
Am Donnerstag zeigt das Zebrakino in Kooperation mit der Universität den Film „Ingeborg Bachmann. Jemand, der ich einmal war“ von Regina Schilling mit Sandra Hüller in der Hauptrolle. Nach dem Film diskutiert Albert Kümmel-Schnur mit der Choreographin Judith Geibel und der Schauspielerin Cecilia Amann, die gemeinsam das Stück „Die Wahrheit kann man nicht erzählen“ über den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch auf die Bühne gebracht haben.
Die Bomben fallen. Senkrecht ragen sie aus einem unbestimmten Oben in ein höchst bestimmtes und klar definiertes Unten hinein. In Doppelreihe fallen sie, so zeigt es das Schwarzweißfoto, das wir in Minute 13/14 des Films sehen, auf eine von Feldern und Straßen, Wegen fast, so scheint es eher, und kleinen Ansiedlungen bestimmte Landschaft, die es so, nur einen Augenblick später, dann, wenn die Bomben ihr Ziel erreicht haben werden, nicht mehr gibt.
Auf ihrem Balkon in Rom sehen wir Sandra Hüller, die Ingeborg Bachmann (1926-1973) mit blauem Frotteebademantel und blonder Perücke spielt, wie sie Aloe Vera und Oleanderbüsche mit Wasser aus einem langen grünen Schlauch besprengt. Ist der Lärm im Hintergrund der Straßenlärm der großen Stadt Rom oder mischt er sich mit erinnertem Lärm an Bomben, an Warnsirenen, an Krieg? Während die Kamera über das Foto mit den Bomben fährt, hören wir Auszüge aus dem Kriegstagebuch, März 1945, der im österreichischen Klagenfurt geborenen Dichterin und Schriftstellerin Ingeborg Bachmann: „In der Innenstadt soll es furchtbar aussehen. Und auch hier schaut es aus wie Weltuntergang. Was wirst Du tun, Gott, wenn ich sterbe? In meinem Kopf habe ich mein Testament gemacht. Ich geh‘ nicht mehr in den Bunker. […] Ich habe mir fest vorgenommen weiterzuleben, wenn die Bomben kommen.“
Der erste Schritt
Ein Oleanderzweig schlägt Hüller ins Gesicht – vor wenigen Minuten war noch vom ersten Schlag die Rede, den das Kind, das Ingeborg Bachmann war, ins Gesicht bekommen hatte von einem Buben, der etwas größer war als die Erstklässlerin, die dem Ruf „Du, komm her, ich geb‘ Dir was“ folgte und eine Ohrfeige erhielt. Dabei hätte es doch der erste Schritt sein sollen „auf einen anderen zu“. „Und im Lauf der Jahre bin ich draufgekommen, dass meine Herkunft, die Zeit meiner Kindheit, Jugend in Österreich, die Jahre in Wien von Studium, der ersten Arbeit, dass das das einzige Kapital ist, das ich habe.“
Wir sehen Familienbilder. Wir hören einen Ausschnitt aus der Erzählung „In einer österreichischen Stadt“ (ich transkribiere, wie in diesem Text immer, nach dem Filmton. Die Interpunktion kann also vom geschriebenen Original abweichen): „Man spricht vor ihnen von Genickschüssen. Vom Hängen. Liquidieren. Sprengen. Und was sie nicht hören und sehen, riechen sie, wie sie die Toten von Sankt Ruprecht riechen, die sie nicht ausgraben können, weil das Kino darüber gefallen ist, in das sie heimlich gegangen sind, um die ‚Romanze in Moll‘ zu sehen. Jugendliche waren nicht zugelassen, aber dann waren sie es doch zu dem großen Sterben und Morden ein paar Tage später und alle Tage danach“ (13:06).
Der Schlag des Oleanderzweigs, der den Schlag ins Kindergesicht aufruft, der vorweist in seinem Gabenversprechen auf die Gaben der Nationalsozialisten an ihre Kinder und Jugendlichen, die historischen Bilder und Filmausschnitte, das Spiel der Hüller, das als Spiel deutlich ausgewiesen ist, will, kann sie doch nicht Bachmann sein – all diese Elemente montieren sich im Gehirn der Zuschauenden zu einer Tiefenstruktur, einem psychischen Schichtbild, das aus dem Hintereinander ein Übereinander macht. Meine Wiedergabe entspricht diesem Übereinander, nicht dem Hintereinander des Films. Mein Text folgt der Spur der Bilder und Töne und erzählt sie doch als Gesehene und Gehörte und nicht einfach nach.
