
Als Adele Pardini im Mai 2025 zur Eröffnung der Ausstellung „ÜberLeben erzählen“ nach Konstanz kam, nahm sie sich vor allem Zeit für junge Menschen. Sie traf Studierende sowie drei Schulklassen und erzählte ihnen, was sie selbst überlebt hatte: Am 12. August 1944 fielen Soldaten der Waffen-SS in das toskanische Bergdorf Sant’Anna di Stazzema ein und ermordeten bis zu 560 Menschen – vorwiegend Frauen, Kinder und alte Menschen.
Adele Pardini war damals ein Kind, sie verlor ihre Mutter, zwei Schwestern und viele weitere Angehörige. Seit 2017 kommen jeden Sommer junge Menschen aus Deutschland und Italien an diesen Ort, um an der deutsch-italienischen Jugendbegegnung in Sant’Anna di Stazzema teilzunehmen.
Beim „Campo della Pace“ geht es um das Zuhören und um die Begegnung mit den Überlebenden und ihren Nachkommen, aber ebenso um die Fragen, die daraus folgen: die mangelhafte (juristische) Aufarbeitung der Kriegsverbrechen, die Verantwortung heute. Und darum, was junge Menschen aus zwei Ländern gemeinsam daraus machen, wie zum Beispiel das Schließen von Freundschaften. Für das zehnte Campo, vom 3. bis 14. August 2026, sind noch Plätze frei.
Ein Verbrechen ohne Urteil
In Italien wurden 2005 zehn der noch lebenden Täter in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Deutschland lieferte sie aber nicht aus und führte eigene Ermittlungen: Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren 2012 ein. In Deutschland kam es nie zu einer Verurteilung, nicht einmal zu einem Prozess. Der Fall gilt bis heute als Justizskandal. Aus dem Protest gegen diese Einstellung formierte sich in Baden-Württemberg eine zivilgesellschaftliche Initiative. Gemeinsam mit den Überlebenden und ihren Familien entstand daraus ein Projekt der Jugendbegegnung – das Campo della Pace (Friedenscamp), das 2025 mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet wurde.
In Konstanz war das Thema zuletzt mehrfach präsent: mit der Ausstellung „ÜberLeben erzählen. Sant’Anna di Stazzema 12. August 1944/2024“, die rund 40 Studierende der Universität Konstanz erarbeitet haben und die im Mai 2025 im Bürgersaal zu sehen war, sowie mit dem Dokumentarfilm „Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema“ des Konstanzer Filmemachers Jürgen Weber (Produktion: Querwege®, Konstanz).
Die jungen Menschen erwartet im August eine intensive und bereichernde Zeit: Sie führen Gespräche mit Zeitzeug:innen und ihren Nachkommen, unternehmen historische Wanderungen und können an künstlerischen, journalistischen und musikalischen Workshops teilnehmen. Darüber hinaus haben sie die Möglichkeit, eigene Beiträge für die offiziellen Gedenkfeierlichkeiten am 11. und 12. August zu gestalten.
Im Herbst wird ein Nachbereitungsseminar in Stuttgart folgen, also dort, wo die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die in Italien verurteilten SS-Angehörigen einstellte. Dabei sollen der Umgang mit NS-Täter:innen in der Nachkriegsgesellschaft, die oft ausbleibende juristische Aufarbeitung und zivilgesellschaftliche Gedenkarbeit thematisiert werden.
Warum jetzt?
Rechte und geschichtsrevisionistische Positionen gewinnen in ganz Europa an Boden, Antisemitismus und Rassismus nehmen zu, politische Bildung läuft immer stärker über soziale Medien und gezielte Desinformation. Das Campo della Pace setzt dem etwas Konkretes entgegen: persönliche Begegnung, Zuhören, die Erfahrung, dass Geschichte Menschen betrifft – und dass junge Menschen aus zwei Ländern gemeinsam Verantwortung übernehmen können.
Dass das wirkt, zeigt sich an den Teilnehmenden selbst. Viele von ihnen kommen wieder, engagieren sich weiter, führen inzwischen Schulklassen durch Sant’Anna oder leiten das Campo mit. Aus der Arbeit sind zudem Ausstellungen, Blogs, Filme und Publikationen entstanden.
Die Eckdaten
Termine: 3. bis 14. August 2026 in Sant’Anna di Stazzema, Nachbereitungsseminar vom 29. Oktober bis 1. November 2026 in Stuttgart. Teilnehmen können junge Menschen zwischen 17 und 27 Jahren. Vorkenntnisse sind nicht nötig, Interesse genügt. Das Team ist mehrsprachig.
Kosten: 250 Euro, inklusive An- und Abreise, Unterkunft und Vollverpflegung. Ermäßigungsanträge sind möglich. Wer dabei sein möchte, sollte sich schnell melden, die Plätze sind begrenzt.
Veranstaltet wird das Campo della Pace von Die AnStifter e.V., der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V. und der Naturfreundejugend Württemberg, in Kooperation mit der Gemeinde Stazzema, dem Parco Nazionale della Pace und der Associazione Martiri di Sant’Anna. Gefördert wird das Projekt vom Land Baden-Württemberg und vom Auswärtigen Amt.
Anmeldung sowie Infos unter s.anna.campodellapace@gmail.com und weitere Informationen hier und hier.

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