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„No pasarán!“ (1) – der Krieg vor dem Krieg

Von Pit Wuhrer
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Vor neunzig Jahren machten sich – auch aus der Region – viele auf den Weg, um in Spanien die Republik und die Demokratie gegen den Faschismus zu verteidigen. Mittlerweile ist ihr Engagement weitgehend vergessen, ihr Ruf verblasst. Aber wer waren sie, was trieb sie an? Und worum ging es überhaupt? Im Folgenden ein Überblick in vier Teilen.

Ist es Zufall, dass in dieser, auf ihre Erinnerungspolitik ach so stolzen Gesellschaft in letzter Zeit kaum jemand einen Gedanken an einen Konflikt verschwendete, der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg war? Hat es damit zu tun, dass die Ereignisse nicht hier passierten, sondern ein bisschen weiter weg? Oder liegt es an der weit verbreiteten Blindheit gegenüber historischen Entwicklungen, an der Geschichtsvergessenheit auch im Hinblick auf Ereignisse mit weitreichenden Konsequenzen?

An mangelnder Bedeutung kann es jedenfalls nicht liegen, was damals geschah, als in Spanisch-Marokko ein General Kolonialoffiziere und die Soldaten der spanischen Afrika-Armee um sich scharte, um eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.

Kurzer Rückblick: Mitte Februar 1936 hatten die Parteien der breiten Frente Popular, der Volksfront, die Wahlen zum spanischen Parlament gewonnen. Angeführt von politisch gemäßigten Republikanern versuchte die bürgerlich-liberale Regierung, den Einfluss des Großkapitals und des aristokratischen Großgrundbesitzes zu beschränken – mit sozialpolitischen Maßnahmen, mit einer vorsichtigen Landreform, mit der Freilassung von Zehntausenden politischer Gefangenen, die die rechte Regierung eingekerkert hatte, mit der Wiedereinstellung der während der großen Streiks 1934 entlassenen Arbeiter:innen.

Eine faschistische Luftbrücke

Es war kein radikales Programm, aber zu viel für die herrschenden Klassen – zumal die in Spanien wenig eingebundene anarchosyndikalistische Arbeiter:innenbewegung mit Aufständen vielerorts die Revolution erprobte und Teile der Industrie sowie Agrarflächen zu kollektivieren versuchte. Und so putschten in der Nacht vom 17. auf 18. Juli 1936 mehrere Generäle, darunter der faschistische Falangist Francisco Franco, gegen die Regierung. Allerdings sassen seine Truppen in der damals spanischen Kolonie Marokko – und konnte nicht aufs Festland übersetzen, da die spanische Kriegsmarine seinem Aufruf nicht gefolgt war und die marokkanischen Häfen blockierte.

Den Putschisten zu Hilfe kam die deutsche Nazi-Regierung: Sie entsandte Ende Juli aus Berlin und dem damaligen Flugplatz Stuttgart-Böblingen Transportmaschinen, die 10.000 Soldaten nach Andalusien beförderten – wahrscheinlich die erste Luftbrücke der Geschichte. Kurz danach eroberten Francos Truppen Sevilla.

Franco truppen
Putschende Militärs auf dem Vormarsch

Der große internationale Konflikt rechts gegen links hatte da anderswo schon begonnen, in Barcelona zum Beispiel. In der rebellischen Hauptstadt Kataloniens widersetzten sich bereits am 18. und 19. Juli Arbeitermilizen der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT) den Putschisten. Mit dabei waren unter anderem auch deutsche Anarchist:innen – darunter viele Juden und Jüdinnen –, die nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Januar 1933 aus Deutschland nach Spanien, der internationalen Hochburg des Anarchismus, geflohen waren.

Auch geflüchtete deutsche Kommunist:innen, die sich zur „Thälmann-Gruppe“ zusammengeschlossen hatten, beteiligten sich an der erfolgreichen ersten Gegenwehr – ebenso Teilnehmer:innen der Olimpíada Popular. Die Volksolympiade in Barcelona war als Protest gegen die von den Nazis dominierten Olympischen Spiele 1936 in Berlin international organisiert worden, hätte vom 19. bis 26. Juli dauern sollen, wurde aber wegen des Putschs nach der Eröffnungsfeier abgesagt.

