
Orchesterintendant:innen sind ein ganz eigener Menschenschlag, sollte man meinen. Wie wird jemand das, was Hans-Georg Hofmann, derzeit noch Intendant der Bodensee Philharmonie, geworden ist? Und gibt es überhaupt ein Leben danach?
seemoz: Wie wohl fast alle Orchesterintendanten hast Du als Kind nicht von einem Intendantendasein, sondern von einer Karriere als umjubelter Pianist auf den Podien dieser Welt geträumt?
Hofmann: Mein erster Kinder-Traumberuf war Kosmonaut – dann kam das Cello. Als ich sechs Jahre alt war, nahmen mich meine Eltern mit ins Leipziger Gewandhaus mit den Worten, „heute Abend nach dem Konzert sagst Du uns, welches Instrument Du gerne lernen möchtest“. Auf dem Programm stand Dvořáks Cellokonzert mit dem großartigen Miklós Perényi … das war geschickt eingefädelt, wofür ich meinen Eltern sehr dankbar bin. Ich hatte in Leipzig einen sehr strengen und intensiven Cello-Unterricht – meine akribische Lehrerin hieß lustigerweise Frau Patzer.
seemoz: Da hast Du aber Schwein gehabt. Es hätten ja auch ein Kontrabass-Konzert von Ditters von Dittersdorf oder gar die Jodlerin Mary Schneider („Yodeling the Classics“) sein können. Du kommst also nicht aus einem Musiker:innen-Haushalt?
Hofmann: Nicht wirklich, aber meine Mutter stammt aus einer Pastorenfamilie, hat immer viel gesungen, Flöte und Klavier gespielt. Mein Vater schwänzte zwar als Kind den Geigenunterricht, um Fußball zu spielen. Aber mit 40 Jahren lernte er noch Bratsche, um mit uns drei Kindern zusammen Streichquartett zu spielen.

Durch die Familie meiner Mutter bin ich protestantisch geprägt worden. Ich habe schon früh als Kind bei der Kirchenmusik mitgemacht und im Gottesdienst den Basso Continuo auf dem Cello geschrubbt. Auf diese Weise habe ich die mitteldeutsche protestantische Kirchenmusiktradition aufgesogen, für die ja vor allem der Name Bach steht, die aber auch darüber hinaus unvergleichlich reich ist.
Genauso prägend war für mich aber auch, dass die Kirche immer stärker zum Sammelbecken der Auflehnung und Opposition gegen die SED-Politik wurde. Ich stand damals mit beiden Füßen in zwei Welten. Da war einerseits mein Elternhaus und die Kirche, wo man offen über alles sprechen konnte. Auf der anderen Seite gab es die Schule, in der man sich genau überlegen musste, mit wem man über was spricht. Dass ich mit vollem Namen Hans-Georg Alexander Hofmann heiße, habe ich übrigens nicht zufällig Alexander Dubček zu verdanken, nicht Alexander dem Großen.

