
Europas Abschottungspolitik produziert sinkende Geflüchtetenzahlen im Landkreis Konstanz – und tausendfaches Leid im Mittelmeer. Laut aktuellen Zahlen des Amts für Migration und Integration, die letzten Montag im Kreistag vorgestellt wurden, gehen die Zugangsraten seit Anfang des Jahres kontinuierlich zurück.
Durch diesen Rückgang sind die Gemeinschaftsunterkünfte inzwischen nur noch zu rund 60 Prozent ausgelastet – vor einem Jahr waren es noch 72, vor zwei Jahren 76 Prozent. Natürlich entlastet das kurzfristig Kommunen und Unterbringungssysteme. Aber wer die sinkenden Zahlen jetzt als Erfolg feiert, verdrängt die Realität an Europas Außengrenzen. Denn die Abnahme resultiert nicht aus weniger Krieg, weniger Verfolgung oder weniger Fluchtursachen.
Die Welt ist nicht friedlicher geworden. Im Gegenteil: Bewaffnete Konflikte, Armut, autoritäre Herrschaft und die Folgen der Klimakrise nehmen immer weiter zu. Dass trotzdem weniger Menschen Europa erreichen, liegt vor allem daran, dass die EU ihre Grenzen immer brutaler abschottet.
„Irreguläre Grenzübertritte“ stark zurückgegangen
Aktuelle Zahlen der europäischen Grenzschutzagentur Frontex zeigen, dass die Zahl sogenannter irregulärer Grenzübertritte zwischen Januar und April 2026 rund 40 Prozent unter dem Vorjahreswert liegt. Besonders stark ist der Rückgang auf der zentralen Mittelmeerroute zwischen Nordafrika und Italien. Frontex selbst führt das ausdrücklich auf die gute Zusammenarbeit mit nordafrikanischen Staaten zurück. Das ist mehr als zynisch! Denn diese „gute Zusammenarbeit“ mit Staaten wie Libyen bringt vor allem eins: eine fortgesetzte Verletzung von Menschenrechten – gefördert von der EU.
In der Praxis heißt das: Europa bezahlt andere dafür, die Drecksarbeit zu erledigen. Seit Jahren dokumentieren Menschenrechtsorganisationen und die Vereinten Nationen, was mit Geflüchteten in Libyen geschieht: Menschen werden auf dem Mittelmeer abgefangen und in Lager zurückgebracht, in denen Folter, sexualisierte Gewalt, Zwangsarbeit und willkürliche Inhaftierung zum Alltag gehören. Trotzdem finanziert, trainiert und unterstützt die EU weiterhin die sogenannte libysche Küstenwache – obwohl ihr schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden.
Wie entgrenzt diese Politik inzwischen ist, hat erst vor wenigen Tagen erneut ein Vorfall im Mittelmeer gezeigt: Das zivile Seenotrettungsschiff „Sea-Watch 5“ wurde in internationalen Gewässern von der sogenannten libyschen Küstenwache beschossen. Ein Schiff, das Menschen aus Seenot gerettet hatte, sollte offenbar gewaltsam zur Rückkehr nach Libyen gezwungen werden.
Die Realität hinter den sinkenden Zahlen
Wenn Menschen Europa nicht mehr erreichen, weil Fluchtwege geschlossen, Schutzsuchende in Folterlager zurückgedrängt und zivile Seenotretter:innen kriminalisiert oder angegriffen werden, dann ist das kein politischer Erfolg. Es ist ein moralischer und humanitärer Skandal!
Statt immer weiterer Abschottung braucht es sichere Fluchtwege, eine solidarische Aufnahme innerhalb Europas und menschenwürdige Bedingungen für Geflüchtete – auch hier vor Ort im Landkreis Konstanz. Eine humane Flüchtlingspolitik misst sich nicht daran, wie effektiv Menschen ferngehalten werden, sondern daran, ob Menschenrechte tatsächlich für alle gelten.
Vor diesem Hintergrund muss noch einmal betont werden, wie falsch es war, dass sich der Landkreis aus der Förderung der zivilen Seenotrettung zurückgezogen hat. Dieser Schritt steht exemplarisch für ein gesellschaftliches Klima, in dem Abschottung normalisiert und humanitäre Verantwortung zunehmend aufgegeben wird. Während Menschen im Mittelmeer ertrinken oder gewaltsam nach Libyen zurückgebracht werden, zieht sich auch hier vor Ort die öffentliche Solidarität Stück für Stück zurück.
Gerade jetzt bräuchte es das Gegenteil: eine klare humanitäre Haltung statt Abschottungspolitik und eine zuverlässige Unterstützung der Seenotrettung, deren Arbeit immer gefährlicher wird.

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