Menschenkette es brennt konstanz 2026 10 03 © pit wuhrer

Fingerchen auf dem Reset-Knopf

Von Albert Kümmel-Schnur
Menschenkette es brennt konstanz 2026 10 03 © pit wuhrer

Das Aktionsbündnis „Es brennt“ rief für Samstag zum Klimaprotest auf – auch in Konstanz. Bundesweit hatten 133 zumeist lokale Organisationen das Projekt für mehr Klimaschutz unterstützt. Doch der Aufruf verhallte: Auf der Fahrradbrücke und im Herosépark demonstrierten etwa 300 Menschen.

„Hitzerekorde, Flächenbrände, Wasserkrisen. Es brennt – und kaum jemand steht auf?! Doch, wir schon.“ Unter diesem Motto hat die Arbeitsgruppe Gemeinsam Zukunft Gestalten auf dem Messenger Signal die Idee einer Menschenkette entwickelt, um am Tag der Deutschen Einheit zu zeigen, dass die Menschen in Deutschland anders denken, als die meisten ihrer Politiker:innen glauben. Den Klimawandel aufhalten, will eh schon lang niemand mehr, ein, zwei Grad mehr oder weniger, was macht das schon? Eine Begrenzung auf 1,5° forderte das Pariser Klimaschutzabkommen. Heute liest man auf der jeden Aktivismus unverdächtigen Seite des Umweltbundesamtes den Satz: „Bei Umsetzung aktueller politischer Maßnahmen und Instrumente wird eine Erwärmung von etwa 2,6-2,8 °C bis zum Ende des Jahrhunderts erwartet, sofern die Treibhausgasemissionen nicht deutlich stärker reduziert werden.“

Trotz dieser alarmierenden Zahlen ist es still um den Klimaschutz geworden – auch in Konstanz arbeitet man gern mit viel Farbe auf bereits existierenden Fahrradwegen, betoniert den Bahnhofsvorplatz, setzt für viel Geld Bäumchen in Pflanzkübeln temporär auf Plätze und plant die Versiegelung von Hafner und Christianiwiesen.

Ernstzunehmende Klimapolitik sieht anders aus. Im Ländle gewinnt der Grüne Cem Özdemir, indem er sich aktiv von seiner eigenen Partei abgrenzt, die Autoindustrie lobt und wahrscheinlich sehr kühl hat berechnen lassen, dass die paar linken Grünen, die ihm verloren gehen, einfach erschreckend wenig sind verglichen zu den mit der CDU unzufriedenen konservativen Wähler:inne:n, die er gewinnen kann. Die Rechnung ist aufgegangen. Zum Totalausfall der Klimapolitik des Bundes fehlen einem ohnehin die Worte.

Neuanfang mit leerem Blatt

Unter den Bedingungen, die man anhand der Begehbarkeit des Seegrundes in und um Konstanz herum, jeden Tag greifen kann, ist es also eine hervorragende Idee, ein Zeichen zu setzen. Und die Veranstalter:innen haben sich das auch gut ausgedacht: An einem Feiertag, den ohnehin keine:r feiert, ruft man Menschen zu einer kleinen, aber möglichst auffallenden Aktion über Mittag auf. Trefft euch, haltet euch zehn Minuten lang still an den Händen, haltet dann ein leeres Blatt Papier in die Luft als Zeichen für den Bedarf eines Neuanfangs und schwätzt noch a bisserl, bevor ihr wieder auseinandergeht.

Menschenkette6 es brennt konstanz 2026 10 03 © pit wuhrer

Also eine halbe bis maximal ganze Stunde für den Klimaschutz an einem ohnehin freien Tag. Wenn, so das Kalkül des Bündnisses, nun genügend Menschen zusammenkämen, so dass man eine Menschenkette – Antiatomkraft- und Friedensbewegung lassen grüßen – vom Verfassungsgericht in Karlsruhe bis vor das Kanzleramt in Berlin bilden könnte, dann wäre ein starkes Zeichen gesetzt. Ganz buchstäblich hätte man, Körper für Körper, daran erinnert, dass das Grundgesetz einen Rahmen für ein gutes gemeinsames Miteinander aller setzt (hinsichtlich des in Artikel 16a garantierten Rechts auf politisches Asyl muss man inzwischen leider formulieren: gesetzt hat). Oder, in den Worten des Bündnisses „Lasst uns zeigen, dass wir viele sind.“.

„Weil eh nichts passiert“

Es wär so schön gewesen. Ein Neuanfang, ein Zeichen…. Irgendwas. Zusammen kam eine Zahl, die man in Konstanz locker für alles Mögliche mobilisieren kann, ohne sich besonders anzustrengen.

Woran hat’s gelegen? Eine Dame mit silbergrauem Haar, die von sich sagt, dass sie keine Klimademo, die sie erreichen kann, verpasst, steht neben mir in der Kette. Sie sagt: „Ach, es war einfach nicht klar genug, worum es hier gehen soll. Ja… es brennt. Es brennt ja eigentlich überall – bei den Mieten, der Rente, der Demokratie, den Sozialsystemen und, ja, natürlich auch beim Klima. In den Chatgruppen, in denen ich unterwegs bin, war völlig beliebig, was man unter diesem ‚Brand‘ eigentlich genau verstehen sollte.“ 

Jemand anderes mischt sich ein und meint, es sei einfach nicht genug Werbung gemacht worden. Ja, das war durchaus auch mein Eindruck – und ist er inzwischen häufiger. Werbe- und Marketingstrategien in die Breite fehlen. Der Post auf Insta erreicht nur einen Teil möglicherweise Interessierter. Und die wenigen Poster waren klein und kommunizieren in ihrer gestalterischen Vielgliedrigkeit schlecht.

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Einige Vorbeilaufende blieben stehen, fragten nach, reihten sich ein. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass das Potenzial einfach nicht ausgeschöpft wurde. „Ach, die Leute sind auch protestmüde“, tönt eine weitere Stimme neben mir, „die haben keine Lust mehr, sind frustriert, wollen nicht mehr, weil eh nichts passiert.“ Andere meinen, es sei einfach zuviel los gewesen an diesem Wochenende in Konstanz: „Die lange Nacht der Demokratie, Gassenfreitag …“

Knapp 30 von 600 Kilometern

Nun, was auch immer der Grund war, die Demonstration blieb überschaubar, der große Hingucker fiel – zumindest in Konstanz – aus. Auf der „Es brennt“-Webseite kann man eine Livestatistik ansehen. Um 15:25 Uhr steht dort: 20.880 Meter und 18.477 Menschen. Gezählt sind zu diesem Zeitpunkt 76 von 122 Orten. Naja. Es fehlen ja noch ein paar. Etwa 600 Kilometer ist die Strecke von Karlsruhe nach Berlin lang. Die Kette reicht bis Bruchsal. Zugegeben: Niemand hatte eine durchgehende Kette geplant und auch die legendäre Kette der süddeutschen Friedensbewegung im Jahr 1983 von Ulm nach Stuttgart maß „nur“ 108 Kilometer. 

Mich lässt die vertane Chance ratlos zurück. Auf meinem Schreibtisch liegt das Buch „Abschied von der Nachhaltigkeit. Eine neue Philosophie der Transformation“ des Volkswirtschaftlers Fred Luks. Der Autor ist der Meinung, man müsse Nachhaltigkeit grundsätzlich neu denken, um sie wieder in einen politischen Handlungsimpuls zu verwandeln. Ich bin gespannt auf die Lektüre, deren Ergebnisse in Form einer Buchrezension demnächst auf seemoz zu lesen sein werden.

Fotos: Pit Wuhrer

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