Iakob Gogebashvili Puppentheater In Kutaissi (Georgien) © Lasha Gagoshidze

Die zauberhafte Kraft des (georgischen) Wiegenliedes

Iakob Gogebashvili Puppentheater In Kutaissi (Georgien) © Lasha Gagoshidze

Eine Woche lang hat unser Autor in der zweitgrößten Stadt Georgiens, Kutaissi, verbracht. Dort besuchte er auch eine Aufführung des Puppentheaters.

Die persönlichen Netzwerke sind dicht in Georgien. Es kostet nur einen einzigen Anruf der Freundin einer Freundin, die eine Freundin hat, deren Mann am Staatlichen Iakob Gogebashvili-Puppentheater im Zentrum Kutaissis arbeitet, und schon habe ich eine Verabredung mit Lasha Gagoshidze, dem PR-Manager des Theaters. Er bietet sofort auch den Besuch einer Aufführung des berühmten Stücks „Die zauberhafte Kraft des Wiegenliedes“ von Iakob Gogebashvili an. Gogebashvili (1840-1912) war „Pädagoge, Kinderbuchautor und Journalist“1 und „Begründer der wissenschaftlichen Pädagogik“2 in Georgien. Sein wichtigstes Werk – „Muttersprache“ (1876) – führt bis heute Kinder in die georgische Sprache ein.

Eine Entführung

1890 schrieb er das Märchen „Die zauberhafte Kraft des Wiegenliedes“, das die Entführung des kleinen Mädchens Keto aus der georgischen Region Kachetien behandelt. Das Mädchen wird von Wegelagerern geraubt und an ein reiches, aber kinderloses Paar in Dagestan verkauft. Dort wächst es behütet und geliebt auf. Nach Jahren findet der leibliche Vater das Mädchen, das inzwischen zur jungen Frau herangewachsen ist, und entführt es zurück in seine kachetische Herkunftsfamilie. Dort verweigert sich Keto allem. Sie spricht auch nicht mehr. Deshalb entscheidet die Familie, das Kind nach Dagestan zurückzubringen. Zum Abschied singt die Mutter noch einmal das Lied, das sie ihrem Kind immer vorgesungen hat, als es noch ein Säugling war, das Iavnana (იავნანა), das Wiegenlied.3 Die Klänge dieses Liedes rufen bei Keto eine Veränderung hervor: etwas in ihr bewegt sich, rührt verschüttete Erinnerungen und Beziehungen auf. Die innere Bewegung schafft sich schließlich sprachlich Raum: „Deda! Mama!“ ruft Keto und fällt ihrer leiblichen Mutter in die Arme – und findet so, nebenbei und ganz gezielt von einem Autor, der nationalen Wiedererweckungsbewegungen nahestand, ins Mutterland Georgien zurück.

Iakob Gogebashvili Puppentheater In Kutaissi (Georgien) © Lasha Gagoshidze

Gogebashvilis Text endet hier. Seine märchenhafte Kürze und Handlungsbezogenheit lassen dennoch mehr als eine Deutung zu: es ist ein poetischer, kein politischer oder gar propagandistischer Text. Diese Qualität führt wohl auch zu seiner anhaltenden breiten Beliebtheit in Georgien. Dazu trägt auch der Umstand bei, dass die Familie in Dagestan zwar als fremd – es sind Muslime, in Georgien hingegen wohnen hauptsächlich orthodoxe Christen –, aber in keiner Weise negativ gezeichnet wird. Im Gegenteil: Keto hat es gut in Dagestan.

Gesellschaftliche Spaltung

Außerdem wiegt die sehr menschliche Entscheidung, das Kind in seine dagestanische Familie zurückzubringen, schwer. Der Text müht sich ab an den Ambivalenzen der Zugehörigkeit und unterscheidet sich dadurch wohltuend von den ebenso fanatischen wie strunzdummen Identitätsdiskursen sowohl rechter als auch linker Demagogen der Gegenwart. Er unterscheidet sich damit auch von der gesellschaftlichen Gegenwart der Zivilgesellschaft in Georgien, die sich zwischen einem konservativen, stark religiös geprägten Traditionalismus, den „georgischen Werten“, und einem weltoffenen, stark am Vorbild westlicher Demokratien orientierten Modell immer weiter spaltet. Noch dazu wird diese Spaltung aufgeheizt durch zwei einander allzu ähnliche Parteien und die persönliche Rivalität ihrer Führungspersönlichkeiten, des amtierenden Milliardärs Ivanishvili und des seit Herbst 2021 inhaftierten und wohl auch gefolterten Ex-Präsidenten Mikael Sakaashvili.

Hohe Eleganz, Vielfalt und Realistik

Was auf das freudige „Deda!“ folgt, wissen wir nicht. Vielleicht bleibt das Mädchen. Vielleicht auch nicht. Es gehört zwei Familien an, zwei Gesellschaften und Traditionen. Wobei offenbleiben muss, welche Jahre prägender sind. Wichtig ist nicht das Wiederentdecken der primär biologischen und (zu einem nach Jahren kleinen Teil) sozialen Herkunft – gerade das wird heutzutage in aufgeregten Reden immer wieder vergessen –, sondern die Erkenntnis einer Ambivalenz oder Ambiguität, einer Nicht-Eindeutigkeit. „Ambiguitätstoleranz“ könnte man die Idee, die nach dem Besuch der Vorstellung des Puppentheaters bei mir am stärksten nachschwingt, benennen. Mit diesem wunderbaren Wort hat mich die Lektüre des kleinen, bei Reclam erschienenen Bändchens „Die Vereindeutigung der Welt“ von Thomas Bauer beschenkt.

