
Vor fünf Jahren wurde das leerstehende Schloss Blumenfeld im Rahmen des Programms „Summer of Pioneers“ neu belebt. Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums, das am 25. Juli mit einem großen Fest gefeiert wurde, ist ein schönes Fotobuch der Künstlerin Jennifer Janowski erschienen.
2015 schloss das im Schloss Blumenfeld untergebrachte Pflegeheim seine Tore. Wieder einmal stand das alte Gemäuer leer. Das letzte Mal, Mitte der 1970er Jahre, retteten die Bewohner:innen des gesamten Landkreises Konstanz das Schloss in einer einmaligen Freiwilligenaktion: von den etwa 5.000 Arbeitsstunden, die damals Menschen nebenher leisteten, um ‚ihr‘ Schloss zu retten, wird bis heute im Dorf geredet. „Da im Dachstuhl“, sagt Georg Ritzi, der ehemalige Leiter der Schreinerei der Universität Konstanz, zu mir, „das ist mein Vater“ und deutet mit dem Finger auf ein schwarzweißes Foto, das hoch in den Sparren des Schlossdaches stehende Männer zeigt.
Lothar Wezstein, der in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses wohnt, erinnert sich an die Räuber-und-Gendarm-Spiele seiner Kindheit: „Ich bin mit dem Schloss groß geworden. Ich habe quasi da gelebt […]“ Christine Wesle hat das Schloss im Jahr 1983 kennenglernt, als sie im damaligen Krankenhaus angestellt wurde: „Umso trauriger war der jahrelange Stillstand und die Befürchtung, dass das Schloss zu einer Ruine zerfällt.“ Auch Konrad Mautz, inzwischen ein alter Herr von 85 Jahren, hat im Pflegeheim gearbeitet, als Gärtner. Er erinnert sich an die dunklen Fenster in den Jahren des Leerstandes: „Ich schaue abends oft hinüber zum Schloss und freue mich, wenn ich helle Fenster sehe. Viele Jahre blieben sie dunkel und das Schloss war menschenleer, tot, ohne Leben. Aber jetzt leuchtet und lebt es wieder.“
Einen Begegnungsort entdecken

„Schloss Blumenfeld“, so fasst es die Fotografin und Künstlerin Jennifer Janowski in ihrem Buch „Im Werden“ zusammen, „wurde nicht dadurch wieder lebendig, dass es saniert wurde. Es wurde lebendig, weil Menschen einzogen.“
Ein Porträt von Menschen und Räumen könnte man ihr Buch nennen. Es will nicht die Geschichte von Schloss Blumenfeld darstellen, keinen Überblick – auch keinen visuellen – geben. Es lädt vielmehr dazu ein, Schloss Blumenfeld als Begegnungsort zu entdecken. Sie kombiniert Fotografien kleiner Details – ein Teppichrand, eine Kritzelei an der Wand, die Laterne einer kleinen Märchenkutsche aus Holz, die einst einer Eisdiele als Werbeträger diente – mit Bildern von Menschen in Räumen. Menschen, die das Schloss in den letzten Jahren geprägt und gestaltet haben.
Möglich gemacht hat das ein Programm des Unternehmens Neulandia, das Dörfer und Kleinstädte zu beleben sucht, indem es digitalen Nomad:inn:en das Angebot macht, eine Zeit lang auf dem Land zu leben. Das Programm heißt „Summer of Pioneers“ und geht von einem Gedanken aus, den schon die allerersten Internetcommunities in den 1990ern hatten – Howard Rheingold lässt grüßen – im Grünen leben und über das Internet angeschlossen sein an Communities aller Art und die großen Daten- und Informationsströme dieser Welt.
Ein Nichtort

