Momo3 16 19

Pferdefresse. Hässlichkeit als Diskriminierungstereotyp

Von Albert Kümmel-Schnur
Momo3 16 19

Zu den Stereotypen des „Othering“, des abwertenden Für-Anders-Erklärens, gehört die Hässlichkeit. Dass die oder der Hässliche nicht ‚dazu‘ gehört, ist ihr oder ihm, so scheint es, sichtbar in den Leib geschrieben. Moshtari Hilal hat ein Buch über „Hässlichkeit“ geschrieben. Der Figurenspieler Momo Ekissi beschäftigt sich in einem Figurentheaterworkshop mit Andersens „Das hässliche Entlein“.

„Pferdefresse“. Mit diesem Wort beginnt Moshtari Hilal ihr Buch „Hässlichkeit“. Es ist ein Zitat. Jemand hat sie als „Pferdefresse“ bezeichnet als Kommentar zu ihrem ersten auf Youtube hochgeladenen Video. Gemeint ist wohl, sie habe ein Gesicht, dass den langgezogenen Antlitzen von Pferden ähnele. Die Beleidigung trifft. Hilal löscht ihr Video und macht sich auf eine Suche nach der Bedeutung der Zuschreibung von ‚Schönheit‘ und ‚Hässlichkeit‘, nach den Bildern, die wir uns von uns machen, die andere sich von uns machen, den Bildern, mit denen wir andere Bildern zu kopieren versuchen, den Bildern, die uns ansehen und uns interpretieren.

Pferdefresse
was hast Du Dir gedacht,
so freundlich zu grinsen
aus meinem Gesicht?

Das Buch „Hässlichkeit“ ist eine intelligente und berührende Kuratierung von Gedichten, diskursiven und erzählenden Prosastücken und Bildern: found footage, Zeichnungen, Fotografien, Collagen. Die unterschiedlichen Medien sind eng ineinander verzahnt, reagieren aufeinander, resonnieren miteinander, deuten einander, widersprechen sich. Auf diese Weise wird „Hässlichkeit“ nicht nur vielfältig medial analysiert, sondern die emotionale Dimension von Betroffenheit und Hass gleichermaßen spürbar gemacht. Die unmittelbare Wucht bezieht dieses Buch aus der Kombination mit radikaler biographischer Offenheit direkt hinein in die Verletztheit und Verletzlichkeit mit einer schier atemberaubenden Könnerinnenschaft im Setzen von Wörter und Bildzeichen.

„Hass“ ist der erste Teil des Buches überschrieben. Hässlichkeit kommt von Hass: es ist das, dem mein Hass gebührt. Es selbst, das Hässliche, ist so beschaffen, dass ich zu ihm eine hassende Haltung einnehmen kann: als Selbsthass und Fremdhass. Der Selbsthass ist die verinnerlichte Form des Fremdhasses, wie umgekehrt der Hass auf’s Fremde eine Artikulation des Abscheus vor sich selber darstellt.

Im Zentrum dieses Spiegelkabinetts stehen Körperbehaarung und Nasenformen. „Wenn ich meinen Arm enthaarte , wo sollte ich aufhören? Am Ellenbogen, an der Schulter, am Hals? Wo endete das illegitime, wo begann das legitime Haar?“

Vor einigen Jahren hat Charlotte Roche für einen kleinen Skandal mit ihrem Roman „Feuchtgebiete“ gesorgt. Hier ging es um Verhaltensweisen, Körperformen und -äußerungen, die weiblich gelesenen Körpern streng untersagt waren bzw. öffentlich nicht ausgestellt werden sollten. Es ging extensiv um Behaarung, um Schleim und Blut, es ging ums Furzen – all das vom Klischee holder Weiblichkeit möglichst weit Abweichende wurde zelebriert, der Ekel der anderen als Selbstermächtigung.

Moshtari Hilal geht es um etwas anderes. Ob Frauenbeine behaart sein dürfen oder sollen, ist erst einmal völlig egal, denn auch eine Gegennorm ist halt eine Norm. Es geht darum, zu beschreiben, wie Körper Bilder machen und Bilder Körper. Und im Unterschied zu Roche geht es zusätzlich um als ‚fremd‘, als ‚rassisch‘ gelesene Körper. Es geht um die Entfremdung von Körpern, von sich selbst, von Anderen durch die Zuschreibung von Hässlichkeit. Hilal bezieht sich auf den antikolonialen Philosophen Frantz Fanon: „Hässlichkeit ist […] das Trauma, in einem Körper leben zu müssen, den man zu hassen lernt […]“

Genau das ist dann die „Pferdefresse“, die einem ein anynomer Internettroll so ins Gesicht wirft, das man sie dort beim Blick in den Spiegel wiederzufinden meint. Moshtari Hilal begegnet diesem Bild künstlerisch: mittels eines TikTok-Filters transformiert sie das eigene Gesicht zur „Pferdefresse“, es wirkt wie ein klassisches Ölgemälde. Im Dreiviertelprofil sehen wir ein Wesen rechts im Bild platziert, das vor allem durch Haare und Ohrgehänge weiblich lesbar zu sein scheint. Nach vorn zieht sich das Gesicht vor dem grünlich-grauen Hintergrund eines Zimmers mit Dachschräge in rosigen Tönen in die Länge, die Nase wird zur Schnauze, darunter ein schmallippiger Mund, zu einem leichten Lächeln verzogen: Francis Bacon hätte seine Freude daran gehabt.

