Rektorin simone berwanger zeigt den frisch renovierten chemie fachraum © samuel hofer

„Lotte“ statt „Theo“ – die Gemeinschaftsschule am Zähringerplatz

Text: Till Seiler, Fotos: Samuel Hofer
Konrektor jan knecht (bildmitte), rektorin simone berwanger (rechts) © samuel hofer

Die Gemeinschaftsschule Lotte Eckener startete als zweite Gemeinschaftsschule neben der Gebhardschule im Schuljahr 2022/23 am Standort der früheren Theodor-Heuss-Realschule. Nach Bewältigung von Herausforderungen wie der Renovierung von Klassen- und Fachräumen hat sich die Schule erfolgreich etabliert. Stadträt:innen und weitere Mitglieder der Grünen waren bei einer Veranstaltung vor Ort.

Die progressiven Gemeinderatsfraktionen hatten sich für die Etablierung einer zweiten Gemeinschaftsschule eingesetzt, die 2020 nach intensiven Diskussionen beschlossen wurde. Zentrale Elemente dieser Schulart sind der Verzicht auf eine frühzeitige Selektion bezüglich des angestrebten Schulabschlusses, ein verbindlicher Ganztag sowie Lernberichte und Coaching statt Fokussierung auf Ziffernnoten.

Während für die Gebhardschule ein Neubau errichtet wurde, der zu den Erfordernissen der Gemeinschaftsschule passt, übernahm die Lotte-Eckener-Schule Räume der auslaufenden Theodor-Heuss-Realschule. Das altehrwürdige Schulgebäude wurde von 1902 bis 1907 erbaut. Die Nachfrage nach Realschulplätzen war stark zurückgegangen, so dass eine Realschule in Konstanz ausreicht, nämlich die entsprechende Abteilung der Geschwister-Scholl-Schule. Im Kontext der Schulentwicklung in Konstanz besuchten Stadträt:innen und weitere Mitglieder von Grüne&FGL im Rahmen des „Grünen Tisch vor Ort“ am 1. Juli die Schule und kamen mit der Schulleitung ins Gespräch.

Sanierung der Klassen- und Fachräume

„Die Stadt hat unterschätzt, was die Gründung einer neuen Schule bedeutet. Manche haben gedacht: Wir haben ja ein Schulgebäude und tauschen einfach Personal aus. Die Gemeinschaftsschule hat jedoch eine eigene Pädagogik mit eigenen Notwendigkeiten – wie Platz zum individualisierten Lernen und Rückzugsräume“, erläutert Rektorin Simone Berwanger. Die Schule besteht seit vier Jahren, so dass die bei der Gründung eingeschulten Fünftklässler:innen mittlerweile die achte Klasse besuchen.

Im laufenden Schulbetrieb wurden die meisten Klassen- und Fachräume saniert. Frau Berwanger kann den Gästen hochwertig ausgestattete Räume für den praxisorientierten Unterricht wie die Küche und den Textilraum sowie die kürzlich fertiggestellten naturwissenschaftlichen Fachräume zeigen und resümiert: „Wir fühlen uns von der Stadt gut unterstützt“.

Die Aufwertung des Schulhofes steht noch aus, dem wird sich auch eine Projektgruppe aus Lehrkräften und Schüler:innen widmen. Die Reduzierung der Parkplätze um die Hälfte ist vorgesehen, so dass zum Beispiel Sitzgruppen im Schatten entstehen können. Die Schule wird hier Eigenleistungen einbringen, erhält aber Unterstützung vom Hochbauamt der Stadt.

„Lotte“ als einzige weiterführende Schule am Zähringerplatz

Nach den Sommerferien ab Beginn des Schuljahrs 2026/27 wird die Lotte-Eckener-Schule die einzige weiterführende Schule am Zähringerplatz sein. Aktuell befindet sich hier auch der „Campus 2“ der Gebhardschule, die künftig an einem einzigen Standort am Bahnhof Petershausen untergebracht sein wird. Die Lotte-Eckener-Schule kann von der Gebhardschule Räumlichkeiten übernehmen, die allerdings 25 Jahre nach ihrem Bau saniert werden müssen. Nach herausfordernden Jahren der Kooperation mit anderen Schulen auf dem Gelände sowie der Sanierung im laufenden Betrieb sieht Simone Berwanger für die Lotte-Eckener-Schule gute Perspektiven: „Wir haben die Energie, die Schule weiterzuentwickeln“.