Iakob Gogebashvili Puppentheater In Kutaissi (Georgien) © Lasha Gagoshidze

Dazu trägt nicht nur der Text, sondern auch seine Umsetzung im Figurenspiel selbst bei. Insgesamt stehen acht Spielende auf der Bühne. Sieben davon spielen schwarz gekleidet mit tuchverdeckten Gesichtern und treten stark in den schwarz verhängten Bühnenhintergrund. Sie führen, meist zu zweit, Tischfiguren – so nennt man Theaterpuppen, die direkt oder über unmittelbar an der Figur befindliche Griffe und Stäbe von einem oder mehreren Spielenden an Kopf, Rumpf, Händen und Füßen geführt werden. Diese Spielfiguren haben sich seit den 1970er Jahren stark verbreitet gegenüber traditionellen hand-, faden- oder stockgeführten Puppen mit hinter Vorhängen oder Hängeprospekten unsichtbar gemachten Spielenden. Sie entstammen der Bunraku-Tradition des japanischen Figurenspiels und zeichnen sich einerseits durch eine hohe Eleganz, Vielfalt und Realistik der Bewegungen aus. Andererseits geben sie durch die Co-Präsenz der menschlichen Spielerin oder des menschlichen Spielers auch Raum für gemeinsame Interaktionen zwischen Mensch und Puppe: der Spielende wird auf der Bühne zum Partner der Puppe.

Die Figuren sind etwa 30-40 cm groß und unterschiedlich aufwändig gestaltet. Manche müssen sich mit einer nur lose gekoppelten Kombination aus Kopf und einem mit ihm unverbundenen Körper aus einem groben Filzrechteck begnügen. Andere sind sehr agil und beweglich durchgestaltete Puppen – die Gestaltung folgt den szenografischen und dramaturgischen Notwendigkeiten. Und manchmal reicht eine flach ausgestreckte Hand, um einer Puppe auf der Suche nach einem Pferd ein Reittier unterzuschieben.

Der Schnee des Erzählten

Ein dominanter Charakter ist der von einem menschlichen Spieler verkörperte Erzähler, der mit Gänsekielfeder und Tinte das Geschehen in ein Buch zu bannen versucht. Hin und wieder machen sich Blätter dieses Buches selbständig und tanzen in der Luft. Zum Schluss wird – in einem starken Bild – das Buch zu einem bewohnbaren Haus: Heimat, sagt das Bild, ist nicht ein bestimmter Ort. Die Heimat der kleinen Keto ist die Geschichte, die über sie erzählt wird. Oder besser noch die, die sie sich selbst einmal erzählen wird. Dort macht, was in der Aktualität gelebten Lebens chaotisch erscheint, fragmentiert und ohne Verstand aneinandergereiht, Sinn. Und, wiewohl Geschichten immer nur aus der Vergangenheit heraus erzählt werden können – erst dieser Blick zurück ermöglicht es bloße Ereignisreihen in kausale (oder konzessive) Zusammenhänge umzudeuten –, so haben sie doch die Kraft, die Gegenwart zu formen, indem sie ihr Deutungsrahmen bieten, die ihr selbst im Vollzug nicht verfügbar sein können. Insofern kann eben genau auch das Gewordensein einer doppelten Zugehörigkeit Heimat sein. Zuhause. Man muss sich nicht entscheiden. Keto wird immer ein Kind zweier Familien bleiben, und das ist ein großes Glück. Oder kann es sein.

Der Erzähler wirft kleine Papierfetzen in den Bühnenhimmel. Während sich sanft der Schnee des Erzählten über Haus und Mensch legt, schließt sich der Vorhang.

Iakob Gogebashvili Puppentheater In Kutaissi (Georgien) © Lasha Gagoshidze

Einen Eindruck der Aufführung vermittelt das auf Youtube verfügbare Video, dem eine kleine Interviewsequenz mit mir angefügt ist: https://youtu.be/KSO2QqxjoZI?feature=shared

Text: Albert Kümmel-Schnur, die Bilder stellte Lasha Gagoshidze zur Verfügung

Anmerkungen

1 Wikibrief-Kollektiv: „Iakob Gogebashvili“, in: https://de.wikibrief.org/wiki/Iakob_Gogebashvili, 6.11.23
2 Ebd.
3 Man sollte wissen, dass es sich „Iavnana“ eine Gattungsbezeichnung ist und kein bestimmtes einzelnes Lied meint. Es handelt sich dabei zwar um für Kinder gesungene Lieder, aber keineswegs um reine Schlaflieder. „Iavnana (georgisch იავნანა) ist ein Genre des georgischen Volksliedes, das zwar traditionell als Wiegen-/Schlaflied gedacht war, aber historisch auch Heil-Lieder für kranke Kinder umfasst. Einige der Iavnana-Texte besitzen auch didaktischen oder heroischen Charakter. Der Name des Genres kommt von seinem Refrain ‚iavnana‘ (oder ‚iavnaninao‘, ‚nana‘, ‚naninao‘ etc.), die die Vokabel ‚nana‘ (ნანა) enthält, die sich angeblich aus dem Namen einer heidnischen Muttergöttin ableitet.“ (Wikipedia-Kollektiv: „Iavnana“, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Iavnana, 6.11.23)

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