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Der Drei-Wochen-Bürgermeister von Radolfzell 1945: Rainer (Réne) Schlegel

Von Markus Wolter
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“Befreite Elsässer danken Adolf Hitler!“ – René Schlegel rechts neben Oberstadtkommissar Robert Ernst, Trois-Épis 1940. 1 Fi 1296, phot. STRUCKMEYER-WOLFF, Hellmuth © Archives de la Ville et de l’Eurométropole de Strasbourg

Unter den nationalsozialistisch gesonnenen Bürgermeistern der Stadt Radolfzell ist Rainer (Réne) Schlegel ein Unbekannter geblieben. Er amtierte im April 1945 für kurze Zeit, floh dann, tauchte unter und entging der Todesstrafe. Das Porträt eines Mannes, an den so manche nur ungern erinnert werden.

„Auf dieser Seite würdigt die Stadt Radolfzell ihre amtierenden und ehemaligen Bürgermeistern[!] sowie den[!] Ehrenbürgern[!], die sich in besonderer Weise um das Wohl der Stadt verdient gemacht haben sowie der[!] Geschichte zur Entstehung von Radolfzell.1

Mit diesem nicht nur grammatikalisch verunglückten Einleitungssatz „würdigt“ Radolfzell auf der aktuellen Internetseite neben seinen Ehrenbürgern sämtliche, undifferenziert auf Klickflächen präsentierten Bürger- und Oberbürgermeister, vom frühen 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dort finden sich Namen und Amtszeiten, nicht nur der demokratisch gewählten, sondern auch der vier NS-Amtsträger: Eugen Speer (1934-1935), Josef Jöhle (1935-1942), August Kratt (kommissarisch, 1942-1945) und Rainer Schlegel (1.-21. April 1945).

Vom internen „Arbeitskreis Erinnerungskultur“ in zähen Beratungen vorbereitet, hatte der Radolfzeller Gemeinderat erst am 10. März 2026 wenigstens beschlossen, in der „Bürgermeistergalerie“ und auf www.radolfzell.de/stadtgeschichte „bei den Bürgermeistern Eugen Speer, Josef Jöhle und August Kratt soll der bisherige Zusatz ‚Nicht demokratisch gewählt‘ durch den Satz ‚Die Bürgermeister des dritten Reiches waren nicht demokratisch gewählt, sondern von der NSDAP ernannt‘ ersetzt werden.“

Während diese historische Fußnote zunächst nur bei Eugen Speer und Josef Jöhle zeitnah „eingepflegt“ worden war, musste beim 2025 gutachterlich „entnazifizierten“ Ehrenbürger August Kratt an die Ergänzung bereits ausdrücklich erinnert werden. Bei Rainer Schlegel, dem vormaligen NSDAP-Kreisleiter und „Volkstumsreferent“ im besetzten Elsass, blieb sie bis heute aus. Radolfzell schien seinen Drei-Wochen-Bürgermeister von 1945 einmal mehr am liebsten vergessen zu wollen.

René (Rainer) Emile Schlegel (2.11.1893–29.10.1968)

Die Personalie Rainer Schlegel, des nach Eugen Speer, Josef Jöhle und August Kratt vierten Nazi-Bürgermeisters von Radolfzell in den Jahren 1934-1945 (Otto Blesch, 1933, ausgenommen), wurde über die bloße Erwähnung seiner nur dreiwöchigen Amtszeit hinaus bislang nicht untersucht; fälschlich mal als „Alter Kämpfer aus Straßburg“ (August Kratt, 1946), mal als „elsässischer Schriftsteller“ (Otto Raggenbass, 1964) bezeichnet, der sich am 21. April 1945 „nach Bregenz“ abgesetzt habe. Von ihm war in der bisherigen Radolfzeller Stadtgeschichte lediglich und überdies ohne Beleg zu lesen, dass er zum 1. April 1945 von Gauleiter Robert Wagner als neuer Bürgermeister in Radolfzell eingesetzt worden sei, um den angeblich als „politisch unzuverlässig“ geltenden, kommissarisch waltenden August Kratt abzulösen.

