Luftaufnahme 2024 pressebild 057 © universität konstanz, frank nachtwey

Wissenschaft und Demokratie – Ein prekäres Verhältnis

Von Albert Kümmel-Schnur
Luftaufnahme 2024 pressebild 057 © universität konstanz, frank nachtwey
Luftaufnahme © Universität Konstanz, Frank Nachtwey

Die Universität Konstanz bietet in rascher Folge zwei Veranstaltungen zu Fragen der Resilienz von Wissenschaft in Zeiten von Wissenschaftsfeindlichkeit, fake news, alternativen Fakten und wachsendem Extremismus an. Die Veranstaltung „Wissen schafft Resilienz“ am 19. Oktober ist öffentlich. Die zweite Veranstaltung im November richtet sich an die Mitglieder der Universität selbst.

Donald Trump empfahl im März und April 2020 die Einnahme eines Malariamittels, die Bestrahlung durch ultraviolettes oder „sehr helles“ Licht sowie die Injektion von Desinfektionsmitteln: „I see the disinfectant, where it knocks it out in one minute. And is there a way we can do something like that by injection inside or almost a cleaning, because you see it gets in the lungs and it does a tremendous number on the lungs.“ (Quelle: BBC)

Das ist mehr als hanebüchener Unsinn. Solche Empfehlungen sind unmittelbar lebensgefährlich. Ich hatte damals angenommen, sie müssten – gerade aus dem Mund eines der mächtigsten Männer der Welt – unmittelbar justiziabel sein. Was offenbar nicht der Fall war oder ist. Der klügste US-Präsident aller Zeiten hat schließlich, das wissen wir alle, nicht nur im Sinn „to flood the world with bullshit“, sondern auch alternative Fakten zu seiner unmittelbaren Verfügung. Wissenschaftliche Erkenntnis schien nur noch und allenfalls einer von vielen möglichen Wegen eines stabilen Fundaments zur Weltdeutung.

Alternative „Fakten“

Fakten sind, von ihrem Wortsinn her, „gemacht“, nicht „gegeben“ – es sind keine Daten. Was ein Fakt ist und was nicht, muss also erst etabliert werden. Warum sollten also nicht mehr als eine Interpretation von Gegebenem, von Daten also, denkbar sein? Und warum sollte es ausgerechnet ‚die‘ Wissenschaft sein, die den Königsweg vom Datum zum Faktum kennt?

In der Informationstheorie unterscheidet man zwischen Signalen – also wahrnehmbaren physischen Reizen und Daten, zu entzifferbaren Botschaften zusammengefügten Signalen. Auf Grundlage beider entsteht dann das, was man Fakten nennt. Fakten interpretieren Daten in größeren Zusammenhängen. Das bedeutet zweierlei: Fakten sind Resultat einer Interpretation von wahrgenommenen Signalen und den Botschaften, als die man die Zusammenhänge dieser Signale liest. Und: sie sind alles, was wir haben, um die Welt zu verstehen und verstehbar zu machen.

Natürlich kann es nicht nur unterschiedliche Interpretationen von Daten und Signalen geben, es kann auch schlichte Störungen, Fehler oder Mehrdeutigkeiten geben. Das führt aus wissenschaftlicher Sicht aber nicht dazu, dass es neben ‚Fakten‘ noch ‚alternative Fakten‘ gibt oder geben kann – zumindest nicht in dem Sinn, in dem sich das die Propagandist:inn:en und Ideolog:inn:en dieser Welt zunutze machen.

Denn das Aufzeichnen von Signalen und deren Zusammenfügung zu Daten und Fakten sind strikt regelgeleitet, wenn sie als Wissenschaft Geltung beanspruchen wollen. Die erste Regel ist die Nachvollziehbarkeit. Studierende müssen lernen, jede Quelle, der sie Informationen entnehmen, so zu kennzeichnen, dass es beliebigen anderen Personen möglich ist, diese Quelle aufzufinden und sie selbst zu überprüfen. Dabei reicht es dann nicht aus, dass ein Satz beispielsweise korrekt übernommen wurde. Es geht auch darum, ob der Sinnzusammenhang, in dem dieser Satz ursprünglich stand, erhalten blieb. Wiederholbarkeit gilt als eine zweite Regel: jede und jeder muss aufgrund des in einer wissenschaftlichen Untersuchung geschilderten Wegs zu gleichen Ergebnissen kommen können. Andernfalls haben wir es nicht mit einer wissenschaftsförmigen Aussage zu tun. Ziel dieser und weiterer methodischer Regeln zur Genese von Erkenntnis ist nicht – und das ist wohl die größte Zumutung an eine nicht wissenschaftlich geschulte Öffentlichkeit – feste Erkenntnis, sondern organisierte Bezweifelbarkeit.

Der Kern aller Wissenschaft ist der methodische Zweifel.

