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Gemeinsam gegen Hass: Rassismus im (sportlichen) Alltag

Von Mohamed Badawi
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Mohamed Badawi (© Mohamed Badawi)

Laut einer Studie der Bergischen Universität Wuppertal ist Rassismus kein Randphänomen des Vereinssports in Deutschland, sondern gehört leider zum Sportalltag. Im Folgenden schildert der Musiker, Dozent und ehemalige Konstanzer Stadtrat Mohamed Badawi, wie wir Rassismus gemeinsam überwinden können.

Als sportbegeisterte Familie haben wir – meine Frau, ich und unsere inzwischen erwachsenen Kinder – jahrzehntelang auf Fußballplätzen gestanden, mitgefiebert, gelitten und gefeiert. Sport war für uns immer ein Ort der Leidenschaft, des Zusammenhalts und der Freude.

Doch was wir in den vergangenen Jahren erleben, macht uns zunehmend betroffen: die rassistischen Anfeindungen gegen deutsche Athletinnen und Athleten, gegen Menschen, die für dieses Land antreten und trotzdem immer wieder gefragt werden, ob sie eigentlich wirklich deutsch sind. Jedes Mal, wenn wir von solchen Vorfällen hören, stellen wir uns dieselbe Frage: wie lang soll das noch so sein?

Ich erinnere mich an die rassistischen Beleidigungen gegen den deutschen Fußballspieler Gerald Asamoah als wäre es gestern gewesen. Schon damals haben wir uns gefragt, wie so etwas in unserem Land möglich sein kann. Heute trifft es uns noch härter, weil der Eindruck entsteht, dass solche Vorfälle immer wiederkehren – auf den Stadionrängen, in Kommentarspalten auf Social Media und manchmal mitten im Alltag.

Der alltägliche Rassismus

Der Alltagsrassismus begegnet uns in Blicken, in Bemerkungen, in scheinbar harmlosen Fragen. Was tun? Auswandern und aufgeben? Nein. Weiterkämpfen, auch wenn das Kraft kostet und manchmal frustriert? Ja. Denn Schweigen ist keine Option.

Ein Beispiel dafür ist Owen Ansah. Im Juni 2024 schrieb der Hamburger Sprinter Sportgeschichte: Mit 9,99 Sekunden über 100 Meter wurde er der erste deutsche Sprinter, der die Zehn-Sekunden-Marke unterbot. Ein Moment, der eigentlich nur eines verdient hätte: Anerkennung und Freude. Doch auf seinen sportlichen Erfolg folgten in den sozialen Medien zahlreiche rassistische Beleidigungen. Menschen reduzierten seine Leistung auf seine Hautfarbe und stellten seine deutsche Nationalität infrage.

Was mich daran besonders erschüttert: Selbst ein solcher Moment, in dem ein deutscher Athlet für sein Land Geschichte schreibt, reicht ihnen nicht aus. Für sie bleibt die Hautfarbe wichtiger als die Leistung.
Auch bei der Leichtathletik-EM in Birmingham wurde unlängst sichtbar, wie tief das Problem reicht. Die 800-Meter-Läuferin Smilla Kolbe nutzte nach ihrem Halbfinale ein ZDF-Interview, um über rassistische Kommentare gegen ihre Teamkolleg:innen zu sprechen. Sie sagte sinngemäß, sie wolle sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, „wenn sie nicht so weiß wäre, wie sie ist“.

Ihre Worte gehen über den Sport hinaus. Denn Rassismus ist kein Problem, das nur diejenigen betrifft, die unmittelbar angegriffen werden. Es betrifft uns alle. Alltagsrassismus zeigt sich oft in kleinen, scheinbar harmlosen Gesten: wie beispielsweise in der Frage „Wo kommst du eigentlich her?“ gegenüber einem Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft oder in der Bemerkung, eine sportliche Leistung sei „für jemanden mit deinem Hintergrund“ besonders beeindruckend.

