
Ganz außergewöhnlich für die Theaterlandschaft, wie Fellinis „Schiff der Träume“ auf den Spielplan und die Bühne kommt! In dieser kollektiv kuratierten Produktion wagt das Theater Konstanz den Perspektivwechsel. Gespielt wird in der Spiegelhalle, dem Ort für Junges Theater und innovative Inszenierungen.
Das Projekt „Rollenwandel“, ein mutiger und ambitionierter Versuch, die traditionell hierarchisch geprägten Strukturen aufzubrechen, wurde im Herbst 2024 von Chefdramaturgin Meike Sasse und Intendantin Karin Becker ins Leben gerufen. Theaterarbeit soll inklusiver, demokratischer und innovativer gestaltet werden. Interessierte Theatermitarbeitende sollen als Kollektiv in abteilungsübergreifender Zusammenarbeit eigenverantwortlich eine Produktion im Spielplan bestimmen und gestalten.
Noch immer sind in vielen Kulturbetrieben strukturelle Machtgefälle und das bewusste Ausnutzen dieser Macht an der Tagesordnung. Hier setzt das Theater Konstanz an und präsentiert einen Gegenentwurf, in dem eine Arbeitssituation geschaffen wird, die von Wertschätzung getragen ist. „Ziel des Projekts ist es“, so Meike Sasse, „die etablierten Strukturen und Entscheidungsprozesse des Theaterbetriebs zu untersuchen und durch Partizipation, echte Machtabgabe und Entscheidungsverantwortung auf allen Ebenen zu höchster Ergebnisqualität zu gelangen.“
Das Theater Konstanz beginnt dabei nicht bei null. Es gebe, so Sasse, zu jeder Produktion ein Nachgespräch mit allen Gewerken, Schauspieler:innn und Beteiligten oder nach Premieren ein Format, um die ästhetisch-künstlerische Umsetzung zu reflektieren. Ergebnisse werden in der Spielplangestaltung aufgenommen. Nun geht man jedoch einen ganz großen Schritt weiter.
Wir werden gehört

Eine immense Aufgabe für das Kollektiv, das sich aus Verwaltung, Werkstätten und Schauspielensemble zusammengefunden hat. Von Anfang an begleitete Organisationsentwicklerin Charlotte Koppenhöfer den Prozess mit Workshops, die Struktur und Selbstorganisation fördern sollten. Für sie ist klar, dass das Theater Konstanz mit „Rollenwandel“ Pionierarbeit leistet, die Strahlkraft auf andere Theater haben wird:
„In den letzten Jahren werden die Rufe in der Branche nach verantwortungsvollem Machtgebrauch immer lauter. Diesen strukturell-systemischen Herausforderung begegnet man, indem man über sinnhafte Prozesse hinter dem Organigramm nachdenkt. Das Theater Konstanz tut genau das: In einem einzigartigen Experiment wagt sich die Leitung daran, Entscheidungsmacht und -verantwortung in die Hände der Belegschaft zu geben“.
Die Ensemblemitglieder Kristina Lotta Kahlert und Ulrich Hoppe, von Anfang an dabei, erzählen, wie schwierig es alleine schon war, gemeinsame Termine zu finden, da in den verschiedenen Bereichen, aus dem die Teammitglieder zusammenkamen, völlig unterschiedliche Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten vorherrschen. Gemeinsam mit Charlotte Koppenhöfer wurde ein regelmäßiges Treffen am Montagmorgen organisiert. Und auch ein fester Platz auf der Probebühne im Werkstattgebäude wurde gefunden. Nicht ganz einfach im Konstanzer Theaterbetrieb, an dem es ja immer an Platz mangelt. Diese Regelmäßigkeit gab der Gruppe viel Kraft, wie beide betonen.
Laut Kristina Lotta Kahlert war es anfangs ein schwieriger Prozess, da es keine klaren Zielvorgaben gab. Das Team lernte neue Strukturen kennen und erhielt erstmals einen großen Einblick in die Erstellung des Spielplans. „Es war aber auch ein wunderbares Signal: Wir werden gehört.“ Und Ulrich Hoppe berichtet von der spannenden Erfahrung der Mitbestimmung und wie auf dem Weg zur Inszenierung die Freiheit Struktur bekommen hat.
Prozess der Stückfindung