„Die Herausforderungen der Schule sind die Herausforderungen unserer Gesellschaft“

Die Schule bietet Struktur und Sicherheit sowohl für Schüler:innen mit schwierigem sozio-ökonomischen Hintergrund zum Beispiel aus dem Stadtteil Peterhausen, für zugewanderte Kinder und Jugendliche, die in einer Vorbereitungsklasse (VKL) die deutsche Sprache erlernen, sowie im Rahmen der Inklusion für Schüler:innen mit einer geistigen Einschränkung. Auf den Einwand, dass dies doch ziemlich schwierig und belastend sein könne, entgegnet Simone Berwanger: „Die Herausforderungen der Schule sind die Herausforderungen unserer Gesellschaft.“

Die Schule ist überschaubar: Sie hat derzeit 233 Schüler:innen und wird im kommenden Schuljahr auf ca. 300 Schüler:innen anwachsen. In jeder Klassenstufe gibt es zwei oder drei Parallelklassen. Zum Vergleich: Die Gebhardschule wird derzeit von ca. 1200 und das Humboldt-Gymnasium von ca. 1000 Schüler:innen besucht. Konrektor Jan Knecht hebt die „familiäre Atmosphäre“ hervor und sagt: „Es besteht ein enger Kontakt zwischen Lernenden und Lehrenden. Die Schüler:innen kennen sich gut untereinander.“ Die Gemeinschaftsschule Lotte Eckener bietet den Hauptschulabschluss sowie den Realschulabschluss an und ermöglicht den Übergang zur gymnasialen Oberstufe der Gebhardschule bzw. zu beruflichen Gymnasien. Jan Knecht betont die Bedeutung der Beratung in Bezug auf den individuell passenden Schulabschluss, wobei Jugendliche nicht danach bewertet werden dürften, welchen Abschluss sie anstreben.

Die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg führte der Machtverlust der CDU und die Bildung der damaligen grün-roten Landesregierung im Jahr 2011 zu einem Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik: Neben den traditionellen Schularten des dreigliedrigen Schulsystems wurde die Gemeinschaftsschule als integrative Schulform eingeführt. In den mittlerweile langen Jahren grün-schwarzer Landesregierungen seit 2016 ist der Reform-Elan im Ländle ziemlich erschlafft, die Einführung der Gemeinschaftsschule wurde jedoch nicht mehr rückgängig gemacht.

Die Stadt Konstanz ist im landesweiten Vergleich Vorreiterin bei der Etablierung der Gemeinschaftsschule. Zum frühestmöglichen Zeitpunkt entwickelte sich die Gebhardschule zur Gemeinschaftsschule weiter und startete bereits im Schuljahr 2012/13. Hinzu kam seit dem Schuljahr 2022/23 die Gemeinschaftsschule Lotte Eckener. Gemäß vorläufiger Anmeldezahlen werden zum kommenden Schuljahr in Konstanz ca. 36 Prozent der jetzigen Viertklässler:innen eine der beiden Gemeinschaftsschulen besuchen, landesweit lag dieser Anteil im Vorjahr lediglich bei ca. 15 Prozent. In diesem Kontext sei Elke Großkreutz erwähnt, die die Weiterentwicklung der Gebhardschule als Rektorin gemeinsam mit dem Team voranbrachte und nach ihrer Pensionierung im Auftrag des Staatlichen Schulamts als Beraterin der Lotte-Eckener-Schule tätig ist. Im Gespräch mit den Gästen bringt Rektorin Simone Berwanger die Haltung der Gemeinschaftsschule auf den Punkt: „Jedes Kind ist willkommen, wird gesehen und wahrgenommen.“

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