In dem von der Stadt Radolfzell in Auftrag gegebenen Kratt-Gutachten von Carmen Scheide (2025) heißt es dazu unbelegt und außerdem falsch: „Im März 1945 wurde Kratt seines Amtes als Bürgermeister enthoben, nachdem ihm die SS Unzuverlässigkeit vorgeworfen hatte. Der frühere(!) Bürgermeister Schlegel wurde wieder(!) ins Amt gesetzt, floh jedoch angesichts der heranrückenden französischen Truppen am 21. April 1945 aus Radolfzell, weshalb Kratt dann aus eigener Entscheidung heraus abermals die Bürgermeisterpflichten wahrnahm.“ (Carmen Scheide: August Kratt, Radolfzell 2025, S. 31). Im Gutachten werden die Einsetzung von „Bürgermeister (Rainer) Schlegel“ und die vermeintlich pflichtschuldige Selbstwiedereinsetzung Kratts ansonsten weder näher untersucht noch quellenkritisch hinterfragt.

Der elsässische Autonomist (1919-1939)

Der 1893 in der Landeshauptstadt Straßburg im damaligen Reichsland Elsass-Lothringen geborene und aufgewachsene René (ab 1940: Rainer) Emile Schlegel war der Sohn von Emile Schlegel und Emilie Liebert. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst im Deutschen Heer; bis 1918 war er an der russischen Front und zuletzt an der Ostfront eingesetzt. In Straßburg, das durch den Versailler Vertrag 1919 Frankreich zugesprochen wurde, führte Schlegel von 1919 bis 1928 eine Druckerei (Atelier de Reproductions de Plans et de Dessins).

Im Januar 1926 folgte er Paul Schall als Geschäftsführer der satirischen autonomistischen Wochenzeitschrift D’Schliffstaan, die jedoch am 26. November 1927 von den französischen Behörden verboten wurde. Im selben Jahr war Schlegel einer der Unterzeichner des Gründungsmanifests des „Elsaß-lothringischen Heimatbundes“, einer Autonomiebewegung der Zwischenkriegszeit, deren Sekretär er 1926 in der Straßburger Ortsgruppe wurde. Ferner wurde er Mitglied des Leitungsausschusses der 1927 gebildeten „Unabhängigen Landespartei für Elsaß-Lothringen“ (ULP).

René Schlegel wurde bei Hausdurchsuchungen im Umfeld des Elsaß-lothringischen Heimatbundes und der ULP am 30. Dezember 1927 verhaftet. Im Mai 1928 war er einer von 15 Angeklagten im Colmarer Autonomistenprozess, die der „Verschwörung gegen die Staatssicherheit (atteinte à la sûreté de l’Etat)“ beschuldigt wurden. Die Gerichtsverhandlung im Colmarer Schwurgericht endete für Schlegel und zehn weitere Angeklagte am 24. Mai 1928 mit einem Freispruch.

Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft war Schlegel vom 7. Juli 1928 bis 29. Dezember 1931 Chefredakteur des elsässischen autonomistisch-satirischen Wochenblatts Das Narrenschiff. In dieser Eigenschaft wurde er mehrfach wegen Verleumdung verurteilt. Die Zeitschrift bezog seinerzeit eindeutig Position für rechte politische Strömungen und veröffentlichte bisweilen aggressive, antisemitisch geprägte Zeichnungen. Ferner arbeitete Schlegel für die autonomistische, von Paul Schal geleitete Tageszeitung Elsass-Lothringer Zeitung, deren Redakteur er vom 27. September 1935 bis zu ihrem Verbot am 28. August 1939 war. Er ist außerdem der Autor einer Komödie in elsässischer Mundart mit dem Titel s’Paradies, die an den Theatern von Hagenau und Straßburg 1931 aufgeführt wurde.

René Schlegel trat im Mai 1929 in den Straßburger Stadtrat ein und wurde unter Bürgermeister Charles Hueber stellvertretender Bürgermeister, zuständig für das Standesamt. Er behielt sein Mandat bis 1935, gehörte jedoch zur Opposition gegen den republikanischen Bürgermeister Charles Frey.

