Obdachlosenschlafstelle © wikimedia commons

Der Blick von unten – Obdachlosigkeit in Konstanz

Von Annalena Banka und Davina Gorelenkov
Obdachlosenschlafstelle © wikimedia commons
Schlafstelle im Freien: Sie sind häufig aus Mangel an Mitteln nicht überdacht – oder um mobiler und unauffälliger zu sein

2024 gab es bereits über eine Million wohnungsloser Menschen in Deutschland, circa 56.000 leben als Obdachlose komplett ohne Unterkunft. Das sind eine Million Schicksale, die gezählt, aber selten verstanden werden. Im Gespräch mit einigen von ihnen erfahren wir mehr darüber – und wie die Konstanzer Stadtgemeinschaft ihnen begegnet.

Wer dies mit der Gewissheit eines Zuhauses liest, ist eingeladen sich vorzustellen: Seit Stunden sitzt du auf der Straße mit dem Pappbecher vor dir. Der Boden ist kalt, deine Beine schlafen ein. Nur selten trifft ein Blick den deinen, oft sind es eher die von Kindern und Hunden, die der Vorurteilslosen. Der Becher füllt sich spärlich, und irgendwann trifft dich die Not und du suchst eines der verdreckten öffentlichen WCs auf. Du blickst in den Spiegel und fragst dich, wie du eigentlich hierher gekommen bist. Du kannst nicht endlos vor dem Spiegel stehen, nach Bestätigung suchen, dass du immer noch der gleiche Mensch bist. Egal, auf was für ein Resultat du kommst: Irgendwann kommt immer wer, der die Aufgabe hat, dich rauszuwerfen.

Irgendwann musst du wieder raus aus der Geborgenheit der vier Wände und dann bleibt dir nur die Straße. Mehr steht dir nicht zu – zumindest verhalten sich alle so.

Dieser Artikel basiert auf einer Reihe von Gesprächen mit Menschen, die auf der Straße leben. Wir berichten von ihren Erzählungen: was ihren Alltag beeinflusst und wie andere mit ihnen umgehen. Außerdem haben wir Passant*innen angesprochen und sie gefragt ,wie sie Menschen auf der Straße wahrnehmen.

Wohnungslos, Obdachlos und Bettler*innen

Es gibt verschiedene Facetten der Wohnungslosigkeit und Armut, die gerne in einen Topf geworfen werden. Überlappende Beschreibungen der Lebensrealität als „wohnungslos“, „obdachlos“ und „bettelnd“ gibt es häufig – aus dem System zu fallen lässt sich nicht in eindeutige Kategorien aufteilen.

Wohnsitzlosigkeit bedeutet, dass ein Mensch keinen gültigen Mietvertrag hat, aber zum Beispiel in Notunterkünften oder bei Bekannten unterkommen kann. Viele in dieser Lebenslage haben eine Fluchtgeschichte.

Ein*e Obdachlose*r ist wohnungslos, hat keine Unterkunft und lebt zum Beispiel auf der Straße. Obdachlosigkeit geht oft mit extremer Armut einher. Grundbedürfnisse wie sauberes Trinkwasser und Mahlzeiten werden häufig nicht mehr erfüllt.

Bettler*innen sind Menschen, die auf der Straße um Spenden bitten. Nicht alle Wohnungslosen sind Bettler*innen und nicht alle Bettler*innen sind wohnungslos.

Obdachlosenweihnachtsfest © wikimedia commons
Ab und zu wird eingeladen – etwa an Weihnachten (in New York) …

Du bist näher an der Obdachlosigkeit als du denkst

Mit 44 stehen einige mitten im Leben, fühlen sich sicher in Job, Freund*innenschaften und Familie. Das alles zu verlieren ist schwer vorstellbar, auch für die Menschen auf der Straße, mit denen wir sprachen. Ihre Geschichten unterscheiden sich, aber gemein haben sie alle: Jemand findet sich in einer unsicheren Situation wieder und erfährt Abweisung statt Hilfe.

Nach ein paar falschen Entscheidungen und schlechten Freund*innen verlor A. ihren Halt in der Gesellschaft. In der ersten Nacht auf der Straße fühlte sie sich einfach ausgesetzt: „Anfangs kann man es noch gar nicht richtig wahrnehmen. Man denkt immer, bald kommt jemand und holt mich hier raus“, denn: „Es kann doch nicht sein, dass ich einfach hier gelassen werde. Ich, die ich so lange schon ein Part der Gesellschaft war.“ 

Anscheinend ändere sich aber etwas, so A., wenn ein Mensch kein Zuhause mehr hat: „Zumindest fühlt es sich so an, wenn man die ganzen verachtenden Gesichter sieht, die an dir vorbeiziehen. Als wäre ich kein Mensch, dem man seine Not ansieht. Als hätte kein Passant die Möglichkeit zu helfen – und sei es allein durch Worte. Eine Zeit lang romantisiert man es sich vielleicht, redet sich selbst ein, man will es so. Man tut es, um sich zu schützen. Dann sind es aber plötzlich schon drei Jahre auf der Straße, und langsam hast du keinen Bock mehr, langsam verlierst du den Glauben an einen Ausweg.“  

Nicht alle auf der Straße sind obdachlos.

