Bio musterregion 01 © ute elise paluch, haettelihof

Kühe und Kinder – Der Haettelihof wird zwanzig Jahre alt

Von Albert Kümmel-Schnur
Bio musterregion 01 © ute elise paluch, haettelihof

Am 8. Mai feiert der Haettelihof sein zwanzigjähriges Bestehen mit einem großen Fest. Ich habe mit Ute Elise Paluch, die den Hof zusammen mit ihrem Mann Thomas Schuhmacher führt, über die Geschichte dieses Ortes und die Werte, die er verkörpert, gesprochen.

Das erste Mal komme ich mit dem Haettelihof, der nur wenige hundert Meter von der Universität entfernt am Rande des Hockgrabens liegt, in Kontakt, als der Waldkindergarten eine Übernachtung plant. Ganz schön aufregend für Eltern, ein Kindergartenkind für eine Nacht loszulassen. Die Kinder übernachten in der Heukiste, einer offenen Holzscheune, die mit Strohballen und sandgefüllten Sitzsäcken gefüllt ist. An der Decke hängt ein dickes Seil. Ruckzuck schwingen die ersten Kinder daran und beginnen, sich den Ort spielerisch anzueigenen. Sie klettern auf die Strohballen, springen herunter, packen Rucksäcke aus und hantieren mit Schlafsäcken. Und irgendwann ist es dann so weit: es heißt, Abschied nehmen, nur für eine Nacht, sicher, aber immerhin. Im Weggehen blicke ich mich um und sehe lauter zufriedene Kinder begeistert das Nachtlager richten, herumtoben. Sie scheinen so ganz und gar nicht müde zu sein.

Dem Lebendigen verbunden

Ute Elise Paluch ist sich sicher, dass Kinder Raum brauchen, der nicht von Erwachsenen definiert wird. Raum, sich zu spüren. Raum, in Kontakt mit sich selbst zu kommen oder zu bleiben. „Wenn Kinder spielen, dann ist das die ‚Arbeitszeit‘ der Kinder und dann ordnen wir Erwachsenen uns unter. Sprache spielt da eine ganz entscheidende Rolle. Wie spreche ich, wie bin ich präsent, ohne einzugreifen, ohne zu lenken – das ist die Aufgabe. Trotzdem bleiben Erwachsene natürlich Erwachsene. Aber immer zu fragen: wo ist mein Raum und wo ist der des Kindes?“

Elise

Das ist auch die Haltung in der Landwirtschaft: Raum geben, dem Lebendigen verbunden bleiben. Wenn Rinder zum Beispiel eine Wiese abgrasen, dann lassen sie hie und da Büschel stehen. Dann können auch Vögel dazwischen brüten. Vielfalt bleibt erhalten, wird gepflegt und gefördert. Das ist gerade auf den Grünflächen möglich, die wenige noch bewirtschaften wollen und die doch so zentral für den Erhalt von Biodiversität sind. „Kulturlandschaftspflege ist ein ganz entscheidendes Element unserer Arbeit“, sagt Elise Paluch.

Ursprünglich war das nur ein Hobby. Die Designerin Ute Elise Paluch und der Landwirt und Psychologe Thomas Schumacher hatten einander in Krefeld kennengelernt und wollten ein wenig Landwirtschaft betreiben, keinen großen Hof, ein bisschen Vieh.

„Es ist fast dreißig Jahre her, da hat Thomas die Öffentlichkeitsarbeit für ein Regionalprojekt ‚Modellprojekt Konstanz‘ gemacht. Da kümmerte man sich um regionale Landwirtschaft, entsprechende Wirtschaftsweisen und Vermarktungsstrategien. Darüber kam er in Kontakt mit der Weidefläche an der Mainau. Da sahen wir die Chance und hielten es für eine gute Idee, mit ein paar Tieren mit Mutterkuhhaltung anzufangen.“

Haettelihof

Vier Haetteli

So fing das Paar mit vier Tieren an, sogenannten Hinterwälder Rindern, einer aus dem Schwarzwald stammenden robusten, leichten Rasse, die auch dem späteren Hof seinen Namen gab. Im Alemannischen bezeichnet man mit „Haetteli“ junge Hinterwälder Rinder.

„Über den Südkurier haben wir bekannt gemacht, dass wir da ein bisschen Vieh aufstellen, und wer sich beteiligt, kriegt im Laufe von fünf Jahren seinen Einsatz in Form von Fleisch zurück. Bis vor fünf Jahren hatten wir noch Hinterwälder, aber die Rinder, die wir jetzt halten, sind so viel entspannter. Ute Elise Paluch lacht, schaut in die Ferne und seufzt. Die Hinterwälder haben einfach noch so viel wildes Blut in sich. Mit denen haben wir viele Abenteuer erlebt.

Wenn wir heute unsere Rinder rauslassen, dann steigen die vom Hänger ab, gucken einmal hoch – und fressen einfach. Die Hinterwälder, die sind erst einmal gerannt. Gerannt, gerannt, gerannt. Da haben wir lustige Sachen erlebt. Einmal ging ein Rind im Bodensee schwimmen. Das war unten an der Mainau. Ein Kalb ist losgerannt und hörte nicht mehr auf zu rennen. Thomas hat versucht, das Tier zu stoppen. Das Tier ließ sich aber nicht stoppen, sondern rannte geradewegs ins Wasser und ist losgeschwommen. Wir konnten es gar nicht glauben. Thomas ist mit einem Freund mit einem Paddelboot, das da lag, hinterher. Das hat aber auch nicht geklappt. Zum Schluss ist Thomas ins Wasser gesprungen, hat das Kalb geschnappt – Ute Elise Paluch formt die Arme zu einem festen Ring – und es an Land gebracht.“

Haettelihof

Beim Hobby blieb es nicht. 50 Hektar ist der Hof inzwischen groß. Neben Rindern gibt es Hühner, ein paar Schafe, Streuobstwiesen, ein Café. „Das hat sich ganz organisch so entwickelt. Die ersten zwei Winter hatten wir noch keinen Stall, keine Heugeräte und stellten die Tiere noch bei einem anderen Bauern unter. Das Grünland wollte damals keiner haben, weil es keine Förderung dafür gab.