NSDAP-Kreisleiter im besetzten Elsass und Dreiwochen-Bürgermeister von Radolfzelll (1940-1945)

René Schlegel wurde im September 1939 mit anderen Autonomisten unter Anklage des Hoch-Landesverrats in Straßburg verhaftet und kam ins Militärgefängnis von Nancy. Die Gruppe, die später unter dem Namen Die Nanziger (Nancéiens) bekannt wurde, hatte im Kontext der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland ihre anfänglich autonomistisch-föderalistische Agenda der 1920er Jahre längst aufgegeben, sympathisierte offen mit der NS-Bewegung und forderte programmatisch, das Elsass an das Deutsche Reich zurück- und anzugliedern. Die Nanziger übernahmen dabei Inhalte des NSDAP-Programms und vertraten auch dessen antisemitische Positionen.

Mit Beginn des deutschen Westfeldzugs 1940 war das Militärgefängnis von Nancy am 14. Juni 1940 vorübergehend geräumt worden: Die Inhaftierten Nanziger wurden zunächst nach Lyon verlegt, eine erste Gruppe, bestehend aus dem Führer der „Jungmannschaft“ Hermann Bickler und den Straßburger Stadträten René Hauss, Paul Schall und René Schlegel dann weiter nach Privas; eine zweite Gruppe in das Gefängnis von Carcassonne. Von einem Sonderkommando der Abwehr der Wehrmacht „befreit“, erfolgte ihre Übergabe an deutsche Truppen am 17. Juli 1940 in Chalon-sur-Saône. Sie kehrten über Trois-Épis (Drei-Ähren) nach Straßburg zurück und wurden mit großem propagandistischen Begleitprogramm von den deutschen Besatzern empfangen; das sogenannte Manifest von Drei-Ähren vom 17. Juli 1940, dessen Mitunterzeichner Rainer Schlegel war, inszenierte sie als „Vorkämpfer unseres elsässischen und deutsch-lothringischen Volkes“.

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Rainer Schlegel bei seiner Ankunft am Bahnhof Straßburg, 1940. 1 Fi 13244, phot. STRUCKMEYER-WOLFF, Hellmuth © Archives de la Ville et de l’Eurométropole de Strasbourg
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Rainer Schlegel bei seiner Ankunft am Bahnhof Straßburg, 1940. 1 Fi 13246, phot. STRUCKMEYER-WOLFF, Hellmuth © Archives de la Ville et de l’Eurométropole de Strasbourg

Die Gruppe war zuvor in einem Hotel in Trois-Épis von Robert Ernst erwartet worden. Während einer zweitägigen Klausur versuchte Ernst die Nanziger für eine Tätigkeit im Elsässischen Hilfsdienst (EHD beim Aufbau des nationalsozialistischen „Großdeutschland“ zu gewinnen, um sich mit diesen zusammen frühzeitig genügend politischen Einfluss im Sinne der Autonomisten zu sichern. Der badische Gauleiter Robert Wagner als Chef der deutschen Zivilverwaltung im Elsass verhinderte dies allerdings, so dass den Nanzigern schließlich nur NSDAP-Funktionen der mittleren Leitungsebene zugewiesen wurden.

Die „Nanziger“ wurden sämtlich mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet und erhielten außerdem eine Entschädigung („Volksschäden“) für ihre Inhaftierung im Jahr 1939. Im November 1940 arrangierte Robert Ernst – der im August zum SS-Standartenführer ernannt worden war – während einer Informationsreise nach Berlin einen Empfang der Männer durch Himmler.

Ernst, Schall, Bickler und Schlegel nahmen 1940 im Beisein von Karl Haushofer und Franz Ritter von Epp in München an den jährlichen Gedenkfeiern zum Hitlerputsch teil. Am 1. April 1941 wurden sie automatisch in die NSDAP aufgenommen. Per Gauleiter-Erlass vom 23. August 1942 wurde ihnen überdies die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen.

