Reisacher gemeinderat daneben klara leonhardt großhans

Einer, der Zäune niederriss. Und Konstanz im Kongo populär machte

Von Margrit Zepf
Reisacher gemeinderat daneben klara leonhardt großhans
Erwin Reisacher im Konstanzer Gemeinderat, links neben ihm die langjährige Stadträtin Klara Leonhardt-Großhans

„Ein langer Kampf findet seinen Abschluss“ – mit diesem Satz begrüßte die SPD-Gemeinderatsfraktion in einer Pressemitteilung die Entscheidung, am morgigen Mittwoch endlich den Seeuferweg auch sichtbar in Erwin-Reisacher-Weg umzubenennen. Aber wer war der Mann, der da geehrt wird? Und wofür setzte er sich ein?

Erwin Reisacher war von den Sechziger- bis in die Achtzigerjahre das Gesicht der Gewerkschaften in Konstanz. Ein Mensch mit Kanten und Ecken und einer Standfestigkeit, die heute ihresgleichen sucht. Geboren 1924 in Konstanz, begann er vor dem Zweiten Weltkrieg eine Ausbildung im Elektrizitätswerk der Stadt Konstanz. Erste gewerkschaftliche Erfahrungen sammelte er als Vertrauensmann bei der Firma Funkstrahl (später Pintsch Elektro, dann Telefunken, danach AEG, schließlich Siemens). 1953 wurde er hauptamtlicher Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). 

Reisachers überraschende Wahl zum Vorsitzenden des DGB-Kreises Konstanz – alle hatten erwartet, dass wieder ein Gewerkschafter aus dem christlichen Lager gewählt werden würde – leitete 1957 eine neue Ära ein. Ihn politisch in eine bestimmte Schublade zu stecken, fällt nicht ganz leicht. Innerhalb der Sozialdemokratie, für die er von 1956 bis 1984 im Konstanzer Gemeinderat sass, war er sicherlich links einzuordnen. Er war kein blinder Antikommunist, was in den 1950er und 1960er Jahren schon etwas Besonderes war, aber auch kein glühender Verfechter der Gleichstellung der Frauen, er lebte eher ein traditionelles Familienbild – und dennoch konnten sich die Frauen seiner Unterstützung in ihren Forderungen nach Gleichstellung in Gesellschaft und am Arbeitsplatz sicher sein. 

Reisachers Kongo-Plan

Wenn es galt, eine in seinen Augen gerechte Sache zu streiten, kannte er keine Hindernisse. Keine Zäune am Seeufer und keine finanziellen und rechtlichen Hürden. Dadurch erwarb er sich Anerkennung vor Ort, aber auch große Kritik vom DGB-Landesverband in Stuttgart und in der Düsseldorfer DGB-Gewerkschaftszentrale.

Reisacher kongo der organisator steht am rande
Besuch aus dem Kongo: Der Organisator steht am Rand

Zu schierer Verzweiflung trieb seine Vorgesetzten etwa Reisachers Kongo-Aktion 1962. Eine vom DGB-Bundesvorstand gestartete Sammlung für afrikanische Gewerkschafter:innen beantwortete das Konstanzer DGB-Ortskartell, allen voran Erwin Reisacher, durch praktisches Handeln: Anstatt eine D-Mark für ein Abzeichen zu spenden, wollte man lieber für eine bestimmte Zeit afrikanische Kinder nach Deutschland holen. Aus der spontanen Idee entwickelte sich dann der sogenannte Kongo-Plan: Reisacher wollte zehn junge Kongolesen nach Konstanz holen, in Lehrstellen vermitteln und in Konstanzer Familien unterbringen.

Zuerst nahm er Kontakt zum deutschen Botschafter im Kongo auf. Das Land war 1960 aus der Kolonialherrschaft entlassen worden, und der Ende 1961 von der Kolonialmacht Belgien ermordete Revolutionär Patrice Lumumba hatte den Kongo auch in Deutschland bekannt gemacht. Reisacher hatte sich zwar mit dem damaligen DGB-Vorsitzenden Willi Richter in weinseliger Runde abgestimmt, der wollte davon später jedoch nichts mehr wissen.

Wer zahlt die Million?

Als statt der avisierten zwanzig Kongolesen aufgrund eines Aufrufs im Rundfunk gleich Tausende nach Léopoldville, heute Kinshasa, aufbrachen und man seitens der Verbindungsleute im Kongo davon sprach, es müssten mindestens hundert Leute aufgenommen werden, wurde auch Erwin Reisacher etwas bang.

