
Am Freitag, dem Vorabend des Tags der Deutschen Einheit, findet in Baden-Württemberg zum zweiten Mal die „Lange Nacht der Demokratie“ statt. Städte und Gemeinden laden zu Diskussionen und kreativen Formaten rund um Demokratie ein. Das Bündnis Konstanz für Demokratie – Klare Kante gegen rechts veranstaltet dazu einen Rundgang zu Orten, an denen Demokratie gelebt oder auch zerstört wurde.
Die parlamentarische oder repräsentative Demokratie, jahrzehntelang als Erfolgsmodell des Westens gefeiert, steht weltweit und auch in Deutschland unter massivem Druck. Das Vertrauen in politische Institutionen schwindet, während Polarisierung, gezielte Desinformation und der unaufhaltsame Aufstieg populistischer und extremistischer Kräfte die Gesellschaft destabilisieren.
Politische Diskurse verhärten sich zunehmend in den sozialen und auch in den klassischen Medien. Immer weniger Bürger:innen haben das Gefühl, dass ihre Anliegen von den etablierten Parteien und Parlamenten adäquat vertreten werden. Stattdessen gewinnen populistische und antidemokratische Strömungen an Zulauf und stellen fundamentale Prinzipien wie die Gewaltenteilung oder den pluralistischen Diskurs infrage.
Die Ursachen für das bröckelnde Vertrauen in unser politisches System sind vielschichtig. Geopolitische Konflikte entladen sich in immer kürzeren Abständen, die Klimakrise macht sich auch hierzulande immer deutlicher bemerkbar, soziale und wirtschaftliche Ungleichheit nimmt rasant zu. „Statt um den Ausgleich zwischen Arm und Reich geht es um die Ansprüche von Hilfeempfängern am unteren Ende der Verteilungsstruktur, um Sozialleistungsmissbrauch, um die Kosten der Migration, um identitätspolitische Themen“, weiß Steffen Mau, Direktor am Max-Planck-Institut für Politik und Sozialwissenschaft in Göttingen.
Das Wahlvolk empfindet gegenüber der Polykrise nicht nur eigene Ohnmacht. Es verliert, wie sich von Wahl zu Wahl manifestiert, auch das Vertrauen darin, dass demokratische „Regierungen der Mitte“ die fundamentalen Probleme der Gegenwart effektiv und zeitnah lösen können. Die Aufstiegshoffnung, unseren Kindern werde es einmal besser gehen, mutierte zur Abstiegsangst.
Diese Frustration nährt vereinfachende Narrative. Radikale Kräfte bedienen sich der sozialen Medien, um gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen. Algorithmen belohnen die Empörung – nicht den Kompromiss, der doch ein Kernelement demokratisch konstituierter Gesellschaften ist.
Auf den Spuren der Demokratie und ihrer Feinde
Dieser Krise der repräsentativen Demokratie in Staat und Gesellschaft will die „Lange Nacht der Demokratie“ entgegenwirken. Initiiert wurde sie vom Volkshochschulverband Baden-Württemberg, finanziert wird sie von der Baden-Württemberg Stiftung, der Landeszentrale für politische Bildung und unmittelbar aus dem Landeshalt.
In Konstanz hat sich das Bündnis Konstanz für Demokratie – Klare Kante gegen rechts die Sache zu eigen gemacht, nach Selbstdarstellung „ein Bündnis von Menschen, die sich in unserer Region aktiv für demokratische Werte und gegen die Rechtsentwicklung engagieren.“
Der Rundgang beginnt um 15 Uhr unter dem Heckerrelief am Stephansplatz und führt über drei Stunden zu zehn Stationen, an denen in der Vergangenheit demokratische Bestrebungen entstanden sind oder wieder zerstört wurden. Mit dabei sind auch Orte, an denen Demokratie heute gelebt wird; und ebenso solche, deren Freiheit in Zukunft gefährdet sein könnte.
Wie es sich in der Demokratie gehört, hat das Publikum natürlich die Wahl: Statt den gesamten Rundgang mitzumachen, kann man sich auch einzelne Stationen herauspicken.
Ab in den Untergang, aber bitte demokratisch
Keinen Raum gibt es allerdings für die Frage, ob Demokratie als „Herrschaft des Volkes“ auch in anderen Formen als den uns gewohnten zu verwirklichen wäre. Nicht zur Debatte steht weiter, ob Demokratien gleich welchen Typs in der Lage sind, die existenzielle Bedrohung menschlicher Existenz durch Wachstumszwang, Artensterben und Klimaerhitzung abzuwenden. Zynisch zugespitzt: Ab in den Untergang, aber bitte demokratisch!
Parallel zum Rundgang zeigen die Omas gegen Rechts auf dem Münsterplatz 15, 16.30 und 18 Uhr ein Theaterstück um Erinnerungskultur und Rechtsextremismus – und laden die Besucher:innen dazu ein, nach eigenen Lösungen zu suchen. Den Abschluss bildet um 20 Uhr in der Werkstatt des Stadttheaters das Stück „Verbranntes Land“. Es verbindet als „radikal-zärtliche Widerstandslovestory“ politischen Widerstand mit einer queeren Coming-of-Age-Liebesgeschichte.
Aktionen zur „Langen Nacht der Demokratie“ gibt es im Landkreis Konstanz außerdem in Singen, Radolfzell, Stockach, in Rielasingen-Worblingen und auf der Höri. Die Programme in diesen und weiteren Orten finden sich auf der Website langenachtderdemokratie-bw.de.
Foto: AfD-Wahlkampfstand Anfang Februar 2026 auf derKonstanzer Marktstätte © Pit Wuhrer


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