Das Internet, das darf man angesichts des durch KI, antisoziale Medien mit ihren Hatespeeches, Porno und Billigramsch völlig verkommenen Mediums nicht vergessen, war mal eine Hippieutopie. Und von diesem Utopia, diesem buchstäblichen Nichtort (ou topos), leitet sich der hintere Teil des Unternehmensnamens ab. Eine Utopie auf neuem Land leben, so sollte es sein, und das klingt erstmal eher so wie die Flucht enttäuschter Pietist:inn:en aus dem alten Europa mit seinen kirchlichen Strukturen ins Neue Land jenseits des Großen Wassers, das allerdings für Menschen, die diesen Weg zu Fuß bereits 10.000 Jahre vorher gewagt hatten, ein altes, eigenes Land war. Aber auch diese Geschichte hätte ja auch ganz anders ausgehen können. Wenn die Neuen die Alten, Einheimischen als Gastgeber:innen, interessante Nachbarn, mögliche Freundinnen und Freunde gesehen hätten.
Und so ist das ja oft mit Kulturinitiativen auf dem Land. Da kommen dann die hippen urbanen Kreativen und besetzen Räume, die andere nicht mehr bewirtschaften. Sie ziehen ein in Immobilien, die sie für attraktiv und inspirierend halten – Burgen, ziegelsteingemauerte Fabriken, säkularisierte Kirchen, verlassene Guts- oder Gasthöfe – und verändern diese dann nach ihrem Gusto. Erst einmal win-win. Alte Kulturdenkmäler oder schlicht leerstehende Immobilien werden belebt. Aber wie entwickelt sich dann das Verhältnis dieser Neuen zu den Alten? Die Skepsis ist ja häufig auf beiden Seiten groß: „Hereingeschmeckte“ nennt man Neubürger:innen, die über keine 500-jährige lokale Familiengeschichte verfügen, in Konstanz und beäugt selbst die Universität, die mittlerweile 60 Jahre alt ist und der größte Arbeitgeber der Stadt, noch immer mit Abstand wahrenden Blicken. Umgekehrt aber eben auch: Provinz, Rückständigkeit, Verbohrtheit – das sind Schlagworte, die man auf Seiten einer intellektuellen und kreativen Kaste hin und wieder hören kann.
Die Hereingeschmeckten

Wenn es funktionieren soll mit den Alten und den Neuen, mit Brauchtum und Bohème, mit „Haben wir schon immer so gemacht“ und „Lass uns doch mal alles anders machen“, dann braucht es Neugier auf- und Respekt füreinander. Das sind Haltungen, die immer wieder neu erprobt und gelebt werden müssen. Tag für Tag. Und das ist auch anstrengend für beide Seiten. Und oft bleiben Transferleistungen an wenigen Einzelnen hängen, denen dann irgendwann einfach die Kraft ausgeht – ein trauriges Schicksal vieler Initiativen und Alternativprojekte.
Dabei bietet doch gerade die Kleinteiligkeit von Dörfern eine Chance, im Informellen zu lösen, was formal gar nicht geht, nicht vorgesehen ist, durch keine Verwaltungsvorschrift gedeckt. Weil man dort, wo man einander kennt und vertraut, auch anders aushält, Widersprüche erträgt, Ambivalenzen lebt. Und weil man der persönlichen Menschenkenntnis allemal mehr zutraut als den Regelungen einer Bürokratie, die im Konkreten immer scheitern muss, weil sie Einzelfälle zu ignorieren oder aber überzuformalisieren gezwungen ist (das ist ihr Job). Und dort, wo die informelle Suche nach Lösungen, Antworten, Rat tatsächlich funktioniert, stiftet sie Gemeinschaft, weil Gestaltungs- und Partizipationsmöglichkeiten unmittelbar erfahrbar sind. ‚Selbstwirksamkeit‘ nennt man das, was heute so vielen Menschen fehlt oder zumindest nicht mehr als positive Kraft erlebt wird.
Das Informelle wechselt ins Mafiöse

Und, ja, auch und gerade diese Nähe hat ihre Abgründe. Dass der abendliche Fernsehkrimi sich immer dann, wenn’s so richtig gruselig werden soll, ländliche Gegenden mit skurrilen, finster drein blickenden und ganz und gar undurchsichtigen Gestalten irgendwo in der Einsamkeit von Wäldern und Feldern als Schauplätze wählt, erscheint einem wie mir, der vom platten Land, aus Ostwestfalen, stammt, durchaus plausibel. Denn das gibt es: das Informelle wechselt ins Mafiöse, das Vertraute ins Eigenbrötlerische, die Nähe der Einheimischen in den Hass auf alle Zugezogenen, die Sorge um andere in soziale Kontrolle und Herzensenge.
Tja. Was tun? In Blumenfeld war erst einmal Aufbruchstimmung, als das Programm „Summer of Pioneers“ 2021 anlief und dessen Fellows und Fellowinen dort einzogen, zwanzig an der Zahl. Dem einen Sommer folgte ein zweiter. Menschen zogen aus, andere ein. Ein Bürger:innenverein gründete sich: „Seit unserer Gründung haben wir viel erreicht – und manchmal auch die Nerven verloren. Die Anfangszeit war herausfordernd: Kaum gegründet, steckten wir schon mitten in Aufgaben, Festen und Arbeitseinsätzen, ohne Zeit, als Verein zusammenzuwachsen. Doch wir haben diese Zeit gemeistert und sind daran gewachsen.“
2023 läuft das Programm aus. „Als ich 2023 zum Bürgermeister der Stadt Tengen gewählt wurde, befand sich Schloss Blumenfeld an einem entscheidenden Wendepunkt. […] eine der ersten großen Fragen meiner Amtszeit lautete: Wie geht es mit diesem besonderen Ort weiter? Und vor allem: Soll es überhaupt weitergehen?“ fasst Selçuk Gök die Situation zusammen.
„Wie geht es mit diesem besonderen Ort weiter?“