Der unruhige Atem
Die Bachmann, die Sandra Hüller spielt, lächelt, ganz leicht, ein Augenzwinkern lang, als ihr der Zweig ins Gesicht schlägt. „Etwas verkrampft sich in mir“ Das Gesicht zeigt Anflüge von Panik. Bachmann/Hüller fällt zu Boden, geht auf alle viere, legt sich auf den Rücken neben den langen grünen Schlauch, die Füße an den Beinen der grauen Balkonstühle aus Metall. Sie zerrt ihr Smartphone aus der Tasche und tippt – eben das, was jemand von heute vielleicht noch täte, wenn sie eine Panikattacke ereilte. Atmet schwer. Chormusik im Hintergrund. Die Füße schlagen zuckend auf den Terrakottafliesen auf – „Ich habe eine Wohnung in Rom gefunden, die der Wohnung der Bachmann ähnlich sieht“, sagt die Regisseurin Regina Schilling zu Filmbeginn, zu Beginn der „Séance“, wie sie es nennt, zu ihrer Hauptdarstellerin. Dann hören wir, was Hüller/Bachmann auf ihrem Handy aufgerufen hat: eine Achtsamkeits-App. „Legen Sie sich hin mit angewinkelten Beinen …“ Die Gesichtszüge beginnen sich zu entspannen. Der unruhige Atem wird, Zug um Zug, tiefer. Auch die leicht wackelnde Kamerabewegung beruhigt sich, zeigt in der Halbnahen die Liegende. „… dabei bewegt sich Ihr Bauch, die Brust, die Schultern …“ Die Hand spreizt sich in der Nahaufnahme, spannt die Finger, will noch nicht ruhig werden. Schwarzblende. Danach fährt in Großaufnahme die Nadel eines Tonabnehmers über die Rillen einer Schallplatte. Wir hören Bachmanns Stimme: „Die Angst …“
Schwarzblende.
Ein Doppelleben
Bachmann/Hüller zieht die Antenne eines Radios lang nach oben: dieser Film thematisiert sich nicht nur mitlaufend selbst, sondern stellt auch das Mediatisierte seiner Darstellung durch die Betonung der technischen Medien, die das Archiv, das hier zur Darstellung kommt, bewahren, aus. Hüller macht eine Geste – eine Perücke wird festgehalten, eine Zigarette angezündet. Wir sehen das Foto, das Ingeborg Bachmann zeigt, dieselbe Geste vor-machend, also natürlich wird die gewesene Geste erst in und durch ihre Aktualisierung zu einem Vorbild, einer Vorlage, überhaupt einem: Davor. Zu einem Beweis natürlich auch, einer Quelle, einem Beleg: „Seht her, so war es wirklich.“ Und nicht.
Und die Wiederholbarkeit ausstellt als einen Modus des Lebens und Erlebens von Bachmann selbst: „Das schwer Erklärliche ist aber, dass ich zwar in Rom lebe, aber ein Doppelleben führe. Indem ich in mein Arbeitszimmer geh, bin ich in Wien und nicht in Rom. Das ist natürlich eine etwas anstrengende, schizophrene Art zu leben. Aber ich bin besser in Wien, weil ich in Rom bin, denn ohne diese Distanz könnte ich mir Wien nicht für die Arbeit vorstellen. Meine römischen Freunde machen sich alle lustig über meine Wohnung, weil es mir gelungen ist, mitten in Rom eine wienerische Wohnung zu haben.“
Große Schauspielkunst
„Ich existiere nur, wenn ich schreibe, bin mir vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.“ Nicht erst seine Rekonstruktion oder Dokumentation, sondern bereits das Leben selbst ist eine Séance, die, die es lebt, ein Medium. Tot schon im Leben und in diesem Totsein lebend sich selbst ausstellend. Eine Aufnahme in Schwarzweiß: Hüller spielt Bachmann am Schreibtisch sitzend, spricht Bachmann-Sätze, wird unterbrochen, eine Frauenstimme, eine Männerstimme, ein Dialog und eine Anweisung: „Komm, wir machen nochmal sowas Selbstbewussteres.“ Hüller als Bachmann seufzt kurz, verändert die Haltung kaum und sagt: „Ja.“ Und noch einmal. Wir sehen große Schauspielkunst: kaum könnte man beschreiben, was sich genau verändert hat und doch ist deutlich, dass sich alles verändert hat.