Drei Kongolesen wollten gar nicht erst warten, bis die Bürokratie ihren Weg bahnte, und setzten sich auf eigene Faust ins Flugzeug. Ihnen wurden schnell ein Ausbildungsplatz bei der Deutschen Bank, in einer Maschinenfabrik und bei der Industrie- und Handelskammer besorgt. Im Auswärtigen Amt rechnete man in der Zwischenzeit die Kosten der Aktion hoch und meinte, der DGB solle doch wenigstens die Hälfte – rund eine Million D-Mark – übernehmen. Daraufhin wurde Reisacher nach Düsseldorf zitiert und ihm gewaltig der Kopf gewaschen.

Letztlich hat der DGB aber keine müde Mark bezahlt, denn Reisacher gelang es, für die Flugkosten die Fluggesellschaft Sabena ins Boot zu holen. Die Karl-Deutz-Gesellschaft übernahm die Erstaufnahme und Sprachausbildung, mehrere Firmen spendeten Winterkleidung, Schiesser wollte Unterwäsche stiften, viele wollten Geld spenden und Betriebe aus der näheren und weiteren Umgebung boten sich an, die jungen Afrikaner aufzunehmen. Gewohnt haben die zwanzig Kongolesen, die schließlich kamen, bei Konstanzer Familien.

Erwin Reisachers Fazit, wenn er mit verschmitztem Lächeln Jahre später über diese Aktion berichtete: „Wer zu Beginn einer Sache immer schon das Ende im Auge hat, wird nie eine sinnvolle und gewagte Aktion zuwege bringen.“

Das Recht endet an der Uferlinie

Bis heute unvergessen ist die von ihm ausgeheckte Aktion am 1. Mai 1975: Es war ein sonniger Tag für eine schöne Maikundgebung auf dem Obermarkt. An deren Ende rief Erwin Reisacher dazu auf, den Maiumzug zu einer Demonstration für ein freies Seeufer zu nutzen. Er habe das Wassergesetz studiert und sei zum Schluss gekommen, dass das Seeufer allen gehöre und das Recht der Privatanlieger an der Uferlinie ende. 

Reisacher bei der verleihung des ehrenrings ©
Erwin Reisacher mit seiner Frau bei der Verleihung des Ehrenrings der Stadt Konstanz

Als der Demonstrationszug den Jachthafen an der Seestraße erreichte, musste allerdings wegen des hohen Wasserstands über Zäune und Mauern geklettert werden. Es kam zu einem Handgemenge mit einem Grundstückseigentümer, später zu einem gerichtlichen Nachspiel, das landesweit große Aufmerksamkeit erregte. Die Sache endete mit einer Verwarnung mit Strafvorbehalt. Die große Beachtung, die dieser Mai-Umzug erhielt, führte letztlich dazu, dass heute das Seeufer für jedermann frei zugänglich ist.

Die internationale Solidarität war dem Konstanzer DGB-Kreisvorsitzenden nicht nur bei der Kongo-Aktion wichtig gewesen. Hinter seinem Schreibtisch hing großformatig eine Reproduktion des Gemäldes von Giuseppe Pellizza da Volpedo, „Der vierte Stand“ (1901), das marschierende norditalienische Arbeiter:innen zeigt. 

Und als 1984/85 die britischen Bergarbeiter ein Jahr lang gegen Margaret Thatchers neoliberale Politik kämpften, griff Reisacher ohne viel Federlesen eine Initiative des damaligen linken Konstanzer Regionalmagazins Nebelhorn auf und organisierte rund um den See fünf Solidaritätsveranstaltungen, an denen etwa 10.000 D-Mark für die streikenden Bergarbeiter gesammelt wurden. Und er war auch dabei, als 1986 eine Konstanzer Delegation das britische Kohlerevier von Kent besuchte. Überhaupt initiierte er seinerzeit einige Spendenkampagnen, zum Beispiel für den Widerstandskämpfer Ernst Bärtschi.

Erwin Reisacher starb völlig unerwartet am 31. August 1993, kurz nach seiner Pensionierung und noch vor der Drucklegung seiner Memoiren „Steinige Wege am See“.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Buch „Druck. Machen. Eine etwas andere Stadtgeschichte von Konstanz“, das der ver.di-Ortsverein Medien+Kunst Konstanz aus Anlass seines 150-jährigen Jubiläums herausgab.
Fotos: Stadtarchiv Konstanz, privat

Buchhinweise

● Erwin Reisacher: „Steinige Wege am See. Erinnerungen eines Gewerkschaftssekretärs und Kommunalpolitikers“. Eigenverlag des Arbeitskreises für Regionalgeschichte Bodensee e.V. Konstanz. 1994.
● Ralph-Raymond Braun, Patricks Brauns, Pit Wuhrer, Margrit Zepf: „Druck.Machen. Eine etwas andere Stadtgeschichte von Konstanz“. Querwege Verlag Konstanz. 2021. ISBN 978-3-941585-11-9. 

Das neue Straßenschild Erwin-Reisacher-Weg wird am Mittwoch, 28. Oktober, um 11 Uhr am Ende der Seestraße angeschraubt.

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