Immer wieder finden wir Hilals Gesicht und Körper in vielfachen Be-, Um- und Überschreibungen. Als Landkarte segmentiertes, von einem Affen mit Darwinkopf bewohntes Knie, als Porträt mit aufgesetzter Riesennase, als haariges profilloses Gesicht, das einen langen Nasenschatten wirft. Auf Fotokopierern weichgedrückte Körperteile und Schwarz-Weiß-Zeichnungen mit sorgfältig aufgemaltem Moustache. Es gehe, so sagt sie in Anschluss an die Aktivistin Mia Mingus, nicht darum „einen Ort in der Schönheit“ zu finden. „Ich dachte, ich könne mir mit ethischen Argumenten und ästhetischen Zeichnungenden Eintritt in die Schönheit erarbeiten, ich könne die anderen überzeugen, und womöglich auch mich selbst: Auch ich bin schön.“ An die Stelle der Diskursstelle „Schönheit“ tritt die Positivierung des Hässlichen und Großartigen. An dieser Stelle würde mich der Text doch etwas enttäuschen, denn er verbliebe bei Kategorien, die fluid wandelbar sind – das Schöne ist ja nicht notwendigerweise dem Hässlichen gegenübergestellt, das 18. Jahrhundert sah das Erhabene als seinen Gegensatz, das 19. betrachtet das „Interessante“ als dem Schönen gegenüberstehend und im Barock erfand man den Schönheitsfleck, der allzu glatte Gesichter weniger langweilig erscheinen lassen sollte. Aber: der Auslegung von Mingus‘ Positionen folgt noch ein Gedicht mit den wunderbaren Versen:

Im Schatten meiner Nase befindet sich ein Ort,
an dem Anderssein erlaubt wird,
alle Anpassung zu überschreiben.

1843 veröffentlicht der dänische Schriftsteller Hans-Christian Andersen ein Kunstmärchen, das den Titel „Das hässliche Entlein“ trägt. Der Inhalt ist schnell erzählt. Eine Ente brütet sieben Eier aus. Aus sechsen schlüpfen gelbe kleine Entenkücken, aus dem siebten jedoch ein großgefiedertes, allzu großes, plumpes und tollpatschiges Wesen, das von allen gehänselt und gemobbt wird. Sehnsüchtig betrachtet das ‚hässliche‘ Entlein die großen weißen Schwäne, die sich elegant in die Luft erheben.

„Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich todtschlagen, weil ich, der ich so häßlich bin, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist einerlei! Besser, von ihnen getödtet, als von den Enten gezwackt, von den Hühnern geschlagen, von dem Mädchen, welches den Hühnerhof hütet, gestoßen zu werden und im Winter Mangel zu leiden!‘ Und es flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen; diese erblickten es und schossen mit brausenden Federn auf dasselbe los. ‚Tödtet mich nur!‘ sagte das arme Thier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. – Aber was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, häßlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war.

Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat!“ (Hans-Christian Andersen: „Das häßliche Entlein“ (dt. 1862), Quelle.)

Andersens Schwanenjunges, das unter Enten aufwächst, erlebt dasselbe Schicksal wie die von Moshtari Hilal beschriebenen Körper: es macht sich die Fremdzuschreibung zueigen. Es findet jedoch am Ende einen Ort unter Gleichartigen. Das Märchen vom hässlichen Entlein machte Andersen berühmt – es wurde (auch) als biographische Allegorie verstanden, inzwischen ist das ‚Schwan-werden‘ psychotherapeutischer Standard. Beim dänischen Märchenerzähler selbst hat die Autotherapie wohl nicht so gut funktioniert. Im Bayrischen Rundfunk weiß Prisca Straub zu berichten:

„Andersen bleibt Zeit seines Lebens ein recht seltsamer Schwan – ein einsamer Mensch voller Minderwertigkeitskomplexe. Er leidet unter Verfolgungswahn, Stimmungsschwankungen und an Hypochondrie. Er ängstigt sich vor Hunden und Raubüberfällen. Aus Furcht vor Hausbränden geht er stets mit einem dicken Seil im Koffer auf Lesereise. Und weil ihn die Horrorvorstellung plagt, er könne lebendig begraben werden, kann er nicht einschlafen, ohne vorher einen Zettel auf dem Nachttisch deponiert zu haben ‚Achtung, ich bin nur scheintot!‘“ (Die Quelle finden Sie hier.)