Kein Bürgerkrieg

Schon die ersten Wochen ließen erkennen, welche Dimensionen der Konflikt annehmen würde, der fälschlicherweise immer noch den Namen „Spanischer Bürgerkrieg“ trägt: Es war kein Konflikt zwischen Bevölkerungsgruppen oder Regionen des schon damals multikulturellen Spaniens. Es ging um mehr. „Von dem Ausgang dieses Kampfes hängt das Schicksal Europas und nicht zuletzt das Schicksal der Nazigegner in Deutschland (…) ab“, hieß es beispielsweise in den Deutschland-Berichten der in Prag exilierten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) (November 1936, dritter Jahrgang, Seite 1388).

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Im April 1937 von Deutschland zerstört: Gernika/Guernica

Die internationale Beteiligung war von Anfang an erkennbar und prägte auch damals viele Debatten. Auf Seiten der rechtsextrem-katholischen Militärs agierten faschistische Staaten: In Italien hatte Benito Mussolini 1922 die Macht übernommen und 1935 Äthiopien überfallen; in Deutschland waren mit Hilfe der national-konservativen Kräfte die Nazis an die Regierung gekommen, rüsteten auf und marschierten im Rheinland ein; in Österreich setze sich ab 1934 der Austrofaschismus durch; in Portugal hatte der Diktator António Salazar die Staatsgewalt übernommen und in Griechenland bereiteten Generäle ab 1935 einen Putsch vor, der im August 1936 erfolgte. Die Faschisierung des Kontinents war unverkennbar; nur Spanien – das erinnert an heute – tickte anders.

Auf die andere Seite stellte sich mit einiger Verzögerung die stalinistische Sowjetunion. Die Kommunistische Internationale (Komintern) hatte zwar bald auf den Putsch reagiert und begonnen, Strukturen wie die Internationalen Brigaden auszubauen; gleichwohl  überwog die sowjetische Skepsis, schließlich war die spanische KP im anarchistischen Spanien lange Zeit eine „sehr kleine Partei“ geblieben. Das änderte sich erst, als Stalin ab Mitte Oktober Berater, Panzerfahrer und Piloten schickte und in Einzelteile zerlegte Panzer und Flugzeuge lieferte (die sich die Sowjetunion übrigens mit über 500 Tonnen Gold von der spanischen Nationalbank bezahlen ließ).

Und die anderen großen, demokratisch regierten Staaten Europas? Die hielten sich abseits. Anfang August blockierte Frankreich die Grenze zu Spanien und verbot jede Waffenlieferung, auch an die Kräfte der spanischen Republik. Kurz darauf, im September, initiierte die damals einflussreiche Kolonialmacht Britannien eine internationale Konferenz, an der 27 Staaten teilnahmen, und untersagte jede Einmischung, also auch jede Unterstützung der breiten Allianz aus Sozialist:innen, Liberalen, Gewerkschaftsmitgliedern, Anarchist:innen, Trotzkisten und Kommunisten. 

Frühe Erkenntnisse und viel Desinformation

Um was es beim Konflikt ging, sprach sich bald herum. „Der große Krieg kann nicht verhindert werden, wenn man den ‚kleinen‘ verloren gehen lässt“, erläuterte beispielsweise Anfang Juli 1937 ein 24 Jahre altes Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) in einem Referat vor der SAP-Leitung: „Die kommende Weltentscheidung zwischen Faschismus und Sozialismus erlebt heute in Spanien eine Vorentscheidung.“ Der Redner wusste, wovon er sprach: Er hatte Anfang 1937 im Büro der unorthodox-kommunistischen „Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit“ (POUM) in Barcelona gearbeitet und für norwegische Zeitungen aus Spanien berichtet. Seine Name: Herbert Frahm. Seine Deckname, den er sich als Nazigegner zulegte und für den Rest seines Lebens beibehalten sollte: Willy Brandt.