Wissenschaftlicher Normalfall

Während der Corona-Pandemie hat sich der Virologe Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin, in einem Podcast darum bemüht, die deutsche Bevölkerung kontinuierlich über alle Erkenntnisse zu dem neuartigen Virus zu informieren. Zurecht wurde er dafür mit gleich zwei Grimme-Preisen ausgezeichnet. Dabei kam es vor, dass er Erkenntnisse relativieren oder korrigieren musste. Es kam zur Artikulation abweichender Meinungen anderer Wissenschaftler:innen. Das ist der wissenschaftliche Normalfall.

Vielerorts wurde jedoch die laufende Beobachtung am offenen Herz der Wissenschaft nicht verstanden und als Expert:innenunsicherheit gelesen nach dem Motto „Naja, der oder die weiß es ja auch nicht“. Oder man meinte, die Aussagen von Wissenschaftler:innen beliebig – je nach Gusto – gegeneinander ausspielen und instrumentalisieren – also ohne eigene Expertise und Überprüfung für wissenschaftsfremde Zwecke nutzen – zu können.

Natürlich entstand diese Unsicherheit in einem von Intransparenz und fehlendem Augenmaß geprägten politischen Klima. In der Schweiz wurden drei Mal während der Coronapandemie Volksabstimmungen durchgeführt und somit das Regierungshandeln auf breite Zustimmungsbasis gestellt. Ein solches Vorgehen fehlte in Deutschland. Ein Rat von Expert:innen ist nicht dasselbe wie eine auf seiner Basis gefällte politische Entscheidung.

Dafür versus Dagegen

Dennoch verstärkte gerade die Corona-Pandemie nicht nur in Deutschland eine allgemeine Wissenschaftsskepsis. Der eigentlich auf unkonventionell Denkende gemünzte Begriff „Querdenker“ wurde zu einem Kennzeichen von Menschen, die für sich in Anspruch nahmen, ohne den Umweg über wissenschaftliche Erkenntnisse selbst über die Richtigkeit von Aussagen zur Coronapandemie entscheiden zu können – mit dem Ergebnis, dass sie diese leugneten. Und mit dem kommunikativen Kollateraleffekt, dass es plötzlich anstelle einer lebendigen differenzierten Debatte über das richtige Vorgehen und sinnvolle persönliche Entscheidungen nur noch ein „Dafür“ und ein „Dagegen“ gab. Wissenschaftliche Aussagen waren nicht mehr der Boden für Diskussionen, sondern wurden Teil eines Kampfes unversöhnlicher Gegner:innen: die Wissenschaft selbst erschien als Kombattantin, als Teil einer große Bevölkerungsgruppen gängelnden und bevormundenden Elite, an deren Existenz man um so intensiver glaubte, je unklarer blieb, wer eigentlich zu ihr gehörte und wer nicht. So wurde es gleichzeitig möglich zu behaupten, ‚die‘ Wissenschaft sei ja nur ein Machtinstrument, gesteuert von wahlweise Bill Gates persönlich oder Reptiloiden aus dem ewigen Eis, und auch sich auf die Autorität von Wissenschaft zu beziehen, wenn Argumente weggewischt wurden mit dem Hinweis, dass jemand „von der Uni“ aber auch die je eigene Meinung vertreten habe. Das habe ich häufig in Konstanz erlebt. Dass nicht alle Wissenschaftler:innen Virolog:innen sind und überdies auch noch Privatpersonen mit privaten Meinungen, spielte in solchen Diskussionen keine Rolle. ‚Die‘ gegen ‚uns‘: darauf kam es an.

Kampf gegen die Wissenschaft

Und so nimmt es nicht wunder, dass Rechtsextreme einen Kampf gegen Wissenschaft und ihre Institutionen – Hochschulen – führen. Und natürlich trifft dieser Kampf nicht alle Wissenschaften gleichermaßen: insbesondere die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sind gemeint und betroffen. Bei den Natur- und Technikwissenschaften kommt es Rechtsextremen vor allem auf die unmittelbar erkennbare Anwendungsbezogenheit an. Geisteswissenschaften sollen aber zur völkischen Gehirnwäsche bereitstehen, also eben nicht kritisch kulturelle Zeichenprozesse betrachten. Und wenn sie sich überdies mit Fragen des Geschlechts oder mit kolonialer Geschichte und Gegenwart befassen, dann sind sich nicht nur Rechtsextreme, sondern auch weite Kreise der Bevölkerung einig, dass das eh ideologischer Unsinn sei und abgeschafft gehöre. Man hat ja den gesunden Menschenverstand – und dieser arbeitet leider auch in Köpfen der Akademie selbst. Schaffte ein AfD-geführtes Wissenschaftsministerium per Verordnung die Gender Studies ab, könnte es sich darauf verlassen, dass auch Teile der wissenschaftlichen Community Beifall klatschen würden.

Wissenschaft basiert auf dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments, so definierte es der kürzlich verstorbene Philosoph Jürgen Habermas – das gilt, auch obwohl Wissenschaft als Karriereweg, als Institution und als sozialer Ort beileibe kein herrschaftsfreier Raum ist oder auch nur sein kann. Das bedeutet: solange und so weit Wissenschaftler:innen Wissenschaft betreiben, müssen sie der Definition Habermas‘ folgen. Aber natürlich ist das Soziotop Hochschule mehr als ein Ort der Wissenschaft – und dort geht es dann eben auch so zu, nun, wie überall anders auch. Nicht einmal die Selbstrekrutierung der Wissenschaft ist wissenschaftsbasiert.