Der Fehler, an dem auch das Märchen festhält, ist ja nicht die falsche Identität – Schwan statt Ente! OMG! –, der Fehler ist das Festhalten an einer Unterscheidung, die eine beliebige Norm setzt, diese moralisch auflädt, sie sozial wie ökonomisch belohnt und darüber hinaus zum Leitfaden politischen Handelns macht: das Aussehen ist ja die dümmste wie einfachste Stellschraube des Othering, die eine Gesellschaft der Ressentiments, wie wir sind sind, dringend zu brauchen meint.

Moshtari Hilal erinnert an den Fall Anna Delvey Sorokin. „Sie gab sich als Erbin aus und nahm am Leben der wohlhabenden Gesellschaft New Yorks teil. Sie gab vor, dieser High Society anzugehören, und täuschte damit vier Jahre lang Hotels, Geschäftsleute, Banken sowie vermeintliche Freunde. Diese betrog sie um insgesamt 275.000 US-Dollar. 2017 wurde Sorokin wegen Betrugs verhaftet und 2019 zu einer Haftstrafe von mindestens vier Jahren verurteilt.“ Hilal kommentiert: „Ihr, der weißen Russin, gelang es für einen Moment, mit ihrem herzförmigen Gesicht und ihren zum Schmollmund verzogenen Lippen in die Welt der Bidler einzudringen, die wir Mädchen beide durch das Hochglanzpapier beobachtete. […] Anna gelang es, die gesehenen Leben zu imitieren, ohne eine von ihnen zu sein.“

Wie aber entkommt man der Ausschlussdrohung der Hässlichkeit? Wie kann irgendjemand von uns ihr entkommen? Wie enteignen wir dieses Narrativ und ersetzen es durch ein anderes?

Diese Fragen stellt sich der von der Elfenbeinküste stammende, in Freiburg lebende Figurenspieler Momo Ekissi. Er wird vom 21. bis 24. September einen Workshop unter dem Titel „Das hässliche Entlein. Diskriminierung mit Puppen erforschen“ geben. Momo Ekissi arbeitet mit Figuren, wie sie in Westafrika verbreitet sind. Es handelt sich um Puppen, die aus Vollholz geschnitzt sind und bunt bemalt. Sie werden mit einem langen, unter einem ebenfalls bunt gemusterten Gewand befindlichen Stab geführt – auch beide Hände sind an Stäben führbar. Es gibt kleine und große Figuren: bei den Großfiguren sitzt der Puppenkopf auf den Schultern der:des Spielenden, die:der durch den transparenten Stoff des Gewandes oder ein kleines eingenähtes Fenster hinausblicken kann. Diese Figuren dienen eigentlich der kultischen Nutzung; sie sind keine ‚Theaterfiguren‘, wie wir sie in Europa kennen. In traditionellen Zusammenhängen treten sie als Übergangswesen auf: bei Geburt, Krankheit, Hochzeit oder Tod zum Beispiel. Momo Ekissi hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Figuren und ihr Spiel vor dem Aussterben zu bewahren. Und, wie immer, gilt auch hier der alte Biermann-Satz „Nur, wer sich ändert, bleibt sich treu.“ In langen Verhandlungen mit traditionellen Figurenspielern (es sind in Westafrika traditionellerweise Männer, die diese Rolle ausüben) hat er eine Öffnung erreicht: mit offiziellen Segen bringt Ekissi die Figuren aus Westafrika nach Europa, vor allem Deutschland und Frankreich, und spielt damit in Theatern, Schulen, Sozialeinrichtungen. Dabei geht das Spiel grundsätzlich mit Tanz und Musik einher: afrikanisches Erzählen ist immer multimedial und sehr körperbetont.

Der Workshop von Momo Ekissi findet in Kooperation mit der Universität im Open Place in Kurzrickenbach statt. Am Workshop werden Studierende teilnehmen, Schülerinnen und Schüler von Trommelklassen der Musikschule und Gemeindemitglieder des Open Place. Für Interessierte gibt es die Möglichkeit der Teilnahme. Bitte melden Sie sich bei Albert Kümmel-Schnur per E-Mail albert.kuemmel-schnur@uni-konstanz.de

Wer einfach mal reinschauen möchte, darf gern am Donnerstag, 24. September, um 15 Uhr ins Open Place kommen, wo wir einen Einblick in die Workshoptage geben werden.

Moshtari Hilal: Hässlichkeit, München: Hanser 2026, 15 Euro.

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