Lieferwagen © Pixabay

Die sündigste aller Meilen ist die letzte

Ein Kommentar

Lieferwagen © Pixabay

In dieser Woche setzt sich der TUA damit auseinander, wie sich der Transport von Paketen etc., der aufgrund der Bestellungen im Internet weiter zunehmen dürfte, in der Konstanzer Innenstadt umweltfreundlicher gestalten ließe. Dabei gilt das besondere Augenmerk der letzten Meile vom eintreffenden Lieferwagen bis zu den Empfänger*innen.

Lieferwagen in der Fußgängerzone, Lieferwagen im Paradies in zweiter Reihe, Lieferwagen auf dem Radweg an der Eichhornstraße – dies alles zählt gerade seit dem Boom der Internetbestellerei zu den täglichen Erlebnissen. Mensch mag es keinem Lieferanten so recht verübeln, die gestressten Zusteller*innen müssen ja irgendwo mit ihren Lieferwagen bleiben.

Auch ökologisch ist dieses Verfahren nicht wünschenswert, denn ein Fahrzeug von mehreren Tonnen wird alle paar Minuten ein paar Meter weitergefahren, um ein paar Sendungen in den Nachbarhäusern abzugeben.

Was also tun, fragte Zarathustra? Darauf gibt die Konstanzer Verkehrsplanung eine erste Antwort, die sich jetzt der KEP-Verkehre, also der Kurier-, Express- und Paketdienste annehmen will.

Konstanz als Lieferadresse

Die Lage ist klar: „Der tägliche CO2-Ausstoß für die im Jahr 2022 in Konstanz gelieferten ca. 16.724 Sendungen, einschließlich Sendungen für Schweizer Kunden, liegt bei 4,6 t CO2 pro Tag; ca. 1.297 t CO2 im Jahr. […] Eine Besonderheit der Stadt Konstanz ist ihre Grenzlage. Die Konstanzer Innenstadt wird häufig als Lieferadresse für SchweizerInnen benutzt. Dies erzeugt ein höheres Kfz-Aufkommen, einerseits von Paketdiensten, andererseits von Kunden aus der Schweiz, von denen viele mit dem Auto kommen. Deutschlandweit gibt es noch keine Lösung zur Optimierung urbaner Logistik auf der letzten Meile unter Berücksichtigung des Grenzverkehrs zwecks Paketabholung.“ Aufgrund dieser speziellen Situation kann das in anderen Städten bereits umgesetzte Konzept nach Angaben der Verwaltung nicht auf Konstanz übertragen werden. Die Schweizer*innen trifft also eine gewisse Mitschuld, dass hier Neuland betreten werden muss.

Als Grundsatz gilt außerdem zu bedenken: „Die Bestandteile des Konzeptes dürfen in die freie Marktwirtschaft nicht eingreifen. So darf das Konzept keine Einschränkungen des Angebotes oder der Vielfalt der Paketdienste bzw. ihrer Leistungen beinhalten. Die Aufgabe der Stadt besteht darin, den Umstieg der KEP-Dienste auf nachhaltige Abwicklung der letzten Meile durch attraktive Rahmenbedingungen zu unterstützen.“

Handlungsfelder

Wie also soll dieser Verkehr weniger störend und zudem klimafreundlicher abgewickelt werden?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten: Klein-Sendungen für private Haushalte bis an die Haustür können an besonderen Umschlagplätzen auf Lastenräder und andere emissionsarme Fahrzeuge umgeladen werden. Oder aber, und das ist ein Liebling so mancher Stadtplaner*innen, man errichtet öffentliche Paketabholstationen, an denen die Kundschaft sich ihren Kram selbst abholt.

Solche Packstationen dürfen natürlich nicht an einen bestimmten Lieferdienst gebunden sein, sondern müssen von allen Lieferdiensten gemeinsam benutzt werden. Eine solche „White-Label“-Station steht übrigens bereits im Lago. Das ist höchstens etwas lästig für mobilitätseingeschränkte Menschen, die ihr Paket an einer Station abholen und nach Hause schleppen müssen; ökologisch ist’s aber allemal (solange fürs Abholen nicht das Auto benutzt wird).

