Nixon und marcos 1969 © wikimedia commons

In der Vorhölle des Vergessens

Von Pit Wuhrer
Nixon und marcos 1969 © wikimedia commons
Schon 1969 mit dabei: Ferdinand Marcos Jr. vor seinem diktatorischen Vater. Links US-Präsident Richard Nixon, neben ihm Imelda Marcos und Ehefrau Pat.

Wenn die Philippinen nicht, wie letztes Jahr, Gastland der Buchmesse sind, bekommt man hierzulande selten mit, was in dem südostasiatischen Staat mit seinen über 7500 Inseln gerade passiert – und woran dessen Dynastien nicht erinnert werden wollen. Gut, dass es dazu jetzt ein politisches Lesebuch gibt.

Vor ziemlich genau vierzig Jahren, Ende Februar 1986, geschah etwas, mit dem fast niemand gerechnet hatte: Präsident Ferdinand Marcos war laut offiziellen Angaben anfangs des Monats erneut zum Präsidenten gewählt worden – doch diesmal nahm das die Bevölkerung nicht mehr hin. Marcos, der 1965 erstmals das Amt übernommen hatte und ab 1972 per Kriegsrecht regierte, schien unantastbar zu sein: Er ließ Oppositionelle wie Benigno S. Aquino ermorden, fälschte Wahlen, bekämpfte mit Hilfe der USA erfolgreich die Basisbewegungen im Land: Wer sollte sich ihm widersetzen?

Nachdem sich aber herumsprach, dass auch bei der Präsidentschaftswahl 1986 getrickst worden war, gingen die Menschen massenhaft auf die Straße; allein in der Hauptstadt Manila waren es rund eine Million. Sie hatten genug von den korrupten und inkompetenten Regierungen, die seit der Unabhängigkeit 1946 die Politik des Inselarchipels bestimmten, genug von den willkürlichen Verhaftungen, der Folter, dem gewaltsamen Verschwindenlassen, den außergerichtlichen Tötungen, von der Wirtschaftskrise und der eskalierenden Inflation – und so trotzten rund zwei Millionen Filipinas und Filipos der Diktatur. Unterstützt wurden sie dabei von Militärs, die sich weigerten, auf die Demonstrant:innen zu schießen. 

Viele Rebellionen

War das nun der große Wandel, an den sich viele Hoffnungen knüpften? Schließlich war es nicht die erste Rebellion. Ab dem 16. Jahrhundert waren die Philippinen eine von Mexiko aus verwalteten spanischen Kolonie gewesen. Spaniens Herrschaft endete mit einer Erhebung in den 1890er Jahren, doch die anschließend aufgerufene Republik überlebte nur kurz: 1896 übernahmen die USA nach einem Eroberungsfeldzug mit mehreren hunderttausend Toten das Inselreich und entließen es (nach der japanischen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs, während der das Land auch aufgrund des philippinischen Widerstands weitgehend verwüstet worden war) 1946 in die Unabhängigkeit – aber erst, nachdem sie sich die Hoheit über 23 Militärstützpunkte gesichert hatten.

Doch auch nach der formellen Souveränität 1946 blieben Philippinen abhängig: Washington unterstützte jedes Marionettenregime, das ins Amt kam — und erprobte dort „Taktiken der Aufstandsbekämpfung, die sie später in ihren Angriffskriegen auf der ganzen Welt einsetzten“, so der Soziologe Teodoro A. Casiño in dem von Jörg Schwieger und Rainer Werning herausgegebenen Buch „Von Marcos zu Marcos – Die Philippinen seit 1965“. Auch diese Dominanz blieb nicht unwidersprochen.

Da die Wirtschaft zunehmend unter die Kontrolle von US-Konzernen (wie der Agrarbusiness-Konzerne Dole und Del Monte) geriet und sich nichts an den extrem ungleichen Einkommensverhältnissen änderte, organisierten sich auf den heute noch landwirtschaftlich geprägten Inseln Bäuer:innen, Lohnabhängige und ein Teil des Bildungsbürgertums in Widerstandsbewegungen – darunter der kommunistischen Partei CCP, deren bewaffnetem Flügel New People’s Army NPA und der Nationaldemokratischen Front (NDFP). Ihr Kampf für einen Sturz des Marcos-Regimes machte das Land zum Schauplatz eines langen bewaffneten Konflikts. Dazu trugen auch die islamisch geprägten Unabhängigkeitsbestrebungen auf der südphilippinischen Insel Mindanao und dem Archipel Suru bei, wo sich die Bevölkerung lange Zeit gegen Diskriminierung, Zwangsumsiedlungen und Unterdrückung durch die Vertreter:innen der katholisch geprägte Mehrheitsgesellschaft wehrte.

Vom Vater zum Sohn zur Tochter

Die Erhebung im Februar 1986 kam also nicht von ungefähr. Doch es war keine Revolution. Es gab keinen sozialen Umbruch, sie beendete nicht Ungerechtigkeit und Armut und hat Dynastien nicht abgelöst, wie der Publizist Luis V. Teodoro im Buch darlegt – „was es schließlich den Vertreter:innen ihrer rückständigsten, bürokratisch-kapitalistischen Fraktion ermöglichte, die Macht wiederzuerlangen und auf unbestimmte Zeit zu zementieren.“

Auf Marcos folgte Corazon Aquino, Witwe des 1983 ermordeten Oppositionsführers Benigno S. Aquino Jr., die zwar politische Gefangenen freiließ, aber auch Marcos Schergen amnestierte und weiter gegen die Linke vorging. Nach ihr kam der ehemalige Generalstabschef Fidel Ramos, der das Konzept der Eliten-Demokratie fortsetzte. 1998 (bis 2001) dann Joseph Esrada, der wegen angeblicher Korruption abgesetzt wurde zugunsten von Gloria Macapagal-Arroyo (2001–2010), während deren Amtszeit zahlreiche politische Morde verübt wurden. 