Obwohl sie eine Wohnung hat, sitzt S. seit zwanzig Jahren jeden Tag auf der Straße. So schafft sie sich ein Gefühl von Gemeinschaft, denn mit dem Tod ihres Mannes verlor sie ihre sozialen Kreise. Daraufhin redet sie viel mit uns: Sie redet über das, was sie in der Öffentlichkeit beobachtet. Nach einer Weile kommt es uns so vor, als seien diese Fremden Passant*innen ihre Familie, als wäre dieser alte Mann ihr Onkel und dieses junge Mädchen ihre Nichte. Sie bildet sich Zusammenhänge zwischen Ereignissen und Beobachtungen, sie schafft intimen Familientratsch aus der dichten Masse des Marktplatzes. Dabei gibt es auch Personen, auf die sie eher herabsieht. Auch wenn man selbst auf dem Boden sitzt, hört man doch lieber ein Narrativ, in dem man selbst nicht ganz unten ist. 

Unterstützen heißt nicht bevormunden

Zwischen Bevormundung, Prügelei und abweisenden Blicken kann man den Zeitgeist der Stadtgesellschaft ausmachen: Misstrauen, Vorurteile, Ignoranz – kurzum Entmenschlichung konkurriert mit Nächstenliebe.

Obdachlose erleben eine Vielfalt an menschlicher Interaktion. Sie werden behandelt wie die Wände von öffentlichen Toiletten, die Erfahrungen zeichnen sich in ihre Augen und Träume. Wie dieser Zeitgeist aussieht, gestalten wir alle jeden Tag mit. Eine Passantin erklärte ihre Haltung zu Obdachlosigkeit: „Ich tu nichts dafür und nichts dagegen, das ist nicht schön, nicht wahr?“ Im Abgang fügte sie lächelnd hinzu: „Da kann sich ja noch was ändern.“

Um zu erfahren, wie man am besten hilft, fragt man nach. Eine der obdachlosen Frauen antwortet darauf: „HINSEHEN“. Wir fügen hinzu: „NACHFRAGEN“. Selbst wenn du kein Geld geben kannst, sind ein Lächeln und ein „Hallo“ kostenlos und unsagbar wertvoll. Jede*r hat eine Geschichte zu erzählen und diese anzuhören bewegt für einige schon vieles. Essen, Trinken und Geld sind ebenfalls grundlegend zum Überleben. Das Rückgeld von deinem letzten Einkauf, das du sowieso nicht mehr nutzt, rettet keine Leben – auch deines nicht –, aber für Menschen an der Existenzgrenze macht es einen gravierenden Unterschied. 

Die Augen von oben herab

Die Antworten der Passant*innen variieren: „Ich möchte jetzt keine Gespräche führen“, „ich fühle mich peinlich berührt, weil es mir ja soviel besser geht“, „natürlich behandel’ ich sie wie normale Menschen“. Wobei die letzte Aussage weitere Fragen aufwirft: „Wie behandelst du denn normale Menschen? Wer ist ein normaler Mensch?“

Wir alle treffen alltäglich Entscheidungen darüber, wie wir uns verhalten – ob bewusst oder nicht. Wer meint, nicht zu handeln, trägt immer noch dazu bei, einen Status quo fortzuführen: in diesem Fall Ignoranz.

Einige sprechen auch von Angst, und beschreiben Menschen auf der Straße als unberechenbar gewaltbereit. Ein statistischer Zusammenhang besteht allerdings nicht. Eher beobachten wir, dass Menschen in sozial prekären Lebenssituationen wie Obdachlose häufiger von Gewalt betroffen sind. Im Jahr 2024 allein wurden 2194 Straftaten gegen Obdachlose gemeldet, mit einer weitaus höheren Dunkelziffer.

Gewalt ist nicht ausreichend durch körperliche Gewalt beschrieben. Verbale Anfeindungen, Verweigerung von überlebensnotwendigen Mitteln und soziale Isolation drücken ebenfalls eine Form der Gewalt aus, die häufig unentdeckt bleibt. Gleichbehandlung und ein menschenwürdiges Überlebensminimum werden nicht automatisch Realität, nur weil sie im Grundgesetz stehen.

