Kulturparade1 2026 07 11 © rrb

Die Kulturparade – mehr als nur laut, bunt und heiß?

Von Ralph-Raymond Braun (Text und Bild)
Kulturparade1 2026 07 11 © rrb

Am vergangenen Samstag sah Konstanz seine erste Kulturparade. Organisiert vom Kulturnetzwerk Loretta, zogen trotz glühender Hitze gut tausend Menschen mit zehn bunt geschmückten Wagen vom Bodenseeforum über die Alte Rheinbrücke zum Schänzle. Zentrale Forderung der Tanzdemo: Mehr Anerkennung, mehr Räume und mehr Geld für die Kultur.

Den Schulterschluss zwischen freier Kulturszene und den etablierten Institutionen demonstrierte gleich der Auftakt der Veranstaltung. Auf der Veranda des Bofo eröffnete ein Bläserquintett der Bodensee Philharmonie das Musikprogramm. Anschließend sprach Theaterintendantin Karin Becker. Das Theater war dann auch mit einem Bollerwagen beim Umzug dabei, zum Abschluss lieferten sich Odo Jergitsch und Leonard Menschter ein Wortgefecht über den Sinn von Theater.

Die von den Umzugswagen donnernden Beats hatten dann so gar nichts mehr mit den filigranen Tönen der Orchestermusiker gemein. Mal von einfachen Handkarren, mal von nach Karnevalsart aufwendig dekorierten Lkw-Pritschen wurde das Publikum mit Clubmusik beschallt. Mit dabei die Kollektive Forró, Piratensender (Reggae), Forest Unit (Drum & Bass), Wave (Trance), Lootus (Techno). Dazu die Clubs und Partylocations Kantine, Kula, Contrast, und Kulturkiosk. Vorne dran gleich nach den polizeilichen Wegbereitern ein Wagen des die Kulturparade veranstaltenden Netzwerks Loretta, über das noch zu sprechen sein wird.

Die Aufzählung zeigt, welcher Ausschnitt des Kulturlebens hier tanzte und paradierte: Die Club- und Nachtkultur, und damit auch deren Publikum, ganz überwiegend junge Leute vom Studialter bis etwa 35. Nicht dabei war die Jugend der traditionellen Musik- und Karnevalsvereine, nicht die bildende Kunst. Von den Etablierten fehlten die Museen, wobei das Rosgartenmuseum am gleichen Tag sein eigenes Fest feierte. So gesehen repräsentiert die Kulturparade, die nächstes Jahr wiederholt werden soll, nur einen kleinen, wenngleich lauten Ausschnitt des Konstanzer Kulturlebens.

Das Loretta-Netzwerk

Organisiert und moderiert wurde das Event vom Kulturnetzwerk Loretta, einem Verein in Gründung. Der Presse wurde eine „Kerngruppe“ aus drei Frauen und sechs Männern vorgestellt, darunter eine DJane und drei ITler. Der Name Loretta spielt mit Loretto. Nicht mit dem italienischen Wallfahrtsort, sondern mit dem Lorettowald, in dem der Verein die Waldbühne künftig als Open-Air-Bühne verwalten und nutzen will, „für die gesamte Bandbreite an kulturellen Veranstaltungen – von Open-Air-Ausstellungen über Theater und Konzerte bis hin zu Raves“, wie Loretta-Sprecher Nik Volz – Berufsbezeichung „Creative Innovation Strategist“ – gegenüber dem Südkurier erklärte. 

Kulturparade piratensender 2026 07 11 ©rrb 2

Aktuell ist die sogenannte Waldbühne hinter der Nordkurve des Bodenseestadions jedoch nicht mehr als eine Lichtung im Wald. Mit Studierenden der HTWG arbeite man an einem Raum- und Soundkonzept, das Rücksicht auf die Natur nimmt und gleichzeitig Kultur ermöglicht, erläuterte Volz in seinem Gespräch mit der Lokalzeitung. Nimmt man die Lautstärke der Kulturparade oder gar des Campus-Festivals als Maßstab, wird das Konzept hoffentlich auch einen Fluchtkorridor für die Tierwelt und gratis Ohrschutz für Spaziergänger:innen enthalten.

Die Loretta-Kerngruppe ist gut vernetzt. Mitglied Samuel Hofer sitzt für FGL&Grüne im Konstanzer Gemeinderat. Als Vereinsadresse wird der Kulturkiosk Schranke am Petershauser Bahnübergang Jahnstraße angegeben. Dessen Gründer und Geschäftsleiter Moritz Schneider wurde für das Junge Forum in den Rat gewählt. 

Auch das Karla Magazin gibt den Kulturkiosk als Adresse an. Nora Büscher aus der Loretta-Kerngruppe arbeitet zugleich für Karla und war früher Vorstand des den Kulturkiosk tragenden Vereins, Nik Volz war ehedem Co-Geschäftsführer des Online-Magazins.

