Öhninger schlange © naturkundemuseum konstanz

Öhningen: Ein Hotspot der Schlangenforschung

Aus der Redaktion
Öhninger schlange © naturkundemuseum konstanz

Das Fossil einer außergewöhnlich gut erhaltenen Schlange, gefunden in den Öhninger Steinbrüchen und seit rund 150 Jahren in der Sammlung des Bodensee-Naturmuseums aufbewahrt, gibt der Wissenschaft neue Rätsel auf. Nach der Untersuchung des Schädels steht nun die Erforschung des Mageninhalts an. Was verspeiste vor mehr als zehn Millionen Jahren eine Natter auf der Höri?

Als Martina Kroth, Leiterin des Bodensee-Naturmuseums, den Schlangenexperten Krister Smith vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt um eine Bestimmung des Fossils bat, entwickelte sich daraus ein umfangreiches Forschungsprojekt. Mithilfe von Aufnahmen aus dem Mikro-Computertomografen (µCT) konnte der Schädel nun genauer untersucht werden. Das Ergebnis: Die Schlange gehört vermutlich zu den Nattern.

„Eigentlich hatte ich mir nur eine kurze Auskunft erhofft, was für eine Sorte Schlange wir da haben“, berichtet Martina Kroth. Doch die Anfrage weckte das Interesse des Paläontologen Krister Smith, der sich auf die Erforschung fossiler Reptilien spezialisiert hat. Seit September 2024 untersucht er das Öhninger Fossil genauer.

Die Analyse erwies sich als anspruchsvoll: „Der Schädel, wo die hilfreichsten Bestimmungsmerkmale liegen, wurde ungünstig eingebettet, aber mit Hilfe von µCT-Aufnahmen konnten wir ihn untersuchen“, erläutert Smith. Die dreidimensionalen Einblicke ins Gestein ermöglichten es, den Schädelaufbau genauer zu analysieren. Dieser entspricht eindeutig dem der Nattern, möglicherweise sogar dem der Zornnattern. Welche Art genau vorliegt, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Von Öhningen in die Museen Europas

Die ersten Schlangen, die sich eindeutig heutigen Natterngattungen zuordnen lassen, stammen aus dem Miozän, einer erdgeschichtlichen Epoche vor rund 23 bis 5 Millionen Jahren. Vor etwa 13 bis 14 Millionen Jahren befand sich bei Öhningen ein kleiner See, der im Zuge der geologischen Bewegungen im Hegau entstand. Seine Ablagerungen bewahrten zahlreiche Fossilien, die bis heute wichtige Einblicke in die Tier- und Pflanzenwelt dieser Zeit ermöglichen.

Bereits seit dem 16. Jahrhundert wurden in den Öhninger Steinbrüchen Fossilien entdeckt und in naturkundliche Sammlungen in ganz Europa verkauft. Auch die Überreste verschiedener Schlangen gelangten auf diesem Weg in Museen – von Meersburg und Konstanz über Karlsruhe und Zürich bis nach London.

Aufmerksam geworden auf das Fossil des Bodensee-Naturmuseums, machte sich Krister Smith auf die Suche nach weiteren bekannten Exemplaren. Bei seinen Recherchen und Sammlungsbesuchen konnte er fünf Schlangenfossilien ausfindig machen, die der Wissenschaft bislang unbekannt waren, und näher untersuchen. Bislang sind aus Öhningen nur wenige Reptilien und drei Schlangenarten bekannt, darunter neben Nattern auch eine Otter.

„Eine der schönsten aus dem ganzen Miozän“

„Das vorliegende Exemplar ist die schönste Schlange, die bis jetzt aus Öhningen bekannt ist, und eine der schönsten aus dem ganzen Miozän“, freut sich Smith. Die Funde sind für die Forschung von besonderem Interesse: „Die Fauna von Öhningen ist von ungeheurem Interesse, um die Evolution der europäischen Schlangen zu verstehen.“

Die Forschungsarbeit ist noch nicht abgeschlossen. Als Nächstes soll das Fossil detailliert mit anderen Nattern verglichen werden, um seine Artzugehörigkeit zu klären. Darüber hinaus hoffen die Wissenschaftler:innen, den Mageninhalt der Schlange bestimmen zu können. Er könnte verraten, welche Beute das Tier zu sich nahm und wie es vor Millionen Jahren lebte. „Der Mageninhalt ist wie eine Momentaufnahme im Leben dieser Schlange und wird viel, womöglich Unerwartetes, über deren Lebensweise verraten“, erklärt Smith.

Auch Martina Kroth blickt gespannt auf die weiteren Ergebnisse: „Diese Entdeckung zeigt, wie viel Wissen noch in unseren Beständen schlummert. Unsere Sammlung ist ein Archiv, das wir auch für die Forschung von morgen bewahren müssen. Sie gehört zum wissenschaftlichen und kulturellen Erbe unserer Stadt.“

So zeigt das Fossil aus Öhningen eindrucksvoll, welches wissenschaftliche Potenzial in historischen Museumssammlungen steckt – und welche Erkenntnisse selbst nach rund 150 Jahren noch ans Licht kommen können.

Foto: Krister Smith hält das Schlangen-Fossil des Bodensee-Naturmuseums © Anika Vogel

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