Wohnungslose verlieren mit ihrer Wohnung gleichzeitig eine Chance auf Arbeit: Ist man einmal auf der Straße, findet man schwer wieder ein Zuhause. Eher noch findet man Zuflucht in Unterkünften, die möglichst unsichtbar erscheinen und selten ausreichend ausgestattet sind. Aber selbst diese Hilfe ist nicht bedingungslos: In Konstanz zum Beispiel gibt es keine einzige Unterkunft, in der es erlaubt ist, Hunde mitzunehmen. Die Selbstbestimmung von Obdachlosen ist maßgeblich eingeschränkt. Entweder du behältst deinen Freund, der dir Halt gibt, oder du kriegst ein Bett zum Schlafen. Ein Recht auf beides, die Möglichkeit, über sich selbst zu entscheiden, ist ausgeschlossen.

Obdachlosen zelträumung new york © wikimedia commons
… doch oft wird auch ohne Ankündigung geräumt. Damit verschwindet auch der gesamte Besitz.

Mitleid durch Ignoranz

Den meisten Menschen tut es leid, Obdachlose, Wohnungslose und Bettler*innen zu sehen. Sie nehmen es als ein immer größer werdendes Problem wahr. Worin dieses „Problem“ besteht, unterscheidet sich für viele. Manche meinen: „Sie wollen es ja so“, denn: „In Deutschland haben wir genug Hilfestellen“. Und: „Wieso arbeiten die nicht einfach?“ Oft nennen Menschen scheinbar einfache „Ratschläge“, ohne den materiellen Systemausschluss zu begreifen und erst recht nicht die emotionale Belastung. Das Leid wird anerkannt, wie es dazu kommt und wem es widerfährt aber nicht.

Auffällig ist, dass jede*r eine Meinung über Obdachlose hat, aber fast niemand jemals von sich aus mit ihnen redet. Da ist ein deutlicher Spalt, Menschen mit Wohnsitz wollen Wohnsitzlose nicht als ebenbürtig betrachten. Unsere Klassengesellschaft schützt das Ego durch Entfremdung. Viele würden sich nicht zu „denen da“ auf die Straße setzen oder sich mit ihnen assoziieren lassen. Damit würde man sich ja selbst erniedrigen und, schlimmer noch: Was denken andere Menschen? Das gleiche wie ich, also in dem Fall Schlechtes?

Gängige Vorurteile

„Die sind doch eh alle nur drogenabhängig!“ – Nicht alle sind betroffen von Sucht. Circa ein Drittel lebt abstinent, ein Drittel konsumiert nur eine Droge (häufig Alkohol) und ein Drittel konsumiert mehrere, teils illegalisierte Drogen. Und selbst wenn – aus welchem Grund sind sie in diese Lage geraten? Haben Drogenabhängige es verdient, vollkommen ausgeschlossen zu werden? 

Die häufigsten Gründe für Obdachlosigkeit sind Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall und eben Sucht. Unerwartete Umstände und Verluste vervielfachen sich, es kommt schnell zu einer „Armutsspirale“. Selbst in stabilen Lebenssituationen ist es ein langer, nervenaufreibender Kampf, mit Sucht umzugehen, auf der Straße ist es schwieriger. Denn die Sucht kann schnell zur einzigen Konstanten im Leben werden.

„Wieso arbeitest du nicht einfach?“ – Einige tun das, aber oft sind die Arbeitsbedingungen unsicher und gefährlich. Für eine Arbeit braucht man meist einen festen Wohnsitz, allein daran scheitert es. Eine Obdachlose berichtete, sie habe eine Wohnung für den Winter gesucht, aber sobald sie das Thema Obdachlosigkeit angesprochen hatte, hieß es: „Mit so einem Müll will ich nichts zu tun haben.“ 

Außerdem braucht man für eine Arbeit natürlich auch eine Aufenthaltserlaubnis, Bankkonto, Ausweis, Steuer- und Sozialversicherungsnummer – Dinge, die man Stück für Stück verliert oder nie hatte, wenn man aus dem sozialen und staatlichen System fällt. Schwarzarbeit ist möglich, führt aber zu nur noch mehr Ausbeutung. Auch ehrenamtliche Einrichtungen können hier nur begrenzt unterstützen. Ihre Mittel werden stetig gekürzt, Helfer:innen werden weniger und sind immer mehr überarbeitet. Die Menschen jedoch, die Unterstützung brauchen, werden stetig mehr.

