „Heilanstalt“ Zwiefalten
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