Bodensee philharmonie orchesterfoto juli 2024 16 9 © alberto venzago

Ohne Moos weniger los

Von Harald Borges
Bodensee philharmonie orchesterfoto juli 2024 16 9 © alberto venzago
Die Philharmonie im Juli 2024, fotografiert von Alberto Venzago

Es war ein deutlicher Zornesausbruch der Gemeinderät:innen, als sie den Wirtschaftsplan der OMK (Orchesterkultur und Musikbildung Konstanz) jüngst nicht etwa abnickten, sondern zur Überarbeitung zurückgaben. In dieser Woche wird ihnen der geänderte Plan vorgelegt.

Wie presst man eine Zitrone noch weiter aus, die man bereits aus Leibeskräften ausgequetscht hat? Diese Frage dürfte sich so oder ähnlich dem Orchesterintendanten Hans-Georg Hofmann sowie dem Musikschulleiter Dieter Dörrenbächer gestellt haben, als der Gemeinderat sie Anfang Dezember zum Nachsitzen schickte.

Sie haben es jedenfalls geschafft, denn der nun überarbeitete Wirtschaftsplan der OMK, die bekanntlich beide Insitutionen unter einem Dach vereint, sieht „eine um 89.450 Euro geringere städtische Zuschusssteigerung“ vor. Gegenüber der mittelfristigen Finanzplanung will das Orchester in diesem Jahr sogar 94.521 Euro, die Musikschule Konstanz 37.295 Euro einsparen, das macht für den Eigenbetrieb OMK insgesamt 131.816 Euro aus.

Die saure Zitrone quetschen

Man darf auf die Reaktion der politischen Entscheider:innen gespannt sein. Eigentlich hatten die sich nämlich unter der versprochenen „Öffnung des Orchesters hin zur Zivilgesellschaft“ nicht so sehr alle möglichen neuen Veranstaltungsformate als vielmehr deutlich sinkende Zuschüsse vorgestellt.

Eine nicht ganz einfache Aufgabe bei städtischen Betrieben, die wie die Philharmonie 80 und die Musikschule 85 Prozent ihres Geldes für Personalkosten ausgeben, die tarifgebunden jährlich steigen. Für 2026 rechnet die Philharmonie mit um 148.139 und die Musikschule mit um 58.000 Euro höheren Ausgaben für die Angestellten und anderen Mitwirkenden.

Wie quetscht man also eine solche Zitrone ein weiteres Mal aus?

Bei der Philharmonie wurde an mehreren Stellschrauben gedreht, und das wird die musikalische Vielfalt ihrer Konzerte bedauerlicherweise verringern.

Eine der Stellschrauben sind die Kosten für Gastdirigenten und Solisten, denen in Nachverhandlungen geringere Honorare abgerungen werden konnten. „Langjährige Partnerschaften ermöglichten hier tragfähige Kompromisse“, beschreibt die Intendanz trocken, was man sich als Außenstehender eher als kniefälliges Barmen vorstellt. Außerdem sollen mehr Orchestermusiker:innen und junge, preiswerte Instrumentalist:innen und Sänger:innen die Chance erhalten, sich solistisch auszuzeichnen.

Ab und zu soll sogar auch mal ein Abend ganz ohne Solist:in stattfinden. Das hieße dann, dass vor der Pause kein Solokonzertstück gespielt wird, sondern mindestens ein weiteres rein orchestrales Werk. Das geht natürlich, es bleibt aber abzuwarten, wie das Publikum darauf reagiert, wenn ein Konzert ganz ohne virtuose Glanztaten, die den Unterhaltungseffekt ja oft deutlich erhöhen, auszukommen versucht.

Künstlerische Verarmung

Für den musikalisch wirklich interessierten Teil des Publikums bringen weitere Sparmaßnahmen spürbare musikalische Einbußen mit sich. „Kostenintensive Werke der Moderne (z. B. Ligeti, Henze, Strawinsky, Schostakowitsch) wurden durch Werke ersetzt, die im eigenen Notenarchiv vorhanden sind oder keine Leih- und GEMA-Gebühren verursachen (z. B. Beethoven, Haydn, Brahms).“

Das geht also zulasten der neueren Musik, die in Konstanz ohnehin eher spärlich gespielt wird. Wie spart man durch diesen Verzicht? Ist ein Komponist 70 oder mehr Jahre tot, werden seine Werke gemeinfrei, während bei lebenden oder noch nicht so lange toten Schöpfer:innen etwa die Erben und/oder die GEMA noch die Hand für die Aufführungsrechte aufhalten. Außerdem hat das Orchester natürlich die Noten für solche selten gespielten Stücke nicht vorrätig, sondern muss sie jeweils beim Verlag für die entsprechenden Konzerte mieten, was die Kosten deutlich erhöht. Dagegen besitzt das Orchester natürlich das Aufführungsmaterial für die oft gespielten Klassiker wie Beethoven, Haydn oder Brahms, hierfür müssen keine Noten gemietet werden, und es werden bei solchen Klassikern auch keine Erben wegen einer Bezahlung von Aufführungsrechten vorstellig.

Adieu Celesta, auf Nimmerwiedersehen Alphorn

Außerdem werden „durch „den Austausch von Werken, die umfangreiche Zusatzinstrumente erfordert hätten“ die Kosten für externe Aushilfsmusiker:innen gesenkt. Ein Beispiel hierfür wäre etwa eine Mahler-Sinfonie, für die eine Harfe benötigt wird. Das Orchester hat keine festangestellten Harfespieler:innen in seinen Reihen und muss daher extra jemanden anheuern. Und die Celesta (eine Art Klavier mit Metallplatten statt Saiten) beispielsweise in Bela Bartóks umwerfender „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ ist ein derart selten benötigtes Instrument, dass es (nebst jemandem, der sie spielen kann), jeweils zugemietet werden muss. Die musikalische Tendenz geht also aus wirtschaftlichen Gründen hin zu Werken mit kleinerer Besetzung und aus einer früheren Zeit. Die Klassiker der Moderne bis zurück zu Mahler mit seinen üppigen Besetzungen wird sich Konstanz in absehbarer Zukunft nicht mehr leisten können.

Bisher läuft der Abo- und Einzelkartenverkauf beim Orchester auch trotz der Preiserhöhungen gut. An der Musikschule allerdings haben die teils drastischen Entgelterhöhungen der letzten Zeit (in diesem Jahr für Kinder und Jugendliche +2,8 Prozent, für Erwachsene zwischen +9 und +10 Prozent) bereits zu Kündigungen und zur Buchung kürzerer Unterrichtseinheiten von 30 statt 45 Minuten geführt.

Es bleibt also abzuwarten, ob sich die Gemeinderät:innen mit dem überarbeiteten Plan zufriedengeben und wenn ja, wie das Publikum auf die dann teils weniger attraktiven Programme und erhöhten Kosten reagieren wird.

Ein herber Rückschlag für die Musikkultur wird das allemal, aber wie wir alle wissen, kann es ja immer auch noch viel schlimmer kommen.

Quellen: GEMA, Beschlussvorlage ö – 2026-1469, Informationsvorlage – 2026-1490.

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