
Bei einem Vortrag in der vhs vor Beschäftigten im Bildungsbereich erläuterten die Kinder- und Jugendbuchautorin Heidemarie Brosche sowie die interkulturelle Trainerin Eylem Emir kulturelle Widersprüche, die zu Schwierigkeiten vieler Migrantenfamilien in Bezug auf das Bildungssystem in Deutschland führen. Sie gingen aber auch auf ökonomische Faktoren ein, die die Probleme erklären.
Gemeinsam hatten die Bildungsgewerkschaft GEW, die vhs, die Stadtbibliothek sowie das städtische Amt für Bildung und Sport die beiden Referentinnen eingeladen, die von Augsburg nach Konstanz kamen. Der Vortrag fand am 7. Oktober im Wolkensteinsaal des Kulturzentrums statt. Heidemarie Brosche war neben ihrer Tätigkeit als Autorin bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin an einer Augsburger Grund- und Hauptschule tätig, Eylem Emir wiederum arbeitete dort in der Ganztagsbetreuung.
Individual- und Kollektivkultur
In der Individualkultur, die in Europa dominiert, stehen Erziehungsziele wie Selbstständigkeit und Selbstvertrauen im Mittelpunkt. Die Kollektivkultur, die im arabischen und südasiatischen Raum prägend ist, sieht Disziplin und Familienbindung als die wichtigsten Erziehungsziele. Diese wiederum gelten in der Individualkultur als nachrangig. Umgekehrt treten Selbstständigkeit und Selbstvertrauen in der Kollektivkultur hinter den Werten der Gemeinschaft zurück. An Bildungseinrichtungen in Deutschland spiegeln sich diese Gegensätze wider: Pädagog*innen orientieren sich an der Individualkultur, für viele Eltern aus Migrantenfamilien ist die Kollektivkultur wichtig.
Brosche verortet sich selbst in der Individualkultur. Beispielhaft erläutert sie, dass Privatsphäre seit je für sie selbstverständlich ist. Selbst bei ihren kleinen Enkelkindern klopft sie zunächst an, bevor sie das Kinderzimmer betritt. Emir, die in der Türkei geboren wurde und seit 26 Jahren in Deutschland lebt, bekennt sich zu ihrer Prägung durch die Kollektivkultur. Sie verweist darauf, dass sie aus einem Dorf an der syrischen Grenze stammt, also aus dem asiatisch geprägten Teil der Türkei. Sie habe früher gedacht: „Wozu brauchen wir Privatsphäre? Wir leben doch alle in der Familie zusammen.“ Als sie noch neu in Deutschland war, empfand sie es so, dass Kinder hier „zum Egoismus erzogen werden“.
Herausforderungen bei der Leseförderung
Autorin Heidemarie Brosche liegt die Leseförderung besonders am Herzen. Beim Schreiben ihrer Kinder- und Jugendbücher ist für sie eine verständliche Sprache wichtig. Sie berichtet: „Es ist viel Arbeit, eher einfach zu schreiben.“ Bezüglich der Lesekompetenz habe sie Probleme vieler Migrantenkinder wahrgenommen und kam vor diesem Hintergrund mit Eylem Emir in den Austausch. Während zum Beispiel der individuelle Rückzug eines Kindes mit einem Buch in bildungsbürgerlichen Familien mit Freude beobachtet wird, sind viele Eltern mit Migrationshintergrund skeptisch. Sie erwarten, dass sich die Kinder an Gesprächen in der Familie und insbesondere mit Gästen beteiligen.
In durch die Kollektivkultur geprägten Gesellschaften gibt es strenge Hierarchien. Lehrkräfte sind absolute Autoritätspersonen – so kann auch in sehr großen Schulklassen Disziplin hergestellt werden. Ein gleichberechtigtes Zusammenwirken mit Elternhäusern ist nicht vorstellbar.
Auch in Deutschland geben viele Eltern mit Migrationshintergrund die Verantwortung für Bildung an die Lehrkräfte ab. Heidemarie Brosche berichtet von der Mentalität, dass sich die Lehrer*innen gefälligst um die Bildung zu kümmern hätten, das sei schließlich deren Job. Diese Auffassung werde oft als forsch und anmaßend empfunden, dahinter stünden aber Ängste und die Scham vieler Eltern. Ihnen fehlt nach eigener Einschätzung das Wissen, um ihre Kinder wirksam unterstützen zu können.