„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, sagt der von Georg Melich gespielte Max Frisch in einer Gartenszene, die als Film auf einer Projektionsfläche im Bühnenhintergrund abgespielt wird. Wir befinden uns im Theaterstück „Man kann die Wahrheit nicht erzählen“, das Judith Geibel gemeinsam mit Georg Kistner, den Tänzer:innen Elisa Dey und Levin Mischel sowie den Schauspieler:innen Cecilia Amann und Georg Melich auf der Grundlage des Briefwechsels von Ingeborg Bachmann und Max Frisch entwickelt hat. 600 Seiten Briefe, so erscheinen sie bei Piper und Suhrkamp im Jahr 2022, ein Dokument einer Beziehung, die über 15 Jahre vornehmlich im Medium Schrift, meist schreibmaschinengeschrieben, geführt wurde.
„Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken“, schreibt Franz Kafka 1922 in einer oft zitierten Stelle an seine Geliebte Milena Jesenská. Ein Gespensterdialog. Oder ein Dialog zwischen Gespenstern. Das geht nicht gut. Die Körper halten nicht, was der Text verspricht. Man versprach einander eine „offene“ Beziehung. Frisch hält’s aber nicht aus, als Bachmann tatsächlich einen zweiten Mann, Paolo Chiarini, in ihr Leben lässt und fordert eine Entscheidung. „Was heisst schon Wahrheit!“ antwortet Amanns Bachmann dem Melich’schen Frisch im Film und setzt eine dunkle, die Augen verbergende Sonnenbrille auf.
Ein Gespensterdialog
Die Bühne ist karg, ein Tisch, ein paar Stühle, Bücher, eine Schreibmaschine. Das hohe Paar – Frisch/Bachmann – gibt es gleich doppelt: getanzt von Dey und Mischel, und gespielt von Amann und Melich, wobei der Melich’sche Max Frisch eine abwesend-anwesende Leinwandpräsenz bleibt. Nur die Bachmann-Darstellerin Cecilia Amann steht auf der Bühne und beobachtet die Beziehung, die sie gelebt hat, im Medium. Auch hier, wie im Film von Regina Schilling, steht das Mediatisierte im Vordergrund und wie sollte das anders sein bei jemandem wie Ingeborg Bachmann, die ja selbst von sich sagt, dass sie nur im Text lebe, gleichzeitig aber ein Star war, der einzige weibliche Star der Gruppe 47, ein Star an der Seite männlicher Stars wie Paul Celan und Max Frisch, mit denen sie liiert war.
Wie begegnet man der Vergangenheit? Wie belebt man gelebtes Leben? Das einer Fremden? Aber auch das eigene? Lebt man sich oder lebt man seine Vorstellung von sich? In welchem Medium lebt man den Menschen, der man ist, sein möchte, war – gewesen war, für sich, für andere, für die, die einen liebten, für die, die einen hassten und für alle, die einem selbst und denen man völlig gleichgültig war?
Film und Theaterstück stellen ähnliche Fragen, nähern sich Bachmann und dem Bachmann’schen Fragen an, indem sie deren Fragen zu ihren eigenen machen. Am 22. Oktober kann man diese Fragen im Anschluss an den Film von Regina Schilling anlässlich des 100. Geburtstags von Ingeborg Bachmann sich selbst und den Diskussionspartner:innen Cecilia Amann, Judith Geibel und Albert Kümmel-Schnur stellen.
„Ingeborg Bachmann. Jemand, der ich einmal war“ (D 2026, 98 min), 22. Oktober 2026, 20:45, Zebra-Kino.


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