Für die Regie wurde in einer ersten Entscheidungsfindung Regisseurin und Kuratorin Annika Schäfer ausgewählt, die neue Formen der Zusammenarbeit im Theater erforscht und den Fokus auf die Enthierarchisierung von Strukturen und die Einbindung unterschiedlicher Perspektiven legt. Ihre Arbeiten hinterfragen gängige Erzählungen und loten die Möglichkeiten eines offenen, gemeinschaftlichen Theaters aus. Der erste Kontakt zu ihr wurde vor etwa einem Jahr, am 25. Mai 2025, aufgenommen. Im Juli 2025 kam dann Tom Schellmann dazu, der für Bühne und Kostüme zuständig ist.
Welches Stück sollte denn nun auf die Bühne kommen? Zunächst wurden Vorschläge zusammengetragen, aus denen eine Longlist mit elf Stücken ausgesucht wurde. Nun musste abgeklärt werden, welche Projekte parallel laufen, wer aus dem Ensemble für die Besetzung zur Verfügung steht und wie viele gemeinsam auf der Bühne stehen können.
Ein weiterer Aspekt: Das Stück sollte in die Spielzeit passen, sich nicht doppeln – hier konnte Chefdramaturgin Meike Sasse Hilfestellung geben, die ja auch in den restlichen Spielplan eingebunden war. Die Shortlist umfasste dann noch fünf Stücke, über die weiterhin diskutiert wurde. Geeinigt hat sich das Team dann gemeinsam mit Regisseurin Annika Schäfer, die schon ab der Longlist mit dabei war, auf „Schiff der Träume“ – nach einem Drehbuch von Federico Fellini.
Schiff der Träume
Annika Schäfer, Bühnen- und Kostümbildner Tom Schellmann und das Rollenwandel-Ensemble nehmen Fellinis Filmklassiker als Folie für eine opulente Traum- und Trauerreise, in der Sehnsüchte, die Liebe zur Kunst und Musik, aber auch die Opfer, die das Künstler:innen-Leben erfordert, lustvoll-spielerisch und mit viel Musik erkundet werden. Dabei sollen während der Proben die Türen für alle aus dem Kollektiv offenbleiben.
Die eingebildete Elite aus Kunst, Adel, Geld und Politik – alle sind gekommen, um der unsterblichen Operndiva Edmea Tetua das letzte Geleit zu geben und ihre Asche im Meer zu verstreuen. Die letzte große Diva, die für ihre Kunst gebrannt und sich verbrannt hat, ist nicht mehr. Welche Lücke hinterlässt sie bei diesen Menschen, die immerzu auf die eigene Inszenierung, die performative Vermarktung einer echten oder rentablen Gefühlsregung bedacht sind, bei denen selbst Trauer zum Wettstreit wird? Als wäre die Unterscheidung von Sein und Schein nicht schwer genug, drängen sich im Verlauf der grotesken Trauerfahrt immer mehr Träume in den Vordergrund und auch die Diva Edmea Tetua verlangt nach ihrem großen Auftritt im Rampenlicht.
Tom Schellmann bringt Glanz in die Spiegelhalle, schafft ein fantastisches, mystisches Ambiente, in dem alle zusammenkommen und alles auseinanderbricht. Musik und Klang untermalen die Traumbilder und die Lichtgestaltung wird einiges zum Zauber beitragen. Auf der Bühne stehen Michaela Allendorf, Anna Lisa Grebe, Ulrich Hoppe, Odo Jergitsch, Leonard Meschter und Jonas Pätzold.
Rollenwandel: Für alle ein zusätzlicher Kraft- und Zeitaufwand, der sich allerdings gelohnt hat – die Erfahrungen und die Möglichkeit, sich in fachfremden Bereichen einzubringen möchte niemand missen. Dieses Projekt wird durch den „Innovationsfonds Kunst Baden-Württemberg“ gefördert.
Premiere von „Schiff der Träume“ am Samstag, 30. Mai 2026. Weitere Vorstellungen bis 24. Juni 2026, siehe www.theaterkonstanz.de.

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