Das Schloss wurde von der Gemeinde Tengen betrieben. Das wurde zunehmend schwierig, denn das Betreiben eines Schlosscafés, die Vermietung von Zimmern, Pflege von Co-Working-Infrastruktur und die Gestaltung eines Veranstaltungsprogramms gehören eher nicht zu den Standardaufgaben kommunaler Verwaltungen. 2024 wird eine Betreiber:innen-GmbH gegründet. Damit scheint ein Weg gefunden, die inhaltliche Entwicklung des Schlosses vom Erhalt der Immobilie abzulösen.
Gleichzeitig ist der Weg der Professionalisierung steinig. Bei den Grünen hieß das mal „Der Marsch durch die Institutionen“. Und während dieser – auf der einen Seite – dazu geführt hat, eine Partei, die als soziale Bewegung mit den Themen Umwelt und Frieden begonnen hat, zu stabilisieren und zu einem durchaus relevanten Machtfaktor im politischen Leben Deutschlands zu machen, hat er – auf der anderen Seite – die Bewegung massiv verändert. Viele haben der Partei den Rücken gekehrt, betrachten ihren Erfolg als eine Aufgabe ihrer Ideale.
Ich konnte das in verschiedenen Alternativprojekten, in denen ich mitgearbeitet habe und die ich, wenigstens ein Stück weit, mitgestalten durfte, beobachten, dass es ein schmaler Grat ist, auf dem man sich in der Professionalisierungsphase bewegt. Einerseits möchte man das Projekt zukunftssicher machen. Dazu braucht es Regeln und ein stabiles Organisationsgedächtnis – studentische Bands lösen sich eben schnell auf. Andererseits möchte man die Ideale und Visionen, die eben dieses Projekt überhaupt erst ins Leben gerufen haben, erhalten.
„Zukunft am Zukunftsort“
In Schloss Blumenfeld wird es sich weisen: überwiegt ein ‚Wir schaffen das, wir haben schon ganz anderes geschafft‘ wechselseitiges Fingerzeigen? Rauft man sich zusammen? Hat man noch genügend Energie, das zu tun? Derzeit ist der nötige Umnutzungsplan für das Schloss – Brandschutz, Barrierefreiheit, Denkmalschutz etc. etc. etc. – ein Zankapfel. Die alten Griechen drückten diesen Apfel übrigens einer hoch wandlungsfähigen Göttin in die Hand, Eris, der Göttin des Streits, Schwester von Mars, dem Kriegsgott: sie ist klein und mickrig, ja, verschrumpelt von Gestalt, solange niemand ihren Einflüsterungen Glauben schenkt, wächst aber zu strahlender Schönheit an, wenn der Same der Zwietracht beginnt, in den Herzen aufzugehen. Eris ist überzeugend, wenn sie klein und gebrechlich daherkommt und sie ist verführerisch, wenn sie erst einmal zu voller Größe erblüht. Aber wenn ihr niemand zuhört, dann kann sie nicht wachsen.
In Blumenfeld rumort es, aber die Zukunft ist und bleibt, was immer das Beste an ihr ist: offen. „Zukunft am Zukunftsort“ hat Jennifer Janowski den letzten Teil ihres Buches überschrieben. Er versammelt viele kurze Statements und Wünsche. Das Verb, das am häufigsten von allen verwendet wird, lautet „bleiben“. Schloss Blumenfeld möge bleiben und es möge das sein, wozu es sich entwickelt hat in den letzten Jahren: ein Ort im Werden.
Jennifer Janowski: Im Werden. Der Zukunftsort Schloss Blumenfeld, Weilerswist-Metternich: Barton Verlag 2026, 30 Euro, ISBN 978-3-911586-20-7.


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