
Rojava war nicht nur ein militärisch kontrolliertes Gebiet, sondern auch ein Versuch, lokale Selbstverwaltung, ethnische, religiöse Vielfalt und eine vergleichsweise starke politische Stellung von Frauen miteinander zu verbinden. Mit der Souveränität der Kurdengebiete, so will es Syriens Präsident Ahmed al-Scharaa, soll auch das Gesellschaftsprojekt verschwinden.
Es war sicher eine Illusion zu glauben, dass Rojava, das in etlichen Teilen basisdemokratisch organisierte linke Gesellschaftsprojekt der syrischen Kurd:innen, ausgerechnet unter US-amerikanischer Schirmherrschaft dauerhaften Bestand haben könnte. Aber schon der mit US-Truppen zwischen 2014 und 2019 gemeinsam geführte Kampf gegen den in Nordsyrien marodierenden Islamischen Staat (IS) hatte den Haken, dass diese dschihadistischen Hardliner ursprünglich wohl auf dem Reißbrett US-amerikanischer Nachrichtendienste entworfen worden waren.
Mit ihrer Autonomie und der damit verbundenen Entscheidung, Damaskus den Zugriff auf die Weizenernten und die Erdölfelder der Kurdengebiete zu entziehen, haben sie wesentlich zum Scheitern der Regierung von Baschar al-Assad beigetragen. Die konnte nur wenig dagegen tun, dass in den arabophonen Teilen Syriens über Jahre hinweg Energie und Nahrungsmittel knapp blieben.
Assad hatte die Kurd:innen mit seiner strikten Arabisierungspolitik zu sehr provoziert. Klüger wäre es gewesen, sich die Reformen Algeriens und Marokkos zum Beispiel zu nehmen. Dort wurde die Berbersprache zur National- und schließlich auch zur Amtssprache erklärt.
Endlich auch Unterricht in der Muttersprache
Die Möglichkeit, künftig syrisches Kurdisch in den Schulen zu unterrichten, die in vorwiegend von Kurden bewohnten Gebieten liegen, scheint nun das bedeutendste Zugeständnis zu sein, das sich Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa abrang, nachdem seine Truppen Rojava in die Knie gezwungen hatten. Zwei Tage, nachdem die aus etwa 100.000 Männern und Frauen bestehenden Truppen der kurdisch geführten Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) am 25. August offiziell aufgelöst wurden, verkündete das Bildungsministerium in Damaskus: Fortan könne auf allen Bildungsstufen in Syrien auch auf Kurdisch gelehrt werden.
Für die Schulen in Gebieten mit kurdischen Mehrheiten ist eine einjährige Übergangsfrist geplant, in der die Schüler und Schülerinnen wählen können, ob ihnen Sozialkunde, Geschichte, Geografie und Philosophie auf Kurdisch oder Arabisch vermittelt werden sollen. Alle übrigen Fächer sollen weiterhin auf Arabisch unterrichtet werden. Das Arabische nicht vernachlässigen zu wollen, erscheint vernünftig. Denn zumindest mittelfristig werden viele höher qualifizierte Berufsabschlüsse nur in anderen, arabophonen Teilen Syriens zu erwerben sein.
Es werden nun Unterrichtsstrukturen legalisiert, die bereits seit Jahren neben dem alten syrischen Curriculum existierten. Nur an jenen Schulen, die während der faktischen Abspaltung der Kurdengebiete formal noch dem offiziellen staatlichen Lehrplan gefolgt waren, hatten die Lehrer und Lehrerinnen ihr Gehalt weiter aus Damaskus erhalten.
Anders in der Ukraine
Dass der Kurdischunterricht nun legalisiert wird, ist unbedingt zu begrüßen. Wobei zugleich darauf hinzuweisen ist, dass es 2014 in der Ukraine nach dem Maidan-Umsturz ganz anders lief. Die damalige Entscheidung der ukrainischen Regierung, die russische Sprache auf allen Bildungsstufen zurückzudrängen oder zu verbieten, war ein schwerwiegender Fehler.
Im Westen ist das weitgehend ignoriert worden und deshalb vielen nicht bekannt. Dabei wurde nicht nur die nationale Identität von Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern negiert, deren Mutter- und Umgangssprache Russisch ist, sondern zugleich versucht, sie von einer der großen Weltkulturen abzuschneiden. Das Verdrängen des Russischen aus Schulen und Universitäten, aus den Amtsstuben und dem öffentlichen Raum verletzte Minderheitenrechte und wurde zu einem der Anstöße für die Sezession ostukrainischer Regionen.
Wer sich darüber hinaus daran erinnert, dass die westliche Unterstützung der Herauslösung des Kosovo aus dem Verbund Jugoslawiens auch damit begründet wurde, dort gebe es – angeblich – zu wenig Albanisch-Unterricht, stößt auf eine weitere bemerkenswerte Inkonsistenz westlicher Narrative.

Prestigegewinn im Rahmen der Kräfteverhältnisse
Doch zurück zu Rojava. Zu den schmerzlichsten Elementen der Niederlage gehört, dass die bewaffneten Einheiten nicht geschlossen in die im Aufbau befindliche neue Nationalarmee aufgenommen wurden. Weil sich al-Scharaa kein Putsch-Risiko leisten will, ist das nachvollziehbar. Die Mitglieder der SDF können den Übertritt nur als Einzelpersonen beantragen. Um diesen Prozess zu begleiten, wurde Mazlum Abdi, der bisherige SDF-Kommandeur, zum Präsidentenberater ernannt.
Die Fraueneinheiten der SDF werden demobilisiert; sie dürfen nicht als Soldatinnen in der Nationalarmee dienen, die zu erheblichen Teilen aus ehemaligen Islamisten besteht. Für diese wäre es undenkbar, von einer Offizierin einen Befehl zu erhalten.
Auch wegen dieses Rückschritts kann al-Scharaa das Ende der SDF und die Rückkehr der Kurdengebiete unter eine syrische Zentralverwaltung als Prestigegewinn verbuchen. Gleiches gilt für den zu Jahresanfang erfolgten Abzug aller US-Truppen aus Nordostsyrien. Rojava die Autonomie zu entziehen, schwächt auch die türkischen Kurden. Weniger Einfluss hat dies auf die Kurd:innen im Irak, die dort nach dem Sturz von Saddam Hussein eine weitgehende Selbstverwaltung aufbauen konnten.
Wogegen sich Ahmed al-Scharaa freilich vergeblich ins Zeug legt, ist die Besetzung syrischer Gebiete durch Israel bis hin zur Annexion der Golanhöhen. Auch die vor allem von Drusen bewohnte Provinz Suweida an der jordanischen Grenze entzieht sich der Kontrolle der Zentralregierung. Hier hat nach dem Regimewechsel die syrische Captagonproduktion ein Rückzugsgebiet gefunden, das Sagen haben dank israelischer Protektion der lokale Anführer Hikmat al-Hijri und seine Milizen. Ahmed al-Scharaa muss dulden, wozu ihn die Kräfteverhältnisse zwingen.
Dieser Artikel erschien leicht verändert zuerst in: Der Freitag vom 3. September 2026, Seite 2.
Weitere Informationen
zu Rojava bietet die Website von medico international. Dort finden sich auch Infos, wie der Kampf weiter unterstützt werden kann – und wo Hilfe dringend nötig ist.
Abbildungen: YPJ-Kämpferinnen in Rojava (© BijiKurdistan_Flickr-Wikimedia commons) / Kundgebung auf dem Münsterplatz (© Pit Wuhrer)

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