
Mit der morgigen Sitzung des Technischen und Umweltausschusses (TUA) beginnt die vermutlich finale Debatte über das Fahrradparkhaus am Bahnhof. Worum geht es?
Das geplante Fahrradparkhaus am Bahnhof steht in der Kritik: Völlig überdimensioniert und in Zeiten leerer Kassen ein Schlag ins Gesicht der Konstanzer:innen, so seine Gegner. Eben ein typisches Projekt (aber so deutlich wollen die meisten es nicht formulieren) links-grün versiffter, wirtschaftsfeindlicher Spinner.
Die Befürworter, allen voran der städtische Fahrradbeauftragte Gregor Gaffga, sehen im Fahrradparkhaus hingegen ein Leuchtturmprojekt der Innenstadtentwicklung. Das Fahrrad ist ein von der Konstanzer Politik gegenüber dem Auto ausdrücklich für vorrangig erklärtes Verkehrsmittel und braucht dringend eine bessere Infrastruktur.
Dazu kommt auch die wirtschaftliche Bedeutung des Radverkehrs: Radler*innen sind wichtige Kund*innen von Einzelhandel, Gastronomie usw., für sie gilt die klassische Stadtmarketingweisheit: „In die Stadt radelst Du zum Saufen – oder um Dir was zu kaufen“.
Gerade im Bereich um den Hauptbahnhof herum zeigt sich die Kehrseite der aus vielen guten Gründen dringend gewünschten Intensivierung des Radverkehrs: Fahrräder verstellen den Bahnhofplatz ebenso wie die Marktstätte, Rettungsdienste, mobilitätseingeschränkte Menschen und Eltern mit Kindern wissen kaum noch, wie sie dort durchkommen sollen (falls sie überhaupt eine Lücke zwischen all den illegal über den Bahnhofplatz rasenden Autos finden sollten).
Nach Zählungen werden im Umfeld des Bahnhofs an Werktagen ca. 1000 Fahrräder abgestellt. „Gleichzeitig wird es“ nach Angaben der Verwaltung „auch nach Fertigstellung des Bahnhofplatzes in diesem Bereich lediglich Stellplätze für ca. 350 Fahrräder an nicht überdachten Anlehnbügeln geben.“
Da tut sich also eine große Lücke auf.
Was ist geplant?
Das fragliche Gelände der Ladenzeile links neben dem Bahnhof gehört komplett der Bahn und nicht der Stadt Konstanz, dies ist ein wesentlicher Punkt. Die Stadt kann hier also nicht nach Belieben schalten und walten, sondern die Bahn hat das Sagen.
Die Bahn will die Ladenzeile komplett abreißen und einen Neubau errichten. Den kompletten ersten Stock will die Stadt Konstanz als Parkfläche für Fahrräder, Boxen für Gepäck und Fahrradhelme, E-Bike-Ladestationen sowie andere fahrradbezogene Infrastruktur nutzen. Gerade Pendler:innen, die mit einem teureren Fahrrad unterwegs sind und hier auf den Zug oder Bus wechseln, werden gern bereit sein, für gesicherte Parkplätze zu bezahlen. Deshalb soll es neben 400 kostenlosen Plätzen auch 300 besonders gesicherte kostenpflichtige geben, bis hin zu VIP-Plätzen für Pedelecs mit Ladesäulen.
Bahn und Stadt wollen sich das Gebäude und dessen Bau- und Unterhaltungskosten wie folgt teilen:
– In Parterre des Neubaus gehören der Bahn allein die Gastronomie, das öffentliche WC, der Laden für den Radservice sowie Lager- und Technikräume.
– Gemeinsam besitzen Bahn und Stadt in Parterre den Durchgang zwischen Bahnhofplatz und Bahnsteig, das Treppenhaus und den Technik- und Wasseranschlussraum.
– Allein der Stadt gehören das komplette erste Stockwerk sowie die Rampe, die vom Fußweg in den ersten Stock hinaufführt. Dort soll es rund 700 Fahrradparkplätze geben.
[Für die Stadt soll übrigens die Stadtwerke Konstanz Mobil GmbH (KMG), eine Tochtergesellschaft der Stadtwerke, die etwa die Busse, Parkhäuser, Ladestationen und die öffentliche Fahrradvermietung betreibt, das Gebäude errichten und verwalten – was für Laien aber uninteressant ist. Das finanzielle Risiko trägt letztlich die Stadt.]
Was kostet das? 3,7 Millionen Euro
Die Kosten für Grundstück, Planung und Errichtung des gesamten Gebäudes liegen bei insgesamt 18.768.501 Euro, davon entfallen auf Stadt/KMG 8.742.817 Euro.
Aber dann kommt das Manna in Form von Fördergeldern auf die Stadt herabgeprasselt, und schnell sieht diese ehrfurchtgebietende Summe ganz anders aus: 57 Prozent der Kosten werden durch Fördermittel nach dem Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz und vom Bundesministerium für Verkehr erstattet, so dass bei Stadt/KMG am Ende 43 Prozent der Kosten hängenbleiben: Das Fahrradparkhaus kostet Konstanz am Ende also noch 3.716.804 Euro (inklusive eines Risikozuschlages). Hinzu kommen jährlich etwa 374.000 Euro für Instandhaltung, Abschreibung, Kapitalkosten usw.
Mit zweierlei Maß
Das alles klingt zuerst einmal üppig, lässt sich aber ins Verhältnis setzen: Die 3,7 Millionen sind über den Daumen gepeilt nur etwa anderthalbmal so viel, wie das Bofo jährlich insgesamt verbrennt, und die Verkehrskadett:innen sollen in diesem Jahr etwa 420.000 Euro kosten. Und was gar beim Chaosprojekt Smart Green City an öffentlichen Geldern verbrannt wurde, lässt sich derzeit scheint’s gar nicht beziffern. Das alles stört niemanden, gerade der Autoverkehr ist als naturwüchsige Selbstverständlichkeit, die man halt bezahlen muss, in die Köpfe eingemeißelt.
Es ist auffällig, dass von der Öffentlichkeit und der Lokalpolitik beim Fahrradparkhaus mit anderem Maß gemessen wird als bei Projekten zugunsten des Autoverkehrs. Niemand fragt danach, wann sich denn ein Autoparkplatz oder die Europastraße amortisiert hat, niemand stört sich daran, wenn ein neues Autoparkhaus sich frühestens nach Jahrzehnten aus der Verlustzone bewegt. Dass jedes Auto die Gesellschaft laut GEO ca. 5000 Euro im Jahr für Verkehrswege, Klimabelastungen, Tote und Schwerverletzte, Landschaftsverbrauch und gesundheitsschädlichen Lärm kostet, interessiert scheint’s niemanden.
Vom Radverkehr hingegen wird erwartet, dass er weitestgehend kostenneutral zu sein hat, jede neue Markierung wird als Verschwendung bekrittelt, und an breitere Radwege zulasten von Autos ist gar nicht erst zu denken. Am Ende scheint das Ziel vieler immer noch mehr Bequemlichkeit für die Autofahrenden zu sein, der Rest soll gefälligst selbst sehen, wo er bleibt.
So wird das nichts mit der Rettung von Klima und Innenstädten.
Quellen: Beschlussvorlage 2026-1546; Universität Kassel, „Der Autoverkehr kostet die Kommunen das Dreifache des ÖPNV und der Radverkehr erhält die geringsten Zuschüsse“


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