Umsonst+draußen gratiskonzert bp 2026 07 05 ©pit wuhrer

Eine Parade, ein Bündnis, eine Stimme

Aus der Redaktion
Umsonst+draußen gratiskonzert bp 2026 07 05 ©pit wuhrer
Umsonst und draußen und sehr beliebt: die ebenfalls von Kürzungen bedrohte Bodensee Philharmonie am Sonntag im Stadtgarten

Die Konstanzer Kultur steht unter enormem Druck: Im kommenden Jahr sollen die Einrichtungen, die ohnehin schon am unteren Limit agieren, über zwei Millionen Euro weniger Unterstützung erhalten. Auch deswegen veranstaltet die vielfältige Szene am kommenden Samstag rheinauf, rheinab eine Kulturparade.

Mit Tanzparade, Live-Musik und Wortbeiträgen ziehen am 11. Juli Akteur*innen aus freier Szene, Hochkultur und Nachtleben gemeinsam durch Konstanz. Das hat das Kulturnetzwerk Loretta in einer Pressemitteilung angekündigt. Mit ihr legt ein breites Bündnis und vier konkrete Forderungen an Politik und Verwaltung vor, getragen von Fakten, die zeigen: Kultur und Nachtökonomie sind harte Standortfaktoren.

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Die Parade ist ein Schulterschluss quer durch die Konstanzer Kulturlandschaft. Beteiligt sind unter anderem Initiativen aus dem Nachtleben, zahlreiche Akteur*innen der freien Szene, sowie zahlreiche etablierte Kulturinstitutionen und Gruppen aus dem Konstanzer Brauchtum. Was sie eint, ist das Engagement für ein inklusives, vielfältiges und nachhaltiges Kulturleben in Konstanz.

Anstoß für das Bündnis gab der Runde Tisch Nachtleben im Mai letzten Jahres. „Wir wollen zeigen, was Konstanz kulturell ausmacht – und gleichzeitig betonen, dass es Kulturräume, verlässliche Rahmenbedingungen und Anerkennung braucht. Etablierte Häuser, freie Szene und selbstorganisierte Initiativen gehören zusammen“, so Lara Schick vom Kulturnetzwerk Loretta.

Vier Forderungen an Politik und Verwaltung

Das Kulturnetzwerk bündelt seine Anliegen in einem Positionspapier, mit dem die Konstanzer Kulturszene gemeinsam nach vorne gehen will. Im Zentrum steht die Forderung nach mehr Räumen für Kunst, Kultur und Begegnung: Bestehende Kulturorte müssen geschützt werden, Proberäume bezahlbar bleiben und dauerhaft nutzbare Flächen für selbstorganisierte Veranstaltungen – tagsüber wie nachts – verfügbar sein. Stellvertretend für viele andere Anliegen steht die Waldbühne im Bodenseestadion, die das Kulturnetzwerk Loretta als dauerhafte und nicht-kommerzielle Freiluftbühne schaffen möchte.

Mindestens ebenso wichtig ist nach Auffassung des Netzwerks mehr Rückenwind aus der Verwaltung für diejenigen, die Kultur in Konstanz machen. Genehmigungsverfahren, Auflagen und Abstimmungen sollen transparent, planbar und lösungsorientiert gestaltet sein – mit festen Ansprechpersonen und nachvollziehbaren Bearbeitungszeiten. Wer das kulturelle Leben bereichern will, sollte nicht durch Bürokratie ausgebremst werden.

Die dritte Forderung zielt auf die politische Ebene und ruft nach mehr Beteiligung. Es braucht einen verbindlichen, regelmäßigen Austausch zwischen Politik und den Akteur*innen des Kultur- und Nachtlebens, mit festen Gesprächsformaten. Kulturpolitik soll gemeinsam mit den Menschen entwickelt werden, die Kultur in Konstanz tatsächlich tragen.

Schließlich fordert das Bündnis eine glaubwürdige Anerkennung für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der Kultur und ein klares Bekenntnis zur solidarischen Förderung. Etablierte Häuser, freie Szene und selbstorganisierte Initiativen dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden, keine Kulturform darf einem schlechten Haushalt zum Opfer fallen.

Kultur als Wirtschaftsfaktor 

Stimmen aus der lokalen Wirtschaft ebenso wie aktuelle Studien bestätigen, dass diese Anerkennung mehr als eine Geste ist. Der Konstanzer Handelsverband Treffpunkt Konstanz e.V. unterstreicht in seinem neuerlichen Positionspapier den Wert einer kulturell starken Innenstadt: „Eine lebendige, vielfältige Innenstadt ist ein Standortvorteil – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch und sozial“, heißt es dort.

Wie groß diese wirtschaftliche Dimension tatsächlich ist, zeigt die im September 2025 vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg vorgestellte Studie „NightLÄND“: In Wirtschaftszweigen mit starken Bezügen zur Nachtökonomie werden in Baden-Württemberg pro Jahr knapp neun Milliarden Euro Umsatz erzielt und über 220.000 Menschen sind dort beschäftigt. Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Rapp betont, dass die Bedeutung der Nachtökonomie als Standortfaktor für die Gewinnung hochqualifizierter Fachkräfte nicht unterschätzt werden dürfe – ein Punkt von besonderer Relevanz für den Wissens- und Hochschulstandort Konstanz.

Auch die Nachtökonomische Studie der Landeshauptstadt Stuttgart aus dem Jahr 2023 kommt zum selben Schluss. Sie beziffert die direkte und indirekte Wertschöpfung des Stuttgarter Nachtlebens auf 148 Millionen Euro bei rund 9,5 Millionen Gästebesuchen pro Jahr. Besonders hervorgehoben wird auch hier eine Funktion der Kultur, die in der politischen Debatte oft übersehen wird: Nachtleben hilft jungen Berufstätigen und Zugezogenen, in einer neuen Stadt anzukommen – es „ermöglicht eine informelle Integration in die neue Stadt, das Knüpfen von Kontakten und berufliche Chancen“. Damit sind Kultur und Nachtleben nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern auch ein direkter Faktor dafür, ob eine Stadt junge Menschen anzieht und hält – ein für Konstanz mit seiner Universität und seinen Hochschulen unmittelbar wichtiger Befund.

Lokaler Handel, Land und Forschung bestätigen damit, was die Konstanzer Kulturszene seit Langem einfordert: Kultur und Nachtleben sind keine nachgeordneten „Wohlfühl-Themen“, sondern tragende Säulen einer attraktiven, zukunftsfähigen Stadt. „Wenn diese Erkenntnis nicht nur Festrede bleiben soll, muss Konstanz daraus Konsequenzen ziehen – mit Räumen, mit Rückenwind, mit Beteiligung und mit verlässlicher Förderung“, so Schick.

Wann und wo?

Die erste Konstanzer Kulturparade findet am kommenden Samstag, 11. Juli, statt. Auftakt ist um 17 Uhr am Bodenseeforum mit einer Kundgebung. Anschließend setzt sich die Tanzparade in Bewegung – mit zahlreichen Wagen, die von Konstanzer Gruppen bespielt werden: rechts am Seerhein entlang, über die Alte Rheinbrücke und links am Seerhein zurück zur Europabrücke. Dort endet die Parade mit einer ausführlichen Abschlusskundgebung, die Wortbeiträge aus der Konstanzer Kulturszene mit Live-Musik und Performances verbindet.

Abbildungen: Bodensee-Philharmonie-Konzert & Video © Pit Wuhrer / andere: Screenshots der Website Kulturparade

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