Es waren jedoch nicht nur Einzelne, die das Thema beschäftigte, wie die Deutschland-Berichte der Sopade im April 1937 festhielten: „Am aufmerksamsten werden die Kämpfe in Spanien von den Gegnern des [Nazi-]Systems verfolgt. In den Betrieben kann man jeden Morgen sich gegenseitig von den Gesichtern ablesen, was in Spanien los ist. Geht es gut, dann herrscht gute Stimmung, geht es schlecht, dann ist auch die Stimmung der Arbeiter schlecht und bei vielen sogar deprimiert. Die Interessierten verlassen sich nicht etwa auf Meldungen der Zeitungen. Aus tausend Kanälen suchen sie sich über die wahre Lage zu unterrichten, vornehmlich durch den Rundfunk.“ (Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, vierter Jahrgang, 1937, Seite 477).

Las mujeres de las brigadas internacionales que llegaron a espana para defender la republica hace 90 anos
Anfangs waren (bei den anarchistischen Milizen) auch bewaffnete Frauen dabei

Die Skepsis der Arbeiter:innen gegenüber öffentlichen Verlautbarungen überrascht nicht, wenn man nachliest, was beispielsweise das Konstanzer NS-Blatt Bodensee-Rundschau berichtete, in dem fast täglich Artikel über den Spanienkrieg erschienen. Unter der Überschrift „Die rote Blutbilanz des Jahres 1936“ stand da beispielsweise in der Ausgabe vom 4. Januar 1937, die Verteidiger:innen der Republik hätten in den fünf Monaten seit Beginn des Konflikts allein in Madrid „50.000 Personen hingemordet“, darunter auch Frauen und Kinder.

Eine in jeder Hinsicht absurde Behauptung., die leicht zu überprüfen war – jedenfalls für alle, die ausländische Sender einschalteten (was bis Mitte 1939 noch nicht verboten war): beispielsweise Radio Beromünster, BBC, Radio Moskau oder den ab Anfang 1937 aus Madrid sendenden antifaschistischen Deutschen Freiheitssender 29,8.  

Machtverhältnisse und politische Konflikte

Die vielen Berichte mobilisierten zahlreiche Freiwillige, die sich auf verschiedenen Wegen nach Spanien begaben, weil es dort – da waren sich alle einig – um mehr ging als um das Schicksal einer Regierung und die Innenpolitik eines südeuropäischen Landes. Und so zogen im Laufe der Jahre 1936 bis 1938 bis zu 45.000 Kämpfer:innen und Hilfswillige aus mehr als fünfzig Ländern auf die iberische Halbinsel. Dort meldeten sie sich in den ersten Wochen besonders bei den anarchistischen Milizen, die aber kaum über Waffen verfügten. Später, ab Oktober 1936, ließen sie sich vor allem von den Internationalen Brigaden ausbilden und zogen auf Seiten der republikanischen Armee in den Kampf.

Unter den ausländischen Kämpfer:innen stammten rund 6500 aus Frankreich, 4000 bis 5000 aus Deutschland, 4000 aus Italien, 3000 aus den USA, ebenso viele aus Polen, 2000 aus dem britischen Königreich, 1400 aus Österreich, und 800 aus der Schweiz. Eine solche internationale Beteiligung Freiwilliger an einem kriegerischen Konflikt hatte es bis dahin nicht gegeben (und seither auch nicht wieder). Von den deutschen Freiwilligen kamen rund 800 auf den Schlachtfeldern um (die genaue Zahl ist nicht feststellbar); insgesamt verloren etwa 20.000 Brigadist:innen ihr Leben, darunter auch mindestens zwei aus der Region am westlichen Bodensee.