Die Bettelmafia: Man findet viele Mutmaßungen, aber nur wenig Beweise. Wenn Obdachlose im Auto abgeholt werden, als Gruppe unterwegs sind oder ihr Geld jemandem geben, handelt es sich nicht automatisch um Betrug. All das kann auch Sicherheit und Solidarität unter Bettler*innen stärken. Wenn Bandenkriminalität im Spiel ist, dann werden häufig sichtbar behinderte Obdachlose erpresst und zum Betteln gedrängt. Viele Fälle sind dazu nicht aufgeklärt, klar ist jedoch, dass die bettelnde Person auch hier nicht der/die Täter*in ist. 

Eine Obdachlose berichtete, dass sie normalerweise zwischen 10 und 30 Euro am Tag bekäme; natürlich ist das nur eine einzelne Zahl, aber für solche Summen zahlt sich organisierte Bandenkriminalität nicht aus. Es gibt wohl keine definitive Antwort, und deshalb sollten auch nicht alle Bettler*innen diesem Vorurteil ausgesetzt sein. Falls du so Angst hast, dass ein*e Bettler*in dich für deine 1,26 Euro ausnutzen könnte, dann frag ihn*sie doch, ob du ihm*ihr etwas kaufen kannst. Wichtig dabei ist, eben zu fragen, was gebraucht wird, und andere nicht zu bevormunden. Denn gerade bei extremen Temperaturen ist Bargeld viel mehr wert: ein Getränk im Café bietet gleichzeitig Wärme beziehungsweise eine Klimaanlage, Toiletten und Steckdosen.

Obdachlosen centbeiträge © anna lena banka
Ein paar Cents fürs lange Ausharren

Eine Reflektion: Von Schuld zur Handlung

Während der Unterhaltungen beobachten wir, dass die Gespräche zwar nicht von Mitleid oder Schuld motiviert sind, dennoch sind diese Emotionen präsent, denn: Ich befinde mich in einer Machtposition, die ich nicht wählte, die ich aber auch nicht niederlege. Ich habe versucht, mich in die Menschen hineinzuversetzen, mit denen ich sprach, aber ich kann jederzeit nach Hause gehen und mich erholen. 

Ich habe mein Kleingeld verschenkt im Wissen, dass ich immer noch genug habe, und sie immer noch zu wenig. Ich bin angetrieben durch das Wissen, dass wir alle genug haben sollten und können – und dass meine Position sowie Privilegien in dieser Gesellschaft nicht ewig sind und das nicht sein sollten.

Eine fiktive Mauer trennt Mittellose von Menschen mit mehr Mitteln, dabei sitzen wir im gleichen Boot, das gerade von Milliardären versenkt wird. Deswegen ist es notwendig, diese Mauer zu ignorieren, hinzuschauen und Verbindung zu suchen. In Anerkennung dessen, dass wir alle nicht im gleichen Maße leiden. Dass wir uns alle nie in Sicherheit wiegen können, muss zu Wut, Ärger und aktivem Handeln führen. 

Emotionen in Gesprächen mit Obdachlosen und über Obdachlosigkeit sind vielfältig: Trauer, Angst, Wut und Scham. Doch Scham ist gefährlich – sie lässt uns unsere Mittel und Kraft vergessen, weil wir uns schuldig fühlen, aber nicht verantwortlich. Viele wünschen sich Veränderung, jedoch passiert Veränderung nicht – Menschen schaffen sie. Wohnungen, sogar ganze Villen stehen leer, Lebensmittel werden weggeworfen, von allem gibt es eigentlich genug – wenn wir es uns nehmen. Auch in Konstanz haben wir zweifellos genug Raum für alle, die gerade keine eigene Wohnung haben, das erkennen wir bereits an der Menge an illegalen Ferienwohnungen, die hier weiterhin angeboten werden [https://www.seemoz.de/konstanzer-zweckentfremdungsverbot-verlaengert/]. 

Nicht jede*r kann ein Besetzungsprojekt starten, aber die Möglichkeiten sind vielfältig: Informationen sammeln und teilen, mit Menschen auf der Straße reden – all diese Dinge reichen nicht aus, um extreme Armut unmöglich zu machen (was ein notwendiges Ziel ist, das wir nicht aus den Augen verlieren dürfen). Dennoch sind es erste Schritte, die Einzelne entlasten können und das Überleben innerhalb bestehender Verhältnisse überhaupt möglich machen. 

Fotos: Schlafstelle (© Wikimedia commons) / Weihnachtsfest für Obdachlose (© Wikimedia commons) / Räumung ohne Ankündigung (© Flickr) / Münzgeld (© Annalena Blanka) 

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