
Die Schweiz gilt als wohlhabendes und durchweg konservatives Land. Und doch gibt es da eine Linke, von der man lernen kann. Aber wie agiert diese in einer Gesellschaft, in der Kompromiss und Konsens zu ehernen Prinzipien gehören? Und wie entsteht Klassenbewusstsein, wenn es scheinbar allen gut geht? Ein Buch versucht die Annäherung.
Dominic Iten skizziert in dieser Einführung die politische und ökonomische Geschichte der Schweiz und leitet davon die Geschichte »der Linken« ab. Diese bildete sich in einer bereits 1848 errichteten Demokratie, aber in einer sich dezentral industrialisierenden Wirtschaft – was für sie zur Herausforderung wurde. Auch das männliche Bürgerrecht, die Kleinheit der Kantone, Sprachgrenzen und ein tief auch im Alltagsbewusstsein verankertes föderales Prinzip erwiesen sich für die flächendeckende Organisation der Arbeiter*innen als große Hürden.
Erste lokale Zusammenschlüsse von Arbeiter*innen hatte es gleichwohl bereits vor 1848 gegeben. 1888 wird die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) gegründet, im November 1918 findet der Landesstreik statt, bis heute eine der größten emanzipatorischen Mobilisierungen in der Geschichte der Schweiz. Bei den ersten Proporzwahlen 1919 wird die SPS zweitstärkste Partei im Nationalrat. Auf Grund des Konkordanzprinzips, das eine Einbindung aller großen Parteien in die Bundesregierung vorsieht, hat dies aber nur geringe Auswirkungen.
Die Geschichte der Schweizer Linken ist nicht nur in diesem schmalen Buch zu großen Teilen die Geschichte der SPS und die der großen Gewerkschaften – diese wiederum ist laut Iten die Geschichte einer weitgehenden Integration in die bürgerlichen Verhältnisse. Der Nachkriegsboom war die materielle Basis für einen Klassenkompromiss, der der Praxis der SPS die sozialistischen Einsprengel vollends austrieb (wobei die SPS immer noch deutlich links von der SPD steht) und vielen einen enormen Konsum ermöglichte. Allerdings endete die Sozialpartnerschaft in den 1990er Jahren; seither haben migrantisch geprägte Gewerkschaften mitunter mehr durchgesetzt als man sich das in Deutschland vorstellen kann.
Beispielhafte Frauenkämpfe
Die sozialen Kämpfe verlagerten sich mit dem Ende der großen Fabriken ab Ende der 1960er-Jahre hin zu den Themen Geschlecht, Wohnen und Stadtentwicklung sowie Umwelt/Klima. Ihr politischer Ausdruck war und ist die neue Linke, die Jugendbewegung der 1980er, schließlich die zweite Frauenbewegung und aktuell die Klimagerechtigkeitsbewegung. 1991 fand mit großer Resonanz der erste Frauenstreik statt, 2019 beteiligten sich an diesem Ereignis eine halbe Million Teilnehmer*innen, 2023 demonstrierten über 300.000 durch zwanzig Städte.
Ein Exkurs zum italienischsprachigen Tessin und seiner Sondersituation beschließt den Band. Dieser stammt von Franco Cavalli, der am äußersten linken Rand der SPS angesiedelt ist, und heute eher krude Positionen vertritt. 1999 bis 2003 war er Fraktionsvorsitzender der SPS im Nationalrat.
Die Linke jenseits der SPS kommt in Itens Buch leider etwas zu kurz. Dies bringt es mit sich, dass ihre Bedeutung kaum untersucht wird – dabei haben die oft international ausgerichteten Organisationen wie Public Eye und Alliance Sud oder die Alternativen Listen in den Großstädten eine Bedeutung, die beispielsweise in mit den Gewerkschaften lancíerten Volksinitiativen zum Ausdruck kommt. Nicht zuletzt wirkt das Geschichtsbild des Autors etwas hölzern, da er vieles in einem Basis-Überbau-Schema verhandelt und so der Selbstkonstitution progressiver Kräfte kaum Bedeutung zuschreibt. Auch wären einige Statistiken, etwa dazu, wie sich die Mitgliederzahlen der Organisationen im Laufe der Jahrzehnte veränderten, hilfreich, um ein genaueres Bild zu zeichnen.

Wer mehr über den Kapitalismus in der Schweiz erfahren will, dem und der sei das von Iten mitherausgegebene und im März 2025 erschienene Buch „Schweizer Kapitalismus. Erfolgsmodell in der Krise“, empfohlen (ebenfalls beim mandelbaum-Verlag).
Dominic Iten: „Die Linke in der Schweiz. Eine Einführung“. Mandelbaum Verlag, Wien 2025. 150 Seiten. 15 Euro.
Foto: Die Thurgauer Juso bei der 1.-Mai-Demo 2018 auf der Kreuzlinger Hauptstraße © Pit Wuhrer


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