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Schlecht bewaffnet, dürftig ausgerüstet: Unterkunft der Spanienfreiwilligen

Die internationale Solidarität war beeindruckend – konnte aber schlussendlich nichts gegen die reaktionären Militärs ausrichten. Italien hatte insgesamt bis zu 80.000 Soldaten an die Seite von Francos Truppen geschickt. Rechnet man Zivilpersonal, Söldner und andere Freiwillige zusammen, kommen manche Schätzungen auf bis zu 30.000 Deutsche, die vom NS-Staat losgeschickt waren. Dazu kamen jede Menge Waffen sowie die Hilfe von Großunternehmen wie die IG Farben und Siemens.

Insgesamt starben in dem zweieinhalb Jahre dauernden Krieg über 400.000 Menschen, darunter schätzungsweise 200.000, die gezielt getötet, hingerichtet, gefoltert wurden. In der Anfangszeit – bis etwa Mai 1937 – traf es auch Mitglieder des katholischen Klerus, die als integraler Teil des Machtsystems von Anarchisten und der Landbevölkerung umgebracht wurden. Doch das waren nur wenige im Vergleich zu den schätzungsweise 100.000 Republikaner:innen, die hingemetzelt wurden. Selbst nach dem Krieg, der Anfang 1939 endete, wurden nochmals rund 115.000 derer, die sich für die Demokratie engagiert hatten, exekutiert. Noch heute, so schätzen Hinterbliebenenverbände, liegen die Gebeine von 140.000 Opfern franquistischer Gewalt irgendwo in Massengräbern verscharrt. 

Auch für die Freiwilligen aus anderen Ländern war mit dem Sieg Francos das Leiden nicht vorbei. Viele der Zehntausenden, die über die Pyrenäen geflüchtet waren, landeten in Lagern und wurden, nachdem die Nazis Frankreich besetzt hatten, in KZs verschleppt und dort jahrelang festgehalten und/oder ermordet. Das erging auch Antifaschisten aus der Region so. Aber wer waren sie, die ihr Leben in einem Krieg riskierten, der im Laufe der Zeit immer aussichtsloser wurde? Was trieb sie an, was wurde aus ihnen? Mehr dazu morgen.

Mehr Informationen zum Spanischen Krieg

Videos/Filme:
● Eine gute Einführung bietet die zweiteilige Arte-Doku zum Krieg und die Zeit danach
● Den wahrscheinlich besten Spielfilm zum Thema hat der britische Regisseur Ken Loach gedreht, der die Geschichte eines Liverpooler Freiwilligen erzählt: Land and Freedom (engl. Originalfassung)
3sat: „Wie sich die Jugend schleichend radikalisiert“, ab Minute 22 zum Spanienkrieg

Über den Krieg gibt es viele lesenswerte Bücher. Hervorzuheben sind:
● George Orwell: „Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg“. 1938
● Erich Hackl (Hg.): „Soweit uns Spaniens Hoffnung trug“, mit vielen Augenzeugenberichten. Rotpunktverlag, Zürich 2016
● Hans Magnus Enzensberger: „Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod“, Suhrkamp 1977
● Walter L. Bernecker: „Anarchismus und Bürgerkrieg. Zur Geschichte der Sozialen Revolution in Spanien 1936-1939“. Verlag Graswurzelrevolution 2006
● Marianne Kröger: „,Jüdische Ethik’ und Anarchismus im Spanischen Bürgerkrieg“, Peter Lang Verlag 2006
● Alfred Kantorowicz: „Spanisches Kriegstagebuch“, Fischer 1982
● Arno Lustiger: „Schalom Libertad!! Juden im Spanischen Bürgerkrieg“, Athenäum Verlag 1989
● Patrik v. zur Mühlen: „Spanien war ihre Hoffnung. Die deutsche Linke im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939“, Dietz, 1985

Websiten:
Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936-1939 e.V.
Bundesarchiv

Abbildungen: Salutierender Antifaschist im spanischen Krieg (abfotografiert im Museu Memorial de l’Exili in Jonquera) / Truppen der Nationalisten (© Bundesarchiv) / Ruinen von Guernica (© Bundesarchiv) / las-mujeres-de-las-brigadas-internacionales-que-llegaron-a-espana-para-defender-la-republica (Screenshot) / Unterkunft der Spanienfreiwlligen (© Bundesarchiv Bild 183-H28510)

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