seemoz: Du bist mit Deinen Eltern 1978, als Du zehn Jahre alt warst, in Halle gelandet.
Hofmann: Mein Vater war nicht bereit, in die Partei einzutreten, und durfte deshalb als Kinderchirurg nicht länger an der Universitätsklinik in Leipzig bleiben. In der DDR gab es ja keine Arbeitslosigkeit, also sind wir nach Halle/Saale gezogen. Mein Vater erhielt dort den Auftrag, in einem katholischen Krankenhaus eine eigene Abteilung für Kinderchirurgie aufzubauen. Er hatte später das Glück im Unglück, dass er dort über die bundesrepublikanische Caritas die neuesten Ultraschallgeräte nutzen konnte und das erste Standardwerk zur Ultraschalldiagnostik bei Kindern publizierte.
Aus dem weltoffenen Leipzig in das provinzielle Halle zu ziehen, war für uns Kinder zunächst mit dem Abschied von vielen Freunden verbunden. Aber Halle hat seine ganz eigenen Reize, es ist der Geburtsort von Händel, es gibt die Franckeschen Stiftungen, der Goethe-Freund Johann Friedrich Reichardt hat mit seinem „Reichardtsgarten“ bei der Burg Giebichenstein ein Dichterparadies geschaffen. Dort befindet sich auch die bekannte Kunsthochschule.
Einerseits ist Halle bis heute eine berühmte Universitätsstadt und Sitz des Zentrums für die Erforschung der europäischen Aufklärung. Andererseits zog es die Arbeiter und Bauern aus der Umgebung in die modernen Hochhäuser nach Halle-Neustadt, von wo aus sie Tag und Nacht mit der S-Bahn zur Arbeit in die Chemiewerke nach Buna und Leuna fuhren. Diese Kombination aus Professorenaristokratie und Fabrikarbeitern ergab eine ganz besondere Mischung innerhalb der Stadtgesellschaft, was sich insbesondere auch in einer sehr aktiven wie kreativen Künstlerszene widerspiegelt.
seemoz: Zu jener Zeit haben Deine Finger täglich stundenlang auf dem Cello geblutet?
Hofmann: Mein neuer Cellolehrer in Halle sagte mir eines Tages, dass er mir nichts mehr beibringen könne. Er schlug mir vor, auf eine sogenannte Spezialschule für Musik zu gehen. Dort gab es neben der normalen schulischen Ausbildung eine intensive Musikausbildung. Ich hatte Cello- und Klavierunterricht, wir haben Gehörbildung und Musiktheorie studiert, in verschiedenen Ensembles musiziert und gesungen – das war ziemlich viel auf einmal und sehr anstrengend.
Da der Weg von der Spezialmusikschule direkt und ohne Abitur an die Hochschule für Musik und Theater in Leipzig führte, gab es Prüfungen u.a. auch vor den großartigen Cellisten des Leipziger Gewandhausorchesters. Bei einem dieser Vorspiele, ich muss 13 Jahre alt gewesen sein, spielte vor mir Michael Sanderling. Er ist heute Chefdirigent in Luzern und mir wurde schlagartig klar, dass eine Solistenkarriere für mich nicht mehr als ein Traum bleiben wird. Ich bin dann zurück an die polytechnische Oberschule und konnte später mein Abitur machen.

seemoz: Du warst sicher am Boden zerstört?
Hofmann: Damals habe ich das Cello erst einmal komplett in die Ecke gestellt, Klavier und ein bisschen Gitarre gespielt, in einer Folkband und später in einer Rockband auf einem Musima-E-Bass gespielt. Wir bekamen dann auch nach unserer erfolgreichen „Einstufung“ die wertvolle „Pappe“ (Spielerlaubnis für öffentliche Auftritte) und verdienten bei Auftritten im Jugendklub immerhin eine Gage von etwa 6 Mark pro Stunde. Damals mit 17, 18, 19 fühlten wir uns wie Helden, wenn wir auf der Bühne spielen durften.

seemoz: Das klingt nach einer entspannten, fröhlichen Jugend.