Benigno Aquino III, Sohn der früheren Präsidentin Corazon Aquino, kam als Nächstes (2010-2016), anschließend rückte Rodrigo Duterte (2016–2022) an dessen Stelle. Der Bürgermeister der Millionenstadt Davao City auf der südphilippinischen Insel MIndanao rief während seiner Amtszeit zur Ermordung von Drogensüchtigen und Drogenhändlern auf und sitzt seit März 2025 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in einer Gefängniszelle des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Seit 2022 regiert nun Ferdinand („Bongbong“) Marcos Jr., Sohn des gleichnamigen Diktators der 1970er und 1980er Jahre. Und seine Stellvertreterin? Die heißt Sara Duterte, Tochter des eingebuchteten Rodrigo Duterte.

Tochter folgt auf den Vater, Sohn auf die Mutter, Sohn auf den Vater – im Land der Dynastien, wo Parteien in  der Politik kaum eine Rolle spielen, ist das nicht nur auf höchster Ebene so. Auf regionaler oder kommunaler Ebene darf oft auch gleich die ganze Familie mitregieren. Angesichts solcher Verflechtungen und Kontinuitäten verwundert nicht, dass Ereignisse wie die Revolte 1986 in der „Vorhölle des Vergessens“ verschwinden, wie Luis V. Teodoro schreibt. Welches Interesse sollte auch Ferdinand Marcos Junior an einer Erinnerung an die Verbrechen von Ferdinand Marcos Senior haben?

Verschiedene Themen

Die offizielle Politik der letzten Jahrzehnte ist bei weitem nicht das einzige Thema des lesenswerten Buchs „Von Marcos zu Marcos“. Die rund vierzig Autor:innen und Interviewten – darunter viele aus den Philippinen – beschreiben und  analysieren in über siebzig, oft kurzen Beiträgen eine ganze Reihe unterschiedlicher Sachgebiete. Warum zum Beispiel war es der Linken in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen, ihren erbitterten und gut organisierten Widerstand gegen die Marcos-Diktatur fortzusetzen? Sie hatte die Dynamik der Proteste nach dem Mord an Benigno S. Aquino unterschätzt und 1986 zum Wahlboykott aufgerufen. Warum? Waren ihr die zivilgesellschaftlichen Bewegungen suspekt? Oder lag es an der Repression der nachfolgenden Regenten, die viele Menschen zur Flucht zwang? 

Das Weite suchen übrigens schon lange auch andere Teile der Bevölkerung, vorwiegend aus wirtschaftlichen Gründen. Rund 13 der insgesamt 110 Millionen Filipinas und Filipinos sind derzeit im Ausland tätig; sie stellen nach Arbeiterkräften aus China, Indien und Mexiko die weltweit viertgrößte Gruppe von migrantischen Beschäftigten. Viele von ihnen arbeiten seit Jahrzehnten hierzulande in Pflegeheimen und Spitälern. Und die internationale Schifffahrt käme ohne die rund 400.000 meist miserabel entlohnten philippinischen Seeleute nicht aus.

Das Buch enthält zudem zahlreiche Berichte über die Folgen der Klimazerstörung: Die Zahl der tropischen Stürme nimmt zu, der Wasserspiegel steigt entlang der 36.000 Kilometer langen Küste, Korallenriffe sterben, die Jahreszeiten ändern sich – mit erheblichen Auswirkungen auf die Landwirtschaft. 

Die 260 Seiten durchzieht jedoch vor allem ein Argumentationsfaden: der von der US-amerikanischen Dominanz. „Nach nahezu 130 Jahren: die Rückeroberung der Philippinen durch die USA“, steht beispielsweise über einem Beitrag des Soziologen und Menschenrechtsaktivisten Walden Bello. Der Grund: China bedrohe die „imperialen Interessen der USA, die das Südchinesische Meer lange Zeit dominierten“, so der philippinische Politikwissenschaftler Roland G. Simbulan, und die Philippinen seien schon lange aufgrund „mehrerer bilateraler Verträge mit Washington … Teil der offensiven Inselkette, die das benachbarte China einkesselt.“ Imperiales US-Gehabe gibt es nicht erst seit Donald Trump. 

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Rainer Werning, Jörg Schwieger (Hg.): „Von Marcos zu Marcos. Die Philippinen seit 1965“. Promedia Verlag. Wien 2025. 264 Seiten. 25 Euro.

Ebenfalls empfehlenswert:

Rainer Werning, Jörg Schwieger: „Handbuch Philippinen – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur“. regiospectra Verlag. Berin 2019, sechste aktualisierte Auflage. 496 Seiten.

Foto: White House Photo Office, via Wikimedia Commons

Transparenzhinweis: Der Rezensent war als Auslandredakteur der Wochenzeitung WOZ unter anderem für Südostasien zuständig, über das Rainer Werning viele Jahre als Korrespondent berichtete. 

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