Immer mehr Grünland

Elise

Immer mehr Leute haben ihr Grünland abgegeben und so wurde das immer mehr. Wir brauchten einen Unterstand, einen Stall, Maschinen … Es ist halt immer mehr geworden. Das Hobby wurde immer größer.“

Das Paar traf die Entscheidung, sich ganz auf die Landwirtschaft einzulassen. „Heute haben wir mehrere Weiden – eine unten an der Mainau, eine in Wollmatingen, am Torkelberg in Litzelstetten, in Oberdorf, eine im Turbenried. Irgendwann jedenfalls brauchten wir eine feste Bleibe, haben über Jahre gesucht und nichts gefunden.

Damals war Martin Wichmann Leiter des Umweltamtes Konstanz, und er hat unsere Entwicklung entscheidend unterstützt. Wir brauchten die Hilfe der Stadt. Ohne die hätten wir uns auf die andere Seeseite orientiert. Und dann bekamen wir den ersten Unterstand, da, wo heute die Heukiste ist. Das war damals ein Wildgehege, das uns die Stadt anbot als Winterunterstand. Aber das war auch nur eine Übergangslösung, da war es einfach zu matschig. Über die Jahre kamen weitere Entwicklungen. Das Haus, das hier stand, wurde abgerissen; wir konnten bauen. Das ist sehr organisch gewachsen. Das ist nichts, was man sich einfach mal so ausgedacht hat. Wir haben einfach unsere Sachen gemacht und dann kam das Leben auf uns zu. Ute Elise Paluch schweigt einen Moment und nickt dann bekräftigend. Das war cool. 2006 sind wir eingezogen.“

Es geht ums Kind

„Irgendwann kamen Schulen auf uns zu und fragten nach Angeboten. Ich hatte immer einen anderen Blick auf die Kinder – dieses Übliche – sie kreuzt die Zeigefinger und schüttelt den Kopf – mit mir nicht. So Führungen, wo die Kinder dann mit irgendwelchen Zetteln rumlaufen, das mache ich nicht. Da kam die Buchenbergschule und fragte nach einer Kooperation. Zur gleichen Zeit war Thomas bei der Gründung des Vereins „Lernort Bauernhof Bodensee“ dabei. Das konnte man dann gut verbinden. Die erste Gruppe kam regelmäßig. Woche für Woche – da konnte man sich gut aufeinander einstellen. So fing das an. Bei uns geht es wirklich ums Kind und nicht … Ute Elise Paluch horcht in sich hinein, sucht den richtigen Ausdruck … nicht um diese Verdinglichung des Kindes. Inzwischen haben wir feste Programme und Inhalte.“

Haettelihof heukiste

Verbindung ist ein wichtiges Element der pädagogischen Ausrichtung des Haettelihofes – in Beziehung sein. Mit der Umwelt. Mit sich selbst. Mit Tieren. Mit Erde. „Das fehlt vielen Kindern.“

„Gerade haben wir ein Kartoffelprojekt mit vier Terminen. Im Herbst haben wir gemeinsam den Boden vorbereitet. Vor zwei Wochen wurden die Kartoffeln gesetzt. Dann kommen sie zum Pflegen. Manche Gruppen kommen punktuell, manche öfters. Das kommt immer auf die Lehrkraft an. Vor Corona hatte ich eine intensive Zusammenarbeit mit den Montessori-Klassen der Stephansschule. Da kamen die Kinder über vier Jahre immer wieder, sechs Mal pro Jahr. Und das war einfach großartig. Da wollen wir wieder hin. Das Bildungsprojekt wollen wir in die Gemeinnützigkeit bekommen, damit es auch in Zeiten knapper Gelder für Kinder wieder mehr Möglichkeiten gibt, hier zu sein. Mein Traum ist, dass alle Zweitklass-Kinder in Konstanz einen Ein-Jahres-Kurs machen – also nicht nur am Haettelihof, da bräuchte es noch andere Partner. Allein könnten wir das nicht leisten. Aber die Vision ist, dass alle Kinder in Konstanz erfahren, was Boden ist, was die Natur mit ihnen zu tun hat, dass Lebensmittel auch aus der Landwirtschaft kommen, kurz, dass Menschsein heißt Erdenbewohner zu sein.“

Eine Einladung

Am 8. Mai sind Groß und Klein eingeladen, mit Elise und Thomas und allen, die am Haettelihof arbeiten, zu feiern. Das Team vom Haettelihof bedankt sich auf diese Weise auch bei allen, die es die Jahre über unterstützt haben, sei es als Kundinn:en, sei es durch vielfältige Zusammenarbeiten von städtischer und privater Seite. Um 14 Uhr geht es los mit Speis, Trank, Musik, Theater und Spielen. Das Kinderprogramm geht bis 17 Uhr. Erwachsene sind bis 21:30 Uhr eingeladen, bei Live-Musik zu plaudern, dem Haettelihof wieder zu begegnen, ihm neu zu begegnen oder ihn zum ersten Mal zu entdecken.

Die Bilder wurden uns von Ute Elise Paluch zur Verfügung gestellt.

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