
Das Programm des nächsten sinfonischen Konzerts der Bodensee Philharmonie ist abwechslungsreich: Die zu Lebzeiten gefeierte Emilie Mayer steht neben dem Neuerer Schönberg, und den Schluss macht Beethovens 4. Sinfonie, die völlig zu Unrecht im Schatten beispielsweise seiner 5. steht.
Wenn Sie noch nie etwas von Emilie Mayer (1812-1883) gehört haben, ist das heutzutage ganz normal. Zu ihren Lebzeiten aber galt sie als eine bekannte Komponistin in der Nachfolge Beethovens, wenn auch ihre Umgangsformen gerüchtehalber getadelt wurden – aber das war wohl das Schicksal aller Frauen, die damals in den reinen Männerberuf Komponistin strebten. Selbst Brahms soll etwa gesagt haben, „ein g’scheidtes Weib, das hat doch keinen Sinn!“
Mayers Ouvertüre zu Faust, op. 46 entstand gegen Ende ihres Lebens und lässt ahnen, warum sie bei ihren Zeitgenoss:innen einen guten Ruf hatte. Angesichts der damaligen Vorurteile gegen komponierende Frauen machte sie übrigens eine erstaunliche Karriere und konnte eine ganze Reihe von Sinfonien nicht nur komponieren, sondern tatsächlich auch zur Aufführung bringen. Sie war eine Schülerin des damals allseits beliebten „Balladenkönigs“ Carl Loewe („Die Uhr“) und des Beethoven-Biographen Adolph Bernhard Marx, und beide Namen waren damals schon eine Empfehlung.
An der Epochenschwelle
Erfreulicherweise steht auch ein Künstler, der die abendländische Musikgeschichte letztlich umgepflügt hat wie kaum jemand sonst in den letzten Jahrhunderten, mit einem wegweisenden Werk auf dem Programm der nächsten sinfonischen Konzerte: Arnold Schönberg (1874-1951), der Revolutionär, der als einer der ersten den Schritt aus der mittlerweile zu eng gewordenen Tonalität heraustat. Seine Tat ist durchaus mit dem ersten Schritt eines Menschen auf dem Mond vergleichbar: Der Mond war seit jeher da, aber unbetreten, genauso wie das vertraute Tonmaterial, das Schönberg plötzlich ganz anders benutzte.
Das alles geschah zu einer Zeit, in der einige Künstler:innen aller Sparten mehr oder weniger entschlossen den Schritt in die Moderne vollzogen. Schönberg, der auch malte und bei „Der Blaue Reiter“ mit mehreren Gemälden vertreten war, wurde nicht zufällig im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zum künstlerischen Revolutionär, als auch sein Freund Kandinsky, als auch Lyriker wie Georg Trakl und Jakob van Hoddis – teils unter offener Ablehnung des Kunstbetriebes wie des überkommenen Publikumsgeschmacks – als künstlerische Avantgarde die Moderne einläuteten.
Die Morgendämmerung
Seine 1. Kammersinfonie, die 1906 in der Morgendämmerung der heraufziehenden, aber noch nicht voll entwickelten Moderne entstand, notierte Schönberg noch ganz traditionell in E-Dur, rüttelte in ihr jedoch immer wieder an der hergebrachten Tonalität und brach mit der überlieferten Form, denn statt der traditionell fast immer vier Sätze (wie noch bei Beethoven, Brahms und Bruckner) gibt es nur einen einzigen.
So entstand nicht nur ein äußerst hörenswerter, ausgesprochen konzentrierter Klassiker der Musikgeschichte, sondern auch ein Meilenstein in Schönbergs eigener Entwicklung: „Als ich meine erste Kammersymphonie, op. 9 beendet hatte, sagte ich zu meinen Freunden: ‚Jetzt habe ich meinen Stil begründet. Ich weiß jetzt, wie ich komponieren muß.‘ Aber mein nächstes Werk [das 2. Streichquartett op. 10] zeigte eine große Abweichung von diesem Stil; es war ein erster Schritt zu meinem gegenwärtigen Stil. Mein Schicksal hatte mich in diese Richtung gezwungen. […] Der oberste Befehlshaber hatte mich auf einen beschwerlichen Weg beordert [hin zur freien Tonalität und Zwölftontechnik]. Aber eine Sehnsucht, zu dem älteren Stil zurückzukehren, war immer mächtig in mir. Also schreibe ich manchmal tonale Musik. Für mich haben stilistische Unterschiede dieser Art keine besondere Bedeutung.“ Für Schönberg war also 1948, als er diese Zeilen in der New York Times veröffentlichte, der Unterschied zwischen hergebrachter romantischer Tonalität und vielfach als himmelschreiender Bruch mit der Tradition verstandener freier Tonalität („Atonalität“) lediglich eine stilistische Kleinigkeit.
Ein besonders denkwürdiges Konzert mit der Kammersinfonie fand übrigens am 31. März 1913 in Wien statt, als im Musikvereinssaal unter Schönbergs Leitung neben anderen Werken Uraufführungen von Alban Berg, Anton Webern und Alexander Zemlinsky auf dem Programm standen. Bei Schönbergs Stück begannen an diesem Abend musikalische Reaktionäre massiv zu stören, was mit zahlreichen Ohrfeigen und schließlich einem Abbruch der Veranstaltung endete. Im anschließenden Gerichtsprozess prägte der äußerst konservative Operettenkomponist Oscar Straus, der seinem Feind Schönberg an diesem Abend eigenhändig Backenstreiche verpasst haben soll, das Bonmot, das Klatschen der Ohrfeigen sei „noch das Melodiöseste, das man an diesem Abend zu hören bekam“, gewesen.
Darauf hätte Schönberg eigentlich stolz sein können.
Quelle: Arnold Schönberg, Stil und Gedanke, Leipzig 1989.
Weitere Informationen
- Emilie Mayer, Faust-Ouvertüre h-Moll op. 46
- Arnold Schönberg, Kammersinfonie Nr. 1 op. 9b (Fassung für großes Orchester)
- Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60
Gabriel Venzago, Chefdirigent, Bodensee Philharmonie
Konzil Konstanz
Mi., 21. Oktober 2026, 19.30 Uhr
Fr., 23. Oktober 2026, 19.30 Uhr
Die Konzerteinführung findet jeweils eine Stunde vor Konzertbeginn im Studio, Fischmarkt 2, statt.
Einzelkarten Euro 62 | 48 | 34 | 22 gibt es hier.
Graf-Burchard-Halle Frickingen
So., 25. Oktober 2026, 19.00 Uhr


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