Antworten auf „Warum?“
Eylem Emir berichtet davon, dass bildungsferne Elternhäuser von typischen kindlichen Warum-Fragen verunsichert werden. Solche Nachfragen werden nicht bestärkt, sondern stattdessen abgeblockt mit Aussagen wie „Sei nicht so neugierig!“ oder „Weil Gott es so wollte!“. Müttern mit Migrationshintergrund gehe teilweise der Respekt ihrer Kinder verloren, wenn diese – etwa im späten Grundschulalter – ihre Hilflosigkeit wahrnähmen: „Warum bist du nicht so wie die anderen Mütter?“ Sie erläutert den hohen Stellenwert von Religion: „Der Glaube gibt Halt, wenn wirtschaftliche Grundbedürfnisse in Frage gestellt sind. Religion ersetzt Allgemeinwissen, gibt einfache, sichere Erklärungen.“
Schließlich noch ein konkretes Beispiel für kulturelle Besonderheiten: Die europäische Schriftkultur. Heidemarie Brosche berichtet von einer typischen Erfahrung vieler Lehrkräfte. Sie gestalten Elternbriefe aufwendig und formulieren dort sorgfältig. Die Briefe kommen bei den Eltern aber gar nicht an, sondern befinden sich – insbesondere bei manchen Migrantenkindern – Wochen später noch im Schulranzen. Eylem Emir erläutert weiter, dass es etwa in Syrien meist keine Postadressen gebe. Es seien Flüchtlinge aus Syrien zu ihr gekommen und hätten sich über die Flut amtlicher Schreiben an ihre deutsche Postadresse beklagt. Emir sagt lächelnd, dass sie – typisch deutsch – empfohlen habe, erstmal einen Ordner zu besorgen und die Schreiben dort ordentlich abzuheften. Zurück zur Schule: Lehrkräfte sollten eher das mündliche Gespräch suchen statt des schriftlichen Austauschs über Briefe oder E-Mails.
Kultur und Ökonomie
Beide Referentinnen stellen die kulturellen Unterschiede ausführlich und in Teilen auch unterhaltsam vor. Sie betonen aber, dass Schwierigkeiten nicht ausschließlich auf diesen Aspekt zurückzuführen sind. Emir spricht bei den kulturellen Faktoren von „gesellschaftlichen Tendenzen“ und warnt vor Aussagen wie: „Die Araber sind alle so und die Deutschen sind so …“. Brosche geht auf ökonomische Aspekte ein und erläutert, dass beengte Wohnverhältnisse die Leseförderung erschweren. Eltern sind froh, wenn ihre Kinder sich mit dem Smartphone in der Hand und bei Computerspielen ruhig verhalten, so dass die Ordnung in der vollen und engen Wohnung gewahrt wird. In Bezug auf sozioökonomische Unterschiede sagt sie: „Lehrkräfte, Politiker, auch Jugendbuchautorinnen leben in einer anderen Welt.“ Akademisch gebildete Eltern mit Migrationshintergrund haben in der Regel keine Probleme, ihre Kinder im deutschen Bildungssystem erfolgreich zu unterstützen. Sie können offenbar meist mit den kulturellen Differenzen gut umgehen.
Es bleibt dabei, dass alle Eltern eine Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Kinder haben, die sie nicht an Staat und Bildungssystem abschieben können. Gleichwohl wurde durch den Vortrag deutlich, dass Bildungseinrichtungen stärker die Heterogenität der Elternhäuser in unserer Gesellschaft beachten müssen. Eylem Emir und Heidemarie Brosche geht es um die Haltung der Lehrkräfte und anderer Beschäftigter im Bildungsbereich, die von Verständnis und Wohlwollen geprägt sein soll. Heidemarie Brosche und Eylem Emir bieten einen „Podcast für mehr interkulturelles Verständnis“ an: https://www.buergerstiftung-augsburg.de/podcast-ach-so-alle-folgen/


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