Hofmann: Es gab zwei Welten. Mein Vater hat sich ab 1986, als ich noch daheim wohnte, für die Organisation „Ärzte gegen den Atomkrieg“ (IPPNW) engagiert. Dadurch stand unsere ganze Familie unter Beobachtung der Staatssicherheit. Es wurde bei uns eingebrochen, aber es fehlte nichts, dafür war unser Telefon verwanzt worden. Im Herbst 1989 hörte meine Schwester nachts Schritte im Haus und bekam panische Angst. Vater hatte einen amerikanischen Kollegen, der viel fotografiert hatte, zu Besuch und dessen Fotoapparat samt Unterlagen waren mitgenommen worden.
Unsere Familie hat eine umfangreiche Stasi-Akte. Es war für meine Eltern demütigend, zu lesen, was auch aus der Nachbarschaft alles berichtet worden war. Du kannst das nicht so einfach verdrängen, es bleibt auch ein Meinungsspiegel, in den Du schaust.
seemoz: Du hast anschließend studiert?
Hofmann: Ich bin Jahrgang 1968 und musste nach meinem Abitur zunächst meinen Grundwehrdienst bei der NVA ableisten. Ich sollte eigentlich als Grenzsoldat an der innerdeutschen Grenze stationiert werden. Da aber meine Cousins in Mainz lebten und fast zur gleichen Zeit zur Bundeswehr eingezogen werden sollten, sagte ich dem Offizier im Wehrkreiskommando, dass man nicht von mir erwarten kann, im Ernstfall auf die Mitglieder der eigenen Familie zu schießen.
Daraufhin wurde ich nach Rostock abkommandiert. Als motorisierter Schütze in einem schwimmenden Panzer war ich reines Kanonenfutter.
Kurze Zeit später wurde ich als Kanonier zur Artillerie nach Hagenow versetzt. Hier gelang es mir nach langem Kampf, in eine Singegruppe aufgenommen zu werden. Mein Kompaniechef wollte das nicht. Als ich einmal ohne Bewilligung zur Probe ging, wurde ich abgeführt und kam kurzzeitig in den „Bau“. Letztendlich hat sich der Regimentskommandeur durchgesetzt und ich bekam eine Probeerlaubnis. Es waren die letzten Monate der DDR. Der größte Teil der Soldaten arbeitete als Billigarbeitskraft in der Wirtschaft. Wir hatten unsere Auftritte mit Programmen zwischen plattdeutscher Folklore mit Dudelsack und Arbeiterliedern. Tagsüber saßen wir in unserem Proberaum – ich habe in meinem Leben nie wieder so viel gelesen und Musik gemacht wie in dieser Zeit.
seemoz: Die Armee war damals wohl überall auf der Welt die Vorhölle.
Hofmann: Ich war jedenfalls froh, als ich 1989 entlassen wurde. Ich bin dann nach Halle zum Studium der Musik- und Literaturwissenschaften zurückgekehrt. Meine Studentenzeit zähle ich mit zur schönsten Zeit meines bisherigen Lebens. Ich habe den Herbst 1989 in Halle hautnah miterlebt, allerdings den Mauerfall buchstäblich verschlafen … und mich gewundert, als meine Nachbarin mit Freudentränen in den Augen vor meiner Wohnungstür stand.

Ich hatte eine große Wohnung im Künstler- und Studentenviertel. Wir haben anfangs fast jeden Abend gefeiert, diskutiert und Reise- und Berufspläne für die Zukunft entworfen. Das Gefühl von Freiheit war überwältigend, diese Zeit war einfach unglaublich.
Damals kam ein Freund mit einem riesigen Stapel Noten zu mir. Es waren vollständige Stimmensätze von hunderten Werken für Salonorchester. Er hat mir die Noten geschenkt, allerdings unter der Auflage, dass ich zu seinem nächsten Geburtstag etwas von dieser Musik für ihn spiele. Ich habe dann zu seinem Geburtstag ein Salonorchester mit zwölf Leuten zusammengetrommelt und auf einer riesigen Geburtstagsparty gespielt und moderiert. Das war ein großer Erfolg und das Theater am Volkspark veranstaltete daraufhin regelmäßig Tanzbälle mit uns als Kapelle.

seemoz: Wie hat sich „die Wende“ damals auf den Studienbetrieb ausgewirkt?
Hofmann: Ein großer Teil der alten Dozenten wurde aus politischen Gründen weggejagt. Es kam die zweite Garnitur aus dem Westen an die guten Posten, weil es in den eigenen Reihen nur wenig unbelasteten Nachwuchs gab. Das war eine gefährliche Entwicklung, die bis heute noch nicht richtig aufgearbeitet ist, denn diese Leute haben natürlich auch ihr eigenes Personal mitgebracht. Das hat für erhebliche Spannungen gesorgt.
Nach dem Studium hatte ich für drei Jahre einen wundervollen Job im Händel-Haus, für das ich einen Katalog sämtlicher in den Museen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vorhandener Instrumente anlegen sollte. Doch dann führte mich eine Bewerbung beim schweizerischen Nationalfonds für ein Promotionsstipendium in die Schweiz nach Bern, wo ich über die Rolle der Musik in den Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts promoviert habe. Sonst wäre ich vermutlich niemals in die Schweiz gekommen.


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