Außerdem sollen es Lastenräder in der Fußgängerzone durch eine Sondernutzungserlaubnis leichter haben und Lieferzonen im öffentlichen Raum sollen digital reserviert werden können. Flankierend, und das kommt ziemlich kryptisch daher, soll es folgendes geben: „Buchungsplattform und Subventionsprogramm für Lieferungen von Konstanz nach Konstanz KonstanzLABEL.“ KonstanzLABEL soll zwei Jahre laufen und die innerstädtische Paketlieferung in dieser Zeit mit insgesamt 120.000 Euro bezuschussen

 Mit all diesen Maßnahmen soll jedenfalls auch „der durch Handwerksbetriebe erzeugte Wirtschaftsverkehr sowie sonstige Wirtschaftsverkehre wie Wäschereien, Reinigungsfirmen etc. in der Altstadt optimiert werden.“

Ein Nasenwasser

Das alles ist für vergleichbar schlappes Geld zu haben. Einmalig fallen ca. 133.500 Euro „für die Ausweisung der Lieferzonen (Schilder, Markierungen) und für Lieferung, Montage und Integration in die Buchungsplattform der Sensoren zur Erhebung der Lieferzonen-Belegung“ an. Außerdem braucht es einmalig 100.000 Euro „für Erwerb von Software zur Reservierung der Lieferzonen“ und „für Anpassung von Software für KonstanzLabel“. Außerdem „jährlich ca. 10.500 Euro für Bereitstellung und Wartung des Servers zur Lieferzonen-Reservierung“ und 5.000 Euro für Wartung der Sensoren, die die Auslastung überwachen sollen.

Jährlich kommen noch ca. 7.000 Euro für Bereitstellung und Wartung des Servers für KonstanzLabel sowie noch einige Nebenkosten hinzu. Die einmaligen Anschaffungskosten werden großzügig gefördert, die jährlich wiederkehrenden Kosten von ca. 82.500 Euro müssen hingegen weitgehend aus der Stadtkasse beglichen werden.

Und dann folgt in der Ausarbeitung der Verwaltung noch ein Absatz, der wohl eher für Insider verständlich ist: „Ein wesentlicher Bestandteil des Kostensatzes, welcher für Nachhaltige Stadt-Logistik auf der letzten Meile im Rahmen von Smart Green City angemeldet wurde, ist die Optimierung der Speditionen mittels Datenbereitstellung. Die Summe der hierfür angemeldeten Gesamtkosten beläuft sich auf 492.000 Euro. Mit der Ausarbeitung des Umsetzungskonzeptes wurde noch nicht begonnen.“

Die Konstanzer*innen dürfen also schon gespannt sein, auf welchen öffentlichen Flächen in Zukunft ihre Pakete umgeladen oder in Abholstationen für sie zwischengelagert werden. So viel Raum muss fürs Klima schon sein, und ein paar Lastenräder dürften sich in den Straßen der Innenstadt als wesentlich weniger störend erweisen als die bisher überall herumstehenden Lieferwagen. Aber die Handwerker und anderen Dienstleister freuen sich sicher schon auf ein arbeitssparendes elektronisches System für ihre Park- und Liefererlaubnisse.

Quelle: Beschlussvorlage ö – 2023-3482

Text: O. Pugliese, Bild: Peter H from Pixabay

Ein Kommentar

  1. Jan Nikolas Neuper

    // am:

    Wichtig ist aus meiner Sicht auch das Thema der Verkehrssicherheit. Die Lieferwagen stehen in Einfahrten, quer auf Gehwegen (…) – aus Sicht des Fahrers individuell verständlich, aber an den unübersichtlichen Stellen, im Zusammenhang mit der Größe der Fahrzeuge und anderen Verkehrsteilnehmern einfach auch gefährlich. Der KOD hat nach meiner (natürlich nicht umfassenden, zufälligen Wahrnehmung) kein Interesse, hier auf eine Einhaltung der Verkehrsregeln zu drängen. Im Übrigen würde hier auch nur der einzelne Fahrer getroffen (der eigentlich ja nicht das richtige Ziel ist).

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