Schlegel war zunächst Volkstumsreferent unter Gaupropagandaleiter Adolf Schmid und wurde am 14. Februar 1942 zum Ratsherrn in Straßburg ernannt. Anschließend als Bürgermeister von Saverne (Zabern) eingesetzt, avancierte er 1942 daselbst zum Nachfolger von NSDAP-Kreisleiter Rudolf (Rodolphe) Lang (1909-1979), abgelöst 1944 von Hans Rothacker (1904-1946). Ende 1944 war Schlegel Mitbegründer der „Elsässischen Freiheitsfront“ in Colmar.

Zum 1. April 1945 wurde Schlegel von Robert Wagner als neuer Bürgermeister der SS-Garnisonsstadt Radolfzell am Bodensee eingesetzt, wo er den bisherigen, kommissarisch amtierenden Bürgermeister August Kratt hauptamtlich ersetzen sollte. Den Amtsstatus als Bürgermeisterstellvertreter (nunmehr Schlegels) verlor Kratt nicht. Bereits am 21. April soll Schlegel vor der anrückenden französischen Armee aus Radolfzell geflüchtet sein, oder, wie Kratt im Rahmen seiner Entnazifizierung formulierte: „Aus Sicherheitsgründen verließ Bürgermeister Schlegel bereits am 21. April 1945 Radolfzell, um sich nach Bregenz zu begeben.“ Danach verliert sich seine Spur. Die näheren Umstände sowohl der Amtseinsetzung Schlegels durch Wagner als auch die anschließende, angebliche „Selbstwiedereinsetzung“ Kratts sind bislang nicht bekannt und bedürfen einer quellenkritischen Aufarbeitung.

Todesurteil 1947 in Abwesenheit – Schlegels unbekannte Nachkriegsbiografie

Am 4. September 1947 verhängte das Schwurgericht von Straßburg wegen „geheimer Absprachen mit dem Feind“ (Kollaboration) Freiheitsstrafen und Zwangsarbeit gegen die Nanziger sowie sieben Todesurteile – sechs davon in Abwesenheit: gegen Hermann Bickler, René Hauss, Rodolphe Lang, Edmond Nussbaum, Paul Schall und René Schlegel. Das bereits seit März 1947 unter Zwangsverwaltung stehende Vermögen des flüchtigen französischen und deutschen Staatsbürgers Schlegel wurde eingezogen.

Rainer Schlegel, dessen weiterer Lebensweg in Deutschland bislang unbekannt ist und dessen Todesurteil nicht vollstreckt wurde, war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er starb am 29. Oktober 1968 in Karlsruhe.

Anmerkung und Literatur

Anmerkung 1 : www.radolfzell.de/stadtgeschichte, Zugriff am 27. August 2026, 6:39 Uhr.

Wolfgang Proske: Lexikon der Kleinen Hitler! Die NS-Kreisleiter in Baden, Württemberg-Hohenzollern und im besetzten Elsass, ca. 1928–1945. Kugelberg Verlag, Gerstetten 2024, S. 140.
Michel Krempper: Faut-il réhabiliter les „Nanziger“? In: Land un Sproch. Les cahiers du bilinguisme 199 (2016), S. 17–18.
Léon Strauss: Schlegel, Emile René. In: Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne, Strasbourg 1998, Vol. 7, S. 3449–3450.
Jean-Laurent Vonau: L’épuration en Alsace, la face méconnue de la libération, 1944–1953. Strasbourg, Editions du Rhin, 2005.
Philip Bankwitz: Les chefs autonomistes alsaciens 1919–1947 (auch: Alsatian autonomist leaders 1919–1947, The Regents Presse of Kansas, Lawrence 1978) aus dem Englischen ins Französische übersetzt. In: Saisons d’Alsace 71 (1980).
Karl-Heinz Rothenberger: Die elsass-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung, Peter Lang, Frankfurt a. M. 1976.
Lothar Kettenacker: Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsass. Stuttgart 1973, S. 92, 116 f., 127, 315.

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