Solche Sätze mögen für denjenigen, der sie ausspricht, nebensächlich erscheinen. Für die Betroffenen sind sie es nicht. Sie reduzieren den Menschen auf seine Herkunft, seine Hautfarbe oder ein vermeintliches „Anderssein“, anstatt den Menschen und seine Leistung zu sehen.

Doch Rassismus ist nicht nur ein Problem zwischen Einzelpersonen. Er hat auch eine strukturelle Seite: in mangelnder Repräsentation, in fehlenden Vorbildern, in der Art, wie über Athletinnen und Athleten berichtet wird, und in der Frage, wer in Vereinen und Verbänden Verantwortung trägt. Eine Studie zum Breitensport, über die die taz Anfang 2026 berichtete, beschreibt Rassismus als ein weit verbreitetes, zugleich aber häufig übersehenes Problem.

Hasskommentare in den „sozialen“ Medien

Besonders sichtbar wird der Hass in den sozialen Medien. Die Distanz zum Gegenüber macht es leicht, Grenzen zu überschreiten. Ein beleidigender Kommentar ist schnell geschrieben, ein Mensch schnell herabgewürdigt. Und was einmal veröffentlicht ist, kann sich weiterverbreiten. Dabei wird Rassismus manchmal als bloße „Meinung“ verharmlost. Doch Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass Menschen unwidersprochen entmenschlicht, beleidigt oder aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt werden dürfen.

Smilla Kolbe, Deutsche Meisterin 2025 über 800 m in Dresden, hat genau diesen Punkt angesprochen. Sie beobachtet rassistische Kommentare unter den Beiträgen anderer Athletinnen und Athleten und erwartet von allen, die die deutsche Mannschaft unterstützen, Respekt und Zusammenhalt.

Das ist für mich der entscheidende Punkt: Wir vertreten hier alle ein Land. Und deshalb dürfen wir Rassismus nicht als Problem der Betroffenen betrachten. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung.

Es gibt Möglichkeiten zu handeln. Fans können Hasskommentare melden, Betroffene unterstützen und sich sichtbar gegen rassistische Äußerungen stellen. Vereine und Verbände können klare Regeln aufstellen, Beschwerden ernst nehmen und ihre Athletinnen und Athleten schützen. Auch Bildungsangebote gehören dazu. Der Deutsche Leichtathletik-Verband bietet beispielsweise über seine Online-Akademie einen kostenlosen Anti-Rassismus-Kurs an.

Auch Kampagnen wie #BewegtGegenRassismus zeigen, dass Sport mehr sein kann als Wettkampf. Er kann Menschen verbinden, Brücken bauen und ein klares Zeichen für Menschenwürde setzen. Doch letztlich beginnt Veränderung nicht bei einer Kampagne und auch nicht bei einem Verband. Sie beginnt bei uns selbst.

Wir können wegsehen. Wir können sagen: Das war doch nur ein Kommentar. Wir können weitergehen, wenn jemand auf dem Sportplatz beleidigt wird.

Oder wir können stehen bleiben. Etwas sagen. Melden. Widersprechen. Solidarität bekunden.

Ich selbst stehe seit Jahrzehnten mit meiner Familie an der Seitenlinie. Der Sport hat uns viele schöne Momente geschenkt. Gerade deshalb möchte ich nicht zulassen, dass Hass diesen Ort verändert. Denn heute geht es um mehr als um Fußball, Leichtathletik oder irgendeinen anderen Sport. Es geht um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Denn wenn wir nicht handeln – wer dann?

Wir können etwas bewirken. Vielleicht nicht die Welt verändern, aber wir können einem betroffenen Menschen den Rücken stärken oder widersprechen, wenn Rassismus als Scherz verkauft wird. Wir können unseren Kindern, unseren Freund:innen und unserem Umfeld zeigen, dass Respekt keine Floskel ist.

Sport lebt von Fairness, Respekt und einem gemeinsamen Ziel. Genau dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Ich gebe nicht auf. Denn der Sport hat mir und meiner Familie so viel gegeben.

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