Forderungen an die Stadt

In einem Positionspapier stellt Loretta vier Forderungen an die Stadt, mit denen es die Konstanzer Kulturszene nach vorne bringen will. Allen voran über die Waldbühne hinaus mehr Räume für Kunst, Kultur und Begegnung. „Bestehende Kulturorte müssen geschützt werden, Proberäume bezahlbar bleiben und dauerhaft nutzbare Flächen für selbstorganisierte Veranstaltungen – tagsüber wie nachts – verfügbar sein.“

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Auch dabei: Theaterintendantin Karin Becker und Mitglieder der Bodensee Philharmonie

Des Weiteren springt das Kollektiv auf den angesagten Zug „Bürokratieabbau“ auf, mit dem sich ja leider meistens eine marktfreundliche Deregulierung gesetzlicher Normen und Schutzbestimmungen tarnt. „Genehmigungsverfahren, Auflagen und Abstimmungen sollen […] lösungsorientiert gestaltet sein“, fordert man von der Verwaltung.

Zum Dritten wünscht sich die Gruppe mehr Beteiligung in Gestalt eines regelmäßigen Austauschs zwischen Politik und den Akteur:innen des Kultur- und Nachtlebens. „Dafür braucht es feste Gesprächsformate und echte Beteiligung statt punktueller Symbolpolitik“, heißt es auf der Website der Kulturparade. Zu denken ist an ein Format wie der Runde Tisch zum Thema Nachtleben, den es auf Einladung junger Stadträt:innen bisher erst einmal im Sommer 2025 gab. Schon damals wurde diskutiert, dass sich Veranstalter, Clubs, Bars und Kulturschaffende zusammenschließen sollten, um ihre Interessen so gebündelt gegenüber der Stadt vertreten können.

Es geht ums Geld

Unter der Überschrift „Kultur anerkennen, nicht streichen“ fordern die Loretta-Netzwerker:innen schließlich „eine glaubwürdige Anerkennung für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der Kultur und ein klares Bekenntnis zur solidarischen Förderung.“ Anerkennung wird hier kapitalismusüblich in Geldform erwartet. „Etablierte Häuser, freie Szene und selbstorganisierte Initiativen dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden, keine Kulturform darf einem schlechten Haushalt zum Opfer fallen.“

Dieser bei Weitem längste Abschnitt im Loretta-Presseinfo verengt in seiner Argumentation den gerade noch weiten Kulturbegriff zunächst wieder auf das Nachtleben. Unter Verweis auf die „Nachtökonomische Studie Stuttgart“ und die vom Wirtschaftsministerium beauftragte Untersuchung „NightLänd“ wird die Bedeutung der Nachtökonomie als Wirtschaftszweig und Standortfaktor betont.

Nachtleben, so die Stuttgarter Studie, fördere zudem die Integration neu Zugezogener, indem es „fungiert als wesentlicher sozialer Bezugspunkt abseits der Erwerbsarbeitszeit, als Motor der informellen Integration und der (Wohn-)Standortbindung von jungen Talenten und Nachwuchskräften“.

Dem Netzwerk ist zu wünschen, dass es sich zu einem Sprachrohr der Konstanzer Kulturschaffenden aus allen Bereichen entwickelt und deren spartenübergreifende Interessen, die es ja durchaus gibt, gegen Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit artikuliert. Wenn die Kulturparade dazu helfen soll, muss sie sich über die Akteur:innen lauten Nachtlebens hinaus für weitere Spielarten und Altergruppen öffnen. Die Beteiligung von Theater und Symphonieorchester am Event waren dazu ein guter Anfang.

Ein Kommentar

  1. Nik Volz

    // am:

    Vielen Dank für den ausführlichen Vor- und Nachbericht. Dass hauptsächlich Gruppen der elektronischen Musik auf unsere breiter gestreuten, persönlichen Einladungen zur Gestaltung der Tanzdemo gefolgt sind, liegt sicherlich auch im Wesen einer Parade. Und ihr starkes Interesse zeigt gleichzeitig, welche Gruppen anderweitig zu wenig Raum zur Entfaltung finden.

    Bei der über zweistündigen Abschlusskundgebung, die für solch eine Veranstaltung ja durchaus inhaltlich relevant ist, im Bericht aber leider keine wirkliche Erwähnung findet, haben eine Funk-Band und eine Punk-Band gespielt, sowie weitere Gruppen gesprochen: Hochschultheater Konstanz, Gassenfreitag, Zebra Kino, Queergestreift, Kantine Konstanz, Kulturkiosk Schranke, Kulturladen Konstanz, Horst Klub, Mahagoni Kollektiv, Jugendkultur Contrast. Darüber hinaus ist der Raum unter der Schänzlebrücke Hand-in-Hand mit Streetartists und der Hall of Fame entstanden.

    Schlussendlich dürfen wir uns einig sein: Das ist „ein guter Anfang“.

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