Außerdem besteht die Institution Hochschule nicht nur aus Vertreter:innen der Wissenschaft, sondern auch aus Studierenden sowie Angestellten der Verwaltung, Servicepersonal, Handwerker:innen und vielen anderen mehr. Und auch diese Gruppen zeigen nicht immer ein von Rationalität, Respekt und gegenseitiger Achtung geprägtes Verhältnis zueinander.

Wissenschaft und Demokratie

Vor dem Hintergrund einer erschütterten, fragilen Demokratie und einem steigenden Legitimationsdruck auf die Wissenschaft und ihre Institutionen gibt also viele Gründe, sich mit der Frage der Widerstandsfähigkeit von Wissenschaft zu beschäftigen. Deshalb hat die Universität zur Semestereröffnung am 19. Oktober die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Petra Olschowski eingeladen. Sie wird um 16 Uhr im Audimax der Universität einen Vortrag zum Thema „Wissen schafft Resilienz“ halten. Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen Beitrag Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Resilienz unserer Demokratie leisten können – und welche Rolle dabei Wissenschaftsfreiheit und Universitäten als Orte von Forschung, Bildung und gesellschaftlichem Dialog spielen.

An den Vortrag der Ministerin schließen sich weitere Impulsvorträge von Prof. Dr. Walter Rosenthal, dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Johannes Grave, dem Vizepräsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sowie Dr. Eirliani Abdul Rahman von der Harvard University (jetzt Universität Mannheim) an. Den Abschluss der Veranstaltung bildet eine Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Uwe Schimank, Universität Bremen, Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik (Socium), Prof. Dr. Claudia Diehl, Sprecherin des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“, sowie Clemens Gabriel Schade, Universität Konstanz, Dietrich H. Boesken-Preisträger für den besten Masterabschluss des Jahrgangs 2025. Moderiert wird die Veranstaltung von Prof. Dr. Dirk Leuffen, Prorektor für Forschung und Transfer der Universität Konstanz.

Blick der Universität auf sich selbst

Stellt die Veranstaltung zum Semesterauftakt die Frage, was die Wissenschaft für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für die Stabilität von Demokratie und ein gutes Leben aller tun kann, beschäftigt sich drei Wochen später, am „Tag der resilienten Hochschule in der fragilen Demokratie“ die Universität Konstanz mit sich selbst. Hat das gegenwärtige, zunehmend wissenschaftsfeindliche Klima Auswirkungen auf das, was geforscht wird? Fürchten Wissenschaftler:innen, in der öffentlichen Diskussion diffamiert zu werden? Und macht ihnen das so viel Angst, dass sie ggf. bestimmte Probleme gar nicht mehr thematisieren? Welche Rolle spielen die sogenannten sozialen Medien in einer Diskussionsunkultur, die der Kühle wissenschaftlichen Räsonnements so fern wie nur irgend denkbar ist?

Aber es wird auf der Veranstaltung auch um unser eigenes Verhalten als Angehörige einer Universität – als Wissenschaftler:innen, Studierende, Verwaltungsangehörige etc. – gehen. Ist Partizipation in der hochschulischen Lehre tatsächlich möglich? Werden Studierende als gleichwürdige Diskussionspartner:innen behandelt? Wie geht man damit um, wenn es in Seminaren zu extremistischen Äußerungen kommt? Wie gehen wir miteinander auf dem Campus um? Wie verhalten wir uns unter den Bedingungen asymmetrischer Machtverteilung: Chef:in und Sekretär:in, Professor:in und studentische Hilfskraft, Abteilungsleiter:in und Mitarbeitende etc.? Und schließlich wollen wir fragen: wie sieht uns die Gesellschaft von außen? Wie werden wir wahrgenommen? Sind wir „die Denkbude auf dem Gießberg“, eine Formulierung, die ich in Konstanz bereits gehört habe? Oder sind wir „unsere Universität“? Auch dieser Standpunkt ist in der Stadt zu hören. Und, das Wichtigste: werden wir füreinander eintreten? Sind wir Gemeinschaft? Community? Miteinander? Oder doch nur: nebeneinander. Wie kapitalisiert sind wir unter Bedingungen neoliberalen Seelenfraßes geworden? Welche Widerstandskräfte können und wollen wir mobilisieren? Während die Veranstaltung am 19. Oktober – das Programm kann über die Webseite der Universität eingesehen werden – für die interessierte Öffentlichkeit frei zugänglich ist, beschränkt sich der „Tag der resilienten Hochschule“ am 12. November auf die Universitätsangehörigen selbst. Ausgenommen von dieser Beschränkung ist jedoch der Vortrag, den der Direktor des Zentrums für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration der Universität Jena, Dr. Jörg Hebenstreit, um 17 Uhr im Audimax halten wird. Auch Details zur Veranstaltung am 12. November können auf einer Webseite der Universität eingesehen werden.

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